Sonntag, 27. September 2026

Predigt: Geh und arbeite heute im Weinberg!

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

nicht Worte, sondern Taten verändern die Welt. Das ist die Kernbotschaft, mit der uns Jesus heute im Evangelium konfrontiert. Er erzählt ein kurzes, aber messerscharfes Gleichnis von einem Vater und seinen zwei Söhnen.

Dieses Gleichnis ist kein harmloses moralisches Lehrstück über den Gehorsam im Familienkreis. Es ist eine radikale Anfrage an uns alle, an unsere Frömmigkeit, an unsere Lebensführung und an unser Verständnis von Gottes grenzenloser Gnade.


1. Das „Ja“, das auf dem Weg verloren geht

Betrachten wir zuerst den zweiten Sohn. Er ist ein Typ Mensch, den wir alle nur zu gut kennen – vielleicht auch aus dem Blick in den eigenen Spiegel. Er ist höflich, wohlerzogen und weiß genau, was sich gehört. Als der Vater ihn bittet, im Weinberg zu arbeiten, zögert er keine Sekunde. Er sagt: „Ja, Herr!“ Er schenkt dem Vater ein Lippenbekenntnis, das Respekt und Gehorsam signalisiert. Das klingt gut, das beruhigt die Situation, und es bringt im ersten Moment Anerkennung und Harmonie.

Aber dieses „Ja“ bleibt an der Oberfläche. Es dringt nicht bis in sein Herz vor und bewegt seine Füße nicht. Auf unsere Beziehung zu Gott übertragen, warnt uns Jesus hier vor einer vordergründigen Frömmigkeit. Er warnt vor einem Glauben, der nur aus Worten, Fassaden und schönen Traditionen besteht.

Wie oft sagen wir im übertragenen Sinne „Ja“, wenn wir Gottes Gebote der Nächstenliebe hören? Doch im Alltag geht dieses „Ja“ oft verloren. Wenn es darauf ankommt, für den Schwachen einzustehen, Zeit für den Einsamen zu opfern oder dem zu vergeben, der uns verletzt hat, dann bleiben wir oft untätig. Doch Gott sucht keine „Ja-Sager“, die im entscheidenden Moment den Dienst verweigern. Er sucht keine perfekten religiösen Kulissen, sondern ein lebendiges Handeln. Er möchte, dass unser Glaube Hand und Fuß bekommt.

2. Das mutige „Nein“, das zur Umkehr wird

Und dann ist da der erste Sohn. Seine Antwort auf die Bitte des Vaters ist eine Provokation: „Ich will nicht!“ Das ist schroff, das ist unhöflich, das bricht mit allen gesellschaftlichen Konventionen. Dieser Sohn steht für die Menschen, die Fehler machen. 

Doch in dieser Geschichte passiert das eigentliche, leise Wunder im Verborgenen. Der Text sagt ganz schlicht: „Später reute es ihn, und er ging doch." Was für ein mächtiger Satz! Dieser Sohn geht in sich. Er hält inne. Er schaut in den Spiegel seiner eigenen Seele und erkennt seinen Trotz, seine Ungerechtigkeit gegenüber dem Vater. Er schämt sich vielleicht sogar für sein schnelles „Nein“.

Und dann das Entscheidende ist: Er bleibt nicht in der Scham oder im Trotz stecken. Er korrigiert seinen Kurs. Er dreht um, nimmt das Werkzeug in die Hand und geht doch noch in den Weinberg. Am Ende zählt vor Gott nicht, wie holprig der Start war. Es zählt nicht, wie laut unser erstes Aufbegehren war. Was zählt, ist die Richtung, in die sich unsere Füße am Ende bewegen. Dieser Sohn zeigt uns, dass ein ehrlicher Fehlschlag, gefolgt von einer Richtungsänderung, unendlich viel wertvoller ist als eine glatte, aber hohle Zusage.

3. Umkehr ist immer möglich

An diesem ersten Sohn entfaltet sich eine der wohl kraftvollsten Wahrheiten unseres christlichen Glaubens: Umkehr ist immer möglich.

Jesus hält den religiösen Führern seiner Zeit den Spiegel vor, weil sie dachten, sie hätten das Monopol auf Gottes Wohlwollen. Sie glaubten, weil sie die Gesetze formal einhielten, stünden sie automatisch auf der richtigen Seite. Die Ausgestoßenen hingegen galten als verloren. Doch Jesus bricht dieses starre System radikal auf. Er zeigt: Bei Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Niemand ist zu weit weggelaufen, als dass er nicht wieder zurückkehren könnte.

Egal, wie oft wir in unserem eigenen Leben schon „Nein“ zu Gott gesagt haben – sei es durch Gleichgültigkeit, durch Egoismus, durch bewusste Schuld oder durch das Ignorieren unserer Mitmenschen: Der himmlische Vater schreibt uns niemals ab. Bei Gott gibt es keine Sackgassen, aus denen es keinen Ausweg mehr gibt. Er hält die Tür bis zum allerletzten Augenblick weit offen.

Umkehr bedeutet im biblischen Sinne nicht, dass wir uns selbst geißeln oder in ständigen Schuldgefühlen versinken müssen. Das griechische Wort für Umkehr heißt Metanoia – das bedeutet schlicht „Umdenken“, den Sinn verändern, eine neue Perspektive einnehmen. Es bedeutet, den Mut zu haben, sich einzugestehen: „Ich bin auf dem falschen Weg. Ich habe mich verrannt.“ Und dann das Angebot Gottes anzunehmen, neu anzufangen.

Die Zöllner und Dirnen im Evangelium erkannten ihre Bedürftigkeit und ließen sich durch die Botschaft der Gnade verwandeln. Sie verstanden, dass Gottes Liebe kein Verdienst ist, sondern ein Geschenk, das nach einer Antwort im Leben verlangt.


Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, entdecken wir beide Söhne in unserer eigenen Brust. Wir alle haben Tage und Lebensphasen, in denen wir wie der erste Sohn rebellieren. Und wir alle haben Zeiten, in denen wir wie der zweite Sohn nur so tun, als ob – in denen wir nach außen hin die fromme Fassade wahren, während unser Herz kalt und unbewegt bleibt.

Doch gerade weil Umkehr immer möglich ist, verdammt uns dieses Gleichnis nicht. Es will uns nicht beschämen, sondern es hat eine zutiefst befreiende, erlösende Kraft: Vor Gott müssen wir nicht so tun, als hätten wir alles im Griff. Wir dürfen mit unseren Fehlern, mit unserem Versagen und mit unserem Zögern zu ihm kommen. Es ist niemals zu spät, ein anfängliches, trotziges „Nein“ in ein tatkräftiges, liebevolles Handeln zu verwandeln.

Gott wartet nicht auf unsere fehlerfreie, makellose Leistung. Er wartet auf unsere Ehrlichkeit und auf unsere Bereitschaft, uns verändern zu lassen. Gehen wir also los – nicht mit leeren Worten, sondern mit guten Taten. Es ist nie zu spät, doch noch in den Weinberg zu gehen.

Amen.

Predigt zum 26. Sonntag im Jahreskreis (A)
Evangelium: Mt 21, 28 - 32
(gehalten für die Tutzinger Schwestern im Haus St. Benedikt um 10.45 Uhr)

Dienstag, 22. September 2026

Zum Verlieben schön: Rossinis „La Cenerentola“ in der legendären Regie und Ausstattung von Jean-Pierre Ponnelle an der Bayerischen Staatsoper am 19. Sept. 2026

Jean-Pierre Ponnelles Inszenierung von Gioachino Rossinis „La Cenerentola“ aus dem Jahr 1980 ist an der Bayerischen Staatsoper nach wie vor ein Klassiker. Obwohl Rossinis Werk, einst eine Rarität, heute weltweit vergleichsweise häufig aufgeführt wird, fesselt diese Produktion das Publikum weiterhin und bietet einen erfrischenden und genussvollen Opernabend. „La Cenerentola“ verkörpert die perfekte Balance zwischen Opera buffa und ernstem Drama, zwischen heiterer Komödie und Farce. Während Don Magnifico und seine törichten Töchter die Züge einer reinen Farce aufweisen, bietet Alidoro als Deus ex machina einen moralischen Kompass, der ihn fest als ernsthafte Figur verankert.  

Im Zentrum steht Rossinis Musik: elegant und unendlich vielfältig, erhebt sie selbst die absurdesten Situationen und vereint Komik und ergreifende Gefühle zu einer einzigartigen künstlerischen Vision. Ponnelle fängt die kontrastierenden Stimmungen der Oper – Komik und Melancholie – meisterhaft ein und rahmt sie mit Bühnenbildern ein, die an Pappfiguren erinnern und in Schwarz-Weiß wie Tuschezeichnungen gemalt sind. Sein komödiantischer Ansatz respektiert Tradition und Raffinesse und vermeidet Übertreibung und Vulgarität. Das Ergebnis ist eine Inszenierung von erlesener Schönheit und bezauberndem Charme.
Die Aufführung unter der hervorragenden musikalischen Leitung von Gianluca Capuano konnte auf ein harmonisches Sängerensemble zählen, dessen Stimmen perfekt mit der Partitur harmonierten. Die erst 24 jährige georgische Mezzosopranistin Ekaterine Buachidze verkörperte eine zauberhafte, mädchenhafte Angelina/Cenerentola und meisterte die anspruchsvolle Tessitur mit scheinbarer Leichtigkeit. Ihre agile Stimme blieb auch in den höchsten Lagen rein und wurde von ihrem Atem perfekt unterstützt. Die Protagonistin zeigte eine herausragende Koloraturbeherrschung, dabei war ihr Mezzosopran in der hohen Lage fokussiert, mit einem kräftigen oberen Register und strahlenden Spitzentönen. Ekaterine Buachidze war der absolute Star des Abends und ich wage zu behaupten, dass diese junge und dazu auch noch zum Verlieben bildhübsche Sängerin eine Weltkarriere machen wird: Dies war der Startschuss! 

Ihre Interpretation des abschließenden Rondos „Non più mesta“ war elektrisierend, voller Koloraturvielfalt und echter Begeisterung. Aber hören Sie Ekaterine Buachidze mit diesem finalen Rondo selbst, dann werden Sie meine Prophezeiung verstehen:

   

 Auch der Tenor Maxim Liam Bonthrone gilt als aufstrebender Stern unter den Rossini-Interpreten: Er gab einen sehr stilvollen Don Ramiro, der, obwohl verkleidet, stets die nötige Distanz zu seinem Diener Dandini wahrte. Letzterer wurde vom Bariton Konstantin Krimmel verkörpert, der stimmlich makellos und in der Buffo-Rolle sehr überzeugend war, ebenso wie der Bassbariton Misha Kiria als ein entzückender Don Magnifico. Die beiden Sängerinnen Narea Son und und Meg Brilleslyper überzeugten ebenfalls in den Rollen der zänkischen Clorinda und Tisbe, Angelinas Stiefschwestern. Bassbariton Luca Pisaroni verkörperte mit seiner markanten Stimme und seiner imposanten Bühnenpräsenz einen autoritären Alidoro. 

Letztendlich muss ich sagen, dass diese Aufführung einer der schönsten und unterhaltsamsten Opernabende war, die ich bisher erleben durfte. Und da Ponelles berühmte Inszenierung nicht nur an der Bayerischen Staatsoper, sondern auch weltweit in vielen bedeutenden Opernhäuser (wie hier 2014 in San Francisco) aufgeführt wurde, möchte ich Ihnen diese herzlich empfehlen. „La Cenerentola“ vereint Humor, mitreißenden Gesang und ein bewegendes Plädoyer für Vergebung. - Viel Vergnügen beim Zuschauen!

 
Wichtiger Hinweis für den optimalen Operngenuß: Stellen Sie, nach dem Starten, in den Einstellungen (Zahnrad rechts oben) die Bildqualität auf 1080p und aktivieren Sie anschließend den Vollbild-Modus (schräger Doppelpfeil rechts unten).

Montag, 21. September 2026

Das Ewige Leben: Was wissen wir darüber? | Prof. DDr. Ralph Weimann

 

Der Glaube daran, dass unser Leben nicht mit dem Tod endet, ist vielleicht die größte Gemeinsamkeit zwischen allen Religionen. Und selbst nicht religiöse Menschen glauben bisweilen daran, dass nach dem Tod noch etwas kommt. Was aber ist die christliche Vorstellung vom „Ewigen Leben“ und was können wir darüber überhaupt mit Sicherheit sagen? Diese und weitere Fragen bespricht Volker Niggewöhner mit dem Dogmatiker und Bioethiker Ralph Weimann.

Dienstag, 8. September 2026

Was ein Mönch so hört (24): Die h-Moll-Messe von J.S. Bach mit dem Ensemble Pygmalion unter Raphaël Pichon

 

Eine Messe als packendes Drama: Das ist hier zu erleben. Raphaël Pichon stellt mit seinem Ensemble Pygmalion das Credo von Bachs h-Moll-Messe ins Zentrum: ein oft martialischer Ohren-Thriller, der mit einer schwerelosen Auferstehung endet. Das Kyrie firmiert als kontemplative Einstimmung, durch das Gloria fegt der Heilige Geist, und das Sanctus ist wahre Herzensmusik. Musiziert wird in raschen Tempi, extrem lebendig und durchsichtig, oft mit tänzerischer Leichtigkeit und mit zahlreichen individuellen Farben. Pichons Interpretation ist raffiniert, leicht und luftig, tänzerisch und fließend, eigentlich sehr französisch. Der Chorgesang ist von großer Schönheit, und auch das Orchester ist hervorragend. Die Solisten fügen sich wunderbar in das Ensemble ein, das durch seine musikalischen Qualitäten beeindruckt. Diese Deutung der h-Moll-Messe ist einladend und aufbauend. Man wird nicht eingeschüchtert oder unterworfen, sondern aufgerichtet. Was für ein Gewinn! So kann uns selbst ein Repertoire-Stück noch das Staunen lehren.

Montag, 7. September 2026

Von der Faszination historischer Aufnahmen (10): Die Walküre (MET 1941, Leinsdorf)

Diese mitreißende „Walküre“, eine der besten historischen Rundfunkaufnahmen der Oper von der Met-Bühne, hat alles, was man sich wünschen kann. Fangen wir mit den Frauen an. Astrid Varnay sprang kurzfristig für die erkrankte Lotte Lehmann ein. Mit ihrer kraftvollen Stimme, die jedes Wort prägt, verbindet sie Sieglindes unterdrückte Leidenschaft und Wagners dringliche Lyrik mit fesselnder Autorität. Man würde nie vermuten, dass diese unerfahrene 23-jährige Sängerin noch nie zuvor auf der Bühne gestanden hat. Die großartige Mezzosopranistin Kirsten Thorborg entdeckt als Fricka eine verletzliche Seite unter der scheinbar sittlichen Fassade ihrer Figur. Und Helen Traubels Brünnhilde – eine so nahtlos modulierte und mühelose Stimme findet man heutzutage nur schwer. Was kann man dem Lob für Lauritz Melchiors honigsüßen, baritonalen Siegmund in Höchstform noch hinzufügen? Ja, er reizt die beiden „Wälse-Rufe" im ersten Akt bis zum Äußersten aus – geradezu "wagnerianisch"! Und warum auch nicht? Schließlich schämte sich Rockefeller ja auch nicht für seine Millionen. Alexander Kipnis’ statuenhafter, strahlender Hunding gehört zu den besten Aufnahmen überhaupt. Leider fehlt Friedrich Schorr 1941 der brillante Ton und die Unterstützung, die seine Wotan-Aufnahmen aus der Vorkriegszeit auszeichneten. 

Unter Erich Leinsdorfs diszipliniertem Dirigat wird das Orchester der Met zu einem gleichberechtigten Akteur im Drama. Die Streicher spielen mit zarter Nuance, und selbst die komplexeste Partitur wird überzeugend gestaltet, selbst bei Leinsdorfs mitunter rasanten Tempi. Die nervenaufpeitschende Rasanz dieser schnellsten „Walküre“ auf CD mag stellenweise überzogen sein, aber ihre schneidende Präzision, das Keuchen an der Grenze des Spielbaren waren diesem Ausnahmeereignis sicherlich angemessen. Der Klang ist für eine Radio-Aufnahme recht gut – vergleichbar mit dem, was die Toningenieure von HMV Ende der 1920er-Jahre erreichten. Bis auf eine größere Kürzung in Wotans Monolog im zweiten Akt wird die Oper vollständig aufgeführt. Kenner des historischen Wagner werden für dieses verlockende Schnäppchen sicher einen Platz in ihrer Sammlung finden.

 

Donnerstag, 27. August 2026

Monaco Franze - Krautwickel neapolitanischer Art

 
Ein kulinarischer Versuch misslingt gründlich, was zu einer Krise führt. Ein tiefgründiges Gespräch über Eheprobleme, das Versprechen der Besserung und die Angst vor dem Rückfall entbrennt bei Tisch.

Montag, 24. August 2026

Was ein Mönch so hört (23): Gabriel Fauré - Requiem/Messe Basse/Motetten mit den Cambridge Singers unter John Rutter


Gabriel Fauré komponierte sein Requiem ursprünglich für den liturgischen Gebrauch und führte es erstmals 1888 auf. 1893 fügte er zwei Sätze hinzu, das Offertorium und das Libera me. Die Uraufführung in der heute bekanntesten Fassung für großes Orchester fand 1900 statt. John Rutters Aufnahme von 1985 verwendete erstmals die Fassung von 1893 für Streicher, Harfe, Pauken, Hörner, Trompeten und Orgel. Diese Fassung ist im Wesentlichen ein Kammerwerk, und Rutter reduziert die Chorgröße, um sie der Intimität der Orchestrierung anzupassen. Das Ergebnis ist ein strenger klingendes Werk, dessen Klarheit und Reinheit jedoch in neuem Licht erstrahlen. Rutters Interpretation zeichnet sich durch ihre reduzierte, klare Linearität aus; sie erzielt viel Ausdruckskraft ohne die romantische Fülle eines großen Orchesters. Die von ihm gegründeten Cambridge Singers und Mitglieder der City of London Sinfonia spielen mit Disziplin, reinem und leuchtendem Ton und lyrischer Intensität. Es ist eine rundum strahlende Aufführung, die jeden Liebhaber des Requiems begeistern dürfte. Ebenfalls enthalten ist eine wunderschöne Interpretation von Le Cantique de Jean Racine in einer von Rutter für Streicher und Harfe arrangierten Fassung. Die CD wird ergänzt durch ebenso ergreifende Interpretationen von Faurés kurzer Messe basse für Frauenstimmen und Orgel sowie mehrerer kurzer Motetten. Der Klang ist etwas hell, was jedoch der schlichten Klarheit des Chorklangs durchaus gerecht wird.

Tischlesung: Antoni Gaudí – Der Architekt Gottes: Die Biographie von Kathrin Benz

Katalanischer Nationalist, tief gläubiger Katholik und ein Revolutionär der Architektur – sieben seiner Bauwerke gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wer war dieser exzentrische Architekt, der eine vollkommen neue Formensprache erfand? Er revolutionierte die Architektur durch die Nachahmung der Naturgesetze, die er auf den Schöpfergott zurückführte. So entstand ein höchst eklektischer Fusion-Stil aus Gotik, Barock und arabischen Elementen. Damit gilt er als Vater des spanischen Jugendstils. Sein bekanntestes Werk ist die Sagrada Família in Barcelona, die jährlich Hunderttausende von Besuchern nach Barcelona lockt. 

»Der Architekt Gottes« ist die erste Biografie einer höchst eigenwilligen Gestalt: Ein katalanischer Patriot, der Mitte seines Lebens zu einem sehr intensiven, spirituellen Glauben fand. Ein Sinnsucher, der sich mit Musik und Farbtheorie, Fotografie, Literatur und Glasmalerei beschäftigte. Er galt als Star, der sich aber immer mehr von der Gesellschaft abwandte und nach seinem legendären Straßenbahnunfall in einem Armenspital starb.

Sonntag, 23. August 2026

Impuls: „Wenn das Wort Gottes zunimmt, verstummen die Worte der Menschen“

„Innere und äußere Stille sind notwendig, um Gottes Wort hören zu können. Und in unserer Zeit fällt uns dies besonders schwer. Wir leben in einer Zeit, die Besinnung nicht gerade fördert; man gewinnt sogar manchmal den Eindruck, die Menschen fürchteten sich davor, auch nur für einen Augenblick von der Flut an Worten und Bildern abgeschnitten zu sein, die den Tag prägen und erfüllen.“ 

Aus diesem Grund habe ich in dem oben erwähnten Schreiben Verbum Domini an die Notwendigkeit erinnert, den Wert der Stille zu erkennen: „Die zentrale Bedeutung des Wortes Gottes im Leben der Kirche wiederzuentdecken bedeutet auch, ein Gefühl der Besinnung und inneren Ruhe wiederzuentdecken. Die große patristische Tradition lehrt uns, dass die Geheimnisse Christi allesamt mit Stille verbunden sind. Nur in der Stille kann das Wort Gottes in uns Wohnung finden, wie es in Maria, der Frau des Wortes und untrennbar mit der Frau der Stille verbunden, Wohnung fand“ (Nr. 66). Dieser Grundsatz – dass man ohne Stille nicht hört, nicht zuhört, kein Wort empfängt – gilt insbesondere für das persönliche Gebet ebenso wie für unsere Liturgien: Um ein authentisches Zuhören zu ermöglichen, müssen auch sie reich an Momenten der Stille und der nonverbalen Aufnahme sein. 

Die Beobachtung des heiligen Augustinus ist nach wie vor gültig: „Verbo crescente, verba deficiunt“ – „Wenn das Wort Gottes zunimmt, verstummen die Worte der Menschen“ (vgl. Sermo 288). Die Evangelien schildern Jesus oft, besonders in Zeiten entscheidender Weichenstellungen, wie er sich an einsame Orte zurückzieht, fernab der Menschenmengen und sogar der Jünger, um in Stille zu beten und seine kindliche Beziehung zu Gott zu leben. Stille kann in unserem Innersten einen Raum schaffen, in dem Gott wohnen kann, sodass sein Wort in uns bleibt und die Liebe zu ihm in unseren Herzen und Gedanken Wurzeln schlägt und unser Leben erfüllt. - 

Papst Benedikt XVI., Generalaudienz, 7. März 2012

Dienstag, 28. Juli 2026

Nietzsche in Bayreuth


"Irgendwann sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, 
wie man es anderswo aushalten konnte."

 (Friedrich Nietzsche)



Samstag, 25. Juli 2026

Was ein Mönch so hört (22): Morten Lauridsen - Lux Aeterna & andere Chorwerke (Polyphony, Stephen Layton)

Bevor ich mich auf den Weg zum "Grünen Hügel" nach Bayreuth mache, noch ein ultimativer CD-Tipp für diesen Monat: 

Es ist heutzutage schwierig, als Chorsänger nicht mindestens ein oder zwei Werke des amerikanischen Komponisten Morten Lauridsen zu kennen. Seine prachtvollen, wohlklingenden Kompositionen (ich denke da insbesondere an „O magnum mysterium“ und „Lux Aeterna“) sind bei Chören wegen ihrer eingängigen Melodien und lebendigen Harmonik so beliebt, die das gesamte Ensemble in einen wohltuenden Klang hüllen. Auch das Publikum liebt sie, denn sie entfaltet vielfältige, tiefgreifende und emotionale Wirkungen, die von dieser Musik ausgehen, die sanft und warm umschmeichelnd wirken oder selbst den größten Raum mit einem Crescendo schimmernden Klangs erfüllen kann. Kein Wunder, dass seine Werke so oft aufgeführt werden: Es muss ein Genuss sein, diese Musik zu singen. Und wer bei den ersten Klängen von „Lux aeterna“ nicht dahinschmilzt, kann gleich seine Ohren wegwerfen.

Schon die melodischen Phrasen der ersten Takte von Morten Lauridsens „Lux aeterna“ (1995) für Chor, Streicher und Bläser lassen erahnen, dass dieses Werk die Seele berühren wird – es ist schlichtweg außergewöhnlich schön. Sein sanfter, modaler Streicherkontrapunkt leitet eine warm umhüllende Welle von Chorgesang ein, die direkt ins Herz trifft. Seine tröstliche Intensität – und der Klang selbst – machen es zu einem nahen Verwandten des Fauré-Requiems; auch mit Brahms’ Deutschem Requiem besteht eine gewisse Verwandtschaft. Alle drei Werke, wie Byron Adams in seinen lesenswerten Booklet-Texten hervorhebt, entstanden zum Tod der Mütter ihrer Komponisten. Obwohl Lauridsen auf die strengere Tonsprache der frühen Polyphonie zurückgreift (Adams verweist ausdrücklich auf Dunstable und Taverner), die seine Technik teilweise nachahmt, verliert die Musik nie ihre grundlegende Sanftheit. Der offensichtliche Ausgangspunkt in der amerikanischen Musik ist das Werk von Samuel Barber, und wie er greift auch Lauridsen zur Oboe, wenn er eine besonders schöne Melodie zu entfalten hat, zu Beginn von Lux aeterna (hier übrigens exquisit gespielt); sie kehrt am Ende zurück, um das Werk abzurunden; es gibt auch ein kurzes, aber wunderbares Cello-Solo, das nahelegt, dass jemand ein Konzert bei ihm in Auftrag geben sollte. 

Der Rest der CD ist für A-cappella-Chor. Die Madrigali von 1987 – die Lauridsen aufgrund der Verwendung eines „Feuerakkords“ zur Vereinheitlichung des gesamten Zyklus „Feuerlieder“ tauft – klingen ein wenig wie Gesualdo, gefiltert durch Barbers Einflüsse. Die reichen Harmonien von Barbers Klangwelt (wie in seiner Reinkarnation, einem so schönen Werk, dass man bedauert, dass er nicht öfter auf den Chor setzte) dienen dazu, die ausdrucksstarken, oft chromatischen Gesten des italienischen Barock zu umhüllen. Das vierte Madrigali, das tief empfundene „fo piango“ („Ich weine“), bildet sein emotionales Herzstück, wo der häufige Rückgriff auf Dissonanzen darauf hindeutet, dass es für das gequälte Herz keine Erlösung geben wird. Lauridsen stellt das Gleichgewicht mit den tänzerischen Rhythmen des folgenden Madrigals wieder her: "Luci sereni e chiare" ("Augen heiter und klar"). 

Die drei Motetten, die das Programm vervollständigen – "Ave Maria" (1997), "Ubi caritas et amor" (1999) und "O magnum mysterium" (1994) – führen uns zurück in die einhüllende, tröstliche Klangwelt von Lux aeterna, obwohl "Ubi caritas et amor" mit einem nüchternen Auftakt aus dem Gregorianischen Choral beginnt. Das Außergewöhnliche an diesen Stücken ist, wie wenig Zeit Lauridsen benötigt, um die musikalische Dynamik zu steigern: Sobald er nach dem Choral von "Ubi caritas et amor" (zum Beispiel) seine eigene Harmonik etabliert hat, lässt er die Soprane einen kleinen Sprung machen, dessen Schönheit den Zuhörer innehalten lässt. 

Dies ist fesselnde und anspruchsvolle Musik, die eine breitere Aufführung verdient. Ich kann diese CD nur bestens empfehlen!


Sonntag, 19. Juli 2026

Was ein Mönch so hört (21): Don Giovanni (Furtwängler, Salzburg 1953)

Diese Live-Aufnahme von den Salzburger Festspielen (Orfeo) aus dem Jahr 1953 zeichnet sich durch Wilhelm Furtwänglers einzigartige und meisterhafte Interpretation des Werkes aus. Seine langsamen, getragenen Tempi nehmen zwar einigen komischen Momenten der Oper etwas von ihrem Witz, verstärken aber die dramatischen Passagen ungemein. Die Besetzung, allen voran Cesare Siepi als herausragender Giovanni, ein würdiger Nachfolger von Ezio Pinza, wird ihrem Dirigenten gerecht. Elisabeth Grümmer ist eine exzellente Donna Anna, und an ihrer Seite verkörpert Anton Dermota einen idealen Don Ottavio. Elisabeth Schwarzkopf ist als Donna Elvira unvergleichlich, Walter Berry ein Masetto voller jugendlicher Energie, und Raffaele Arié singt einen passenden Komtur. Otto Edelmann hingegen mangelt es als Leporello an komischem Talent, und Erna Berger klingt als Zerlina etwas zu alt für die Rolle.


Dienstag, 14. Juli 2026

Unbequeme Wahrheiten über den Islam | Hartls Senf #38

 

Der Islam: Manche Themen sind unbequem. Gerade deshalb müssen wir hinschauen. Dieses Video wirft einen kritischen Blick auf den wachsenden Einfluss islamistischer Ideen, auf gesellschaftliche Veränderungen und die Frage, wie offen unsere Gesellschaft wirklich mit diesen Entwicklungen umgeht. Zwischen Freiheit und Verantwortung, Toleranz und klaren Grenzen entsteht eine Debatte, die viele bewegt – und die niemand ignorieren sollte.

Dienstag, 7. Juli 2026

"Ich konnte sehen, dass er Trauer im Herzen trug"

Am 7. Juli 2007 gab Benedikt XVI. mit der Veröffentlichung des Apostolischen Schreibens *Summorum Pontificum* die Feier der „Tridentinischen Messe“ frei. Diese Maßnahme wurde zu einem der prägenden Symbole eines Pontifikats, das die Suche nach dem Heiligen unter vielen Gläubigen, insbesondere jungen Menschen, die sich von der alten Liturgie angezogen fühlten, anerkannte.
Neunzehn Jahre später wurde *Summorum Pontificum* durch das Motu proprio *Traditionis Custodes* von 2021 faktisch aufgehoben, und zahlreiche Einschränkungen für Feiern gemäß dem *Vetus Ordo* bleiben weiterhin in Kraft. Dennoch hat das Lefebvrische Schisma – obwohl es eher auf Lehr- als auf liturgischen Fragen beruht – die interne Debatte innerhalb der Kirche erneut in den Vordergrund gerückt.
Anlässlich des Jahrestages der Liberalisierung des Ritus durch Benedikt XVI. sprachen wir mit Erzbischof Georg Gänswein, dem Apostolischen Nuntius in den baltischen Staaten und langjährigen persönlichen Sekretär Benedikts XVI.
1. Exzellenz, haben Sie die Appelle unseres Herausgebers zur Abschaffung der Beschränkungen der tridentinischen Messe verfolgt, insbesondere im Hinblick auf das Schisma der Priesterbruderschaft des heiligen Pius X.?
„Ich habe sie mit Interesse gelesen. Auch ich hoffe auf eine Entscheidung in diese Richtung.“
2. Was veranlasste Benedikt XVI. vor neunzehn Jahren zur Aufhebung des *Vetus Ordo*?
„Um einem Ritus, der nie abgeschafft worden war, volle Rechte zu verleihen. Sein Ziel war es, ihm seinen vollen Platz innerhalb der Kirche zurückzugeben und Frieden in die Liturgie zu bringen.“
3. Wie reagierte er auf den beträchtlichen Widerstand vieler Bischöfe?
„Er war Kritik gewohnt, aber sobald er von seiner Richtigkeit überzeugt war, verfolgte er unbeirrt sein Ziel und nahm die Einwände lediglich zur Kenntnis. Genau so verhielt es sich auch bei dieser Gelegenheit.“
4. Wurde *Summorum Pontificum* als Teil der Bemühungen um eine Versöhnung mit den Lefebvristen konzipiert?
„Für ihn, der die von Erzbischof Lefebvre 1988 verworfene Vereinbarung aus erster Hand miterlebt hatte, war das Schisma eine persönliche Quelle des Leidens. Er pflegte zu sagen, dass dessen Folgen nicht nur einige Tage andauern würden, sondern dass es lange Zeit eine Wunde für die Einheit der Kirche bleiben würde.“
*Summorum Pontificum* war jedoch nicht primär mit diesem Ziel verfasst worden. Vielmehr war es auf das Leben der Kirche selbst ausgerichtet. Schon während seiner Zeit als Präfekt hatte er Mängel bei der Umsetzung von *Ecclesia Dei* festgestellt und war der Ansicht, dass etwas unternommen werden musste.
5. Dank dieses Motu proprio erlebte die traditionelle liturgische Bewegung ein bedeutendes Wachstum. War er mit den Ergebnissen zufrieden?
„Er war sehr erfreut. Er war überzeugt, dass dieses Motu proprio einen Anfang darstellte – eine Brücke, die zur Integration führen konnte, indem sie die Spaltung innerhalb der Liturgie heilte.“
Vor allem hatte er großes Vertrauen in die Jugend. Er war überzeugt, dass ein seit so vielen Jahrhunderten gefeierter Ritus zwangsläufig neue Vitalität erfahren müsse.
Er zeigte sich auch erfreut über die Arbeit der ehemaligen *Ecclesia Dei*-Institute, die eine Alternative für diejenigen bieten, die andernfalls der Priesterbruderschaft des heiligen Pius X. beitreten oder in ihr verbleiben würden.
6. Kann man sagen, dass *Summorum Pontificum* erfolgreich war?
„Ja, es begann Früchte zu tragen. Besonders bei jungen Leuten war es erfolgreich, was sich vor allem in der stetig steigenden Zahl der Teilnehmer an der Pilgerfahrt von Paris nach Chartres zeigt.“
Diese jungen Menschen nähren sich von der Schönheit der Liturgie. Sie stehen dem Zweiten Vatikanischen Konzil keineswegs ablehnend gegenüber. Es ist schlichtweg falsch, dass diejenigen, die ein traditionelles liturgisches Empfinden haben und die Tridentinische Messe besuchen, konziliarfeindlich seien. Wer solche Behauptungen aufstellt, ist einzig und allein ideologisch motiviert.
7. Wie reagierte Benedikt, als er erfuhr, dass seine Entscheidung, den Ritus zu liberalisieren, widerrufen worden war?
„Als ich ihm *Traditionis Custodes* vorlas, konnte ich sehen, dass er Trauer im Herzen trug. Das war mein Eindruck.“
Ich glaube nun, dass dies der *Kairos* – der günstige Zeitpunkt – ist, um diese Verbote aufzuheben und die unglückliche Episode, die dieses Dokument darstellt, hinter sich zu lassen.“

Dienstag, 16. Juni 2026

Von Schlümpfen und Heldentenören - Mein Wagner Erstkontakt

“Wer zu Richard Wagner geht, kommt bei ihm um. Auf rätselhafte Weise macht seine Kunst viele Konsumenten bereits beim Erstkontakt süchtig. Danach gibt es kaum Möglichkeiten des Schutzes oder der Immunisierung.” - So sieht es Wolfram Goertz in einem 2013 erschienenen Artikel in der “Zeit” zum 200. Geburtstag des Meisters. Und er hat recht. So weit ich mich erinnern kann, fand mein Erstkontakt mit 13 oder 14 Jahren statt. Meine Mutter sagte mir einmal, dass ich ungefähr zu dieser Zeit anfing, mir anstatt Schlümpfe für meinen Setzkasten, lieber Langspielplatten mit klassischer Musik zu wünschen. Unter diesen ersten Schallplatten war ein Doppelalbum des spanischen Startenors Placido Domingos, den ich zuvor nur aus dem Radio kannte und dessen Stimme mich begeisterte. Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass noch bevor ich Wagnerianer wurde, ich ein großer Domingo-Fan war (und es bis heute noch bin): Domingo ist - zusammen mit Fritz Wunderlich - einfach “der Größte”. 

Auf diesem Doppelalbum war nun auch ein Ausschnitt aus Wagners “Meistersinger von Nürnberg”, Walter von Stolzings Preislied “Morgenlich leuchtend” aus dem 3. Akt. Hier können Sie es anhören:

   

Dieses Preislied war also mein “Wagner Erstkontakt”. Und ich war begeistert und hörte mir diese Stelle wieder und wieder an. Ich war “infiziert” und begann mich in unserer Stadtbücherei ausführlicher über das Leben und Werk Richard Wagners zu informieren. Und natürlich wollte ich nun unbedingt mehr hören, eine ganze Wagner Oper oder besser noch, gleich Wagners monumentalen Vierteiler, den “Ring des Nibelungen”. So sammelte ich mein Taschengeld für dieses LP-Grossprojekt und schlug dann zu: Karl Böhms legendärer Bayreuther “Ring” aus dem Jahr 1966. 15 Stunden Wagner nonstop! Denn bei Wagner wird nichts im Kleinformat vorgeführt, seine Opern sind ganz großes Kino.

Wagner war kein Nostalgiker, sondern leidenschaftlicher Revolutionär, der sich mit den bestehenden Verhältnissen überhaupt nicht abfinden wollte. Bei genauerer Betrachtung ist der "Ring" auch keine verklärende Germanen-Sage. Vielmehr ging es um Gesellschaftskritik in archaischem Gewand. Text, Bild und Musik sollten zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen und die Handlung zum Menschheitsgleichnis werden. Es geht um den Gegensatz von Geld und Liebe und die zerstörerische Kraft des Machtstrebens. - 

Aber in diesem Beitrag soll es darum gehen, wie Wagners Musik mir zum unverzichtbaren Alltagsbegleiter wurde. Und nichts eignet sich besser als "Einstiegsdroge", als das Vorspiel zu "Das Rheingold", dem ersten Teil des Opernvierteilers. Hören wir also die ersten 4 Minuten (bei gefallen auch länger) des "Rings" in der bereits angesprochenen Bayreuther Einspielung unter Karl Böhm, meiner ersten Wagner-Gesamtaufnahme auf LP:

   

Im Wasser beginnt alles Leben und endet auch dort am Ende der "Götterdämmerung". Im berühmten 136 Takte dauernden Vorspiel, in dem sich die Keimzelle allen Werdens, als „Es“ in den Kontrabässen allmählich aus dem Urschlamm herauslöst, lässt Wagner den Klang wie aus dem Nichts entstehen. Zum „Es“ intonieren die Fagotte in völliger Ruhe, es regt sich „Leben und Weben“, dann kommen die Hörner dazu, die in weichen Piano-Linien, übergangslos in aufsteigenden Hornquinten das „Werde-Motiv“ bilden. So entsteht nach und nach der vollständige Es-Dur Akkord, die Streicher gehen in eine immer bewegtere Wellenbewegung über, die im jubelnden lautmalerischen Gesang der Rheintöchter gipfelt.

Das ist pure Klangmagie: Musik aus dem Nichts. 

Etwas vergleichbares hatte ich zuvor noch nie gehört. Und auch heute bekomme ich - wie damals - noch immer eine "Gänsehaut", wenn ich das Rheingold-Vorspiel live im Opernhaus (besonders in Bayreuth) oder auf Tonträgern höre. 

So begann "Wagners einzigartiges Werk, in dem sich Mythos und Modernität, Klangmagie und Seelenzauber, Verführungskraft und Menschlichkeit zu einem Netz verknüpfen, das unsere ganze Seele gefangen nimmt" (Dieter Borchmeyer), mein Leben für immer zu verändern.

Freitag, 12. Juni 2026

150 Jahre Bayreuther Festspiele: "Zum Raum wird hier die Zeit"

 

Der Meister hatte es vollbracht. Richard Wagner hatte die Bühne bereitet für sein großes Welttheater, in dem Mythen in Musik, Text und Handlung die grundlegenden Fragen der Menschheit verhandeln. Der Ort, an dem dieses Festspielhaus steht, ist schon lange selbst zum Mythos geworden: der grüne Hügel des oberfränkischen Städtchens Bayreuth. Weil das ursprünglich für die Festspiele vorgesehene, barocke Markgräfliche Opernhaus sich rasch als viel zu klein für Richard Wagners singende Götter, reitende Walküren, tauchende Rheintöchter, brüllende Drachen und verzehrende Weltenbrände erwies, erbaute er ein eigenes Theater, eine "Scheune" zwischen Rübenäckern und Krautfeldern, einzig dazu bestimmt, seine Werke dort aufzuführen. 

Seit 1876 bestimmen hier die Wagners die Geschicke der Bayreuther Festspiele, vom Meister damals bis zur Urenkelin heute. Eine Erfolgsgeschichte, die sich unentwegt über 150 Jahre erstreckt? Keineswegs. Schon die allersten Festspiele waren nicht nur finanziell ein Desaster. Auch künstlerisch hielt Richard Wagner selbst sie für völlig misslungen. Die Geschichte der Bayreuther Festspiele ist ein Spiegel deutscher Geschichte inklusive ihrer finstersten Schattenseiten wie der Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten. Nach dem Krieg stieg ein entrümpeltes Neu-Bayreuth auf und erlangte künstlerisch Weltbedeutung. Wartezeiten von bis zu zehn Jahren für eine Karte zu einer der Vorstellungen in Bayreuth waren lange keine Seltenheit. 

Doch heute steht die Festspielleitung vor großen Herausforderungen, wie die Kultur fast überall. Die Festspiele sind konfrontiert mit finanziellen Engpässen, hitzigen künstlerischen Diskussionen und strukturellen Herausforderungen. Bayreuth steht zwischen dem Wunsch nach gepflegter Tradition und dem Vorsatz avantgardistischer Innovation. Was daraus wird, wissen selbst die schicksalswebenden Nornen nicht. Werkstatt oder Ritual? Triumph oder Tragödie?

Donnerstag, 11. Juni 2026

Danke, gleichfalls!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! - Danke, gleichfalls! Kaum etwas anderes ist so wie dieser Dialog am Ende der Messfeier geeignet, mit Banalität die gottesdienstliche Atmosphäre zu zerschlagen. Da sind die Gläubigen wieder draußen in ihrem Alltag, noch bevor ihnen Gottes Segen zugesprochen und sein Friede mit auf den Weg gegeben wurde. Was gut gemeint sein mag, ist buchstäblich zum Davonlaufen. Dieses persönliche Wort unterläuft den dann folgenden Segen und Friedenswunsch und nimmt ihnen ihre besondere Eigenart und Würde. Einen schönen Sonntag kann mirjeder wünschen; Gottes Segen und seinen Frieden zuzusprechen ist die vornehme Aufgabe des Priesters. Genausoverkehrt wie der banale Sonntags-Wunsch ist die Praxis, im Messgewand auf dem Kirchplatz den Leuten die Hände zu schütteln. In diesem Fall wird etwas, dessen Funktion es ist, Sakralität zu signalisieren, nach draußen getragen und verliert damit seine Eigenart. Ähnliches wäre von so mancher Danksagung am Ende des Gottesdienstes - einschließlich Applaus - zu sagen. Freude über echte Hilfe zu einer vertieften Mitfeier der Liturgie darf an dieser Stelle sein - Höflichkeitsfloskeln an Vereine sind fehl am Platz. Es muss nicht immer eine in ihren Konsequenzen zu wenig bedachte Menschenfreundlichkeit sein, die zu unpassenden Vermischungen führt. 

Wenn etwa bei der Einführung eines Bischofs in seine neue Diözese an der für Vermeldungen vorgesehenen Stelle der Eucharistiefeier die üblichen Grußworte eingefügt werden, so dass die ganze Feier der Eucharistie erst eine Stunde später mit dem feierlichen bischöflichen Segen schließt, dann zeigt sich der Sinn einer klaren Unterscheidung deutlich. Ein anderes Mal würde der gleiche Bischof vermutlich zunächst die Eucharistiefeier mit seinem Segen zu ihrem Ende bringen, sich in der Sakristei der liturgischen Gewänder entledigen und dann wieder im Kirchenraum Platz nehmen, und nun könnten die verschiedenen Repräsentanten - nicht am Ambol - ihrer Rede freien Lauf lassen. Das entscheidende Kriterium ist in allen diesen Fällen: ist das, was gesagt oder getan wird, dazu hilfreich, dass hier und jetzt Gottes Dienst geschieht?, meint
Ihr Eduard Nagel

(Quelle: Gottesdienst, 22/2006)

Mittwoch, 10. Juni 2026

DIE WAGNERS UND BAYREUTH - EINE DEUTSCHE GESCHICHTE + WAGNERWAHN (2 DOKUS, 2013)

  

Alle Jahre wieder ziehen die Wagnerianer auf den Grünen Hügel und die Wagner-Festspiele in Bayreuth die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich. Die Festspiele sind ein millionenschweres Großunternehmen in Familienhand, das seit seiner Gründung durch Richard Wagner im Jahr 1876 zwei Weltkriege erlebt, fünf verschiedene politische Systeme vermeintlich unbeschadet überstanden, dem König und Adolf Hitler den Hof gemacht hat. 

Heute sind die Festspiele Bühne für große Kunst und für ein buntes Völkchen Prominenter aller Art. Nicht nur Wagners Musik hat Bayreuth eine Ausnahmestellung in der deutschen Kultur verschafft, sondern auch das Marketing-Gesamtkunstwerk: der abgelegene Ort, das Konzerthaus, das – vom "Meister" selbst konzipiert -, die Aura einer Weihestätte besitzt, die bedingungslosen Fans, der dunkle Klang deutscher Geschichte – und die knappen Karten. 

Die Dokumentation von Michael Strauven nimmt von heute aus betrachtet die Geschichte Bayreuths genau und nüchtern in den Blick. Kenner und Insider Bayreuths äußern sich im Interview zu ihrer Sicht auf die Familie, auf den Mythos und die Geschichte des Ortes, und geben ihre Einschätzung, was Bayreuth heute ist und in Zukunft sein wird. Was Bayreuths Magie ausmacht und wie man mit der eigenen Vergangenheit umgeht, wird mit prominenten Künstlern und bekannten Persönlichkeiten besprochen. Zu Wort kommen Nike, Daphne und Gottfried Wagner, Jürgen Flimm, René Kollo, Anja Silja, Hans Neuenfels, Michel Friedman, Christian Thielemann, Patrice Chéreau, Jonathan Meese, Hannes Heer u.a.

+ WAGNERWAHN

"Wagnerwahn" verbindet historische Fakten dokumentativer Natur mit filmischen Bildern. Inhaltlich konzentriert sich der Regisseur auf Wagners Leben mit seiner zweiten Frau Cosima und deren enge Verbundenheit. Im Stil eines Kriminalfilms soll die Figur Wagner entmystifiziert werden. Mit Hilfe von Animationen wird die Aktenlage illustriert, in aufwendigen Spielszenen wird die Geschichte von Richard und Cosima Wagner (Samuel Finzi und Pegah Ferydoni) inszeniert. Die Dialoge entstammen sowohl aus Wagners Briefen, als auch Cosimas Tagebüchern.

Montag, 8. Juni 2026

Was ein Mönch so hört (20) - Das Beste vom Besten: Furtwänglers Wagner

 

Diese mitreißende Sammlung bestätigt Furtwängler einmal mehr als den tiefgründigsten und überzeugendsten aller Wagner-Dirigenten. Wie traurig, ja fast tragisch, dass er nicht einige Jahre länger lebte, um die Vorteile der Stereotechnik zu nutzen und seine EMI-Studioaufnahme des Rings mit den Wiener Philharmonikern oder dem Philharmonia Orchestra zu vollenden. Orchester, die, wie diese Aufnahme beweist, beide in der Lage waren, die großen Visionen des Dirigenten vollends umzusetzen.

Jede dieser Interpretationen ist etwas Besonderes, die meisten davon waren viel zu lange nicht erhältlich. Besonders interessant sind die Ouvertüren und das Vorspiel zu den frühen Werken des Komponisten, da es sich um Opern handelt, mit denen der Dirigent nicht so eng verbunden war wie mit den späteren. Das Wort „Schwung“ beschreibt treffend die Interpretationen der Holländer- und Tannhäuser-Ouvertüren. Hinzu kommt Furtwänglers unvergleichliches Talent, disparate Motive zu einer einzigen, überzeugenden Einheit zu verbinden. Beide Werke sind hervorragend gespielt und von mehr als zufriedenstellender Aufnahmequalität. Das Lohengrin-Vorspiel, aus einer der letzten Aufnahmesitzungen des Dirigenten, klingt sogar noch besser und profitiert vom transparenten Klang der Wiener Philharmoniker. 

Die Ausschnitte aus Tristan und Parsifal stammen aus der Vorkriegszeit und gehen auf die berühmten Aufnahmesitzungen von 1938 mit den Berliner Philharmonikern zurück. Furtwänglers absolut fesselnde Interpretationen der beiden Vorspiele steht in ihren visionären, erhabenen Passagen denen von Knappertsbusch in nichts nach. Während Furtwänglers Parsifal von grandioser Eloquenz zeugt, ist seine Ouvertüre zu den Meistersingern erhebend und lebensbejahend, mit schwebenden Streichern und majestätischem Blech – ein weiterer Beweis dafür, wie er auf den spezifischen Klang jedes einzelnen Werkes einging. Niemand hat die Andeutungen von Sachs' Charakter im Vorspiel zum 3. Akt je tiefer ergründet. 

Schließlich - nach einem fulminanten Walkürenritt - hören wir aus der Götterdämmerung die ergreifenden, letztlich tragischen Aufnahmen des Vorspiels, der Rheinfahrt und des Trauermarsches,  sowie Flagstads grandiose Interpretation der Schlussszene. Wer hat seither den Gesangspart mit Flagstads Weite und Majestät besser gestaltet? Das Nachspiel zeigt Furtwängler in Höchstform und die Streicher und Blechbläser des Philharmonia Orchestra, spektakulär aufgenommen, in Bestform. 

Mit etwas Fantasie lässt sich die einzigartige Pracht dieser Interpretationen voll erfassen: Das Beste vom Besten!