Freitag, 8. Mai 2020

Mein Idol: Fritz Wunderlich - Zauberflöte (München, 1964)

Obwohl es mittlerweile über fünfzig Jahre her ist, dass Fritz Wunderlich am 17. September 1966 auf tragische Weise mit nur 35 Lebensjahren ums Leben kam, blieb seine unvergleichliche Tenorstimme unvergessen. Das liegt einmal daran, dass seine künstlerische Karriere so kometengleich begann: von einer Freiburger Studentenaufführung von Mozarts Zauberflöte war der junge Sänger an die Stuttgarter Staatsoper engagiert worden, ging anschließend über Frankfurt nach München, trat an der Wiener Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen auf und ein Angebot der New Yorker Metropolitan Opera lag bereits vor. Vor allem erinnert man sich aber seiner vitalen, lebensfrohen Persönlichkeit wie seiner schier unbegrenzt belastbaren Stimme voller Schmelz, mit großer Fülle und Strahlkraft und einem bezauberndem Timbre. Die akkurate, stets verstehbare Aussprache der gesungenen Worte war vorher und blieb nachher unerreicht.



In dieser Münchner Live-Aufnahme der "Zauberflöte" vom 26. Juli 1964 bewahrt Wunderlich stets die Schönheit des Tons, der präzisen Diktion und des nahtlosen Legatos, die für Mozart unverzichtbar sind, und schafft aus Tamino einen leidenschaftlichen Charakter aus Fleisch und Blut. War Wunderlich in der berühmten Studio-Aufnahme von Karl Böhm (Deutsche Grammophon) schon sehr gut, hier ist er noch besser!

Aber es gibt noch viel mehr zu genießen. Anneliese Rothenbergers Münchener Pamina ist eine Verbesserung gegenüber ihrer guten EMI-Aufnahme von 1972 mit Wolfgang Sawallisch. Wie bei Wunderlich scheint das Münchner Publikum Rothenberger zu einer Aufführung mit weitaus größerem Engagement und dramatischer Schärfe zu inspirieren.

Der Bariton Hermann Prey war wahrscheinlich der beste Papageno seiner Generation, und er liefert auch hier einen weiteren meisterhaften Auftritt. Ich schätze auch Karl-Christian Kohns Sarastro mit seinem tiefen Bass sehr, der die übliche Interpretation "vom Himmel hoch da komm ich her ..." vermeidet.

Die Beiträge des Bayerischen Staatsopernchors und der Münchner Philharmoniker sind hervorragend. Der Dirigent Fritz Rieger führt eine Aufführung in der romantischen Tradition an. Das Tempo ist größtenteils moderat, und das Orchester strahlt einen herbstlichen Glanz aus. Vielleicht keine Wiedergabe, die Befürworter authentischer Darbietungen bejubeln würden (was auch immer das bedeutet), sondern eine liebevolle und meiner Meinung nach überzeugende Darstellung der großartigen Partitur.

Der aufgenommene Klang ist hervorragend, praktisch das Äquivalent einer Studioaufnahme, wenn auch in Mono.

Darsteller: Fritz Wunderlich (Tamino), Karl Christian Kohn (Sarastro), Erika Köth (Königin der Nacht), Anneliese Rothenberger (Pamina), Hermann Prey (Papageno), Gertrud Freedmann (Papagena), Ferry Gruber (Monostatos), Kieth Engen ( Sprecher), Hildegard Hillebrecht, Dagmar Naaf, Ira Malaniuk (Drei Damen), Chor der Bayerischen Staatsoper, Münchener Philharmoniker, cond. Fritz Rieger.



Foto: Am Grab (212-W-18) meines Idols auf dem Münchner Waldfriedhof.


Dienstag, 5. Mai 2020

ERINNERUNGEN AN DAS ERSTE MAL

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Eigentlich wollte ich - wie wahrscheinlich jedes normale deutsche Kind - immer schon "Heldentenor" werden. Vor allem die beiden singenden "Super-Ritter" Lohengrin und Tristan hatten es mir schon als 15-jährigen ganz besonders angetan. Und zum Entsetzen meiner Eltern gab es deshalb ab diesem Zeitpunkt - eigentlich täglich - in IHREM Wohnzimmer stundenlange Opernaufführungen.



Parsifal im Kampf mit dem roten Ritter (Schloss Neuschwanstein)
So ziemlich jedes Kind - wie hier der junge Parsifal - möchte natürlich einmal ein "Heldentenor-Ritter" werden. -
Das ist vollkommen normal!

Auch der ganze "Ring" stand da, über die ganze Woche verteilt, auf dem Programm. - Auf jeden Fall muss es für meine Eltern (meinen Bruder und unsere Dackel) dann irgendwann doch zu viel gewesen sein: Sie sind dann ausgezogen und haben sich ein zweites Wohnzimmer eingerichtet.
MEIN Wohnzimmer konnte damit endgültig zu einem zweiten Bayreuth eingeweiht werden. - Natürlich mit dem passenden Bühnen(ritter)weihfestspiel: dem Parsifal. Da mir eine übliche "Privatvorstellung" für diesen Anlaß nicht angemessen erschien, die ganze Familie - samt Dackel - sollte ja an diesem Ereignis teilhaben dürfen, ließ ich mir deshalb zu Weihnachten von meinem Patenonkel meinen ersten Parsifal (die legendäre Bayreuther Kna. - Aufnahme von 1962) schenken. Da sich der am Hl. Abend geschmückte Christbaum und der große Speisetisch für das von meinem Großvater jedes Jahr gestiftete Weihnachtsfestkaninchen nunmal in MEINEM Wohnzimmer befanden, brauchte ich jetzt nur noch die alljährlichen Worte meines Vaters "leg´ doch jetzt bitte eine schöne Platte auf" abzuwarten. Darauf war ich vorbereitet (die erste der fünf LPs lag natürlich schon längst auf Plattenteller): "Ich leg´ jetzt das Weihnachtgeschenk von Onkel Josef auf", war die wohlüberlegte Antwort. Und zum ersten Mal erklang das Vorspiel zum Parsifal (zwar etwas zweckentfremdet) als weihnachtliche Tafelmusik in MEINEM Bayreuth. - Und alle, wirklich alle (2 Omas, 1 Opa, Mama, Papa, der kleine Bruder, der Patenonkel und natürlich der etwas neurotische Dackel, der wahrscheinlich auf abfallende Knochen wartete) mussten nun zuhören! Niemand konnte - wie üblich - weglaufen oder einen "Plattenwechsel" erbitten, wäre das doch gegenüber meinen Patenonkel wirklich unhöflich gewesen: Mein erster Parsifal (zumindest die erste von fünf LPs) im weihnachtlichen Kreise der ganzen Familie. - Mein schönstes Weihnachten. - Kindheitserinnerungen. -

Aus der geplanten "Ritter-Heldentenor-Karriere" ist dann später irgendwie nichts mehr geworden, - wie eben bei den meisten anderen Kindern auch. - Zuviele Ritter und Heldentenöre wären ja auch gar nicht gut. - Aber dennoch hat besonders der Parsifal, sogar meine theologische Diplomarbeit habe ich später irgendwann über dieses religiös anmutende "Bühnenweihfestspiel" geschrieben, mich immer wieder begleitet und bereichert.
Mittlerweile - d.h. 120 Jahre nach der Bayreuther Uraufführung - gibt es natürlich unendlich viel (mehr oder weniger gescheite) Literatur über Wagners letztes Werk. - Aber den wirklich allerersten Kommentar, den seines Schülers Hans von Wolzogen (1848 -1938), den möchte ich Ihnen (d.h. der interessierten Menschheit) nun an dieser Stelle - als Download - zur weiteren Auseinandersetzung mit diesem Werk erstmals wieder im Internet zur Verfügung stellen. Selbst in wirklich großen öffentlichen Bibliotheken ist dieser erste "Leitmotiv"-Kommentar oft nur äußerst mühsam (meistens aber überhaupt nicht) zu bekommen. - "Gott sei Dank" gibt es da aber noch die guten, alten Klosterbibliotheken. Und wenn dann auch noch der Klosterbibliothekar ein leidenschaftlicher Wagnerianer (und Webmaster) ist und Sie vor allem auch noch die richtigen Suchworte in Ihre Suchmaschine eingegeben haben (denn höchstwahrscheinlich werden Sie so diese Seite gefunden haben), dann: "Heil, dir Sonne! Heil, dir Licht!"- Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen eine anregende Lektüre beim Studium dieses "Ur-Leitmotiv-Führers". Und falls Sie - ganz zufällig - noch eine Karte für den "grünen Hügel" übrig haben sollten? - Sie dürfen sich jederzeit bei mir ((siegfried@ottilien.de) melden! PAX ET BONUM!
Ihr Pater Siegfried


LEITFÄDEN DURCH DIE MUSIK


Wolzogen, Hans ¬von¬:
Thematischer Leitfaden durch die Musik des Parsifal, nebst einem Vorworte über den Sagenstoff des Wagner'schen Dramas. - 2. Aufl. - Leipzig : Senf, 1882. - 92 S. : mit Notenbeispielen

DOWNLOAD - Click here!
Zum Downloaden (pdf) klicken Sie bitte auf das "Parsifal-Motiv"



Wolzogen, Hans ¬von¬:
Thematischer Leitfaden durch die Musik zu Richard Wagners´s Tristan und Isolde, nebst einem Vorworte über den Sagenstoff des Wagner'schen Dramas. - 3. unveränd. Aufl. - Leipzig : Reinboth, 1888. - 47 S. : mit Notenbeispielen
DOWNLOAD - Click here!
Zum Downloaden (pdf) klicken Sie bitte auf das "Tristan-Motiv"

Montag, 4. Mai 2020

Das Kloster-Videotagebuch

on3-südwild-Moderator Andi Poll (26) vom Bayerischen Fernsehen hat das Leben im Kloster auf Zeit getestet. Vom 07. bis zum 09. April 2009 durfte er ausnahmsweise in die "Klausur" des Klosters und sich dabei mit einer kleinen Handkamera selbst filmen. Was er hinter den Klostermauern in St. Ottilien erlebt hat, hat er in (s)einem dreiteiligen Videotagebuch festgehalten.








MÖNCH WERDEN IN ST. OTTILIEN?

NIEMALS WAR DIE DONAU SCHÖNER UND BLAUER!




Der große Dirigent Erich Kleiber (1890 - 1956) war mir schon immer symphatisch. Wolfgang Schreiber charakterisiert ihn in seinem Werk "Große Dirigenten" folgendermaßen: "Er war ein Kobold mit der Lust an clownhaften Späßen... seine große Herzensgüte verbarg sich gern hinter spöttischem Sarkasmus...". - Mit anderen Worten: Erich Kleiber gehörte zu jenen ausgeprägt (selbst)ironischen Persönlichkeiten, wie wir Westfalen sie lieben, selbst wenn sie Österreicher sind! -

Youtube zeigt eine aufschlußreiche Filmaufnahme (in hervorragender Ton- und Bildqualität) mit dem brillianten E. Kleiber am Pult. Aufgenommen 1932 mit dem Berliner Staatsorchester dirigiert er den Donauwalzer von Johann Strauß: Mit dem funktionalen Schlag seines langen Taktstocks setzt er auf perfekte rhytmische und klangliche Koordination, auf absolute Klarheit des Musizierens. Ruhe, Konzentration und Sicherheit kennzeichnen sein Dirigat: Rhytmischer, wienerischer und vitaler kann man diesen Walzer nicht dirigieren: Niemals war die Donau schöner und blauer!

Sonntag, 3. Mai 2020

PRIESTERLICHE UMGANGSFORMEN von Ludwig Hertling S.J

Ludwig Hertling S.J. :
Priesterl. Umgangsformen
Innsbruck : Rauch, 1930. -

>> Download (PDF)

Takt, Stil und Anstand sind Tugenden, die eigentlich jeder beherrschen sollten. Insofern muss an dieser Stelle an die Schrift eines Jesuitenpaters erinnert werden, der als "Knigge des Katholizismus" gilt. In seinem 1929 erschienenen Handbuch "Priesterliche Umgangsformen" hat Ludwig Hertling S.J. eine kleine und humorvolle Tugendlehre verfasst, - nicht allein für Kragenträger: "Was wäre wohl das höchste Lob für einen Menschen? Vielleicht, wenn man sagen kann, er ist vollkommen neidlos. Aber dann kommt gleich ein Lob, das fast so hoch ist: er hat Takt. - Was ist Takt? - Takt kommt vom lateinischen tangere, berühren. Es ist die Kunst, jemand an der richtigen Stelle zu berühren, und vor allem nicht an der falschen Stelle, nämlich nicht da wo es wehtut.

Meine Lieblingsgebete: Franziskus von Assisi (1181 - 1226)

GEBET VOR DEM KREUZBILD VON SAN DAMIANO

Franziskus, so wird berichtet, habe dieses Gebet gesprochen, als er vom Kreuz in San Damiano den Auftrag vernahm: „Franziskus, geh hin und stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen ist.“ Dieses Ereignis hat nach allem, was wir wissen, im Januar 1206 stattgefunden. Damals muss das Gebet schon formuliert gewesen sein. Es entstand wohl während des Bekehrungsprozesses, in dessen Verlauf Gott und die Aussätzigen immer mehr in den Mittelpunkt rückten.


Höchster, lichtvoller Gott.
Erleuchte die dunkle Nacht in meinem Herzen.

Gib mir einen Glauben, der aufrichtet.
Eine Hoffnung, die Halt gibt,
eine Liebe, die Maß nimmt an der Liebe Jesu Christi.

Gib mir Herr,
eine Erkenntnis, die weiterführt
und einen Sinn, der alles durchdringt.

Lass mich die Würde erfahren, die Du mir schenkst.
Und den Auftrag tun, den Du mir zugedacht hast.

Amen
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Zur Übersetzung einige Bemerkungen von Anton Rotzetter OFMCap :

Gott ist für Franziskus strahlendes flutendes Licht. Ihm hält er seine Nacht entgegen.

Franziskus erbittet sich eine "fides recta". Ich verbinde mit diesem Ausdruck nicht das Moment der Rechtgläubigkeit, sondern eine neue Haltung, die nur Gott geben kann: den geraden Rücken, den aufrechten Gang!

Franziskus erbittet sich eine "spes certa", eine Gewissheit, die nur Gott geben kann. Ich unterstreiche auch hier die existentielle Dimension: den Halt in einer zerfliessenden Welt.

Franziskus erbittet sich "vollkommene Liebe". Er kann es doch wohl nur im Blick auf jene Liebe, die sich ganz und gar hingibt: die Liebe Jesu Christi.

Franziskus erbittet sich darüber hinaus "Erkenntnis" und "Sinn", echte Hilfe durch Einsicht und sinnlich erfahrbaren Sinn.

Franziskus erbittet sich vor allen Dingen eine Aufgabe, die er erfüllen kann, eine Rolle, die er spielen darf, eine Sendung, die ihm Bedeutung gibt, einen Auftrag, der ihn von anderen unterscheidet.
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DER BUCHTIPP:

Anton Rotzetter:
Mit Gott im Heute
Grundkurs franziskanischen Lebens
345 S. : Herder, 2000. -
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Anton Rotzetter, geboren 1939, Dr. theol. Der Kapuzinerpater lebt im Kloster Altdorf am Vierwaldstätter See. Er ist ein weithin bekannter Fachmann für franziskanisch und biblisch geprägte Spiritualität.

Meine Lieblingsgebete: John Henry Newman (1801 - 1890)

Zu den großen Gestalten der englischen Kirchengeschichte gehört John Henry Kardinal Newman. Ursprünglich anglikanischer Christ, trat er im Alter von 44 Jahren in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Katholischen Glauben über und wurde später von Papst Leo XIII. in den Kardinalsstand erhoben. Aufgrund seiner theologischen und geistlichen Schriften gilt er als der Kirchenvater der Neuzeit. Von ihm stammen folgende zwei Gebete:

Ich brauche dich, Herr,
als meinen Lehrer,
tagtäglich brauche ich dich.
Gib mir die Klarheit des Gewissens,
die allein deinen Geist fühlen und begreifen kann.

Meine Ohren sind taub, ich kann deine Stimme nicht hören.
Mein Blick ist getrübt, ich kann deine Zeichen nicht sehen.

Du allein kannst mein Ohr schärfen, meinen Blick klären
und mein Herz reinigen.

Lehre mich zu deinen Füßen sitzen
und auf dein Wort zu hören.

Amen
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Führe du mich, du mildes Licht,
führe du mich den Weg.
Die Nacht ist finster, und ich bin fern der Heimat.
Führe du mich den Weg!
Leite du meinen Fuß.
Und sehe ich auch nicht weiter:
Wenn ich nur sehe
jeden Schritt.
Du hast bis jetzt mich geführt.
Du wirst mich sicher auch weiterhin führen:
durch Moor und Sumpf,
über Fluten und felsige Klippen
bis vorüber die Nacht
und die Engel des Morgens mich grüßen.
Ich habe je sie geliebt.
Nur bisweilen vergessen ihr Licht.

Amen
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DER BUCHTIPP:

Gerhard L. Müller:
John Henry Newman begegnen
176 S. : Abb., Sankt Ulrich Verlag, 2000. -
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Das Leben des großen englischen Kardinals John Henry Newman (1801-1890) ist ein geistiger Kampf um den wahren Glauben, der ihn von der englischen Staatskirche zur katholischen Weltkirche führte. Die gängige Gleichsetzung von Modernität und religiöser Beliebigkeit entlarvte dieser "Kirchenvater der Neuzeit" John Henry Newman als Trugschluß. Scharfsinnig wies der Oxford-Professor nach, wie der scheinbare Verzicht auf die Wahrheit im Namen der Toleranz das Christentum in seiner Existenz bedroht. Ludwig Gerhard Müller entfaltet Newmans Theologie als einen schrittweisen Zugang von der Zustimmung des Menschen zum Glauben bis hin zur Annahme der päpstlichen Unfehlbarkeit.

Meine Lieblingsgebete: Thomas Morus (1478 - 1535)

Thomas Morus, 1478 in London geboren, studierte Rechtswissenschaft in Oxford. Er stieg unter Heinrich VIII. bis zum höchsten Amt des Lordkanzlers auf. Er führte ein glückliches Familienleben, hatte vier Kinder; er verband überragende Geistesschärfe mit tiefer Frömmigkeit und einem Humor, der nicht zu erschüttern war. 1532 legte er sein Amt aus Gewissensgründen nieder; 1535 wurde er, zwei Wochen nach John Fisher, wegen angeblichen Hochverrats hingerichtet. Auf dem Schafott sagte er: „Ich sterbe als des Königs treuer Diener, aber zuerst als Diener Gottes.“

GEBET

Deine Gnade schenk mir, guter Herr,
diese Welt gering zu achten.
Meine Seele fest an dich zu binden,
nicht an Menschenmund und -wort zu hängen.

Laß mich bejahen, daß ich einsam bin
und wunschlos nach der Kumpanei der Welt.
Gib, daß jeder Schritt aus ihr heraus
mein Herz der irdischen Geschäftigkeit entrückt.

Dass es mir nicht Verlockung, sondern Qual bedeute,
auf Hirngespinste, Weltgeschwätz zu hören.
Laß voller Freude, lieber Herr, an dich mich denken
und deine Hilfe fromm erbitten.

Gewähre mir, ganz deinem Trost zu trauen
und dich zu lieben als meiner Mühen Lohn;
Meine Bosheit zu erkennen, die Erbärmlichkeit,
und demütig in deiner Hand zu werden.

Herr, mach mich willig, meine Sünden zu beklagen,
für ihre Sühnung Leid geduldig zu ertragen.
Ich preise, Herr, was mich schon hier auf Erden reinigt;
Laß mich in Not und Elend fröhlich sein!

Den schmalen Pfad zum Leben laß mich gehen
und Christi Kreuz die eignen Schultern leihn.
Die letzte Stunde laß mir vor der Seele stehen,
vor Augen immerfort den Weggefahrten Tod.

Ihn gib mir, Herr, zu meinem Nebenmann,
damit ich nie die Hölle zu betrachten unterlasse
und um Verzeihung bitte, eh der Richter naht,
im Herzen gegenwärtig, was Christus für mich litt.

Gewähr mir, lebenslang zu danken für sein Gutsein
und rückzukaufen die verlorne Zeit;
Von Wortgeklingel, Redeschwall mich freizuhalten
Und ebenso von lauten törichten Vergnügen.

Den dummen aufgeputzten Leerlauf laß mich meiden
und was Frau Welt so feilbietet an Freuden:
Freundschaft, Freiheit, Lebenslust, wonach wir trachten,
gelange ich zu Christus nur, für nichts zu achten.

Als meinen besten Freund lehr mich erkennen
den schlimmsten Feind. Die Brüder Josefs hätten
mit aller Lieb und Gunst ihm so viel Gutes
nie erweisen können wie durch ihren Haß und Neid!

Dies alles zu bedenken, nützt unendlich mehr
als aller Fürsten-Reichtum dieser Welt
und als der Christen und der Heiden Gut und Geld.
Und wäre es auch aufgehäuft zu Bergen.

Amen


PRAYER


Give me the grace, Good Lord

To set the world at naught. To set the mind firmly on You and not to hang upon the words of men's mouths.

To be content to be solitary. Not to long for worldly pleasures. Little by little utterly to cast off the world and rid my mind of all its business.

Not to long to hear of earthly things, but that the hearing of worldly fancies may be displeasing to me.

Gladly to be thinking of God, piteously to call for His help. To lean into the comfort of God. Busily to labor to love Him.

To know my own vileness and wretchedness. To humble myself under the mighty hand of God. To bewail my sins and, for the purging of them, patiently to suffer adversity.

Gladly to bear my purgatory here. To be joyful in tribulations. To walk the narrow way that leads to life.

To have the last thing in remembrance. To have ever before my eyes my death that is ever at hand. To make death no stranger to me. To foresee and consider the everlasting fire of Hell. To pray for pardon before the judge comes.

To have continually in mind the passion that Christ suffered for me. For His benefits unceasingly to give Him thanks.

To buy the time again that I have lost. To abstain from vain conversations. To shun foolish mirth and gladness. To cut off unnecessary recreations.

Of worldly substance, friends, liberty, life and all, to set the loss at naught, for the winning of Christ.

To think my worst enemies my best friends, for the brethren of Joseph could never have done him so much good with their love and favor as they did him with their malice and hatred.

These minds are more to be desired of every man than all the treasures of all the princes and kings, Christian and heathen, were it gathered and laid together all in one heap.

Amen

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"Von Natur bin ich ängstlich und schreckhaft... Dennoch habe ich mich, wie du weißt, in all den entsetzlichen Todesängsten, die ich vor meiner Einlieferung in den Tower oft mit bekümmertem und verzagtem Herzen durchmachte, in keinem einzigen solchen Angstzustand, mit dem Gedanken vertraut gemacht, etwa in äußerster Furcht vor den körperlichen Schmerzen doch einer Sache zuzustimmen, die meinem Gewissen widerspräche und mir Gottes tiefstes Mißfallen zuzöge."

(Thomas More an seine Tochter Margret, im Tower von London 1534)
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„Viele Menschen erkaufen sich die Hölle mit so großer und schwerer Arbeit,
dass sie mit der Hälfte davon den Himmel hätten erkaufen können.“

(Thomas Morus)
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"Wo hat die Natur je einen Geist gebildet, der liebenswürdiger, angenehmer und glücklicher wäre ah der des Thomas Morus?"

(Erasmus von Rotterdam)
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DER BUCHTIPP:

Peter Berglar:
Die Stunde des Thomas Morus : Einer gegen die Macht
490 S.. : Abb., Adamas Verlag, 1998. -
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Für die Ehrlichkeit in Gewissensfragen nimmt der große Brite und Heilige der katholischen Kirche Thomas Morus den Tod auf sich. Fesselnd schildert Berglar Morus' politische Karriere und die innere Biographie eines eher ängstlichen Mannes. "Seit langem die erste vollgültige Biographie ... Man hätte sie nicht gerechter, feinfühliger für Nuancen, lebensnäher erzählen können." (Golo Mann)

Richard Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal und die Idee der Kunstreligion








Wewers, Siegfried (Stefan): Richard Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal und die Idee der Kunstreligion / Siegfried (Stefan) Wewers. Diplomarbeit im Fach Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Münster. Prof. Dr. Arnold Angenendt [Gutachter]. - Münster, 1994. - 192 S.
zugl.: Münster, Univ./Kath.-Theol. Fakultät., Dipl.-Arb., 1994

DOWNLOAD hier:
>> http://de.scribd.com/doc/134376997/Diplomarbeit

oder

>> https://drive.google.com/file/d/0B7_d23E9EK0MZFRuQ2tVdlo5T0U/view?usp=sharing&resourcekey=0-TbqYBjEw692g_onDa5QTzw

VORWORT:

Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal stellt den Versuch dar, auf dem Höhepunkt, der durch fortschreitende Säkularisierung gekennzeichneten europäischen Neuzeit eine religiöse Wiedergeburt mit Mitteln der Kunst herbeizuführen. “Man könnte sagen“, schrieb Wagner 1880 in der Abhandlung Religion und Kunst, seinem philosophischen Kommentar zu Parsifal, “dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche die erstere im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen". Somit ist Parsifal also unleugbar ein Dokument der »Kunstreligion« des 19. Jahrhunderts und seiner Absicht entsprechend, dass Religion - oder deren Wahrheit - aus der Form des Mythos in die Kunst übergegangen sei, übernahm Wagner aus den mittelalterlichen Vorbildern seines Dramas, dem Perceval ou Le conte du Graal von Chrestien de Troyes, dem Parzival Wolfram von Eschenbachs und dem Roman de l'estoire del Graal von Robert de Boron, den religiösen Gehalt nahezu vollständig.

Parsifal gehört zwar zweifellos zur Gattung des Wagnerschen Musikdramas, hat aber zugleich Züge der kultisch-rituellen Handlung, des Mysterienspiels und des Oratoriums angenommen. In Wagners Parsifal sind verschiedene religiösen Strömungen, die in der Geschichte anzutreffen sind zur Synthese gelangt. Dem in den Werken Chretiens und Wolframs gespiegelten, dem sich außerhalb der kirchlichen Herrschaftsorganisationen entfaltenden (esoterischen) Christentum hat Wagner, der »Mittler des Mittelalter«, Schopenhauerisches Gedankengut, das Erlösungsdenken und die Mitleidsethik Buddhas und seine eigene "Regenerationslehre" hinzugefügt.

Somit stellt sich letztlich die Frage: Ist Wagners Parsifal dennoch ein christliches Werk? Diese Frage, hervorgerufen durch die christlich-sakrale Symbolik, auf die man in jenem Bühnenweihfestspiel immer wieder stößt, die die Interpretationsgeschichte des Werkes zu verschiedensten Ergebnissen ("Roms Glaube" [F. Nietzsche]; "hochreligiöses Weihespiel" [Th. Mann]; "das Ergebnis einer Privat-Theologie Richard Wagners...als ein Geflecht aus altpersischen, altindischen, christlichen Mysterien" [H. Mayer; ähnlich E. Bloch]) geführt hat, soll abschließend und gleichzeitig die Thematik zusammenfassend behandelt werden.

Walhalla-Wallen


Walhalla-Wallen

Wieder, trotz widriger Winde, `gen Walhall wallten
Wackere Wesen in Wagen auf weiten Wegen zur Walstatt
Wollen wie weiland Wagner erweisen wahrhafte Ehre.
Dragees und Dropse verdrückend in dräuendem Dunkel,
Die Gucker gerichtet auf jene in glimmendem Glast,

Warten sie willig auf Wotan, den wägenden Walter,
Venus verfluchend, die Tannhäuser trickreich betörte,
Bei Tristan Trost suchend, dem Tränentrockner Isoldes,
Lustvoll durchleidend mit Lohengrin lodernde Liebe,
Parsifals Prüfungen preisend, des holden Probanden,

Dessen gedenkend, der auf seiner Dschunke verdarb.
Zahlende Zuschauer zieren sich nicht zu zerquetschen
Die Hände, erheben sie, blutend durch brandenden Beifall.
Mögen die Mägen ermatteter Männer ermüden,
Gerötete Augen aufschrecken bei argem Applaus.

"Wehe dem wahnwitz`gen Wirker solch wuchtiger Weisen",
Schäumen im Stillen die Schläfrigen, schlapp im Gestühl,
Nie wieder wallen `gen Walhall ihr Wunsch ist.
Gegen die grollende Gattin sie grimmen vergeblich,
Die bebend, der Begum benachbart, um Bildung bemüht ist.

In Bayreuth beim Baumeister bindender Buhlschaft.
Doch wenn der Götter Groll grausam ein Ende gefunden,
Breitet im Fränkischen Friede vorm Vorhang sich aus.
Hoch auf dem Hügel herrscht himmlische Ruhe ein Jahr lang,
Ehe aufs Neue die Erde von ehernen Füßen erbebt.


(Bisher unveröffentlichtes Frühwerk eines unbekannten Mönches,
nach des Meisters Art geschrieben im Festspielsommer 1987)

Samstag, 2. Mai 2020

Herbert Huber: Nirvana und Ewigkeit. Östliches und Westliches in Richard Wagners Dichtungen


In dem Hauptwerke Arthur Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ finden sich einige Zeilen, die man, von heute aus geurteilt, als Prophezeiung zu lesen versucht sein könnte: „In Indien fassen unsere Religionen nie und nimmermehr Wurzel: die Urweisheit des Menschengeschlechts wird nicht von den Begebenheiten in Galiläa verdrängt werden. Hingegen strömt Indische Weisheit nach Europa zurück und wird eine Grundveränderung in unserm Wissen und Denken hervorbringen“ . Ist es nicht tatsächlich so, dass trotz der christlichen Missionierungsbemühungen unser Jahrhundert eine Renaissance ohnegleichen des Islam, des Buddhismus, des Hinduismus und vieler anderer teils archaischer teils stammesgebundener Religionen erlebt? Hat Schopenhauer also nicht recht, wenn er dem Christentum wenig Erfolgsaussichten bei jenen Kulturen einräumt? Und hat er nicht auch damit recht, dass es nicht bei der Selbstbehauptung der östlichen Religionen bleibt, sondern dass deren Vorstellungen – in einer gleichsam umgekehrten Missionierung – untereinander bunt vermischt nach Europa strömen? In der Hippie-Bewegung der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts finden wir eine vor allem bei Jugendlichen sehr breitenwirksame Sehnsucht nach der Auflösung des eigenen Ich in der quasi-mystischen Vereinigung mit weiteren Horizonten. Nachdem eine Zeit lang solche Entindividualisierung auf politischem Wege gesucht wurde, indem der Einzelne sich im Rahmen einer marxistischen Theorie auf eine gesellschaftliche Funktionsgröße reduzieren ließ, sehen wir seit längerem einen religiösen Supermarkt erblühen, dessen Angebot inzwischen von keltischen Druiden über feministische Hexen, buddhistisch inspirierte Sekten, okkulte und esoterische Heilslehren bis hin zu den sich philosophisch gebenden Spekulationen der Theoretiker des sogenannten „New Age“ reicht. Meditation, Loslösung vom Ich, Verschmelzung mit dem Ganzen, - das ist heute streckenweise sogar in den christlichen Kirchen zur Mode geworden. Das religiöse Verhältnis des Menschen zur Gottheit wird heute nicht selten ersetzt durch trunkene Gruppenerlebnisse und durch den als Naturfrömmigkeit mißdeuteten Einsatz für den Umweltschutz.


Türkheim, im Frühjahr 2002

Herbert Huber

>> Download des Manuskripts (PDF, 24 Seiten, 317k)

Richard Wagner: Die Leitmotive


Sämtliche Leitmotive zum Ausdrucken auf jeweils nur einem einzigen Blatt! - Unentbehrlich, praktisch und handlich für tiefsinnige Pausengespräche in der Oper. Diese Leitmotiv-Tafeln trotzen auch den geistlosesten und unmusikalischsten Regiesseuren!

"Irgendwann sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte." (Friedrich Nietzsche)


DOWNLOAD (PDF):

Der fliegende Holländer
Tannhäuser
Lohengrin
Tristan und Isolde
Die Meistersinger von Nürnberg
Das Rheingold
Die Walküre
Siegfried
Götterdämmerung
Parsifal

SCALA PARADISI (Scala Claustralium)



Guigo II. (+ 1193), Prior der Großen Kartause 1174 -1180
SCALA PARADISI (Scala Claustralium)

Da die regelmäßige Lesung der Heiligen Schrift zu den bedeutendsten Aufgaben des Benediktiners gehört, bestand die Frage nach unterstützender Literatur in unserem Noviziatsunterricht. Immer wieder stießen wir dabei auf den Verweis auf den unten angeführten Text; leider aber nie mit dem Hinweis auf eine aktuelle und kritische Ausgabe des Textes Guigos. Einzig der Hinweis auf die Übersetzung in Bianchis Buch war zu finden. Deshalb also hier eine zweisprachige Ausgabe des Textes der „Scala Paradisi“, die einerseits eine Übertragung, gleichzeitig aber auch den lateinischen Text berücksichtigt, soweit er im Moment zur Verfügung steht.

In der Hauptsache wurde für den lateinischen Text die Überarbeitung auf der Website der Grande Chartreuse verwendet. Nur wirklich deutliche Fehler wurden vermerkt und geändert. Hinweise hierzu sind ebenfalls in den Anmerkungen zu finden. Außerdem wurden abweichende Zitate aus der Schrift mit der Vulgata verglichen und in die Anmerkungen aufgenommen. Ich darf mich bei allen Mitarbeitern (insbesondere meinem Mitnovizen Bruder Ambrosius) an diesem Text mit einem „Vergelt´s Gott“ bedanken.

Weiterhin würde ich mich sehr freuen, wenn etwaige Leser dieses Textes sich mit Ihren Anregungen und Ihrer Kritik an mich wenden würden.

Sankt Ottilien, im Juni 2008

Br. Urban Liedtke OSB


Download (PDF, 21 S., 184k)

Abaelardus, Petrus: »Historia calamitatum« und Briefwechsel mit Heloise (geschrieben um 1135)



Abaelardus, Petrus:
»Historia calamitatum« und Briefwechsel mit Heloise (geschrieben um 1135)
Die »S..-and-Crime-Story« des Mittelalters schlechthin!


Petrus Abaelard (1079-1142) war eine der schillerndsten Gestalten im Frankreich des 12. Jahrhunderts. Seine wissenschaftliche Methode trug zur Entwicklung der Scholastik, seine Schulgründung zur Entsehung der Universität von Paris bei. Über seinen Lebensweg sind wir durch die autobiographische »Historia calamitatum«(Leidensgeschichte) bestens unterrichtet.

Die historia ist ein Brief an einen unbekannten Freund, der offenbar in einer schlimmen Lage ist. Abaelard antwortet zum Trost - so ganz unbekannt ist uns ja das allen nicht - mit seiner eigenen Leidensgeschichte, um zu zeigen, dass es ihm noch viel schlimmer ergangen sei:

Der hochbegabte und ehrgeizige Sohn eines Ritters betrieb Theologie und Philosophie (Dialektik) mit der Unerbitterlichkeit eines Tunierkämpfers, wodurch er sich zwar bei seinen Lehrern und Kollegen immer wieder äußerst unbeliebt machte, dafür aber mit großem Erfolg zum (akademischen) Superstar von Paris (Leiter der Hochschulen) forcierte. - Da begegnet er der 22 Jahre jüngeren Heloise. Abaelard begründet genau, warum er sich zielstrebig an die 17-jährige Nichte des cholerischen Domherrn Fulbert, heranmacht: Sie ist nicht nur schön, sondern auch gebildet, so dass man sich - selbst wenn man getrennt ist - praktischerweise Briefe schreiben kann. Der geizige Fulbert ist begeistert, als ausgerechnet der berühmte Abaelard bei ihm zur Miete wohnen will und anbietet, obendrein noch kostenlos als Hauslehrer für Heloise zur Verfügung zu stehen. Es kommt, wie es kommen muss:

Leseprobe: "Primum domo una coniungimur, postmodum animo. Sub occasione itaque discipline, amori penitus vaccabamus, et secretos recessus, quos amor optabat, studium lectionis offerebat. Apertis itaque libris, plura de amore quam de lectione verba se ingerebant, plura erant oscula quam sententie; sepius ad sinus quam ad libros reducebantur manus, crebrius oculos amor in se reflectebat quam lectio in scripturam dirigebat. Quoque minus suspicionis haberemus, verbera quandoque dabat amor, non furor, gratia, non ira, que omnium ungentorum suavitatem transcenderent. Quid denique? Nullus a cupidis intermissus est gradus amoris, et si quid insolitum amor excogitare potuit, est additum; et quo minus ista fueramus experti gaudia, ardentius illis insistebamus, et minus in fastidium vertebantur." (Anmerkung: Eine immer noch empfehlenswerte Methode um Kinder und Jugendliche vor pikanten Details zu schützen!)

Die Qualität der Vorlesungen des schlecht ausgeschlafenen Abaelard lässt nach. Er wendet sich, wie immer mit Riesenerfolg, der Lyrik zu. Den Studenten ist bald klar, was los ist. Bloß Fulbert kriegt monatelang nichts mit. Schließlich aber doch, woraufhin Abaelard natürlich aus dem Haus geworfen wird. Sein Ruf hat gelitten. Die Liebenden sind getrennt. Und: Heloise ist schwanger! Abaelard entführt Heloise eines Nachts und bringt sie aufs Land zu seiner Schwester, wo das Kind zur Welt kommt. Fulbert tobt vor Wut, kann aber Abaelard schlecht umbringen lassen, solange Heloise in der Obhut von dessen Familie ist. Abaelard verhandelt mit ihm: Er müsse schon entschuldigen, die Liebesmacht (vis amoris), und überhaupt, die Frauen... Das Verhandlungsergebnis: Abaelard ist bereit Heloise zu heiraten, unter der einzigen Bedingung, dass die Ehe geheimgehalten werde, um seine weitere kirchliche Karriere nicht zu gefährden. Fulbert ist einverstanden. Heloise ist gegen die Heirat. Sie will lieber Abaelards Geliebte bleiben und begründet mit einer überzeugenden, stilistisch perfekten und von Zitaten strotzenden Rede, dass es für einen Philosophen absurd sei, zu heiraten:

"Schüler und Kammerzofen, Schreibtisch und Kinderwagen! Bücher und Hefte beim Spinnrocken, Schreibrohr und Griffel bei den Spindeln! Wer kann sich mit Betrachtung der Schrift oder mit dem Studium der Philosophie abgeben und dabei das Geschrei der kleinen Kinder, den Singsang der Amme, der sie beruhigen soll, die geräuschvolle Schar männlicher und weiblicher Dienstboten hören? Wer mag die beständige widerliche Unreinlichkeit der Kinder gern ertragen? Reiche Leute wissen sich in dieser Beziehung zu helfen, das gebe ich zu, denn sie sind in ihren fürstlichen Räumen nicht beschränkt, sie brauchen in ihrem Überfluss nicht auf die Kosten zu sehen und die Sorge ums tägliche Brot liegt ihnen fern. Allein die Lage der Philosophen ist eine andere als die der Reichen und wiederum: wer nach irdischen Schätzen trachtet und in die Sorgen dieser Welt verwickelt ist, hat keine Zeit für göttliche oder philosophische Dinge". (Anmerkung: Diese für Eltern gut nachvollziehbare Argumentationskette sollten sich ganz besonders auch Kinder und Jugendliche zu Herzen nehmen!)

Abaelard lässt sich nicht warnen, und Heloise bleibt letztlich keine Wahl. Das Kind bleibt auf dem Land, die beiden heiraten in Paris in Anwesenheit Fulberts. Beide wohnen getrennt, Heloise wieder bei Fulbert. Der erzählt gegen die Abmachung von der Heirat herum, Heloise leugnet die Heirat ab, Fulbert verprügelt sie. Abaelard lässt Heloise (offenbar wiederum heimlich) zu ihrem Schutz in das Kloster bringen, in dem sie erzogen wurde. Um der Tarnung willen trägt sie dort auch Nonnentracht. Als Fulbert hört, dass Heloise in Nonnentracht im Kloster ist, meint er, Abaelard habe sie als Nonne ins Kloster gesteckt, um sie loszuwerden, und dreht vollkommen durch. Er beauftragt einige finstere Gesellen, Abaelard zu überfallen (ob er selbst dabei ist, wird nicht ganz klar):

"... nocte quadam quiescentem me atque dormientem in secreta hospitii mei camera, qoudam mihi serviente per pecuniam corrupto, crudelissima et pudentissima ultione punierunt, et quam summa admiratione mundus excepit: eis videlicet corporis mei partibus amputatis, quibus id quod plangebant, commiseram."

"Nachdem sie meinen Diener durch Geld gewonnen hatten, nahmen sie eines Nachts, als ich ruhig in meiner Kammer schlief, die denkbar grausamste und beschämendste Rache an mir, so dass alles darüber entsetzt war: sie beraubten mich dessen, womit ich begangen hatte, worüber sie klagten."

Zwei der Attentäter werden gefasst, sie werden selbst kastriert und geblendet, das Volk bedauert Abaelard. Dieser nimmt sein Schicksal bereitwillig als gerechte Strafe an und geht nach dem peinlichen Vorfall - zugegebenermaßen ohne rechte Überzeugung - ins Kloster:

"In dieser elenden Verzweiflung trieb mich weniger ein Verlangen nach Bekehrung - ich gestehe es offen - als die Verlegenheit meiner Scham in den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloisa hatte schon vorher auf mein Geheiß bereitwillig den Schleier genommen und war ins Kloster gegangen. Und so trugen wir nun beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St. Denis, sie im Kloster von Argenteuil ...".

"Ist die glänzende Karriere Abaelards damit etwa endgültig beendet?" - werden sich viele Männer jetzt fragen. - "Wie sieht es denn jetzt mit der Liebe aus?" - Eine Frage, die besonders Frauen interessieren könnte... Aber lesen Sie doch einfach eine der spannendsten und ergreifendsten Autobiographien der Weltliteratur (mitsamt dem leidenschaftlichen Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise) selbst zu Ende!

Historia calamitatum (PDF)
Briefwechsel mit Heloise (PDF)


Utopia Triumphans

Utopia Triumphans:
The Great Polyphony of the Renaissance: Tallis - Spem in alium ; Porta - Sanctus et Agnus Dei ; Desprez - Qui habitat ; Ockeghem - Deo gratias ; Manchicourt - Laudate dominum ; Gabrieli - Exaudi me domine ; Striggio - Ecce beatam lucem. -
Huelgas Ensemble, Paul Van Nevel
Sony Vivarte SK 66 261 - 52:46 Minuten.

Es gibt nur ganz wenige CDs, die - je öfter man sie hört - immer besser werden. Diese ist eine davon!

1516 schuf der hl. Thomas More (1477-1535) das Wort Utopia aus den griechischen Wörtern für "nirgends" und "Ort" (des Glücks), und in seinem gleichnamigen Werk kultivierte er ein Suchen und Streben nach diesem Ort. Und wenn Sie sich mit auf die Suche machen wollen, dann werden Ihnen diese visionären und grandiosen Musikstücke bestimmt weiterhelfen! Verborgene Bilder und imaginäre Welten, die an die Oberfläche kommen - raffinierteste Klangkombinationen und polyphone Effekte - sind vielleicht das spannendste Erlebnis beim Hören der vorliegenden Aufnahme. Auf der Suche nach neuen Horizonten haben die Komponisten der Renaissance etliche außergewöhnliche Werke geschrieben, für ungewohnt große Besetzungen und für seltene Stimmkombinationen. Neben den beiden vierzigstimmigen (!) Mammutchorwerken "Spem in alium" von Thomas Tallis und "Ecce beatam lucem" von Alessandro Striggio wird unter anderem ein 36stimmiger Kanon mit Namen "Deo gratias" geboten (als Komponist wird Johannes Ockeghem vermutet).

Paul Van Nevel, als Dozent für frühe Musik in Amsterdam und Genf tätig, gründete das Huelgas Ensemble (mein persönliches Lieblings-Ensemble, neben dem Choir of Westminster Cathedral und natürlich dem Bayreuther Festspielchor) im Jahre 1970. "Utopia Triumphans" bietet nicht nur ein außergewöhnliches Hörerlebnis mit geradezu hypnotischer Wirkung (mit Gänsehaut-Effekt, wenn man sich darauf einzulassen vermag) - auch das Booklet ist äußerst ergiebig und kurzweilig zu lesen. Für die Klangtechnik gilt ebenfalls: Nur das Beste vom Besten!



Zum Beethoven Jahr 2020

2020 feiert die ganze Welt den 250. Geburtstag von Beethoven.

Im Reigen der großen "Fidelio"-Aufnahmen nimmt Wilhelm Furtwänglers Studioproduktion von 1953 eine Ausnahmestellung ein. Es bedurfte immer eines besonderen Anstoßes, den großen Dirigenten ins Aufnahmestudio zu bringen. Furtwängler brauchte ein Publikum, um zur Höchstform auflaufen zu können, und deswegen stand er Schallplattenaufnahmen im allgemeinen skeptisch gegenüber.

Manchmal gelangen ihm aber auch Plattenproduktionen, die Ewigkeitscharakter beanspruchen dürfen. Zu diesen zählt ohne Zweifel der vorliegende "Fidelio", der im Oktober 1953 im Großen Musikvereinssaal in Wien aufgezeichnet wurde. Erstrangige Sänger standen ihm zur Verfügung. In der Titelpartie ist die unvergessene Martha Mödl zu hören und zu erleben, und man hat das Gefühl, daß es keiner Künstlerin vor oder nach ihr gelungen ist, ein solches in allen Teilen überzeugendes Rollenporträt zu gestalten. Was reine Stimmschönheit betrifft, kann man bei Frau Mödl durchaus geteilter Meinung sein, hier könnte man Vergleiche zu Maria Callas ziehen, aber darstellerisch ist ihre Leistung nicht zu toppen. Ihr zur Seite steht Wolfgang Windgassen, der große Wagner-Sänger auf dem Grünen Hügel nach dem Zweiten Weltkrieg, der die Rolle des Florestan gut und rollendeckend meistert. Alle übrigen Partien sind hervorragend besetzt, Gottlob Frick (Rocco), Otto Edelmann (Don Pizarro) und Alfred Poell als Minister Don Fernando. Ein ganz großes Kompliment ist noch Sena Jurinac zu machen, die aus der Marzelline fast eine Hauptrolle zu machen versteht. Selbst Rudolf Schock als Jaquino war keine schlechte Wahl (er singt übrigens auch, was in der Beilage nicht vermerkt ist, den ersten Gefangenen in der großen Chorszene).

Der Chor der Wiener Staatsoper ist eine glänzende Formation, der großartige, fein abgestufte Gefangenenchor zum Schluß des 1. Aktes ist einer der zahlreichen Höhepunkte der Aufnahme. Über die Wiener Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler braucht man eigentlich kein Wort mehr zu sagen, Seiten wären zu füllen, wollte man ihren Leistungen voll gerecht werden.

Ich verzichte diesmal mit Bedacht darauf, Vergleiche zu anderen Aufnahmen anzustellen, so gut diese im einzelnen auch sein mögen. Furtwänglers Wiener "Fidelio" ist eine Spitzenleistung, die in den CD-Olymp aufgenommen gehört.