Sonntag, 1. November 2026
Hörpredigt: Was feiern wir eigentlich an Allerheiligen? - von P. Immanuel Lupardi am 1. Nov. 2026
Mittwoch, 28. Oktober 2026
Predigt zur Diamantenen Hochzeit meiner Eltern
Liebe Mama, lieber Papa,
liebe Familie und Verwandte, Freunde und Wegbegleiter,
liebe Gemeinde im Herrn,
sechzig Jahre! Wenn man diese Zahl in den Raum stellt, breitet sich fast automatisch eine feierliche Stille aus. Sechzig gemeinsame Ehejahre. Das sind sage und schreibe 21.915 Tage. Es sind weit mehr als eine halbe Million Stunden, die ihr beide, liebes Jubelpaar, Seite an Seite verbracht habt. Ein solches Fest ist in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit selten geworden. Es ist ein rares Gut, ein echtes Geschenk Gottes und ein tiefes Geheimnis. Deshalb nennen wir diesen Tag heute voller Ehrfurcht die Diamantene Hochzeit.
Ein Diamant entsteht nicht über Nacht. Er ist ursprünglich nichts anderes als schlichte Kohle. Doch wenn diese über Jahrtausende hinweg unvorstellbarem Druck und enormer Hitze im Inneren der Erde ausgesetzt ist, verwandelt sie sich. Sie verdichtet sich und am Ende dieses langen, verborgenen Prozesses entsteht das härteste, beständigste und am schönsten funkelnde Juwel, das unsere Erde kennt: Ein Diamant.
Auch eure Ehe, liebe Mama und lieber Papa, hat diesen Reifungsprozess durchlaufen. Auf den Tag genau vor sechzig Jahren standet ihr schon einmal vor diesen Altar. Ihr wart jung, voller Träume, vielleicht auch ein wenig nervös vor dem, was das Leben bringen mag. Euer gemeinsamer Stein war damals noch rau. Erst durch die Jahrzehnte, durch das tägliche Miteinander, durch das gemeinsame Schleifen an den Ecken und Kanten des anderen, ist aus diesem rohen Stein der funkelnde Diamant geworden, den wir heute am Altar Gottes feiern.
Wenn wir nach dem Geheimnis einer so langen, gelingenden Gemeinschaft suchen, lohnt es sich, zuerst einen Blick auf das heutige Evangelium zu werfen.
Das Fundament der Dankbarkeit
Im heutigen Evangelium hörten wir:
„Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; er lobte Gott mit lauter Stimme, warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm.“ (Lk 17, 15–16)
Zehn wurden geheilt, aber nur einer hielt inne. Nur einer begriff, dass Gesundheit, Rettung und das Gelingen des Lebens keine Selbstverständlichkeit sind. Nur einer kehrte um, um danke zu sagen.
Liebe Mama, lieber Papa, euer heutiges Fest ist genau das: Es ist euer „Umkehren“, euer bewusstes Innehalten auf dem Lebensweg, um vor Gott niederzuknien und von ganzem Herzen Danke zu sagen. Sechzig Jahre Ehe fallen einem nicht einfach so in den Schoß. Sie sind ein Geschenk des Himmels. Ihr steht heute hier wie dieser, eine Geheilte, voller Demut und Dankbarkeit für die gemeinsamen Jahrzehnte, für die Familie und für jeden gesunden Tag.
Wenn wir weiter nach dem Geheimnis einer so langen Ehe suchen, lohnt sich auch der Blick auf einen Mann, der vor über 1.500 Jahren eine Regel für das Klosterleben geschrieben hat: den heiligen Benedikt von Nursia. Seine Ordensregel ist kein theoretisches Buch, sondern eine lebensnahe Anleitung für das Herz.
Sowohl im Kloster als auch in der Ehe geht es um das bleibende, verbindliche Zusammenleben von Menschen auf engem Raum vor den Augen Gottes. Die Weisheit Benedikts lässt sich daher wunderbar auf das christliche Eheleben übertragen.
Zwei Gedanken aus dieser Regel möchte ich euch heute mit auf den Weg geben.
1. Das Fundament der Beständigkeit (Stabilitas)
Diese Haltung des Dankes verbindet uns mit dem heiligen Benedikt. Das wichtigste Versprechen, das ein Mensch abgibt, wenn er in seine Gemeinschaft eintritt, ist die Stabilitas. Das bedeutet Beständigkeit, Treue. Es bedeutet das Versprechen, an einem Ort und mit den einmal gewählten Menschen auszuharren – in guten wie in schlechten Zeiten. Benedikt wusste ganz genau, dass der Mensch dazu neigt, wegzulaufen, wenn es anstrengend wird. Deshalb schreibt er ganz zu Beginn seiner Regel im Prolog ein paar sehr ehrliche Worte:
„Man laufe nicht gleich erschrocken weg, denn der Weg des Heils kann am Anfang nicht anders als eng sein.“ (RB Prolog, 48)
„Man laufe nicht gleich erschrocken weg.“ Was für ein wunderbarer Satz für eine Ehe! Ihr beide seid in diesen sechzig Jahren nicht weggelaufen. Auch dann nicht, wenn der Weg einmal eng wurde, wenn Sorgen das Haus bedrückten oder das Schicksal Prüfungen bereithielt. Ihr habt ausgeharrt. Ihr habt verstanden, dass man die tiefste Dimension der Liebe nicht erfährt, wenn man beim ersten Konflikt die Segel streicht. Eure Stabilitas, eure Treue, hat euch durch sechs Jahrzehnte getragen und zeigt uns allen heute: Es lohnt sich, dranzubleiben.
2. Das gegenseitige Tragen in unendlicher Geduld
Der heilige Benedikt gibt den Mönchen in Kapitel 72 seiner Regel folgenden Rat mit auf den Weg:
„Sie sollen die Schwachheiten des Leibes und des Charakters in unendlicher Geduld einander ertragen.“ (RB 72, 5)
„In unendlicher Geduld einander ertragen.“ Wenn das jemand versteht, dann ein Ehepaar am Tag seiner Diamantenen Hochzeit! Ihr habt im Laufe der Jahrzehnte gelernt, die Schwächen des anderen mit dem Mantel der Liebe zuzudecken. Ihr habt einander den Raum gegeben, zu wachsen, alt zu werden und sich zu verändern. Ihr habt euch gegenseitig in Geduld ertragen – in den Zeiten der Jugend, als die Kraft groß war, und ihr tragt euch noch heute im Alter, wo der Schritt vielleicht etwas langsamer geworden ist. Und diese Frucht der Geduld ist die Liebe, von der auch der Apostel Paulus schreibt: Sie eifert nicht, sie bläht sich nicht auf, sie erträgt alles. - So haben wir es gerade in der Lesung gehört.
Liebe Mama, lieber Papa, es war euer Glaube – euer Glaube an Gott und eure unerschütterliche Liebe zueinander –, der eure Ehe gerettet, bewahrt und durchgetragen hat. Dieser Glaube hat euch die Kraft gegeben, sechzig Jahre lang ein Fleisch, ein Herz und eine Seele zu sein.
Die Regel des heiligen Benedikt schließt im Prolog mit einer Verheißung, die wir euch als Segen für eure Zukunft mitgeben möchten:
„...damit wir unter seiner Führung die Wege des Herrn gehen.“ (RB Prolog, 21)
Geht euren Weg weiter unter dieser treuen, göttlichen Führung. Blickt am heutigen Tag mit großem Stolz auf das zurück, was ihr gemeinsam aufgebaut habt, und kehrt immer wieder um, um zu danken.
Möge der Herrgott eure Gesundheit bewahren, eure Tage mit Freude und Frieden erfüllen und eure Herzen weiterhin in jener Liebe erstrahlen lassen, die alle Zeit überdauert. Möge euer gemeinsamer Diamant noch sehr lange und hell für uns alle leuchten.
Amen.
Schrifttexte: Evangelium: Lk 17, 11-19 ; Lesung: 1 Kor 12, 31-13, 8a
Predigt gehalten am 28. Okt. 2026 in der Christus König Kirche in Oer-Erkenschwick
Dienstag, 27. Oktober 2026
Dies war der Lieblingstee von Königin Elizabeth II.
Montag, 26. Oktober 2026
Was passiert, wenn eine Fliege in eine Kaffeetasse fällt
Der Israeli verkauft den Kaffee dem Franzosen, die Fliege dem Chinesen und die Tasse dem Italiener, trinkt eine Tasse Tee und erfindet mit dem verdienten Geld einen Schutz, der Fliegen davon abhält, in Tassen zu fallen.
Der Palästinenser gibt dem Israeli die Schuld an der Fliege in seinem Kaffee, protestiert bei den Vereinten Nationen gegen diesen Akt der Aggression, nimmt von der Europäischen Union eine Spende für den Kauf eines neuen Kaffees entgegen, kauft für das Geld jedoch Sprengstoff und jagt damit das Kaffeehaus in die Luft, in dem der Italiener, der Franzose, der Chinese, der Deutsche und der Russe gerade versuchen, dem Israeli zu erklären, dass dieser seine Tasse Tee dem Palästinenser überlassen sollte.”
Sonntag, 25. Oktober 2026
Predigt zum heutigen Weltmissionssonntag: Kann man denn heute noch Missionar sein?

Franziskanerkloster in Reutte (Tirol)
Liebe Brüder und Schwestern im Glauben,
am heutigen „Weltmissionssonntag“ möchte ich aus der benediktinischen Tradition ein paar Gedanken herausarbeiten, die auch für Menschen außerhalb der Klostermauern interessant - und vielleicht sogar hilfreich sein können.
Unserer Kloster St. Ottilien ist eines von 20 Klöstern der Missionsbenediktiner auf der ganzen Welt. Das Thema „Mission“ bestimmt das Leben in unserer Gemeinschaft ganz tiefgreifend mit.
„Geht das heute noch? Kann man denn heute noch Missionar sein?
Die Leute fragen das manchmal, wenn sie uns in St. Ottilien besuchen oder von unserer Arbeit hören. Den Glauben haben und pflegen sei ja recht, aber ihn auch noch verbreiten? Dazu kommt eine zweitausendjährige Missionsgeschichte, deren Fehler uns zur Last gelegt werden, die tatsächlichen ebenso wie die vielen vermeintlichen.
Unser Glaube ist nicht nur häuslich und auf ein paar Landstriche beschränkt: Unser Glaube meint den ganzen Menschen, und er meint alle Menschen. „Geht hin in alle Welt, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ sagt der auferstandene Heiland seinen Jüngern.
Dabei ist mit der Mission der Kirche nicht ein imperialistischer Angriff auf die ganze Welt gemeint. Dahinter steckt etwas ganz anderes: die Erkenntnis, dass Jesus und seine Botschaft, nicht nur für die Juden - und vielleicht noch ein paar interessierte Griechen gedacht war, sondern dass diese Botschaft für alle Menschen gilt. – Hier in Österreich genau so wie für die Menschen in Papua-Neuguinea.
Dass Gott Mensch wird ist eine Nachricht, die alle angeht. Dass Gottes Liebe greifbar auf Erden wandelt und sich für uns selber darbringt, - das sollte jeder wenigstens einmal in seinem Leben gehört haben.
Die Missionare von St. Ottilien reihen sich in eine lange ehrenvolle Reihe großer Frauen und Männer ein, die als Glaubensboten ihre Heimat verlassen haben und – oft unter großer Gefahr und vielen Opfern – diese Botschaft von der Liebe Gottes weitergegeben haben.
Auch unsere Heimat wurde davon erreicht: Der hl. Magnus, der hl. Bonifatius, die heilige Lioba - und zahllose andere haben den Glauben in den Herzen unserer Vorfahren eingepflanzt und vertieft.
Die meisten dieser Missionare waren Klosterleute. Das ist leicht verständlich, denn die haben weniger Bindungen, auf die sie Rücksicht nehmen müssen; sie können losziehen und werden dann von einer Gemeinschaft bei ihrer Unternehmung unterstützt.
Aber diese Spezialisierung hat auch eine unglückliche Folge gehabt: Mission wurde damit zur Sonderaufgabe der Missionsorden, - so wie viele andere Orden für das Schulwesen oder die Krankenpflege zuständig waren.
Das letzte Konzil hat hier einen deutlichen Warnruf ausgestoßen: Mission ist Aufgabe der ganzen Kirche, also nicht nur etwas für eine Spezialistengruppe. - Und noch wichtiger: Mission – Sendung – ist eine Wesenseigenschaft der Kirche.
Wenn eine Pfarrei, oder eine Klostergemeinschaft oder eine Diözese nur mehr nach innen schaut, keine Ausstrahlung mehr nach außen hat, dann ist in ihr ein wichtiger Wesensteil des Kircheseins verlorengegangen: Sie ist krank, – wahrscheinlich sogar sterbenskrank.
Das Konzil war – wie meistens – nicht wirklich originell. Es hat nur versucht, eine etwas vergessene Wahrheit wieder ans Licht zu bringen. Es hat damit aber auch deutlich gemacht, dass alle Christen mitverantwortlich sind für diese Ausstrahlung, für die Erfüllung des Auftrags in aller Welt.
Was heißt das nun für uns Katholiken hier in Reutte? Es heißt, dass wir eigentlich alle Missionare sind. Jeder getaufte Christ hat diesen Auftrag.
Natürlich können nicht alle die Koffer packen und in fremde Länder aufbrechen, aber sie haben doch Möglichkeiten, mitzuwirken: durch materielle Unterstützung, durch Gebet, vor allem aber durch ein missionarisches Christsein, das sich vor der Herausforderung - mutig in Familie und Gesellschaft seinen Glauben zu bekennen - nicht verschließt.
„Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?“, haben wir heute im Evangelium gehört. – Diese Frage bleibt immer aktuell.
Es liegt an uns allen, - nicht nur an den Priestern, Ordensleuten und Missionaren. - Jeder hat in seinem Leben Möglichkeiten, seinen Glauben an andere weiterzugeben: Es ist die Aufgabe und Pflicht eines jeden Christen. Der Glaube ist keine Privatangelegenheit! Wer sich nicht zu Christus bekennt, zu dem wird sich auch Christus nicht bekennen, wenn er einmal vor Gottes Angesicht stehen wird.
Leider fehlt es heute vielen Christen an Selbstbewusstsein. Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass die Christen in der Öffentlichkeit Angst haben, für ihren Glauben und ihre Kirche mutig einzustehen und ihn auch weiterzugeben: „Entschuldigung, ich bin katholisch.“
Andere Weltreligionen sind da viel selbstbewusster: Die Stärke des Islam ist eine Auswirkung der Glaubensschwäche und Lauheit vieler Christen.
Die Mission und die Verkündigung der Botschaft Jesu ist der Lackmus-Test für unseren alltäglichen Glauben. Missionarisches Christsein bewährt sich so nicht nur, er macht vor allem auch unseren Glauben immer wieder neu lebendig.
Und so hat es auch Papst Benedikt sehr schön auf den Punkt, was Mission eigentlich bedeutet. In einem Interview über das Thema „Weltmission“ hat er vor einigen Jahren in St. Ottilien folgendes gesagt:
„Wenn man sich nur aufs Eigene zurückzieht, gewinnt man nichts. Sondern nur indem man gibt und über sich hinausschreitet, empfängt man auch wieder.“
Amen.
Predigt gehalten in Reutte (Tirol), Okt. 2007
Samstag, 24. Oktober 2026
Mittwoch, 21. Oktober 2026
Wie viel Ökumene geht von katholischer Seite wirklich? | Fragen an Bischof Stefan Oster | Adoratio
Heimatgschichtn - Das Missionsmuseum im Kloster St. Ottilien
Auf den Punkt gebracht
Dienstag, 20. Oktober 2026
Sonntag, 18. Oktober 2026
Hörpredigt: Ihr seid das Licht der Welt - von P. Otto Betler am 18. Okt. 2026
Samstag, 17. Oktober 2026
Praktischer Tipp des Tages: Hilft bei Problemen garantiert und man wird dabei immer gelassener!
Freitag, 16. Oktober 2026
Eine neue Blütezeit
Sonntag, 11. Oktober 2026
Hörpredigt: Über den göttlichen Dresscode - von P. Vianney Meister am 11. Okt. 2026
Samstag, 10. Oktober 2026
Von der Faszination historischer Aufnahmen (11): Mozarts Don Giovanni unter Bruno Walter (MET, 1942)
Mittwoch, 7. Oktober 2026
Was ein Mönch so liest (10): Die Entdeckung der Ewigkeit von Peter Seewald
Montag, 5. Oktober 2026
Schenke uns heilige Diener deines Altars
Gebet von Papst Benedikt XVI.für geistliche Berufungen zum Priesteramt und für das gottgeweihte Leben anlässlich des Weltgebetstages für geistliche Berufungen am 7. Mai 2006
O Vater, lass unter den Christen viele
und heilige Berufungen zum Priestertum entstehen,
die den Glauben lebendig halten
und die dankbare Erinnerung an deinen Sohn Jesus bewahren,
durch die Verkündigung seines Wortes
und die Verwaltung der Sakramente,
durch die du deine Gläubigen ständig erneuerst.
Schenke uns heilige Diener deines Altars,
die aufmerksame und eifrige Hüter der Eucharistie sind,
des Sakraments der äußersten Hingabe Christi
für die Erlösung der Welt.
Rufe Diener deiner Barmherzigkeit,
die durch das Sakrament der Versöhnung
die Freude deiner Vergebung verbreiten.
O Vater, lass die Kirche mit Freuden
die zahlreichen Inspirationen des Geistes deines Sohnes aufnehmen
und lass sie - deiner Lehre fügsam -
Sorge tragen für die Berufungen zum priesterlichen Dienst
und zum geweihten Leben.
Unterstütze die Bischöfe, die Priester, die Diakone,
die Menschen des geweihten Lebens und alle in Christus Getauften,
damit sie treu ihre Sendung erfüllen
im Dienst des Evangeliums.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.
Sonntag, 4. Oktober 2026
Was ein Mönch so hört (25): Wagners Tannhäuser unter J. Keilberth (Bayreuth, 1954)
Sonntag, 27. September 2026
Predigt: Geh und arbeite heute im Weinberg!

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
nicht Worte, sondern Taten verändern die Welt. Das ist die Kernbotschaft, mit der uns Jesus heute im Evangelium konfrontiert. Er erzählt ein kurzes, aber messerscharfes Gleichnis von einem Vater und seinen zwei Söhnen.
Dieses Gleichnis ist kein harmloses moralisches Lehrstück über den Gehorsam im Familienkreis. Es ist eine radikale Anfrage an uns alle, an unsere Frömmigkeit, an unsere Lebensführung und an unser Verständnis von Gottes grenzenloser Gnade.
1. Das „Ja“, das auf dem Weg verloren geht
Betrachten wir zuerst den zweiten Sohn. Er ist ein Typ Mensch, den wir alle nur zu gut kennen – vielleicht auch aus dem Blick in den eigenen Spiegel. Er ist höflich, wohlerzogen und weiß genau, was sich gehört. Als der Vater ihn bittet, im Weinberg zu arbeiten, zögert er keine Sekunde. Er sagt: „Ja, Herr!“ Er schenkt dem Vater ein Lippenbekenntnis, das Respekt und Gehorsam signalisiert. Das klingt gut, das beruhigt die Situation, und es bringt im ersten Moment Anerkennung und Harmonie.
Aber dieses „Ja“ bleibt an der Oberfläche. Es dringt nicht bis in sein Herz vor und bewegt seine Füße nicht. Auf unsere Beziehung zu Gott übertragen, warnt uns Jesus hier vor einer vordergründigen Frömmigkeit. Er warnt vor einem Glauben, der nur aus Worten, Fassaden und schönen Traditionen besteht.
Wie oft sagen wir im übertragenen Sinne „Ja“, wenn wir Gottes Gebote der Nächstenliebe hören? Doch im Alltag geht dieses „Ja“ oft verloren. Wenn es darauf ankommt, für den Schwachen einzustehen, Zeit für den Einsamen zu opfern oder dem zu vergeben, der uns verletzt hat, dann bleiben wir oft untätig. Doch Gott sucht keine „Ja-Sager“, die im entscheidenden Moment den Dienst verweigern. Er sucht keine perfekten religiösen Kulissen, sondern ein lebendiges Handeln. Er möchte, dass unser Glaube Hand und Fuß bekommt.
2. Das mutige „Nein“, das zur Umkehr wird
Und dann ist da der erste Sohn. Seine Antwort auf die Bitte des Vaters ist eine Provokation: „Ich will nicht!“ Das ist schroff, das ist unhöflich, das bricht mit allen gesellschaftlichen Konventionen. Dieser Sohn steht für die Menschen, die Fehler machen.
Doch in dieser Geschichte passiert das eigentliche, leise Wunder im Verborgenen. Der Text sagt ganz schlicht: „Später reute es ihn, und er ging doch." Was für ein mächtiger Satz! Dieser Sohn geht in sich. Er hält inne. Er schaut in den Spiegel seiner eigenen Seele und erkennt seinen Trotz, seine Ungerechtigkeit gegenüber dem Vater. Er schämt sich vielleicht sogar für sein schnelles „Nein“.
Und dann das Entscheidende ist: Er bleibt nicht in der Scham oder im Trotz stecken. Er korrigiert seinen Kurs. Er dreht um, nimmt das Werkzeug in die Hand und geht doch noch in den Weinberg. Am Ende zählt vor Gott nicht, wie holprig der Start war. Es zählt nicht, wie laut unser erstes Aufbegehren war. Was zählt, ist die Richtung, in die sich unsere Füße am Ende bewegen. Dieser Sohn zeigt uns, dass ein ehrlicher Fehlschlag, gefolgt von einer Richtungsänderung, unendlich viel wertvoller ist als eine glatte, aber hohle Zusage.
3. Umkehr ist immer möglich
An diesem ersten Sohn entfaltet sich eine der wohl kraftvollsten Wahrheiten unseres christlichen Glaubens: Umkehr ist immer möglich.
Jesus hält den religiösen Führern seiner Zeit den Spiegel vor, weil sie dachten, sie hätten das Monopol auf Gottes Wohlwollen. Sie glaubten, weil sie die Gesetze formal einhielten, stünden sie automatisch auf der richtigen Seite. Die Ausgestoßenen hingegen galten als verloren. Doch Jesus bricht dieses starre System radikal auf. Er zeigt: Bei Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Niemand ist zu weit weggelaufen, als dass er nicht wieder zurückkehren könnte.
Egal, wie oft wir in unserem eigenen Leben schon „Nein“ zu Gott gesagt haben – sei es durch Gleichgültigkeit, durch Egoismus, durch bewusste Schuld oder durch das Ignorieren unserer Mitmenschen: Der himmlische Vater schreibt uns niemals ab. Bei Gott gibt es keine Sackgassen, aus denen es keinen Ausweg mehr gibt. Er hält die Tür bis zum allerletzten Augenblick weit offen.
Umkehr bedeutet im biblischen Sinne nicht, dass wir uns selbst geißeln oder in ständigen Schuldgefühlen versinken müssen. Das griechische Wort für Umkehr heißt Metanoia – das bedeutet schlicht „Umdenken“, den Sinn verändern, eine neue Perspektive einnehmen. Es bedeutet, den Mut zu haben, sich einzugestehen: „Ich bin auf dem falschen Weg. Ich habe mich verrannt.“ Und dann das Angebot Gottes anzunehmen, neu anzufangen.
Die Zöllner und Dirnen im Evangelium erkannten ihre Bedürftigkeit und ließen sich durch die Botschaft der Gnade verwandeln. Sie verstanden, dass Gottes Liebe kein Verdienst ist, sondern ein Geschenk, das nach einer Antwort im Leben verlangt.
Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, entdecken wir beide Söhne in unserer eigenen Brust. Wir alle haben Tage und Lebensphasen, in denen wir wie der erste Sohn rebellieren. Und wir alle haben Zeiten, in denen wir wie der zweite Sohn nur so tun, als ob – in denen wir nach außen hin die fromme Fassade wahren, während unser Herz kalt und unbewegt bleibt.
Doch gerade weil Umkehr immer möglich ist, verdammt uns dieses Gleichnis nicht. Es will uns nicht beschämen, sondern es hat eine zutiefst befreiende, erlösende Kraft: Vor Gott müssen wir nicht so tun, als hätten wir alles im Griff. Wir dürfen mit unseren Fehlern, mit unserem Versagen und mit unserem Zögern zu ihm kommen. Es ist niemals zu spät, ein anfängliches, trotziges „Nein“ in ein tatkräftiges, liebevolles Handeln zu verwandeln.
Gott wartet nicht auf unsere fehlerfreie, makellose Leistung. Er wartet auf unsere Ehrlichkeit und auf unsere Bereitschaft, uns verändern zu lassen. Gehen wir also los – nicht mit leeren Worten, sondern mit guten Taten. Es ist nie zu spät, doch noch in den Weinberg zu gehen.
Amen.
Evangelium: Mt 21, 28 - 32
(gehalten für die Tutzinger Schwestern im Haus St. Benedikt am 27.9.2026 um 10.45 Uhr)










