Ein wirklich sehr lehrreicher Film [vor allem auch für meine Mitbrüder, die regelmäßig alte Bücher aus der Klosterbibliothek entleihen], denn es geht hier nicht nur um angemessenes Verhalten in einer Bibliothek, sondern besonders auch um die richtige und sachgemäße "Behandlung" von wertvollen Handschriften.
Das erfolgreichste Fernsehformat der letzten Jahre sind Wohn-Schows, Deko-Soaps: "Es sind faktisch Horrorfilme, und sie handeln davon, wie der einzelne sich ins Private flüchtet - aber die Öffentlichkeit rückt gnadenlos hinterher und hält voll mit der Kamera drauf. Zu sehen sind: Wohnungen von völlig fremden Leuten, von Leuten, die es aufgegeben haben, die einfach nicht mehr weiterwissen. Sie hätte es auch gern endlich mal ein bißchen schön, sagt abgewirtschaftet die Frau, die dort wohnt, sie komme aber nicht dazu.Ganze Lebensläufe liegen da plötzlich vor einem, man kann in diesen Einrichtungsruinen lesen wie in einem offenen und leider leeren Sparbuch. Die Leute lassen die Hosen weiter herunter als in den schlimmsten Nachmittagstalkshows, zur Belohnung stellen einem die vom Fernsehen dafür aber auch eine komplett neue Einrichtung in die Wohnung. Schlichte, klare Formen, hell, zur Zeit meistens auch irgendwas in Orange, nächstes Jahr vermutlich dann in Gelb, und fast immer mit »Loungecharakter«. Vorher sah es aus wie bei jemandem zu Hause, nachher wie bei Ikea. Die Frau weint vor Freude. Ich weine auch.- Aber vor Angst.
Ja, ich habe wirklich Angst vor solchen Sendungen und den Frauen, die sie moderieren, vor Sonya Kraus und vor Enie van de Meiklokjes und am allermeisten vor Tine Wittler.Tine Wittler [geb. 1973] ist angeblich genauso alt wie ich, könnte aber meine Mutter sein, sie benimmt sich jedenfalls so. Ihre physische Erscheinung muß man mit dem Wort durchsetzungsfähig beschreiben, und ihre Sendung trägt nicht ohne Grund den martialischen Namen»Einsatz [besser wäre: "Einmarsch"] in vier Wänden«. Tine Wittler ist eine Wohnmatrone, die mit einer ganz besonders großen Portion Mutterwitz durch das Abendprogramm walzt, Haustüren eintritt, keinen Stein auf dem anderen läßt. Nie war man in seinen eigenen vier Wänden weniger sicher als heute. Immer diese Angst, daß meine Nachbarn [bzw. ratlose Mitbrüder in den benachbarten Klosterzellen] sich bei Tine Wittlers Sendung bewerben, und dann verwechselt die aber aus Versehen die Tür, es klingelt [klopft], ich ahne nichts Böses, und draußen steht plötzlich ein Fernsehteam, Kameralampen gehen an, der Ton läuft, ich werde durch den Flur geschubst, drehe mich um, ... daraufhin schiebt sich die Decotainment-Mutti ins Bild und sagt: »Hier wohnst du also« — und bei dem Wort »wohnen« malt sie mit den Fingern Gänsefußchen in die Luft, daß es aussieht, als wolle sie ein ganzes Flugzeug voller Sarkasmus auf die Landebahn winken. Mit stummfilmhaft überdeutlich ausgedrücktem Entsetzen schaut sie in das, wofür ich Miete zahle: »Nun: Jaaaa«, sagt sie dann, »wie siehst du selbst denn das Problem?«
Es gebe, eigentlich, keines, sage ich.
»Nein?«, fragt mit einem belustigten Kiekser in der Stimme sie — und dann klingt sie wie jemand, der einem Kleinkind den Nuckel in den Mund zurückschiebt: »Kein Problem? Wir lösen es trotzdem!«
Einrichtungsexperten, Psychoanalytiker, Türkengangs — es ist immer das gleiche Schema:
Hast du ein Problem?
Nein.
Doch.
Nein.
Bumm.
Jedesmal brummt einem der Kopf hinterher mehr als vorher.Und das liegt daran, daß es einen Spruch gibt, mit dem man einen Menschen genauso wirkungsvoll vor den Kopf schlagen kann wie mit einer Axt.
Dieser Spruch lautet: »Zeig mir deine Wohnung, und ich sage dir, wer du bist.«Man kann es gar nicht dramatisch genug sagen: Dieser Satz ist für die moderne Wohnkultur, was in den antiken Mythen die Büchse der Pandora war. Seit er in der Welt ist, herrschen Unglück, Konfusion und Selbsthaß unter den Mietern...". Dieses "Nachwort" stammt übrigens aus dem "Vorwort" des unbedingt lesenswerten Buches >> "Deutsches Haus" von Peter Richter.Nur durch Peter Richters "genialen" Bestseller wurde ich überhaupt auf Tine Wittler aufmerksam, da ich im Kloster seit 11 Jahren kein Fernsehen mehr schaue. (Ohne übrigens den Eindruck zu haben, viel versäumt zu haben.) - Aber als Kloster-Webmaster ist natürlich das WWW mein Medium, und so wurde ich sehr schnell bei YouTube fündig, um mir ein (ziemlich erschreckendes) Bild von Tine Wittler zu machen. - Dieser Vlog-Beitrag ist also das Ergebnis dieser "Wer ist Tine-Wittler-Suche".
Seit 1997 Benediktinermönch in der Erzabtei St. Ottilien (Bayern). Wurde dort 2004 zum Priester geweiht. Bisherige Tätigkeitsfelder: Seelsorger, Klosterbibliothekar, Webmaster, Mitarbeiter im Antiquariat und der Klostermetzgerei, Tischdiener, Mitglied des Geheimen Rates. Mich interessieren besonders: Gott, die Musik Richard Wagners, gute Zigarren und Pfeife rauchen, sowie lesenswerte Bücher (genau in dieser Reihenfolge).
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