Wie Holocaust-Überlebende mit Musik Hoffnung fanden
Man nannte sie Displaced Persons, kurz DPs: Menschen, die durch den nationalsozialistischen Terror alles verloren hatten. Menschen, die nach dem Kriegsende 1945 wieder hinter Stacheldraht landeten und im Land der Täter ausharren mussten. Was Musik für sie bedeutete, zeigt die Geschichte eines jüdischen Orchesters im oberbayerischen Kloster St. Ottilien.
Pater Cyrill beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dieser Geschichte. Er ist einer der rund 80 Benediktinermönche, die in der Erzabtei St. Ottilien in der Nähe des Ammersees leben. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass heute ein Gedenkweg mit Informationstafeln über das Klostergelände führt – vorbei am jüdischen Friedhof und am Geburtenhaus, in dem über 400 jüdische Babys zur Welt kamen; vorbei am Schulgebäude, in dem die Krankenstation des jüdischen DP Hospitals untergebracht war; und schließlich an der Rasenfläche, auf der am 27. Mai 1945 acht Holocaust-Überlebende ein "Befreiungskonzert" (Liberation Concert) für ihre Schicksalsgenossen gaben.
Liberation Concert: Konzert des Lebens und des Todes
Der 19-jährige US-Soldat Robert Hilliard berichtete betroffen, es sei "ein Konzert des Lebens und des Todes" zugleich gewesen. Sowohl die Musizierenden auf der improvisierten Bühne, wie auch das Publikum waren skelettartig abgemagert, konnten sich kaum auf den Beinen halten und trugen noch immer ihre gestreiften KZ-Uniformen. Und doch war es ihnen wichtig, bei diesem Konzert zugleich ihrer Toten zu gedenken, wie auch ein Zeichen der Hoffnung und Selbstbehauptung zu setzen.
Auf der Bretterbühne in St. Ottilien spielten sie auf geliehenen oder lädierten Instrumenten, doch sie waren alle professionelle Musikerinnen und Musiker aus Litauen. Sie hatten in den großen Sinfonieorchestern gespielt, bevor sie 1941 nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht in die jüdischen Ghettos von Vilnius und Kaunas gezwungen wurden. Trotz Hunger, Krankheit und ständig drohenden Todestransporten gab es auch dort Musik: In Vilnius gab es ein Orchester und einen 100-köpfigen Chor unter der Leitung des jungen Dirigenten und Komponisten Wolf Durmashkin; in Kaunas das Ghetto-Polizei-Orchester unter Micha Hofmekler, der später das St. Ottilien Orchester dirigieren sollte. Nach der Liquidierung der Ghettos wurden die Mitglieder beider Ensembles deportiert und landeten schließlich in einem Außenlager des KZ Dachau, das als die "Hölle von Kaufering" galt.
Wie St. Ottilien sich zu einem Ort der Hoffnung wandelte
Mit Unterstützung der amerikanischen Militärverwaltung gelang es Grinberg schließlich, das gesamte Gelände in ein jüdisches DP-Hospital umzufunktionieren. Und nicht nur das: Allmählich wandelte sich St. Ottilien zu einem Ort der Hoffnung, an dem jüdisches Leben wieder zu gedeihen begann – und das in einem oberbayerischen katholischen Kloster. Es gab eine Thora-Schule, eine Synagoge und eine Küche für koschere Speisen. Die Schabbat-Bräuche wurden eingehalten, das Laubhüttenfest wurde gefeiert und in der Klosterdruckerei entstand die erste Talmud-Ausgabe Deutschlands nach dem Holocaust. Man sprach Jiddisch und lernte Hebräisch – im Zeichen der erhofften Ausreise nach Palästina.
Dieser Hoffnung gaben auch die Auftritte des St. Ottilien Orchesters Ausdruck, das sich unter der Leitung von Micha Hofmekler schnell vergrößerte. Etwa durch den Geiger Max Beker, der sich hier in die Pianistin Fania Durmashkin aus dem Ghetto Vilnius verliebte und sie heiratete. Fanias Schwester war die Sängerin Henia Durmashkin, ihr gemeinsamer Bruder Wolf Durmashkin hatte nicht überlebt. "Neuzugänge" waren auch der ungarische Cellist György Horvath oder der polnische Geiger Chaim Arbeitman. Das Ensemble war mittlerweile ins jüdische DP-Camp in Landsberg am Lech umgezogen und unternahm von dort aus drei Jahre lang Konzerttouren durch alle DP-Lager der US-Zone. Es nannte sich fortan "Jewish Ex Concentration Camp Orchestra" und unterstrich diesen Namen durch die Art seines Auftretens: Die Mitglieder trugen nachgeschneiderte KZ-Uniformen mit Lagernummern, die "Bühnendekoration" bestand aus Stacheldraht, riesigen Davidsternen und ein paar künstlichen Palmen als Hinweis auf das "gelobte Land". Dennoch bestand das Repertoire nicht nur aus jiddischen oder zionistischen Liedern oder von der NS-Ideologie unterdrückten Komponisten wie Meyerbeer; auf dem Programm standen auch Mozart, Rossini, Verdi, Grieg und Bizet.
Leonard Bernstein dirigiert Konzert mit Holocaust-Überlebenden
Im Mai 1946 spielte das Ensemble vor internationalen Mitgliedern des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals in der ehemaligen Stadt der Reichsparteitage. Doch das denkwürdigste Konzert fand am 10. Mai 1948 statt. Die zwei Auftritte an diesem Tag – in den DP Lagern Landsberg und Feldafing – sollten nicht nur für die Musikerinnen und Musiker zum unvergesslichen Erlebnis werden, sondern auch für den Dirigenten: Es war der 29-jährige Leonard Bernstein, der sich nach einem Münchner Konzert mit dem Bayerischen Staatsorchester ins Umland aufmachte, um gemeinsam mit Holocaust-Überlebenden zu musizieren. Er dirigierte Webers Freischütz-Ouvertüre, sorgte bei Gershwins "Rhapsody in Blue" für den richtigen Swing am Klavier und begleitete auf diesem ziemlich verstimmten Instrument Henia Durmashkin bei ihren Ghetto-Liedern. Dieses "Liberation Concert" berührte den amerikanisch-jüdischen Jungstar zutiefst: "Mein Herz hat geweint", so fasste er seine Gefühle zusammen, als ihm die Musiker zum Andenken eine KZ-Jacke schenkten. Sonia Beker, die in den USA lebende Tochter von Max Beker und Fania Durmashkin erklärt zur Bedeutung dieses Auftritts für die Orchestermitglieder: "Es gab ihnen nach so vielen leidvollen Erfahrungen endlich das Gefühl von Anerkennung, als wären sie zurück an einem positiven Ort in der Welt."
Auflösung des Orchesters nach Staatsgründung Israels
Vier Tage nach dem "Liberation Concert" – am 14. Mai 1948 – proklamiert David Ben-Gurion den unabhängigen Staat Israel. Der Weg ins lang ersehnte Heilige Land wird frei für Jüdinnen und Juden aus aller Welt. Die auch als "Wartesäle zur Emigration" bezeichneten DP Camps leeren sich allmählich. Das DP Hospital in St. Ottilien wird im Winter aufgehoben, die Benediktinermönche sind wieder Hausherren in ihrer Abtei. Das hier gegründete Orchester löst sich auf, die Mitglieder wandern großenteils nach Israel aus, manche auch in die USA oder nach Kanada. Doch nur wenigen gelingt es, ihre Musikerkarrieren in der neuen Heimat fortzusetzen.
Erinnerung an die Discplaced Persons in Bayern
Obwohl die Geschichte der vielen tausend entwurzelten Menschen in den Displaced Persons Camps eine unmittelbare Fortsetzung der NS-Geschichte ist, hat sie bislang deutlich weniger Beachtung gefunden als die Aufarbeitung des Holocaust. Auch in Bayern, wo die ehemaligen Camps von Landsberg, Föhrenwald, Feldafing und Deggendorf vor der Münchner Haustür liegen. Heute gibt es mehrere Formate, die an das St. Ottilien Orchester und somit an die Geschichte dieser Menschen erinnern: Das 2018 gegründete Landsberger Liberation Concert ist ein großes Kulturprojekt, das mit Workshops, deutsch-israelischer Jugendarbeit, Konzerten und Gästen aus aller Welt für eine aktive Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der Stadtgeschichte sorgt. Beim zeitgleich entstandenen Wolf Durmashkin Composition Award reflektieren junge Komponistinnen und Komponisten das Thema "Musik und Holocaust".
In St. Ottilien veranstaltet das Festival AMMERSEErenade alljährlich in der dortigen Klosterkirche ein Festkonzert, dessen Einnahmen in ein Artist-in-Residence-Programm fließen. Künstler verschiedener Disziplinen bearbeiten als Gäste des Klosters Themen wie Freiheit, Toleranz und Wahrheit. Und im Ben-Haim-Forschungszentrum der Münchner Musikhochschule läuft derzeit ein Projekt, das sämtliche musikalischen Aktivitäten in allen jüdischen DP-Camps in Bayern erfassen und das Material voraussichtlich mit Kompositionsklassen bearbeiten will. Über feierliche Kranzniederlegungen und floskelhafte "Nie wieder!"-Ansagen hinaus entsteht hier also eine lebendige Erinnerungskultur, die vieles zum Klingen bringt.
"Klassikplus Musikfeature" am 29. Mai ab 19:03 Uhr auf BR Klassik

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