Donnerstag, 27. Juli 2006

"JEDE WAHRHEIT BRAUCHT EINEN MUTIGEN, DER SIE AUSSPRICHT"


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde!
Vor einer Woche ist mir in München eine groß angelegte Werbekampagne in die Augen gefallen: An jeder Ecke riesige Plakate, mit großen Persönlichkeiten aus der Weltgeschichte: Albert Einstein, Mahatma Gandhi, Galilei mit Fernrohr. Und über jedem Portrait stand – unübersehbar – immer der gleiche Spruch: „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“. -

„Ganz schön raffiniert!“ habe ich mir gedacht. Hier soll auf ein Produkt aufmerksam gemacht werden, das man mit „unbequemen Wahrheiten“ verkaufen will. – Und ich habe dann gleich an das heutige Evangelium gedacht und an Jesus: „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“.

Genau das hat Jesus getan, - und er hat sich damit ziemlich unbeliebt gemacht. Das Ergebnis: Die Menschen sind ihm in Scharen davongelaufen, nur zwölf Jünger blieben am Ende übrig.

Aber was hat Jesus denn eigentlich Schlimmes getan? Was hat man ihm so übel genommen? - Erinnern wir uns: Vorausgegangen waren viele spektakuläre Wunderheilungen und zuletzt die wunderbare Speisung der 5000. – Das hätte man gerne jeden Tag. So einen Jesus ließe man sich gefallen: „Brot und Spiele“. Jesus sieht, dass die Menschen den wahren Hintergrund seiner Wunder nicht verstehen. Er klärt sie über seine Sendung und Herkunft auf und behauptet Jesus: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.“ Und dann noch viel konkreter: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch!“

Und Jesus schwächt seine Worte nicht ab, er verweist nicht auf ein Bild oder Gleichnis: Ja, man muss „ihn essen und trinken“. Gleich mehrmals betont er das. - Das erscheint vielen dann doch als vollkommen unverständlich: Unglaublich, weil es unser Begreifen übersteigt. „Gedachter Kannibalismus“ lautete auch Jahrhunderte später noch der Vorwurf einiger Reformatoren (Calvin und Zwingli). Und so ist es in dieser Frage zu einer Glaubensspaltung gekommen.

Sobald Jesus konsequente Forderungen stellt, wird es unbequem. Für all diejenigen, die ihre ganz persönliche Vorstellung vom Heil verfolgen, wird es in der Nähe Jesu irgendwann zu abenteuerlich. - Jesus als der liebe Freund, der mir immer hilft, mich immer versteht und mir alles verzeiht: Ja.

Aber umgekehrt? : Auf Jesus „blind“ vertrauen, an seine Worte und Gebote glauben, auch wenn man sie gedanklich nicht so einfach nachvollziehen kann. – Das bereitet Schwierigkeiten, wird oft unbequem und will nicht so richtig schmecken.

Es gibt sie heute die Produkte die unser Leben angeblich noch schöner und leichter machen: Margarine mit 50% weniger Fettanteil und das „Light-Bier“ mit 50% weniger Alkoholgehalt. - Aber einen „Jesus light“, dem man nur die Hälfte glauben kann, den gibt es nicht! - Die Botschaft Jesu darf nicht verwässert werden. Einmal erkannte Glaubenswahrheiten lassen keine falschen Kompromisse zu.

Deshalb kann es in Glaubensfragen auch keine Halbwahrheiten geben. Jesus drängt sogar zur Entscheidung, auch wenn er dabei Gefahr läuft von allen verlassen zu werden. Er fordert von uns eine klare Entscheidung und Antwort auf die Frage, für wen wir ihn halten und ob wir an ihn glauben: Jesus möchte, dass der Mensch in aller Freiheit Ja sagt zur Liebe Gottes.

Interessant ist, was man heute oft so zu hören bekommt, auf die ganz konkreten Fragen, die das Evangelium uns stellt: Glaubst du an Gott? An welchen Gott glaubst du? – Oder: Für wen hältst du Jesus? - Vielleicht ahnen Sie schon die Antworten, die man heute oft hört: „Ich habe mich nie festgelegt, ich bin in Glaubens-Dingen nicht festgelegt und möchte mich auch nicht festlegen“, oder „ich bin weltoffen und nicht von gestern“.

Das Problem lässt sich ziemlich schnell auf den Punkt bringen: Es gibt oft überhaupt keinen eigenen Standpunkt mehr, - keine eigene Glaubensentscheidung. Und was man leider auch immer öfter beobachten kann: Wie viele Menschen uns heute ihre eigene Glaubensschwäche dann auch noch als Zeichen großer Toleranz verkaufen möchten. Es stimmt: „Die Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ Aber hier würde ich die Sache dann doch eher umdrehen: „Die Lüge braucht immer einen Dummen, der auf sie hereinfällt.“

Glaubensschwäche hat mit echter Toleranz wenig zu tun. - Toleranz darf nicht mit eigener Profillosigkeit verwechselt werden. - In unserer Zeit sagen viele nur noch das, was alle hören wollen. Ein Politiker richtet sich so sehr nach Meinungsumfragen, dass er bei einer Demonstration gegen seine eigene Person mitmacht - wenn´s denn sein muss ( - so wie in Österreich Jörg Haider in vor einigen Jahren). - Aber Jesus ist weder Politiker noch Diplomat. Er bleibt seiner Berufung treu: lieber lässt er auch noch die 12 gehen, als dass er auf Stimmenfang geht. „Wollt auch ihr gehen“ fragt Jesus. Die Antwort des Petrus ist bekannt: “Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“

Liebe Brüder und Schwestern,
vor einigen Jahren habe ich genau diese Worte als Primizspruch ausgewählt und auf die Einladungskarten und Andachtsbildchen für meine Priesterweihe drucken lassen. – Warum gerade diese Worte? –

Weil diese Worte mich immer wieder getröstet haben, wenn ich alles hinschmeißen wollte. Krisen gibt es vor der Priesterweihe, und natürlich auch danach noch, genügend, - in der Ehe und Familie natürlich auch. – Auf jeden Fall habe ich mir dann immer wieder genau diese ganz einfache und realistische Gegenfrage gestellt: „Zu wem soll ich dann eigentlich gehen?“ Was wäre die Alternative?
Und ich bin dann immer wieder genau zu dieser Petrus-Antwort gekommen: Es gibt eigentlich keine andere Alternative. Nur „du hast Worte des ewigen Lebens. Ich bin zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“

Aber für mich bedeuten diese Worte aber noch mehr: Es gibt eine Wahrheit. Und diese Wahrheit lässt sich in Christus finden und erkennen. Glauben und Erkennen gehören zusammen. Papst Benedikt hat das einmal sehr schön ausgedrückt: „Gott hat uns nicht seinen Sohn geschickt, damit wir weiter im Dunkeln herumtappen.“ Zum Glauben und Erkennen der Wahrheit führt Gott also selbst.

„Jede Wahrheit braucht einen mutigen, der sie ausspricht“, stand da auf den Werbeplakaten in München. – Aber welches Produkt steckt da eigentlich dahinter? - Am Ende der Predigt will ich es ihnen verraten: Es ist die bekannte Boulevardzeitung mit den vier großen Buchstaben: Weiß auf Rot. –
Überlassen wir das verkünden von Wahrheiten also doch besser nicht der Bild- oder Abendzeitung und tun es lieber selbst. - Singen wir gleich beim Credo lieber etwas lauter und aufmerksamer mit: „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ –

AMEN.

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Predigt für den 21. Sonntag im Jahreskreis (B) am 27. VII. 2006 (Konventamt, St. Ottilien)


Evangeliumstext (Joh 6, 60-69)

In jener Zeit sagten viele der Jünger Jesu, die ihm zuhörten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?
Jesus erkannte, daß seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß?
Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war?

Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben. Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wußte nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.

Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.

Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?
Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.
Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Donnerstag, 15. Juni 2006

UNSERE HEIMAT IST DER HIMMEL


Liebe Brüder und Schwestern!

Die Eucharistiefeier ist das Zentrum unserer Glaubens. Hier treffen wir uns - ob jung oder alt, ob modern oder eher altmodisch. Hier kommen wir zusammen, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Wir sind geladen an den Tisch des Herrn. Nun ist es aber kein Geheimnis, dass das gemeinsame Essen nur ein sehr dürftiges Zeichen ist: Viel zu essen gibt es im Gottesdienst nicht, vom trinken ganz zu schweigen. Und gemeinsam tun wir es auch nicht: Alles geht hier schön nach der Reihe. Wir stehen eher in einer Schlange, wie in einem Supermarkt. Das stört vielleicht?! - Viele, die einen Gottesdienst vorbereiten, sind bemüht, den Gedanken des gemeinsamen Essens, des Mahl-Haltens, deutlicher herauszuheben. - Aber das stößt sehr schnell an seine Grenzen: Was wir hier im Gottesdienst feiern, kann nicht an ein wirklich gemütliches Essen herankommen. Und ein Schnitzel mit Pommes im Gasthaus macht allemal eher satt als ein kleines Stückchen Brot, dem sogar noch die Hefe fehlt.

Um dem abzuhelfen, werden hier und da Tischmessen angeboten; in kleineren Gruppen wird manchmal zur Eucharistiefeier richtiges, frisches, selbstgebackenes Brote genommen; der Tisch wird festlich gedeckt. - Man tut alles, um den Mahlcharakter in den Vordergrund zu stellen. - So gutgemeint, wie diese Versuche allerdings sind: Der Mahlcharakter steht absichtlich nicht im Vordergrund. Ganz bewusst hat die Eucharistiefeier nur nebenbei Ähnlichkeit mit einem Mahl.

Der Ursprung geht auf das Paschamahl zurück, kurz vor dem Auszug aus Ägypten. Da ist keine Rede von einem gemütlichem Beisammensein: Stehend soll gegessen werden, den Mantel und Gürtel bereits angelegt. Hastig soll gegessen werden, denn der Aufbruch ins gelobte Land steht kurz bevor. Man sitzt nicht im Kreis: Alle sollen zur Tür hin stehen, hintereinander, nebeneinander: Denn es ist der Vorübergang des Herrn. Was verzehrt wird, ist ungesäuertes Brot: Denn es war keine Zeit, die Hefe gehen zu lassen; man ist schon unterwegs. All dieses zerstört den Mahlcharakter, ist aber wesentliches Element jeder Eucharistiefeier: Wir sind unterwegs. Jede hl. Messe dient der Stärkung auf unserer Lebensreise. Das wirklich gemütliche Mahl mit reich gedecktem Tisch erwartet uns im Himmel - hier müssen wir uns mit dem dürftigen Brot zufrieden gegeben.

Wir sind kein in sich abgeschlossener Kreis, der sich um den Tisch versammelt; wir sind ein Pilgerzug auf dem Weg in das gelobte Land - wie die Israeliten. Wir sind eben noch nicht angekommen. Wir gehen zur Kommunion, - einer nach dem anderen. Das Essen dauert nur einen kurzen Augenblick; dabei kann von Gemütlichkeit gar nicht die Rede sein.

Und dass der Leib des Herrn, der uns gereicht wird, nur den Geist und die Seele stärkt, den Körper aber kaum satt macht - all das ist viel wichtiger als die Form des Festmahles mit reich gedecktem Tisch. Die Gemeinschaft, die wir erfahren, ist nicht in erster Linie Tischgemeinschaft, sondern WEGGEMEINSCHAFT. - Wir sind noch nicht am Ziel unseres Lebens. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern - und auch erinnern lassen- , dass wir es uns hier auf der Erde nicht zu dauerhaft einrichten: Unsere Heimat ist im Himmel.

Und deswegen hat Jesus auch nicht die Agapefeier, das gemütlich Ritual der Tischgemeinschaft (mit den Sündern und Zöllnern) gewählt, sondern das hastige und ungemütliche Paschamahl: Als Form für sein Andenken. Und ganz besonders deutlich wird unser Auf-dem-Weg-sein mit dem Herrn gleich bei der heutigen Prozession. Der Herr begleitet uns auf unseren oft schwierigen Lebensweg.
Amen.

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Predigt für das Hochfest Fronleichnam (B) am 15. VI. 2006 (in Petzenhausen, Landkreis Landsberg a. Lech)

Samstag, 20. Mai 2006

Carl Lazzari




Im Kloster Sankt Ottilien malte Carl Lazzari das Leben Christi

"Die Bergpredigt" aus dem Bilder-Zyklus von Carl Lazzari für die Benediktinerabtei St. Ottilien 2006.

Sankt Ottilien (KNA) Wenn Jesus heute in Bayern leben würde, dann hätte er eine dunkelblaue Jeans und ein blutrotes T-Shirt an; der Sohn Gottes würde im Starnberger See getauft und als Terrorist verfolgt werden - so stellt sich zumindest Carl Lazzari die Ankunft Christi im 21. Jahrhundert vor. Entsprechend hat dies der englische Künstler in seinen Bildern auch umgesetzt. Drei Jahre lebte er im Kloster der Missionsbenediktiner im oberbayerischen Sankt Ottilien, aß gemeinsam mit den Mönchen, unterrichtete an deren Gymnasium Kunst und englische Poesie und schuf an den Nachmittagen zwölf mannshohe Gemälde in Öl.

In seinen Werken überträgt Lazzari die Geschichte Jesu von der Verkündigung bis zur Kreuzigung und Auferstehung in die heutige Zeit: Wie würden die Menschen in Sankt Ottilien Jesus empfangen? Was würde er hier sehen können? Für den 72- jährigen Maler zählt die Gegenwart: "Ich lebe im Jahr 2006, also bin ich ein Maler des Jahres 2006", sagt der Künstler und wehrt ab, wenn er sich selbst in eine bestimmte Kunsttradition einordnen soll. "Meine Gemälde sind modern, weil sie zeitgenössisch sind und nicht, weil sie einer bestimmten Mode folgen."

In dem Zyklus "Auferstehung: Ein Leben Jesu Christi" stehen Menschen im Vordergrund: Mehr als 130 Personen hat Lazzari für seine Bilder porträtiert, und jede Bildfigur findet ihr Gegenstück in der wirklichen Welt. Pater Rochus Wiedemann etwa hat für Jesus Modell gestanden, und Maria ist eine blonde Schülerin des Gymnasiums von Sankt Ottilien.

Das Kloster ist die Kulisse für Jesu Leben: Zur Geburt Christi kommen Mönche und Schüler vor dem großen Bauernhaus der Erzabtei zusammen, auf einem anderen Gemälde ist Jesus zu sehen, wie er im Portal der Abteikirche steht und voll Zorn die Geldverleiher aus dem Gotteshaus jagt. Für die Kreuzigungsszene hat Lazzari das große Steinkreuz verwendet, das sonst am Eingang zum Friedhof von Ottilien steht.

Lazzari bezeichnet sich selbst als einen Atheisten. Um den Zwiespalt zu überwinden, dass er den historischen Jesus zwar faszinierend findet, aber nicht an ihn glauben kann, hat er jedes Bild für einen befreundeten Gläubigen gemalt und diesen mit in das Bild aufgenommen.So ist am rechten Rand der Verkündigung Mutter Irene Dabalus, Generaloberin der Tutzinger Missions-Benediktinerinnen, zu sehen; Pastor Ephraim Satuko aus Simbabwe wiederum ist ein stiller Beobachter der Szene, wie Jesus die Händler aus dem Tempel vertreibt. Auf dem Gemälde der Kreuzigung ist als Hauptporträt ein muslimisches Mädchen abgebildet: Lazzari lernte Munelera 1995 in einem Flüchtlingslager in Bosnien kennen, wo er sich um vom Krieg traumatisierte Kinder kümmerte. Das Mädchen hatte kurz zuvor ihre gesamte Familie verloren: "Sie weiß, was es heißt, gekreuzigt zu sein."

Auf Einladung des Erzabtes von Sankt Ottilien, Jeremias Schröder, kam Lazzari in das Kloster. Bei einer Pilgerreise durch Italien hatten sich die beiden kennengelernt. Nun darf Erzabt Jeremias sich über das "Evangelium von Sankt Ottilien" freuen, wie er den Bilderzyklus nennt: "Hier in Sankt Ottilien sehen wir Jesus immer nur auf uralten Gemälden. Aber Carl hat Jesus bei uns und unter uns entdeckt."

>> DOWNLOAD: KATALOG ZUR AUSSTELLUNG (PDF)

>> DOWNLOAD: Das Handbuch: Resurrection - a life of Jesus Christ (PDF / 209 S.)

Samstag, 13. Mai 2006

KlosterZeit : in der Stille


KlosterZeit : in der Stille / hrsg. von Christian Leven. Mit Fotogr. von Werner Richner. - Stuttgart : Kreuz, 2005. - [124] S. : übrw. Ill. - ISBN 3-7831-2532-4

Bildbände über Klöster sind in. Nicht erst nach Philip Grönings Kinoereignis „Die große Stille“ versuchen zahllose Fotografen das „Geheimnis“ klösterlicher Kontemplation und Stille auch im Bild festzuhalten. So auch dieser Bildband mit den zahlreichen, oft doppelseitigen Fotografien von Werner Richner. Man sieht eine Vielzahl europäischer Klöster, Klostergärten, Kreuzgänge, Mönche, Refektorien, Bibliotheken oder die Landschaften im Umfeld. Teilweise werden die Bilder ergänzt durch von Christian Leven ausgewählte Zitate von christlichen Mystikern, Philosophen und Theologen wie Meister Eckhart, Johannes Tauler oder Pierre Teilhard de Chardin, die zu Meditation, Stille und Schweigen anregen sollen. Zwar wird eine Gliederung des Buches durch Überschriften, die sich am monastischen Stundengebet und Tagesablauf (Vigil, Laudes, Terz, Sext usw.) orientieren, vorgegeben, dem Rezensenten scheinen die Bilder und Texte aber trotzdem beliebig austauschbar zu sein.

Die Druckqualität der oft sehr stimmungsvollen Bildaufnahmen von Werner Richner ist in der Regel zufriedenstellend, manchmal leider jedoch etwas unscharf und „grobkörnig“. Die Motivauswahl ist durchaus ansprechend, wirkt jedoch vielleicht, gerade wenn Personen zu sehen sind, doch etwas gestellt und „gekünstelt“: Wann wird man schon in einer alten Klosterbibliothek einen Mönch, der einen alten, sehr schweren Folianten, den er stehend mit nur einer Hand hält, lesend antreffen? - In meiner bald zehnjährigen Zeit als Klosterbibliothekar habe ich ein so (zu) schönes Bild leider bisher noch nie gesehen.

Am Ende des Bandes findet man eine einseitige Bildlegende, die die zahlreichen Klöster auflistet, in denen die Fotografien gemacht wurden. Und hier liegt denn m.E. auch der eventuelle Nutzen eines solches Bildbandes: Vielleicht wird er den einen oder anderen Leser doch dazu anregen, in einer Zeit, die immer mehr von Rastlosigkeit und Hektik geprägt wird, das ein oder andere Kloster aufzusuchen, um dort Ruhe und Stille, Zeit für sich selbst und für Gott zu finden.

P. Siegfried Wewers OSB

(Rezension für die ORDENSKORRESPONDENZ)

Freitag, 12. Mai 2006

Buchtipp des Tages: Gottes Weber : das Leben des heiligen Antonio Maria Claret


Porath, Silke:
Gottes Weber : das Leben des heiligen Antonio Maria Claret ; Roman / Silke Porath. - Waldsolms: Gipfelbuch-Verl., 2006. - 425 S.
ISBN 3-937591-21-4

Passend zum 200. Geburtstag Clarets (1807-1870) schrieb die junge deutsche Journalisten Silke Porath (Jahrgang 1971) ihren ersten biografischen Roman „Gottes Weber“. Ein in unserer Zeit recht ungewöhnliches Unternehmen, da Heiligenbiografien in Romanform heute nicht mehr zeitgemäß zu sein scheinen: Es ist ein Wiederbelebungsversuch des Historienromans. Man fühlt sich etwas an die bekannten hagiografischen Romane wie beispielsweise „Der Pfarrer von Ars“ oder „Der Bettler von Granada“ von Wilhelm Hünermann erinnert, der es in den 50er und 60er Jahren bestens verstand, fesselnde „Lebensbilder“ großer Persönlichkeiten zu zeichnen.

Und auch in „Gottes Weber“ stehen somit nicht in erster Linie Zahlen, Daten und Fakten im Vordergrund, diese werden als Anhang in tabellarischer Form am Endes des Buches korrekt nachgeliefert, sondern die „Lebensgeschichte“ Clarets. So schreibt die Autorin: „Mein Anliegen war es, den Menschen Claret zu zeigen. Um dies möglich zu machen, habe ich zum Mittel der Fiktion gegriffen. So stimmen Zeitenfolge und die Begegnungen mit Menschen, die mir als Vorlage für die literarischen Figuren dienten, nicht immer mit der Realität überein. Einige Personen in meinem Buch haben wirklich gelebt. Manche sind meiner Phantasie entsprungen ... Dieses Buch ist der Versuch, eine Vision und einen Visionär zu zeigen, der bis heute Vorbild sein kann.“

Die Autorin erzählt die Geschichte des hl. Antonio Maria Claret, eines jungen spanischen Webers zur Zeit Napoleons, der gegen den Widerstand seines Vaters den Familienbetrieb in Sallent verlässt und die berufliche Ausbildung aufgibt um Priester und Ordensmann zu werden.

Auf „Ratschlag“ der Gottesmutter Maria, die ihm seit seiner Kindheit bis zu seinem Tode immer wieder regelmäßig erscheint, gibt er aber seinen Wunsch Kartäuser zu werden schließlich auf und möchte von den Menschen von nun an als Wanderprediger helfen: "Mehr Menschen erreichen, alle erreichen, die Armen überall, ihnen beistehen“, das ist sein sehnlichster Wunsch. Und das schreibt er 1839 nieder und sendet sein Gesuch schließlich an den Bischof. Sein Gesuch wird erhört. Claret wird zu einem begnadeten Volksmissionar in seiner Heimat Katalonien. Von dort aus beginnt er seine entbehrungsreiche Reise durch das zerrissene Land, später durch halb Europa.

1847 gründet er mit fünf Brüdern die „Kongregation vom Hl. Unbefleckten Herzen Mariens“ und 1849 die „Bruderschaft von der christlichen Lehre“ (Claretiner). Kurze Zeit darauf wird er zum Bischof von Kuba ernannt und muss seinen Konvent verlassen. Gleich nach seiner Ankunft begreift er, dass eine Erneuerung des christlichen Lebens unbedingt notwendig ist. Er organisiert eine Reihe Missionskampagnen, an denen er sich selbst beteiligt, um das Wort Gottes in alle Ortschaften zu tragen. Nach einem Attentat ist er lange Zeit mit schweren Verletzungen ans Bett gefesselt. Seine Genesung geschieht aber wundersamerweise mit Hilfe der Jungfrau Maria binnen einer einzigen Nacht. Obwohl Claret in seiner asketischen, nach innen gerichteten Lebenswelt nie nach Einfluss, Rang und Stellung strebt, führt sein Weg weiter nach oben. 1857 wird Antonio Claret an das spanische Königshaus als persönlicher Beichtvater der jungen Regentin Isabella II. gerufen, dessen Kinder er in der Theologie erzieht und auch für Isabella selbst bald zu einer Vaterfigur wird. Die Dienste am Hof füllen weder die Zeit noch den apostolischen Geist Clarets aus. Darum weitet er seine Aktivität auf die Stadt aus. Er predigt und hört Beichte, schreibt Bücher, besucht Gefängnisse und Krankenhäuser.

Infolge der Septemberrevolution von 1868 geht er mit der Königin ins Exil. Zur Feier des goldenen Priesterjubiläums von Papst Pius IX begibt er sich nach Rom und nimmt an der Vorbereitung des Ersten Vatikanischen Konzils teil. Nach dem Ende der Sitzungen ist Claret gesundheitlich so stark angeschlagen, dass er sich in die Gemeinschaft, die seine Missionare in Prades (Südfrankreich) hatten, zurückzieht. Selbst dort erreichen ihn seine Verfolger, die ihn gefangennehmen und nach Spanien bringen wollen, um ihn dort vor Gericht zu stellen und abzuurteilen. Claret muss wie ein Straftäter fliehen und sucht im Zisterzienserkloster Fontfroide Zuflucht, wo er, umgeben von der Zuneigung der Mönche und einiger seiner Missionare am 24. Oktober 1870 im Alter von 63 Jahren stirbt. - Am 25. Februar 1934 wurde er von Papst Pius XI. seliggesprochen. Pius XII. sprach ihn am 7. Mai 1950 heilig.

Silke Porath gelingt es, die „Lebensgeschichte“ Clarets mit einer flüssigen, intensiven und sehr bilderreichen Sprache umzusetzen und zu einem angenehm zu lesenden Gesamtwerk zusammenzufügen. – Allerdings ist ihr Sprachstil aber vielleicht manchmal doch etwas „zu bilderreich“, was besonders bei den Visionen, beispielsweise bei der Marienerscheinung nach dem Attentat an Clarets Krankenbett auffällt:

»Ich schlafe nicht«, will Claret sagen, doch der dicke Verband legt sich kühl auf sein Gesicht. »Ich fürchte mich«, denkt er und sieht hinter seinen geschlossenen Augen das lächelnde Gesicht seiner Schwester. Langsam schwebt die Mädchengestalt höher und höher, erhebt sich in die Luft. Nebel umgibt die Gestalt, Rosa verblasst, ihre warme Stimme wird leiser, verstummt und aus dem Nebel formt sich das lächelnde Antlitz der Heiligen Jungfrau.
»Fürchte dich nicht, Antonio Claret«, lächelt Maria den Kranken an. »Fühlst du denn nicht mehr das Feuer der Gnade, das Glück, dass dein Blut im Namen meines Sohnes vergossen wird?«
Die Erscheinung hebt die Hand, als wolle sie den schlafenden Claret streicheln. Heiß und wohlig durch­strömt eine Welle aus Liebe und Glück den Körper des Erzbischofs, wärmt seinen Magen, sein Herz und legt sich wie ein Schleier auf die pochende klaffende Wunde in seinem Gesicht. Sanft scheint die Heilige Jungfrau ihre Hand auf die Wange des Priesters zu legen. Wie tausend Stiche fährt die Berührung Claret ins Gesicht, er kann sich selbst sehen, wie er wund und schwach im Bett liegt, er sieht den weißen Kieferknochen, der durch das Fleisch seiner Wange schimmert, den Riss, der quer über sein Gesicht geht.
»Vertraue mir«, flüstert die Jungfrau. Dann wabert der Nebel hoch, sanft streicht die Erscheinung über den aufgeschnittenen rechten Arm des Bischofs, seine Hand zuckt, will nach der Gestalt greifen. Doch der Nebel wird dichter und es bleibt nur noch ein Gedanke für Antonio Claret — der Glaube an die Hilfe und Gnade der himmlischen Mutter. (S. 300)

Solche Textpassagen bleiben natürlich „Geschmackssache“. - Aber vielleicht fehlt es dem Rezensenten hier aber auch einfach etwas an Fantasie (und Erfahrung), weil er zu „verkopft“ denkt? - Biographische Romane sind für jeden Autoren eine schwierige Übung, gilt es doch möglichst genau bei den historischen Fakten zu bleiben und trotzdem noch Spannung zu erzeugen. Wenn dann die handelnden Personen dann auch noch fest im Glauben verwurzelt sind und dazu auch noch Visionen haben, erhöhen sich diese Probleme nochmals zusätzlich.

Letztendlich hat Silke Porath diese Probleme aber sehr gut zu bewältigen gewusst. „Gottes Weber“ bringt uns den hl. Antonio Claret als einen Menschen und eine faszinierende Persönlichkeit nahe, der seinem Glauben und seiner Berufung - trotz der vielfältigen Versuchungen und versuchten Einflussnahmen - treu bleibt und darin die Erfüllung seines Lebens findet. Darüber hinaus erfährt man, dank hervorragender Hintergrundrecherchen, viel über die Zeit und die Lebensumstände der Menschen im Umkreis des Heiligen: Ein sehr detailreicher, spannender und beeindruckender Historienroman, den man auch den jungen Menschen nicht vorenthalten sollte, die es heute noch wagen, einen Roman mit über 400 Seiten in die Hand zu nehmen.

P. Siegfried Wewers OSB

(Rezension für die ORDENSKORRESPONDENZ)




Donnerstag, 11. Mai 2006

Auch die Seele kennt Tag und Nacht


Martini, Carlo M.:
Auch die Seele kennt Tag und Nacht : Reflexionen für Zeiten innerer Prüfung / Carlo Maria Martini. [Aus dem Ital. von Wolfgang Bader] - München : Verl. Neue Stadt, 2005. - 78 S. - ISBN 3-87996-636-2

Carlo M. Kardinal Martini, einer der am meisten gelesenen geistlichen Autoren unserer Zeit, gibt dem Leser mit diesen Reflexionen „Auch die Seele kennt die Nacht“ eine nützliche Hilfe, die Zeiten innerer Prüfung zu deuten und zu bestehen. Dabei geht es dem langjährigen Erzbischof von Mailand darum, den Wechsel von hellen Tagen und von Zeiten der Finsternis in unserem Inneren, die Grunderfahrung eines wohl jeden Menschen, im Licht des Glaubens zu begreifen und anzunehmen: „Wir schauen auf die inneren Tiefen und Windungen des menschlichen Herzens. Wir versuchen zu unterscheiden, was Gott tut und was eine Auswirkung des Bösen ist“ (S. 8). Der Autor weist selbst darauf hin, dass seine Überlegungen und Betrachtungen in großer Nähe zu Regeln aus dem Exerzitienbüchlein des hl. Ignatius von Loyola stehen, die auch unter dem Begriff „Unterscheidung der Geister“ bekannt wurden: „Darin verbirgt sich ein großer Schatz von psychologischen Intuitionen“ (S. 9).

Im ersten Kapitel betrachtet Martini die „Nacht der Sinne“, Gefühle und Empfindungen die nicht unseren Werten und Überzeugungen entsprechen. Es sind dies die Zeiten der inneren Trostlosigkeit: „Dunkelheit der Seele, Verwirrung in ihr, Regung zu niederen und irdischen Dingen, Unruhe von verschiedenen Bewegungen und Versuchungen (Nervosität, Anspannung und negative Besetztheiten), Momente in denen die Seele träge, lau, traurig, ohne Liebe und Hoffnung ist.“ Nach einem Blick auf das Leben der Mutter Jesu, als vorbildhaftes Beispiel einer Begegnung und Überwindung der „Nacht des Herzens“, gibt Martini drei ganz konkrete Anregungen und Hilfen, um diese Zeiten der „dunklen Nächte“ und Trostlosigkeit auch zu überwinden: 1. Sich nicht wundern! – 2. Keine Entscheidungen fällen! – 3. Weiter beten!

Gerade in diesen kurzen, prägnanten und praktischen Hilfestellungen für die Zeiten der inneren Trockenheit im alltäglichen Leben liegt m.E. der ganz besondere Wert und praktische Nutzen dieses Büchleins. Abgeschlossen wird das Kapitel, wie auch alle folgenden, durch Denkanstösse und „Anregungen zum Nachdenken“ die jeweils danach fragen, was die Erfahrungen, die Maria und andere Personen gemacht haben, für uns heute bedeuten könnten.

Und auch im zweiten Kapitel „über die Nacht des Glaubens“ kommt Martini, wenn er den amerikanischen Geistlichen T. Green zitiert, gleich auf die praktische Ursache dieser „Glaubensnacht“ zu sprechen. „Wir gehen zu einem Gebetskreis, in eine Kirche, wir nehmen teil an einer liturgischen Feier, und wir erwarten, dass wir in uns etwas spüren. Spüren wir nichts, gewinnen wir den Eindruck, wir wären innerlich erkaltet. Das heißt, wir setzten das Beten gleich mit ,etwas spüren’ ... Viele von uns sind gewohnt, sofort das Ergebnis von dem zu sehen, wofür sie sich einsetzen. Und daran finden sie Gefallen. Daher blockiert es unseren Glaubensweg, wenn das Gebet nicht reich an guten Gedanken, an innerem Schwung, an tiefem Licht ist. Doch die Zeiten, in denen wir nichts spüren, sind nicht unfruchtbar, denn so wird das Gebet weniger ichbezogen und mehr ausgerichtet auf Gott. Wir lernen, wie Teresa von Avila es formulierte, den Gott des Trostes zu suchen und nicht die Tröstungen Gottes“ (S. 26). Hier fehlt es durchaus nicht an geistlicher und auch kirchlich-liturgischer Selbstkritik!

Die „Nacht des Glaubens“ sieht Martini aber auch in der Gottferne der heutigen Gesellschaft liegen, in der er am Ende dieses Kapitels zu sprechen kommt. Dennoch sieht er diese auch als eine Chance: „Sehe ich sie misstrauisch, pessimistisch oder als Ort, wo mein eigener Glaube geprüft wir und ich mit Jesus die Last dieser Welt tragen kann?“ (S. 38).

Nach der Betrachtung der „dunklen Zeiten des Herzens“ wendet sich Kardinal Martini in den nächsten drei Kapiteln dem Licht zu, „das nach der Finsternis“ aufstrahlt. Dabei unterscheidet er den „Trost des Geistes“, der sich im Nachsinnen über die Heilige Schrift und des göttlichen Heilsplans erkennen lässt und den Verstand erleuchtet, vom „Trost des Herzens“, der unser Gefühlsleben und unsere innere Befindlichkeit berührt und lenkt (S. 54). Der „Trost des Lebens“ schließlich ist in der Lage „im Tag die Nacht zu erkennen und in der Nacht das Licht zu sehen“ (S. 70). Den „Trost des Lebens“ erleben wir, „wenn uns in den dunklen Augenblicken eine Kraft begleitet, von der wir meinten, wir besäßen sie gar nicht. Wir fühlen uns von Gott und von den Menschen im Stich gelassen, doch in der Rückschau erkennen wir, dass der Herr uns begleitet hat auf unserem Weg ... Wenn wir auf unserem Weg und die Zeiten der Prüfungen zurückschauen, erfüllt uns manchmal Dankbarkeit, dass Gott gewirkt hat, dass er ‚wachsam’ war in jenen schwierigen Momenten ... Wenn wir in das Verborgene unseres Lebens schauen, begegnen wir dem Vater, hören wir seine Stimme. Und wir erkennen, dass ein solch schöner Weg die Mühe des Durchhaltens lohnt“ (S. 76ff).

In diesen letzten drei Kapiteln lenkt Martini einfühlsam den Blick auf die Sterne in der Nacht der Seele. Und auch hier findet man immer wieder präzise und klare Anregungen wie beispielsweise: „ - Zeiten und Räume des Schweigens suchen: Zu viel Lärm, zu viel Chaos, zu viele Worte können die Gabe [des Trostes des Geistes] ersticken ... Wir sollten alles fernhalten, was dieser Gabe entgegensteht. Dazu gehört zum Beispiel eine übermäßige Sorge um das Leben“ (S. 50). So findet man zahlreiche Orientierungshilfen beim Aushalten der Dunkelheit und Nacht-Situation, besonders auch in den konkreten Anregungen und den betrachtenden Gebeten, in denen die einzelnen Kapitel münden.

Martinis Buch ist ein wertvoller und sehr empfehlenswerter Wegweiser durch seelische Nacht- und Durststrecken, um durch sie im Glauben zu reifen.

P. Siegfried Wewers OSB

(Rezension für die ORDENSKORRESPONDENZ)

Sonntag, 7. Mai 2006

Schenke uns heilige Diener deines Altars

Gebet von Papst Benedikt XVI.
für geistliche Berufungen zum Priesteramt und für das gottgeweihte Leben anlässlich des Weltgebetstages für geistliche Berufungen am 7. Mai 2006

O Vater, lass unter den Christen viele
und heilige Berufungen zum Priestertum entstehen,
die den Glauben lebendig halten
und die dankbare Erinnerung an deinen Sohn Jesus bewahren,
durch die Verkündigung seines Wortes
und die Verwaltung der Sakramente,
durch die du deine Gläubigen ständig erneuerst.

Schenke uns heilige Diener deines Altars,
die aufmerksame und eifrige Hüter der Eucharistie sind,
des Sakraments der äußersten Hingabe Christi
für die Erlösung der Welt.

Rufe Diener deiner Barmherzigkeit,
die durch das Sakrament der Versöhnung
die Freude deiner Vergebung verbreiten.

O Vater, lass die Kirche mit Freuden
die zahlreichen Inspirationen des Geistes deines Sohnes aufnehmen
und lass sie - deiner Lehre fügsam -
Sorge tragen für die Berufungen zum priesterlichen Dienst
und zum geweihten Leben.

Unterstütze die Bischöfe, die Priester, die Diakone,
die Menschen des geweihten Lebens und alle in Christus Getauften,
damit sie treu ihre Sendung erfüllen
im Dienst des Evangeliums.

Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Montag, 1. Mai 2006

SCHATTEN IM KLOSTER

SCHATTEN IM KLOSTER
oder: Der Schatten vor meiner Tür

Wenn ich am späten Abend von meinem Bibliotheks-Büro zu meiner Cella gehe, komme ich - wenn das Licht stimmt - immer an diesem fantastischen Schatten direkt vor meiner Tür vorbei:

Einfach Beindruckend! - Das gibt es wohl nur im Kloster?

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Nach christlicher Auffassung stürzte Michael den Drachen (Satan) aus dem Himmel (Offenbarung des Johannes 12,7-9) und wurde nach dieser Tat zum Erzengel erhoben. In der katholischen Kirche wird er mit einem flammenden Schwert dargestellt. Er ist der einzige Engel, den die Bibel als Erzengel bezeichnet. Nach christlicher Auffassung ist seine Farbe rot in allen Schattierungen. Er erschafft Feuer und Wärme und gibt dem Blut seine Qualität. Nach katholischer Auffassung befindet er sich im Osten vor Gottes Thron.

(http://www.fotolog.com/spiritus_sanctus/14597395)

Sonntag, 26. März 2006

IM SUPERMARKT DER HEILSANGEBOTE?


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde!

Vor einiger Zeit wurde ich nach Ulm eingeladen, zum Katholikentag. Dort sollte ich ein kurzes Interview geben. Thema: Kirche und Internet. – Da ich selbst kein Auto mehr fahre wurde ich abgeholt, und als Beifahrer hat man ja so die Zeit, die Verkehrsschilder noch genauer als der Fahrer selbst zu betrachten. - Und während wir so durch Ulm fuhren, da fiel mir eines besonders auf: Ulm ist anscheinend die Stadt der „Seniorenresidenzen“. Ein Schild nach dem anderen: Seniorenresidenz "BONA VITA", Seniorenresidenz "Friedrichsau", Seniorenresidenz "Curanum" u.s.w. –

Und dann denkt man sich so: Aber früher hieß das doch irgendwie anders?! : "Altenheim". - Altenheim stand doch früher immer auf den Schildern. – Und jetzt also Seniorenresidenz: Jetzt "residieren" sie also, die Senioren.

Ja, die Namen ändern sich: Die Müllhalde heißt jetzt „Entsorgungspark“, aus „dick“ ist „vollschlank“ geworden. Schulden werden nicht mehr gemacht, sondern es wird „fremd finanziert“. Auch für das Wort „Macht“ hat man ein schöneres, neues gefunden: „Verantwortung“. - Die Besatzungsmächte nennen sich heute „Friedenstruppen“. Aus der Krankenkasse ist die „Gesundheitskasse“ geworden. - Mitarbeiter werden nicht mehr gekündigt sondern „frei gestellt“. – Einsamer und trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung: Der Begriff „Schwangerschaftsabbruch“. Hinter diesem recht harmlos klingenden Wort steckt leider etwas ganz anderes: Da wird nicht nur eine Schwangerschaft einfach abgebrochen.

Ja, die Namen haben sich geändert. –
Aber es geht eigentlich immer um das Gleiche: Man möchte Unangenehmes mit angenehmen Worten sagen. Schlechte Nachrichten werden hübsch verpackt: Das Schönreden ist eine der Krankheiten in der heutigen Gesellschaft. Vieles wird nicht mehr beim Namen genannt, es wird schön verpackt. - Auf die Verpackung kommt es an!

Ganz im Gegensatz zu jeder „Schönrederei“ steht das heutige Johannes-Evangelium. Hier wird Klartext gesprochen: Jesus Christus ist der von Gott gesandte Retter: „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet". – Wer nicht an die Person des Gottessohnes glaubt, ist dem Gericht verfallen. Wem das mit dem „Gericht“ zu hart klingt, der sollte eines bedenken: Es geht hier um Menschen, die - wider besseres Wissen und Gewissen - nicht an den Gottessohn glauben. Für sie wird ihr eigener Unglaube zum Gericht, und dieses Gericht bereiten sie sich ganz persönlich selbst. Dies wird hier deutlich als Warnung ausgesprochen: Wer Christus und das Evangelium ablehnt, der schlägt sich selbst die Tür zu. Von Gott her ist die Tür natürlich nie zugeschlagen, solange der Mensch lebt. Er kann jederzeit umkehren und sich neu dem Licht zuwenden.

Liebe Brüder und Schwestern,
Gott nimmt den Menschen und sein Handeln ernst! – Das ist Klartext! –
Das ist eine sehr wichtige und schöne - aber auch eine sehr „gefährliche“ Botschaft: Wer das Evangelium gehört hat, der kann entweder alles gewinnen - oder alles verlieren! - Klarer geht es nicht!

Kommen wir jetzt zu der entscheidenden Frage: Was muss ich tun, um zu den Gewinnern zu gehören? – Die Antwort finden wir im ersten Teil des spannenden Nachtgespräches mit dem Pharisäer Nikodemus. Dort eröffnet Jesus das Gespräch mit einer ungewöhnlichen Feststellung: Um in das Reich Gottes zu kommen ist es notwendig, „von neuem“ geboren zu werden. Und als Nikodemus das nicht zu verstehen scheint, wird Jesus noch deutlicher: “Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3, 5).

Es geht hier also um eine neue Geburt von oben: Eine Geburt aus „Wasser und Geist“, die nur Gott selbst herbeiführen kann. Und diese neue Geburt ist von allergrößter Bedeutung für jeden Menschen, um in das Reich Gottes zu gelangen, um das ewige Leben zu gewinnen.
In einer Zeit, wo mittlerweile auch das Sakrament der Taufe immer mehr in Frage gestellt und „kleingeredet“ wird, ist es sehr wichtig, auf die Heilsnotwendigkeit der Taufe immer wieder neu hinzuweisen: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“.

„Die Kirche kennt kein anderes Mittel als die Taufe, um den Eintritt in die ewige Seligkeit sicherzustellen. (...) Gott hat das Heil an das Sakrament der Taufe gebunden ...“ (KKK 1257) – so eindeutig steht es deshalb auch im Weltkatechismus der Katholischen Kirche.

Gerade heute, im „Supermarkt der Heilsangebote“, dürfen wir keiner Mogelpackung oder Halbwahrheiten auf den Leim gehen: Zum Christsein gehört deshalb unbedingt auch die Taufe! – Früher wurde das eher überbetont, heute spricht man leider viel zu wenig darüber.
Und heute stellen wir leider auch fest, dass viele Getaufte ihren Glauben nicht mehr leben, dass sie regelrecht vom Glauben abgefallen sind. – Wie steht es um sie?

Es ist sehr interessant, was das 2. Vatikanische Konzil dazu sagt: „Nicht gerettet wird aber, wer, obwohl der Kirche eingegliedert, in der Liebe nicht verharrt – und im Schoße der Kirche zwar dem Leibe, - aber nicht dem Herzen nach verbleibt“ (LG 14). Mit anderen Worten: Der Taufschein ist noch nicht automatisch ein Garantieschein für den Himmel. – Die Wahrheit HABEN reicht nicht! Oder wie es im heutigen Evangelium so schön gesagt wurde: „Nur wer die Wahrheit TUT, kommt zum Licht.“

Wir werden aufgefordert an Christus zu glauben und diesen Glauben dann auch sichtbar werden zu lassen, in guten, lichtvollen Werken. Die Fastenzeit lädt uns ein, unseren Glauben und unsere Taten zu überprüfen. Wir haben die Gelegenheit, unsere eigenen unnötigen Verpackungen und Sünden abzulegen, damit unser Leben immer lichtvoller und wahrhaftiger wird. Und das möglichst ohne jede Schönfärberei, die ja heute oft so fantasievoll gepflegt wird. „Dann tust du die Wahrheit, wenn du nichts schönredest, dir nichts vormachst“, schreibt der hl. Augustinus.

Jesus hat sich nicht gescheut, dem kritisch eingestellten Nikodemus die Wahrheit von Taufe und Gericht klar zu erläutern. Auch wir sollten ab und zu diese Realität bedenken, die uns immer wieder neu herausfordert: Wer an Christus glaubt und die Wahrheit tut, kommt zum Licht. Nur dann können wir vorstoßen aus unserer oftmals religiösen Lauheit und Oberflächlichkeit, hin zu den Höhen des göttlichen Lichtes, hin zu Gott. Amen.

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Predigt für den 4. Sonntag der Fastenzeit (B) am 26. III. 2006 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Joh 3, 14-21)

Sonntag, 13. November 2005

ÜBER DEN "LITURGIE-INDEX", TALENTFÖRDERUNG UND FUSSMATTEN


Liebe Mitbrüder,
liebe Brüder und Schwestern!
Für mich gibt es immer ein ganz einfaches Kriterium, ob ein Evangelium besonders interessant und spannend ist, bevor man es überhaupt gelesen hat. Es ist - in der Regel - immer dann der Fall, wenn es auch eine sog. liturgische „Kurzfassung“ gibt, wenn also das Evangelium "zensiert" wurde. Auch heute werden zwei Fassungen zur Auswahl angeboten: Die „Langfassung“, die wir gerade gehört haben: Mit 405 Wörtern, - eigentlich gar nicht so lang. –

Und dann gibt es auch noch die völlig zusammengestrichene „Kurzfassung“, (wie wir sie gestern Abend in der Vigil gehört haben): Diese bricht nach 134 Wörtern einfach plötzlich ab – obwohl das überhaupt keinen Sinn macht – und endet mit den wunderschönen Worten an den ersten Diener: „Du bist ein treuer Verwalter gewesen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn.“ – Punkt. – Aus. –Vorbei. –
Der Rest wird verschwiegen: Vom Schicksal der anderen Diener erfahren wir nichts mehr. – Wahrscheinlich wird das leider heute in sehr vielen Pfarrgemeinden der Fall sein!

Liebe Brüder und Schwestern,
es gibt sehr wenige Dinge, die mich so richtig ärgern können. Aber das hier ein Gleichnis vollkommen verstümmelt und verbogen wird, frei nach dem Motto „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“, halte ich eigentlich schon für sehr fragwürdig: Halbe Wahrheiten sind keine Wahrheiten! Wahrheit ist unteilbar! – Wir alle haben ein Recht auf die ganze Wahrheit, - auf das ganze Evangelium. Ungekürzt! Ohne Zensur und ohne Index. - Niemand braucht vor dem Wort Gottes geschützt werden! Der Index der "verbotenen Bücher" würde 1967 abgeschafft. Es macht mich aber sehr nachdenklich, wenn einige Teile der Hl. Schrift, darunter auch einige Psalmen, einem neuen "Liturgie-Index" zum Opfer gefallen sind.

Ich kenne sogar einige Menschen, ich nenne sie die „Gut-Menschen“, die Christus teilweise sogar für „unchristlich“ halten. – Welche Ironie! – Es ist mittlerweile ziemlich weit gekommen, eben auch weil viele das Evangelium nur noch sehr bruchstückhaft kennen.

Werfen wir nun aber einmal den Blick auf das ganze Evangelium:
Beim Lesen ist mir da ein interessanter Seitenaspekt aufgefallen: Die "Talentförderung". –
Was tut der Herr eigentlich, um die Talente zu fördern? Er verteilt die Talente und dann...?

Und „dann reiste er ab“.

Der Herr gibt überhaupt keine schlauen Tipps und tolle Ratschläge, wie man die Talente anlegen und vermehren soll. – Denn das ist oft auch überhaupt nicht hilfreich, um Talente zu fördern. –
Wir alle – auch im Kloster – kennen Menschen und Mitbrüder, die mit (mehr oder weniger) gutgemeinten Ratschlägen nicht gerade sparsam umgehen. Und sie erreichen damit in der Regel genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich erreichen wollten. Denn jeder, der mit Ratschlägen überschüttet wird, sagt sich: Eigentlich traut der (oder die) mir wenig oder nichts zu. Es kommt dann meistens zu einer Blockade oder zu heftigen Gegenreaktionen, die der Sache dann nur wenig förderlich sind. –

Absolut tödlich sind in diesem Zusammenhang auch Vergleiche mit dritten:
„So wie der oder der musst Du das auch machen...“. Ein Beispiel: Ich war damals noch im Priesterseminar - als meine Mutter mir sagte: “Jetzt schau Dir doch ´mal die Talk-Show von Jürgen F. an. - So stelle ich mir einen guten Pfarrer vor! Da kannst Du was lernen! - So muss ein Pfarrer mit den Menschen reden...“ – Ich hab mir die Sendung angeschaut und dann nur gedacht: „Oh mein Gott! – Wie furchtbar!“ : Beinahe wäre ich in eine Berufungskrise geraten.

Mit ungefragten Ratschlägen oder Vergleichen sollte man bei erwachsenen Menschen wirklich sehr sparsam sein: „Schlaumichel-Aktionen“ fördern in der Regel Talente nicht.

Ganz anders versucht der Herr hier im Gleichnis die Talente zu fördern: Er „vertraut“ seinen Dienern sein Vermögen an und reist einfach ab. „Ihr alle habt mein Vertrauen und ich traue euch etwas zu. - Ich überlasse euch alle Entscheidungen!“, - das ist seine Botschaft. Und weiter heißt es: Er tat es so, dass keiner überfordert wurde. - Niemand muss alles können! - Der Herr kennt seine Leute, er kennt ihre unterschiedlichen Fähigkeiten. Und nach diesen Fähigkeiten traut er ihnen etwas zu, - vertraut er ihnen etwas an. Wenn uns jemand Vertrauen schenkt, dann regen sich in uns oft Kräfte, die wir sonst gar nicht kennen. Da trauen wir uns auf einmal auch Dinge zu, auf die wir aus eigener Phantasie gar nicht gekommen wären. – Ich glaube, das hilft oft weit mehr, als viele Ratschläge.

Liebe Brüder und Schwestern,
aber da ist dann immer noch die Frage: Was ist denn da schiefgelaufen bei dem dritten Diener?
Und gerade der dritte Diener ist es ja, mit dem man sich so gerne in eine Reihe stellt: Er hat weniger Talente bekommen als die anderen. – Etwas was wir alle – außer die, die die vielen Talente abbekommen haben – gut kennen: Das ist jemand eine Sportskanone ... Und ich bin eigentlich eine Flasche... Da kann jemand singen wie Fritz Wunderlich oder Pavarotti ... Und ich bin froh wenn ich ein paar richtige Töne treffe ... Da hat jemand Augen wie ein Adler ... Und ich bin ein Blindfisch ... Da kann jemand predigen wie der hl. Augustinus ... Und ich muss mir meine Predigt mühsam zusammenschreiben ... usw.

Ja, wir sehen uns oft gerne auf der Schattenseite des Lebens. – Und das ist wahrscheinlich auch genau der Fehler, den der dritte Diener gemacht hat: - Sobald man sich mit anderen vergleicht, wird man zwangsläufig klein, unzufrieden und gelähmt. Man bekommt es mit der Angst zu tun und beginnt sein Talent einzugraben.

„Weil ich Angst hatte“ – heißt es im Evangelium. - Angst vor wem und vor was?
Angst vor der Unscheinbarkeit seines eigenen Talents: Er konnte an sich selbst nicht mehr glauben! – Die Nicht-Akzeptanz seiner (von Gott gegebenen Gaben und Grenzen) kann Menschen in die Verzweiflung führen.

Thomas von Aquin, der große Theologe des Mittelalters, bringt es genau auf den Punkt: „Die größte Sünde des Menschen besteht darin, - verzweifelt nicht er selbst sein zu wollen!“. Ich denke, dass ist immer noch hochaktuell: „Die größte Sünde des Menschen besteht darin, - verzweifelt nicht er selbst sein zu wollen!“

Die Gegenwart bietet heute genügend Chancen, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen und seine Werk zum Lob Gottes leuchten zu lassen. - Jeder hat sein Talent. Jeder ist einmalig. – Jeder hat seine Lebensaufgabe zu erfüllen. – Genau daran will Jesus erinnern: Vertue dein Leben nicht, - lass deine Talente nicht brach liegen. - Mach was aus deinem Leben, damit du nicht eines Tages bestürzt sagen musst: Was ist bloß aus meinem Leben geworden?

Hier muss ich immer an eine Episode aus dem „Hauptmann von Köpenick“ (von Carl Zuckmayer) denken. - Diese kleine Geschichte möchte ich am Ende noch erzählen. – Den Berliner Dialekt musste ich leider weglassen, - der klingt genauso furchtbar wie mein Bayerisch. –

Also: Schuster Vogt, gerade aus dem Knast freigekommen, fragt sich, was er eigentlich bisher aus seinem Leben gemacht hat. Da er keine Aufenthaltsgenehmigung hat, bekommt er keine Arbeit. Und da er keine Arbeit hat, bekommt er keine Aufenthaltsgenehmigung.

Er sieht sich vor den Allmächtigen gestellt, und der fragt ihn: "Vogt, was hast du gemacht mit deinem Leben?" "Und ich, - ich muss dann sagen: Fußmatten! – Fußmatten habe im Gefängnis geflochten. - Und da sind sie dann alle drauf rumgetrampelt." – Und der Allmächtige schüttelt den Kopf und sagt: "Geh weg! – Ausweisung! – Dafür habe ich dir dein Leben nicht geschenkt!" -

Und dann ist es wieder nichts - mit der Aufenthaltsgenehmigung!

Liebe Brüder und Schwester,
Fußmatten bringen uns also nicht in den Himmel. –
Aber wir haben ganz bestimmt andere Fähigkeiten?! –
Und wer sein Talent eingegraben hat, der kann es jederzeit wieder ausgraben, damit es etwas wird, mit der "Aufenthaltsgenehmigung". - Amen.


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Predigt für den 33. Sonntag im Jahreskreis (A) am 13. XI. 2005 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Mt 5, 14-30)

Samstag, 29. Oktober 2005

Oft kopiert - nie erreicht

Der Bayreuther „Jahrhundert-RING“ von Patrice Chereau & Pierre Boulez
von Peter Bilsing

„Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ (Victor Hugo)

Seit Mitte 2005 gibt es nun den legendären Chereau-Ring wieder, neu aufgelegt und digital überarbeitet (5.1.DTS). - Ein Muss für jeden Wagner-Fan - ein echtes Juwel, wie ich finde.

Zwar darf man von einer über 25 Jahre alten Live-Aufnahme keine Wunder erwarten, doch was mit dem neuen Verfahren „AMSI II“ (= Ambient Surround Imaging) hier ins DTS-Format gesetzt wurde ist geradezu bahnbrechend. Diese neue ausgesprochen schonende Sound-Bearbeitungsmethode der EMIL BERLINER STUDIOS erlaubt die Konversion stereophoner Audiosignale in einen bemerkenswerten „5.1. Surround Sound“. Das Ergebnis ist so verblüffend, dass – eine entsprechend gute 5-Kanal-Anlage vorausgesetzt - sich der Zuschauer praktisch in die erste Reihe des Festspielhauses versetzt fühlt.

Musik und Gesang blühen neu auf. Überhaupt kein Vergleich mehr mit dem platten, rein stereophonen Klangbild alter Tage. Wagner wird hier wirklich dreidimensional hörbar, ohne dass man glaubt – wie bei manchen ganz neuen Aufnahmen – völlig unnatürlich mitten im Orchester zu sitzen. Hier wurde mit großer Liebe und Engagement nahe am natürlichen Klangfeld gearbeitet. Das Ergebnis kann sich nicht nur hören lassen, sondern ist unerhört.

Bei gutem Hardware-Equipment sitzt der Opernfreund geradezu beängstigend weit vorne. Durch die phänomenale Bildregie von Brian Large entstehen schon beinahe voyeuristische Perspektiven. Die beispielhaft bearbeiteten Bild- und Szenenübergänge in Zeitlupe beeindrucken mehr denn je, denn sie geben szenische Impressionen frei, die man auf dem Theater live im Festspielhaus so nie wahrgenommen hat, nicht wahrnehmen konnte.

Szenen wie jene beispielsweise (Finale 3.Akt, Walküre), wo die Kamera aus der Totale langsam und genau passend zur Musik auf den brennend vernebelten Brünhildenfelsen fährt und dann langsam Wotans schmerzverzehrtes Gesicht durch den Rauch sichtbar macht , bleiben genauso unvergesslich, wie das Götterdämmerungsfinale, wo die Kamera sich zum finalen Erlösungsthema dezent, fast fragend, wie die alleingelassenen Menschen, von der Bühne zurückzieht.



Und es sind die großen Künstler/Sängerdarsteller dieser Produktion, die es erlauben und aushalten, dass der Kameramann auch mal voll draufzoomen kann, fast auf Schweißperlen- bzw. Augenwimpernnähe. Large erkennt solche Momente und geht optisch bis zu einer fast schmerzlichen visualisierten Traumatisierung mancher Szenen. Das sind schon oscarreife Gipfel künstlerischer Darstellungskunst.

Brian Large erhöht und verstärkt damit den künstlerischen Wert dieser maßstabsetzenden Regiearbeit von Patrice Chereau auf einen Level, der den Begriff „Jahrhundertwerk“ in jeder Phase seiner Realisation neu erlebbar macht. Angesichts dieser gewaltigen Bildästhetik stockt gelegentlich der Atem und der Begriff der „Werktreue“ bekommt einen tieferen menschlichen Bezugspunkt – hier spricht das Herz, oder es schweigt.

Das schreibt jemand, der die Uraufführung anno 1976 in Bayreuth noch (als holdes Mitzwanziger-Bürschlein und unkritischer Wagner-Fanatiker) mit Buhs und Pfiffen begleitete und der mittlerweile – geläutert und deprimiert durch die unseligen Erfahrungen unzähliger Ringe im letzten Vierteljahrhundert – diese Fehleinschätzung spätjugendlicher Unerfahrenheit nun doch arg bereut.

Es wäre schade, wenn dieser einmalige RING nur auf dem (sicher diskutablen!) Niveau des rein sängerisch-musikalischen abgehandelt werden würde. Aber hatten die Klangfeuerwerk-Studio-Produktionen von Solti/Karajan nicht auch ihre Macken? Was bleibt, ist immer der Gesamteindruck des Gesamtkunstwerkes. Was dem einen sein Hotter, war dem anderen sein Vickers; und natürlich gab und gibt es bessere Siegmunds als Peter Hofman, aber nie mehr einen darstellerisch so überzeugend echten menschlichen Helden, der in seiner Liebe, wie seiner Tragik, unzählige Opernfreunde zu Tränen gerührt hat. War es nicht genau das, Wagner wollte; wahre Liebe zeigen?

Wer diesen Jahrhundert-Ring nun auf DVD noch mal durchleben darf, dem wird auch immer wieder die Ernsthaftigkeit und Seriosität dieser ungeheuren Regiearbeit vor Augen geführt und die Stringenz eines Konzeptes, dass 16 Stunden die Spannung hält und fesselt; wobei noch mal festzuhalten ist (man hört jetzt wirklich mehr!), dass die Balance von darstellerischer Leistung und gutem Gesang doch zu 100 Prozent stimmig ist. Von welchem RING kann man das guten Gewissens sonst sagen?

Er ist wie ein alter exzellenter Rotwein, der von Jahr zu Jahr besser wird.

Sonntag, 22. Mai 2005

"DIE WAHRHEIT IST HARTNÄCKIG!"


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde!

Vor einigen Monaten verstarb mit 80 Jahren mein früherer Heimatpfarrer. 25 Jahre war er in unserer westfälischen Kleinstadtgemeinde tätig - und er hatte eine Begabung, die ich immer besonders bewundert habe: Mit wenigen und klaren Worten konnte er immer alles genau auf den Punkt bringen. Oft haben mich seine Sinnsprüche noch Jahre später zum Weiterdenken angeregt und mein Leben begleitet. Und auch für diese Predigt – was sagt mir eigentlich die Dreifaltigkeit – kam mir spontan einer seiner Leitsprüche in den Sinn: „Die Wahrheit ist hartnäckig!“ – Das gilt für das eigene Leben und für die Bibel auch.

Bevor wir also einen Blick in die Heilige Schrift werfen, zuerst einmal ein Blick in unser alltägliches Leben.

Ein plötzlicher Todesfall in der Familie oder auch schon eine Krankheit, die man nicht unbedingt erwartet hat, kann unser Leben vollkommen durcheinander bringen. Was vorher einfach und selbstverständlich war, läuft jetzt nicht mehr so weiter. Die „neue Wahrheit“ bekommt dann oft eine Hauptrolle im Alltag, mit der man dann leben muss. Und schnell macht man die Erfahrung: „Die Wahrheit ist hartnäckig!“

„Die Wahrheit ist hartnäckig“, - so könnten eigentlich viele Schlagzeilen lauten, wenn man heute eine Zeitung aufschlägt. Irgendwie kommt man da oft ins Staunen. In vielen Politik-Affären und Wirtschafts-Skandalen scheint sich die Wahrheit zwar oft nur sehr langsam durchzusetzen, aber irgendwie gelingt es anscheinend auch nur selten, sie dauerhaft zu unterdrücken.

Aber wir brauchen unseren Blick erst gar nicht in fremde Töpfe zu verwerfen: Schon bei jeder Beichte haben wir die Gelegenheit, unseren eigenen, weniger schönen Seiten zu begegnen. Und auch hier macht man dann - bei sich selbst - immer wieder die erstaunliche Beobachtung: „Die Wahrheit ist hartnäckig! - Aber im selben Moment erfährt man dann auch immer das Johannes-Wort : „Die Wahrheit wird euch frei machen!“ (Joh. 8,32) – Gott sei Dank - ist auch das wahr!

Liebe Bruder und Schwestern,
betrachten wir also nun (im zweiten Schritt ) das Johannesevangelium etwas genauer: Im Grunde dreht sich bei Johannes alles um den Begriff der Wahrheit. Die „Wahrheit“ steht bei Johannes im Mittelpunkt seiner Botschaft. – So hat mein Computer z. B. herausgefunden, dass Johannes das Wort „Wahrheit“ mehr als dreimal so häufig verwendet, als das Wort „Liebe“, über das ja sonst so viel und gerne gesprochen und gepredigt wird (22 : 7). Wenn man die theologische Hauptaussage von das Johannes mit wenigen Worten zusammenfassen möchte, so kann man das vielleicht am besten mit den folgenden Worten Jesu tun: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich... Wer mich gesehen hat, der hat auch den Vater gesehen.“ (Joh 14, 6ff). - Wer also Christus als den Sohn Gottes erkannt hat, hat auch die Wahrheit erkannt. – Und wer Christus nicht als den Gottessohn erkannt hat, der hat auch die Wahrheit nicht erkannt - und der hat auch das ewige Leben nicht, - das fügt das heutige Evangelium noch hinzu. –

Für viele Menschen klingen diese Worte ziemlich hart. -

Wer heute in unserer pluralistischen Gesellschaft über die Wahrheit spricht, und behauptet, er erkenne genau den Weg, der macht sich sehr schnell unbeliebt: – Wer noch einen klaren Glauben hat, gemäß dem Credo der Kirche, der wird heute schnell als „Fundamentalist“ abgestempelt. - Wer glaubt, er habe die wesentliche Wahrheit verstanden, wird als intolerant betrachtet. Aber dabei ist gerade der Ausschluss der Wahrheit – die ja bekanntlich so hartnäckig ist - wirklich schwer wiegend intolerant. Denn wer die Wahrheit ausschließt und nichts als endgültig anerkennt, reduziert die wesentlichen Dinge des Lebens nur auf sein eigenes Ich, auf seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche.

Auf diese Weise gibt es über viele wesentliche Dinge des Lebens auch keine gemeinsame Anschauung mehr. - Paulus beschreibt dieses Problem sehr schön: Wir sind oft wie unmündige Kinder, wie „ein Spiel der Wellen, hin und her getrieben im Widerstreit der Meinungen“ (Eph 4, 14). – Eine immer noch sehr aktuelle Beschreibung! Alle Meinungen scheinen irgendwie gleichermaßen gültig zu sein.

Liebe Brüder und Schwestern,
die Krankheit der heutigen Gesellschaft ist genau diese „Gleichgültigkeit“: Da gibt es kein - wahr oder falsch – gut oder böse mehr. Hier kann jeder glauben und tun, was er persönlich für richtig hält. - Aber mit dieser Gleichgültigkeit verlieren wir auch die ethischen Grundlagen für ein gemeinsames Leben. – Und ohne gemeinsame Wahrheiten, ohne einen gemeinsamen Glauben der Einheit stiftet, wird ein friedliches Zusammenleben dauerhaft nicht möglich sein.

Gerade unter dieser Gleichgültigkeit, in der wir es uns so bequem eingerichtet haben, leiden wir auch. Das spürt man täglich mehr. Wir haben es so weit gebracht, dass wir mittlerweile stets dazu bereit sind, alles zu verstehen und alles zu verzeihen. Aber in unserem Inneren wissen wir im Grunde ganz genau, dass es damit nicht getan ist. Wir sehnen uns danach wieder klar unterscheiden zu können zwischen gut und böse, richtig und falsch, schön und hässlich, klug und töricht. - Ja, die Wahrheit ist wirklich hartnäckig!

Liebe Brüder und Schwestern,
aber wir haben bei unserer Suche nach klaren Antworten einen Helfer: Christus, den Sohn Gottes, der durch den heiligen Geist wahrer Mensch geworden ist. Unsere Glaube an den wahren Sohn Gottes zeigt uns die Kriterien um unterscheiden zu können, zwischen Wahr und Falsch, zwischen Betrug und Wirklichkeit.

Dabei ist Christus der ganz andere im Vergleich mit allen anderen Religionsstiftern. Er kann nicht einfach auf eine Stufe mit Buddha, Sokrates oder Konfuzius gestellt werden. Er ist wirklich der Sohn Gottes und trotzdem wahrer Mensch. Er verbindet Gott mit den Menschen. - Das ist absolut einzigartig und einmalig! – Der Gottessohn ist die Brücke zwischen Himmel und Erde. Christus nimmt an unserem Leben und Leiden teil und schafft so den Schritt zum wahren Leben in der Auferstehung.

Und Christus geht sogar noch einen Schritt weiter: In jeder Eucharistiefeier, wenn wir den Leib des Herrn empfangen, lässt er uns teilhaben an seiner Gottheit. - Das ist eine unendliche Gnade und unendliches Wunder. Wir schwachen Mensch haben Teil an der Gottheit Christi. - Uns schwachen Menschen wird damit eine unendlich große Würde verliehen, die absolut einmalig ist. – Auch diese unbegreiflich hohe Würde des Menschen wird man so in keiner anderen Weltreligion finden. – Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, ist die Brücke zwischen Himmel und Erde: Das ist eigentlich die ganze Wahrheit, die uns Johannes mitteilen möchte.

Noch eine kleine Geschichte am Ende: Mit 19 Jahren, kurz vor meinem Abitur, wusste ich noch gar nicht was ich studieren wollte. Ich wusste nur, dass ich irgendetwas sinnvolles machen wollte. - Aber das möchte natürlich eigentlich jeder. – Ja, vielleicht Mathematik, Physik, Deutsch oder Geschichte, das waren meine Abiturfächer. Oder vielleicht doch lieber Elektrotechnik oder Informatik, wie viele meiner Mitschüler, die heute Handys, Kühlschränke, Kaffeemaschinen und andere nützliche Dinge entwickeln. – Ich konnte mich einfach nicht durchringen. – Damals, als ich noch nicht Bibliothekar war, hatte ich noch viel Zeit zum Lesen. Da fiel mir plötzlich ein Buch in die Hand mit dem Titel: „Unsere Bischöfe“. - Insider kennen das Buch. – Und in diesem Buch fand ich auch eine Biographie von Papst Benedikt XVI. , damals noch Kardinal Ratzinger. Und dieser hatte den tollen Bischofswahlspruch "COOPERATORES VERITATIS" - „Mitarbeiter der Wahrheit“. – Das hat mich damals genau ins Herz getroffen. - Da habe ich sofort gewusst, was ich auch werden und woran ich "mitarbeiten" wollte. – Wenige Wochen später habe ich mich im Priesterseminar in Münster angemeldet.

Liebe Brüder und Schwestern,
eines können Sie mir glauben: Dieses Gefühl, irgendwie ein ganz kleiner „Mitarbeiter der Wahrheit“ zu sein, lohnt sich. Und das gilt – mit allen Höhen und Tiefen - bestimmt nicht nur exklusiv für Päpste und Mönche. -

Und noch eins: „Die Wahrheit ist hartnäckig!“

AMEN.

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Predigt zum Hochfest der Hl. Dreifaltigkeit (A) am 22. Mai 2005 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Joh 3, 16-18)

Donnerstag, 10. März 2005

"Wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet..."

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Aus dem Vatikan, am 10. März 2009

Liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst!

Die Aufhebung der Exkommunikation für die vier von Erzbischof Lefebvre im Jahr 1988 ohne Mandat des Heiligen Stuhls geweihten Bischöfe hat innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche aus vielfältigen Gründen zu einer Auseinandersetzung von einer Heftigkeit geführt, wie wir sie seit langem nicht mehr erlebt haben. Viele Bischöfe fühlten sich ratlos vor einem Ereignis, das unerwartet gekommen und kaum positiv in die Fragen und Aufgaben der Kirche von heute einzuordnen war.

Auch wenn viele Hirten und Gläubige den Versöhnungswillen des Papstes grundsätzlich positiv zu werten bereit waren, so stand dagegen doch die Frage nach der Angemessenheit einer solchen Gebärde angesichts der wirklichen Dringlichkeiten gläubigen Lebens in unserer Zeit.

Verschiedene Gruppierungen hingegen beschuldigten den Papst ganz offen, hinter das Konzil zurückgehen zu wollen: eine Lawine von Protesten setzte sich in Bewegung, deren Bitterkeit Verletzungen sichtbar machte, die über den Augenblick hinausreichen.

So fühle ich mich gedrängt, an Euch, liebe Mitbrüder, ein klärendes Wort zu richten, das helfen soll, die Absichten zu verstehen, die mich und die zuständigen Organe des Heiligen Stuhls bei diesem Schritt geleitet haben. Ich hoffe, auf diese Weise zum Frieden in der Kirche beizutragen.

Eine für mich nicht vorhersehbare Panne bestand darin, daß die Aufhebung der Exkommunikation überlagert wurde von dem Fall Williamson. Der leise Gestus der Barmherzigkeit gegenüber vier gültig, aber nicht rechtmäßig geweihten Bischöfen erschien plötzlich als etwas ganz anderes: als Absage an die christlichjüdische Versöhnung, als Rücknahme dessen, was das Konzil in dieser Sache zum Weg der Kirche erklärt hat.

Aus einer Einladung zur Versöhnung mit einer sich abspaltenden kirchlichen Gruppe war auf diese Weise das Umgekehrte geworden: ein scheinbarer Rückweg hinter alle Schritte der Versöhnung von Christen und Juden, die seit dem Konzil gegangen wurden und die mitzugehen und weiterzubringen von Anfang an ein Ziel meiner theologischen Arbeit gewesen war.

Dass diese Überlagerung zweier gegensätzlicher Vorgänge eingetreten ist und den Frieden zwischen Christen und Juden wie auch den Frieden in der Kirche für einen Augenblick gestört hat, kann ich nur zutiefst bedauern.

Ich höre, daß aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen Nachrichten es ermöglicht hätte, rechtzeitig von dem Problem Kenntnis zu erhalten. Ich lerne daraus, daß wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen.

Betrübt hat mich, daß auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten. Um so mehr danke ich den jüdischen Freunden, die geholfen haben, das Mißverständnis schnell aus der Welt zu schaffen und die Atmosphäre der Freundschaft und des Vertrauens wiederherzustellen, die - wie zur Zeit von Papst Johannes Paul II. - auch während der ganzen Zeit meines Pontifikats bestanden hatte und gottlob weiter besteht.

Eine weitere Panne, die ich ehrlich bedaure, besteht darin, daß Grenze und Reichweite der Maßnahme vom 21. 1. 2009 bei der Veröffentlichung des Vorgangs nicht klar genug dargestellt worden sind. Die Exkommunikation trifft Personen, nicht Institutionen.

Bischofsweihe ohne päpstlichen Auftrag bedeutet die Gefahr eines Schismas, weil sie die Einheit des Bischofskollegiums mit dem Papst in Frage stellt. Die Kirche muß deshalb mit der härtesten Strafe, der Exkommunikation, reagieren, und zwar, um die so Bestraften zur Reue und in die Einheit zurückzurufen.

20 Jahre nach den Weihen ist dieses Ziel leider noch immer nicht erreicht worden. Die Rücknahme der Exkommunikation dient dem gleichen Ziel wie die Strafe selbst: noch einmal die vier Bischöfe zur Rückkehr einzuladen.

Diese Geste war möglich, nachdem die Betroffenen ihre grundsätzliche Anerkennung des Papstes und seiner Hirtengewalt ausgesprochen hatten, wenn auch mit Vorbehalten, was den Gehorsam gegen seine Lehrautorität und gegen die des Konzils betrifft.

Damit komme ich zur Unterscheidung von Person und Institution zurück. Die Lösung der Exkommunikation war eine Maßnahme im Bereich der kirchlichen Disziplin: Die Personen wurden von der Gewissenslast der schwersten Kirchenstrafe befreit.

Von dieser disziplinären Ebene ist der doktrinelle Bereich zu unterscheiden. Daß die Bruderschaft Pius' X. keine kanonische Stellung in der Kirche hat, beruht nicht eigentlich auf disziplinären, sondern auf doktrinellen Gründen. Solange die Bruderschaft keine kanonische Stellung in der Kirche hat, solange üben auch ihre Amtsträger keine rechtmäßigen Ämter in der Kirche aus.

Es ist also zu unterscheiden zwischen der die Personen als Personen betreffenden disziplinären Ebene und der doktrinellen Ebene, bei der Amt und Institution in Frage stehen. Um es noch einmal zu sagen: Solange die doktrinellen Fragen nicht geklärt sind, hat die Bruderschaft keinen kanonischen Status in der Kirche und solange üben ihre Amtsträger, auch wenn sie von der Kirchenstrafe frei sind, keine Ämter rechtmäßig in der Kirche aus.

Angesichts dieser Situation beabsichtige ich, die Päpstliche Kommission „Ecclesia Dei“, die seit 1988 für diejenigen Gemeinschaften und Personen zuständig ist, die von der Bruderschaft Pius' X. oder ähnlichen Gruppierungen kommend in die volle Gemeinschaft mit dem Papst zurückkehren wollen, in Zukunft mit der Glaubenskongregation zu verbinden.

Damit soll deutlich werden, daß die jetzt zu behandelnden Probleme wesentlich doktrineller Natur sind, vor allem die Annahme des II. Vatikanischen Konzils und des nachkonziliaren Lehramts der Päpste betreffen.

Die kollegialen Organe, mit denen die Kongregation die anfallenden Fragen bearbeitet (besonders die regelmäßige Kardinalsversammlung an den Mittwochen und die ein- bis zweijährige Vollversammlung), garantieren die Einbeziehung der Präfekten verschiedener römischer Kongregationen und des weltweiten Episkopats in die zu fällenden Entscheidungen.

Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahr 1962 einfrieren - das muß der Bruderschaft ganz klar sein.

Aber manchen von denen, die sich als große Verteidiger des Konzils hervortun, muß auch in Erinnerung gerufen werden, daß das II. Vaticanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muß den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt.

Ich hoffe, liebe Mitbrüder, daß damit die positive Bedeutung wie auch die Grenze der Maßnahme vom 21. 1. 2009 geklärt ist. Aber nun bleibt die Frage: War das notwendig? War das wirklich eine Priorität? Gibt es nicht sehr viel Wichtigeres? Natürlich gibt es Wichtigeres und Vordringlicheres. Ich denke, daß ich die Prioritäten des Pontifikats in meinen Reden zu dessen Anfang deutlich gemacht habe. Das damals Gesagte bleibt unverändert meine Leitlinie.

Die erste Priorität für den Petrusnachfolger hat der Herr im Abendmahlssaal unmißverständlich fixiert: „Du aber stärke deine Brüder“ (Lk 22, 32). Petrus selber hat in seinem ersten Brief diese Priorität neu formuliert: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die in euch ist“ (1 Petr 3, 15).

In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen. Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1) - im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen.

Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, daß Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und daß mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.

Die Menschen zu Gott, dem in der Bibel sprechenden Gott zu führen, ist die oberste und grundlegende Priorität der Kirche und des Petrusnachfolgers in dieser Zeit.

Aus ihr ergibt sich dann von selbst, daß es uns um die Einheit der Glaubenden gehen muß. Denn ihr Streit, ihr innerer Widerspruch, stellt die Rede von Gott in Frage. Daher ist das Mühen um das gemeinsame Glaubenszeugnis der Christen - um die Ökumene - in der obersten Priorität mit eingeschlossen.

Dazu kommt die Notwendigkeit, daß alle, die an Gott glauben, miteinander den Frieden suchen, versuchen einander näher zu werden, um so in der Unterschiedenheit ihres Gottesbildes doch gemeinsam auf die Quelle des Lichts zuzugehen - der interreligiöse Dialog.

Wer Gott als Liebe bis ans Ende verkündigt, muß das Zeugnis der Liebe geben: den Leidenden in Liebe zugewandt sein, Haß und Feindschaft abwehren die soziale Dimension des christlichen Glaubens, von der ich in der Enzyklika „Deus caritas est“ gesprochen habe.

Wenn also das Ringen um den Glauben, um die Hoffnung und um die Liebe in der Welt die wahre Priorität für die Kirche in dieser Stunde (und in unterschiedlichen Formen immer) darstellt, so gehören doch auch die kleinen und mittleren Versöhnungen mit dazu. Daß die leise Gebärde einer hingehaltenen Hand zu einem großen Lärm und gerade so zum Gegenteil von Versöhnung geworden ist, müssen wir zur Kenntnis nehmen.

Aber nun frage ich doch: War und ist es wirklich verkehrt, auch hier dem Bruder entgegenzugehen, „der etwas gegen dich hat“ und Versöhnung zu versuchen (vgl. Mt 5, 23f)? Muß nicht auch die zivile Gesellschaft versuchen, Radikalisierungen zuvorzukommen, ihre möglichen Träger - wenn irgend möglich - zurückzubinden in die großen gestaltenden Kräfte des gesellschaftlichen Lebens, um Abkapselung und all ihre Folgen zu vermeiden?

Kann es ganz falsch sein, sich um die Lösung von Verkrampfungen und Verengungen zu bemühen und dem Raum zu geben, was sich an Positivem findet und sich ins Ganze einfügen läßt? Ich habe selbst in den Jahren nach 1988 erlebt, wie sich durch die Heimkehr von vorher von Rom sich abtrennenden Gemeinschaften dort das innere Klima verändert hat; wie die Heimkehr in die große, weite und gemeinsame Kirche Einseitigkeiten überwand und Verkrampfungen löste, so daß nun daraus positive Kräfte für das Ganze wurden.

Kann uns eine Gemeinschaft ganz gleichgültig sein, in der es 491 Priester, 215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitäts-Institute, 117 Brüder und 164 Schwestern gibt? Sollen wir sie wirklich beruhigt von der Kirche wegtreiben lassen?

Ich denke zum Beispiel an die 491 Priester. Das Geflecht ihrer Motivationen können wir nicht kennen. Aber ich denke, daß sie sich nicht für das Priestertum entschieden hätten, wenn nicht neben manchem Schiefen oder Kranken die Liebe zu Christus da gewesen wäre und der Wille, ihn und mit ihm den lebendigen Gott zu verkünden. Sollen wir sie einfach als Vertreter einer radikalen Randgruppe aus der Suche nach Versöhnung und Einheit ausschalten? Was wird dann werden?

Gewiß, wir haben seit langem und wieder beim gegebenen Anlaß viele Mißtöne von Vertretern dieser Gemeinschaft gehört - Hochmut und Besserwisserei, Fixierung in Einseitigkeiten hinein usw. Dabei muß ich der Wahrheit wegen anfügen, daß ich auch eine Reihe bewegender Zeugnisse der Dankbarkeit empfangen habe, in denen eine Öffnung der Herzen spürbar wurde.

Aber sollte die Großkirche nicht auch großmütig sein können im Wissen um den langen Atem, den sie hat; im Wissen um die Verheißung, die ihr gegeben ist? Sollten wir nicht wie rechte Erzieher manches Ungute auch überhören können und ruhig aus der Enge herauszuführen uns mühen? Und müssen wir nicht zugeben, daß auch aus kirchlichen Kreisen Mißtönendes gekommen ist?

Manchmal hat man den Eindruck, daß unsere Gesellschaft wenigstens eine Gruppe benötigt, der gegenüber es keine Toleranz zu geben braucht; auf die man ruhig mit Haß losgehen darf. Und wer sie anzurühren wagte - in diesem Fall der Papst -, ging auch selber des Rechts auf Toleranz verlustig und durfte ohne Scheu und Zurückhaltung ebenfalls mit Haß bedacht werden.

Liebe Mitbrüder, in den Tagen, in denen mir in den Sinn kam, diesen Brief zu schreiben, ergab es sich zufällig, daß ich im Priesterseminar zu Rom die Stelle aus Gal 5, 13 - 15 auslegen und kommentieren mußte. Ich war überrascht, wie direkt sie von der Gegenwart dieser Stunde redet: „Nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!

Das ganze Gesetz wird in dem einen Wort zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Wenn ihr einander beißt und zerreißt, dann gebt acht, daß ihr euch nicht gegenseitig umbringt.“ Ich war immer geneigt, diesen Satz als eine der rhetorischen Übertreibungen anzusehen, die es gelegentlich beim heiligen Paulus gibt.

In gewisser Hinsicht mag er dies auch sein. Aber leider gibt es das „Beißen und Zerreißen“ auch heute in der Kirche als Ausdruck einer schlecht verstandenen Freiheit. Ist es verwunderlich, daß wir auch nicht besser sind als die Galater? Daß uns mindestens die gleichen Versuchungen bedrohen? Daß wir den rechten Gebrauch der Freiheit immer neu lernen müssen?

Und daß wir immer neu die oberste Priorität lernen müssen: die Liebe? An dem Tag, an dem ich darüber im Priesterseminar zu reden hatte, wurde in Rom das Fest der Madonna della Fiducia - unserer Lieben Frau vom Vertrauen - begangen.

In der Tat - Maria lehrt uns das Vertrauen. Sie führt uns zum Sohn, dem wir alle vertrauen dürfen. Er wird uns leiten - auch in turbulenten Zeiten. So möchte ich am Schluß all den vielen Bischöfen von Herzen danken, die mir in dieser Zeit bewegende Zeichen des Vertrauens und der Zuneigung, vor allem aber ihr Gebet geschenkt haben.

Dieser Dank gilt auch allen Gläubigen, die mir in dieser Zeit ihre unveränderte Treue zum Nachfolger des heiligen Petrus bezeugt haben. Der Herr behüte uns alle und führe uns auf den Weg des Friedens. Das ist ein Wunsch, der spontan aus meinem Herzen aufsteigt, gerade jetzt zu Beginn der Fastenzeit, einer liturgischen Zeit, die der inneren Läuterung besonders förderlich ist und die uns alle einlädt, mit neuer Hoffnung auf das leuchtende Ziel des Osterfestes zu schauen.

Mit einem besonderen Apostolischen Segen verbleibe ich
im Herrn Euer

BENEDICTUS PP. XVI.   
   

Sonntag, 26. Dezember 2004

DER KLEINE HERODES IN UNS


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde!

Zu einer „typisch deutschen Weihnacht“ gehören drei Dinge: Tannenbaum, Lametta und Krippe. Vor ungefähr 30 Jahren schien da in meiner westfälischen Heimat allerdings noch ein gewisser Nachholbedarf zu herrschen: Wir hatten daheim keine eigene Krippe. Und da wurde mein Großvater beauftragt, zusammen mit meinem Bruder und mir Abhilfe zu schaffen. Sperrholz und drei Laubsägen wurden organisiert und ein Stall gebaut. Das Ergebnis war eigentlich recht ordentlich. - Die tiefen Säge-Einschnitte in Opas Wohnzimmertisch leider auch. - Irgendwie verbinden wir alle irgendwelche Gesichter und Geschichten mit Weihnachten.

Und vielleicht kennen wir auch alle diese ganz typischen „Warum-Fragen“, die man als Kind dann eben auch so an Erwachsene stellt: „Warum wird Jesus eigentlich im Stall geboren?“ – Irgendwie ist das ja doch nicht normal. – Und vielleicht ahnen Sie auch schon die typische Antwort, die man dann zu hören bekommt? – „Weil in der Herberge kein Platz war!“ Diese Antwort ist zwar absolut korrekt und zeugt sogar von einer besonderen Bibelfestigkeit, - aber irgendwie ist diese Antwort auch nicht so ganz zufriedenstellend. Als Kind kann man einige Jahre gut damit leben: „In der Herberge war kein Platz mehr, deshalb haben wir den Stall gebaut. – Ja. Logisch!“
Aber irgendwann einmal sollte man dann doch einmal tiefer Fragen: „Warum wählt Gott einen Stall?“ – Was denken Sie?

Mich hat meine Kindheitsfrage nie so richtig losgelassen. Aber auch wenn man nicht Mönch werden will, sollte man sich durchaus darüber einige Gedanken machen: „Warum wählt Gott einen Stall?“

Die Antwort sieht sicherlich bei jedem ganz anders aus, und so ist auch meine Vermutung auch nur eine unter vielen. Aber wenn mir heute jemand diese Frage stellt, neulich war das bei einer kleinen Adventsfeier der Fall, dann bringe ich das immer auf eine einfache Kurzformel: „Macht birgt die Gefahr, dass sie die Liebe erstickt!“ Wahre Liebe braucht keine Macht und Pracht. - Der Gottmensch Jesus wollte ganz die Liebe sein, deshalb hat er ganz auf seine irdische Macht und Herrlichkeit verzichtet. Und das von Anfang an! –
Macht und Liebe sind hier auf der Erde nicht so einfach unter einen gemeinsamen Hut zu kriegen. - Wer Macht und Kontrolle über andere ausübt, der wird leicht lieblos.

Der RING: Symbol der Macht oder Liebe?


Macht ist eine teuflische Versuchung, damals wie heute: Dreimal wird der Teufel in der Wüste an Jesus herantreten um den Gottessohn in Versuchung zu führen. Das Ziel und die Triebfeder dieser Versuchungen ist die Macht: Jesus widersteht, er bleibt ganz die Liebe.

Es ist sehr interessant zu beobachten, wie dieses Thema „Macht und gleichzeitiger Liebesverlust“ in Literatur, Film und Musik immer wieder aufgegriffen wird. Mit einiger Verspätung wurde auch in unserem Klosterkino auch Tolkiens dreiteiliger Fantasy-Monumentalschinken „Der Herr der Ringe“ gezeigt: Wer sich bewusst den „einen Ring“ der Macht an die Hand steckt, der verliert die Liebe. Das ist der unendlich hohe Preis für die Macht. - Und auch wer Wagners „Ring des Nibelungen“ kennt, der weiß: Alberich muss die Liebe erst verfluchen, um den „Ring der Weltherrschaft“ schmieden zu können: Macht oder Liebe!

Aber es ist gar nicht nötig, 1300 Seiten zu lesen, 9 Stunden Kino oder 15 Stunden Wagner Opern über sich ergehen zu lassen. – Um zu begreifen, wie gefährlich diese „Urversuchung“ der Macht ist, genügt schon ein kurzer Blick in das heutige Evangelium und in unseren eigenen Alltag.

Zuerst also ein Blick in das Evangelium: Herodes hat die politischen Wirren nach der Ermordung Caesars klug ausgenutzt um an die Macht zu kommen. Er errichtet den Tempel neu, in einer Pracht, die die des salomonischen Tempels sogar weit in den Schatten stellt. – Er ist mächtig. Und doch wird er nicht geliebt und ist einsam. Eigentlich ist er religiös gleichgültig. Er bedient sich aber der jüdischen Religion, solange sie seinem Machterhalt dient. – Herodes hat Angst um seine Macht: Aus anderen Quellen wissen wir, dass er kurz vor seinem Tod die Ermordung von etlichen jüdischen Führungspersönlichkeiten angeordnet hat. Drei seiner Söhne werden in den letzten Amtsjahren auf seinen eigenen Befehl umgebracht. - Wie gesagt, die Macht hat einen hohen Preis!

In seiner ganzen Brutalität ist Herodes in der Weihnachtsgeschichte aber nicht nur eine historische Gestalt. Er ist gewissermaßen der Antityp zu dem wehrlosen Jesuskind: Herodes ist der typische Mensch der Macht, der im anderen nur den Konkurrenten sehen kann. Dem göttlichen Kind steht ein mit aller Gewalt um seine Macht ringender Herodes gegenüber: Und die Mächtigen haben ein feines Gespür dafür, wenn sie ihre Macht gefährdet sehen. Je bedrohter sie ihre Macht sehen, um so brutaler kämpfen sie um diese. Und so beginnt die Lebensgeschichte des Gottessohnes mit einer Flucht. - Der Gottessohn flieht vor der Macht und ihren Früchten: Der Gottessohn flieht vor Neid, Ruhmsucht, Egoismus, Habgier, Lüge und Gewalt.

Liebe Brüder und Schwestern,
werfen wir jetzt aber einmal einen Blick nach heute: Gerade habe ich einen Zeitungsartikel über ein Buch gelesen, in dem 41 Manager anonym aber offen über diesen „Fluch der Macht“ sprechen. Dort heißt es: „Jeder, der einmal Macht hat, will noch mehr. Der Drang nach mehr Einfluss und Macht wird stärker, nicht schwächer.“ Am aufschlussreichsten sind die Aussagen zum Thema "Wie komme ich an die Macht?" – „Wendig muss man sein. Wissen, wem gerade nach dem Munde zu reden ist. Netzwerke spinnen. Loyalitäten aufbauen und sie bei Bedarf wechseln. - Ein selbstkritischer Manager ergänzt: "Und wenn man mal´ ein Ei gelegt hat, muss man laut und aufgeregt gackern." Was, wenn man es - wendig, listig und gackernd - nach oben geschafft hat? - Dann wird’s richtig schlimm. Neider, Intriganten und Konkurrenten überall. 90 Prozent ihrer Zeit, schätzt ein Berater, verwenden die Mächtigen darauf, auch mächtig zu bleiben.“ (Financial Times Deutschland) – So weit der Artikel.

Macht – heute sagt man lieber „Verantwortung“ - kann eine gefährliche Eigendynamik annehmen. Daran hat sich in 2000 Jahren offenbar nur wenig geändert: Vielleicht kennen Sie auch Menschen in Ihrer Umgebung, die eigentlich ganz normal waren, bis sie einen kleinen Posten am Arbeitsplatz, der Politik oder sogar im Kloster bekommen haben? Haben Sie anschließend eventuell eine wundersame „Wesensveränderung“ festgestellt? Menschen, von denen man es eigentlich nie erwartet hätte, können auf einmal ganz anderes werden, wenn sie Macht über andere bekommen. Da kann es entweder mit der Güte und Milde auf einmal ganz vorbei sein, oder sie wird zu einer „Gnade“, die dem anderen gewährt wird: „Ja, da wollen wir heute einmal Gnade vor Recht...“.

Das ganz besonders teuflische an der Macht ist aber auch, dass man es im Alltag oft selber gar nicht bemerkt, wenn man sie ausübt: Macht üben immer nur die anderen aus. Man sieht sich da sehr gerne in Opferrolle.

Liebe Brüder und Schwestern,
natürlich kann man, wenn man Macht, Einfluss und Geld richtig gebraucht, auch sehr viel Gutes damit bewirken. Das steht außer Frage! – Aber darüber zu sprechen möchte ich dann doch lieber den Experten überlassen. Meine Absicht war es nur darauf hinzuweisen, dass sich der Gottessohn auf diesen gefährlichen Doppelweg von Macht UND Liebe – von seiner Geburt an – erst überhaupt nicht eingelassen hat. Er hat sich alleine für den Weg der Liebe entschieden.

„Warum wurde Gott eigentlich in einem Stall geboren?“ –
Es lohnt sich über diese Kindheitsfrage nachzudenken.

Amen.

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Predigt am Fest der Hl. Familie (A) am 26. XII. 2004 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Mt 2,13-15.19-23)


EINLEITUNG

Liebe Brüder und Schwestern,

die weihnachtliche Idylle der heiligen Familie fand vor 2004 Jahren ein schnelles Ende:
Nur mit Mühe hatte der Gottessohn eine Herberge in dieser Welt gefunden,
und schon wurde er wieder aus seinem Stall gejagt. –

Und wie sieht es heute aus:
Lassen wir das Jesuskind i n u n s überleben?

Hat Jesus in uns einen dauerhaften Platz gefunden - oder muss er unser Herz fliehen,
weil es darin Kräfte gibt, die ihn manchmal zum Schweigen bringen wollen?

Gibt es nicht auch i n u n s einen kleinen Herodes, der um seine Macht bangt,
der sich von niemanden reinreden lassen möchte?

Ich denke, wir alle haben Jesus schon oft auf die Flucht geschickt.

Aber eines ist tröstlich:
Dass er wieder umkehrt aus Ägypten.

Bitten wir, dass er auch bei uns immer wieder anklopft.

(Kyrie)