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Samstag, 28. März 2026

Was ein Mönch so hört (18): Parsifal von R. Wagner unter Hans Knappertsbusch (Bayreuth 1954)

Hans Knappertsbusch dominierte nach der Wiedereröffnung des Festspielhauses in Bayreuth das Dirigentenpult des Parsifal. Es ist schwer, unter den vielen Parsifal-Aufführungen, die Hans Knappertsbusch zwischen den Jahren 1951 und 1964 in Bayreuth dirigierte, einen Favoriten zu finden. Ich habe alle gehört und möchte nun meine persönliche Lieblingsaufnahme vorstellen: Es ist für mich die Aufnahme aus dem Jahr 1954.

Die Aufführung ist erstklassig und zeugt von Knappertsbuschs Detailgenauigkeit in jedem Takt sowie seinem profunden Verständnis für Wagners ausgedehnte dramatische Passagen. Zwar wirkt das Tempo im Vergleich zu späteren Fassungen etwas langsamer, doch die strahlende Schönheit der Partitur kommt wunderbar zur Geltung. Knappertsbuschs berühmt langsame Tempi wirken nie statisch. Vielmehr lässt er die Musik in weiten Bögen atmen und schafft so eine fast rituelle Atmosphäre. Der hochkarätige Chor der Bayreuther Festspiele, einstudiert von Wilhelm Pitz, ist ein weiterer Höhepunkt dieser Produktion. Pitz galt dabei als Garant für absolute Präzision und Klanggewalt, die den "neuen Bayreuther Klang" in den 1950er Jahren prägten.  

Windgassen klingt etwas baritonaler, als man es von seinen bisherigen Siegfried-Interpretationen erwarten würde, beherrscht die Partie aber vollkommen und verleiht seiner Darstellung wahre Dramatik. Mödl ist eine starke und zugleich feminine Kundry – der hysterische Schmerz ihres „lachte“-Schreis im zweiten Akt ist herzzerreißend. Hans Hotters Amfortas ist spektakulär, wunderschön gesungen und mit Überzeugung gespielt. Im Vergleich zu seinen sonst so kraftvollen Bass-Darbietungen als Hagen und Hunding ist Greindl ein warmherziger und einfühlsamer Gurnemanz, der in der Karfreitag-Szene sehr lyrisch wirkt. Er bietet eine der besten Gurnemanz-Interpretationen auf Tonträger, mit einem dunklen, voluminösen Bass und einer Interpretation voller Weisheit und Autorität. Seine Interpretation ist schlichtweg großartig. Neidlinger vermittelt wie immer eindrücklich Klingsors Boshaftigkeit und Selbstverachtung. Wie alle beteiligten, ist auch er in Höchstform. 

Die Aufnahmequalität ist hervorragend: Die Mikrofonierung war äußerst glücklich und hat sowohl Sänger als auch Orchester in vorzüglichem Mono-Klang des Jahres 1954 eingefangen, und das CD-Mastering ist exzellent. Selbst wenn Sie bereits andere Parsifal-Aufnahmen besitzen, lohnt es sich, diese Veröffentlichung unbedingt zu entdecken.
    

Dienstag, 5. Mai 2020

ERINNERUNGEN AN DAS ERSTE MAL

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Eigentlich wollte ich - wie wahrscheinlich jedes normale deutsche Kind - immer schon "Heldentenor" werden. Vor allem die beiden singenden "Super-Ritter" Lohengrin und Tristan hatten es mir schon als 15-jährigen ganz besonders angetan. Und zum Entsetzen meiner Eltern gab es deshalb ab diesem Zeitpunkt - eigentlich täglich - in IHREM Wohnzimmer stundenlange Opernaufführungen.



Parsifal im Kampf mit dem roten Ritter (Schloss Neuschwanstein)
So ziemlich jedes Kind - wie hier der junge Parsifal - möchte natürlich einmal ein "Heldentenor-Ritter" werden. -
Das ist vollkommen normal!

Auch der ganze "Ring" stand da, über die ganze Woche verteilt, auf dem Programm. - Auf jeden Fall muss es für meine Eltern (meinen Bruder und unsere Dackel) dann irgendwann doch zu viel gewesen sein: Sie sind dann ausgezogen und haben sich ein zweites Wohnzimmer eingerichtet.
MEIN Wohnzimmer konnte damit endgültig zu einem zweiten Bayreuth eingeweiht werden. - Natürlich mit dem passenden Bühnen(ritter)weihfestspiel: dem Parsifal. Da mir eine übliche "Privatvorstellung" für diesen Anlaß nicht angemessen erschien, die ganze Familie - samt Dackel - sollte ja an diesem Ereignis teilhaben dürfen, ließ ich mir deshalb zu Weihnachten von meinem Patenonkel meinen ersten Parsifal (die legendäre Bayreuther Kna. - Aufnahme von 1962) schenken. Da sich der am Hl. Abend geschmückte Christbaum und der große Speisetisch für das von meinem Großvater jedes Jahr gestiftete Weihnachtsfestkaninchen nunmal in MEINEM Wohnzimmer befanden, brauchte ich jetzt nur noch die alljährlichen Worte meines Vaters "leg´ doch jetzt bitte eine schöne Platte auf" abzuwarten. Darauf war ich vorbereitet (die erste der fünf LPs lag natürlich schon längst auf Plattenteller): "Ich leg´ jetzt das Weihnachtgeschenk von Onkel Josef auf", war die wohlüberlegte Antwort. Und zum ersten Mal erklang das Vorspiel zum Parsifal (zwar etwas zweckentfremdet) als weihnachtliche Tafelmusik in MEINEM Bayreuth. - Und alle, wirklich alle (2 Omas, 1 Opa, Mama, Papa, der kleine Bruder, der Patenonkel und natürlich der etwas neurotische Dackel, der wahrscheinlich auf abfallende Knochen wartete) mussten nun zuhören! Niemand konnte - wie üblich - weglaufen oder einen "Plattenwechsel" erbitten, wäre das doch gegenüber meinen Patenonkel wirklich unhöflich gewesen: Mein erster Parsifal (zumindest die erste von fünf LPs) im weihnachtlichen Kreise der ganzen Familie. - Mein schönstes Weihnachten. - Kindheitserinnerungen. -

Aus der geplanten "Ritter-Heldentenor-Karriere" ist dann später irgendwie nichts mehr geworden, - wie eben bei den meisten anderen Kindern auch. - Zuviele Ritter und Heldentenöre wären ja auch gar nicht gut. - Aber dennoch hat besonders der Parsifal, sogar meine theologische Diplomarbeit habe ich später irgendwann über dieses religiös anmutende "Bühnenweihfestspiel" geschrieben, mich immer wieder begleitet und bereichert.
Mittlerweile - d.h. 120 Jahre nach der Bayreuther Uraufführung - gibt es natürlich unendlich viel (mehr oder weniger gescheite) Literatur über Wagners letztes Werk. - Aber den wirklich allerersten Kommentar, den seines Schülers Hans von Wolzogen (1848 -1938), den möchte ich Ihnen (d.h. der interessierten Menschheit) nun an dieser Stelle - als Download - zur weiteren Auseinandersetzung mit diesem Werk erstmals wieder im Internet zur Verfügung stellen. Selbst in wirklich großen öffentlichen Bibliotheken ist dieser erste "Leitmotiv"-Kommentar oft nur äußerst mühsam (meistens aber überhaupt nicht) zu bekommen. - "Gott sei Dank" gibt es da aber noch die guten, alten Klosterbibliotheken. Und wenn dann auch noch der Klosterbibliothekar ein leidenschaftlicher Wagnerianer (und Webmaster) ist und Sie vor allem auch noch die richtigen Suchworte in Ihre Suchmaschine eingegeben haben (denn höchstwahrscheinlich werden Sie so diese Seite gefunden haben), dann: "Heil, dir Sonne! Heil, dir Licht!"- Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen eine anregende Lektüre beim Studium dieses "Ur-Leitmotiv-Führers". Und falls Sie - ganz zufällig - noch eine Karte für den "grünen Hügel" übrig haben sollten? - Sie dürfen sich jederzeit bei mir ((siegfried@ottilien.de) melden! PAX ET BONUM!
Ihr Pater Siegfried


LEITFÄDEN DURCH DIE MUSIK


Wolzogen, Hans ¬von¬:
Thematischer Leitfaden durch die Musik des Parsifal, nebst einem Vorworte über den Sagenstoff des Wagner'schen Dramas. - 2. Aufl. - Leipzig : Senf, 1882. - 92 S. : mit Notenbeispielen

DOWNLOAD - Click here!
Zum Downloaden (pdf) klicken Sie bitte auf das "Parsifal-Motiv"



Wolzogen, Hans ¬von¬:
Thematischer Leitfaden durch die Musik zu Richard Wagners´s Tristan und Isolde, nebst einem Vorworte über den Sagenstoff des Wagner'schen Dramas. - 3. unveränd. Aufl. - Leipzig : Reinboth, 1888. - 47 S. : mit Notenbeispielen
DOWNLOAD - Click here!
Zum Downloaden (pdf) klicken Sie bitte auf das "Tristan-Motiv"

Sonntag, 3. Mai 2020

Richard Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal und die Idee der Kunstreligion








Wewers, Siegfried (Stefan): Richard Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal und die Idee der Kunstreligion / Siegfried (Stefan) Wewers. Diplomarbeit im Fach Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Münster. Prof. Dr. Arnold Angenendt [Gutachter]. - Münster, 1994. - 192 S.
zugl.: Münster, Univ./Kath.-Theol. Fakultät., Dipl.-Arb., 1994

VORWORT:

Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal stellt den Versuch dar, auf dem Höhepunkt, der durch fortschreitende Säkularisierung gekennzeichneten europäischen Neuzeit eine religiöse Wiedergeburt mit Mitteln der Kunst herbeizuführen. “Man könnte sagen“, schrieb Wagner 1880 in der Abhandlung Religion und Kunst, seinem philosophischen Kommentar zu Parsifal, “dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche die erstere im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen". Somit ist Parsifal also unleugbar ein Dokument der »Kunstreligion« des 19. Jahrhunderts und seiner Absicht entsprechend, dass Religion - oder deren Wahrheit - aus der Form des Mythos in die Kunst übergegangen sei, übernahm Wagner aus den mittelalterlichen Vorbildern seines Dramas, dem Perceval ou Le conte du Graal von Chrestien de Troyes, dem Parzival Wolfram von Eschenbachs und dem Roman de l'estoire del Graal von Robert de Boron, den religiösen Gehalt nahezu vollständig.

Parsifal gehört zwar zweifellos zur Gattung des Wagnerschen Musikdramas, hat aber zugleich Züge der kultisch-rituellen Handlung, des Mysterienspiels und des Oratoriums angenommen. In Wagners Parsifal sind verschiedene religiösen Strömungen, die in der Geschichte anzutreffen sind zur Synthese gelangt. Dem in den Werken Chretiens und Wolframs gespiegelten, dem sich außerhalb der kirchlichen Herrschaftsorganisationen entfaltenden (esoterischen) Christentum hat Wagner, der »Mittler des Mittelalter«, Schopenhauerisches Gedankengut, das Erlösungsdenken und die Mitleidsethik Buddhas und seine eigene "Regenerationslehre" hinzugefügt.

Somit stellt sich letztlich die Frage: Ist Wagners Parsifal dennoch ein christliches Werk? Diese Frage, hervorgerufen durch die christlich-sakrale Symbolik, auf die man in jenem Bühnenweihfestspiel immer wieder stößt, die die Interpretationsgeschichte des Werkes zu verschiedensten Ergebnissen ("Roms Glaube" [F. Nietzsche]; "hochreligiöses Weihespiel" [Th. Mann]; "das Ergebnis einer Privat-Theologie Richard Wagners...als ein Geflecht aus altpersischen, altindischen, christlichen Mysterien" [H. Mayer; ähnlich E. Bloch]) geführt hat, soll abschließend und gleichzeitig die Thematik zusammenfassend behandelt werden.