
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
nicht Worte, sondern Taten verändern die Welt. Das ist die Kernbotschaft, mit der uns Jesus heute im Evangelium konfrontiert. Er erzählt ein kurzes, aber messerscharfes Gleichnis von einem Vater und seinen zwei Söhnen.
Dieses Gleichnis ist kein harmloses moralisches Lehrstück über den Gehorsam im Familienkreis. Es ist eine radikale Anfrage an uns alle, an unsere Frömmigkeit, an unsere Lebensführung und an unser Verständnis von Gottes grenzenloser Gnade.
1. Das „Ja“, das auf dem Weg verloren geht
Betrachten wir zuerst den zweiten Sohn. Er ist ein Typ Mensch, den wir alle nur zu gut kennen – vielleicht auch aus dem Blick in den eigenen Spiegel. Er ist höflich, wohlerzogen und weiß genau, was sich gehört. Als der Vater ihn bittet, im Weinberg zu arbeiten, zögert er keine Sekunde. Er sagt: „Ja, Herr!“ Er schenkt dem Vater ein Lippenbekenntnis, das Respekt und Gehorsam signalisiert. Das klingt gut, das beruhigt die Situation, und es bringt im ersten Moment Anerkennung und Harmonie.
Aber dieses „Ja“ bleibt an der Oberfläche. Es dringt nicht bis in sein Herz vor und bewegt seine Füße nicht. Auf unsere Beziehung zu Gott übertragen, warnt uns Jesus hier vor einer vordergründigen Frömmigkeit. Er warnt vor einem Glauben, der nur aus Worten, Fassaden und schönen Traditionen besteht.
Wie oft sagen wir im übertragenen Sinne „Ja“, wenn wir Gottes Gebote der Nächstenliebe hören? Doch im Alltag geht dieses „Ja“ oft verloren. Wenn es darauf ankommt, für den Schwachen einzustehen, Zeit für den Einsamen zu opfern oder dem zu vergeben, der uns verletzt hat, dann bleiben wir oft untätig. Doch Gott sucht keine „Ja-Sager“, die im entscheidenden Moment den Dienst verweigern. Er sucht keine perfekten religiösen Kulissen, sondern ein lebendiges Handeln. Er möchte, dass unser Glaube Hand und Fuß bekommt.
2. Das mutige „Nein“, das zur Umkehr wird
Und dann ist da der erste Sohn. Seine Antwort auf die Bitte des Vaters ist eine Provokation: „Ich will nicht!“ Das ist schroff, das ist unhöflich, das bricht mit allen gesellschaftlichen Konventionen. Dieser Sohn steht für die Menschen, die Fehler machen.
Doch in dieser Geschichte passiert das eigentliche, leise Wunder im Verborgenen. Der Text sagt ganz schlicht: „Später reute es ihn, und er ging doch." Was für ein mächtiger Satz! Dieser Sohn geht in sich. Er hält inne. Er schaut in den Spiegel seiner eigenen Seele und erkennt seinen Trotz, seine Ungerechtigkeit gegenüber dem Vater. Er schämt sich vielleicht sogar für sein schnelles „Nein“.
Und dann das Entscheidende ist: Er bleibt nicht in der Scham oder im Trotz stecken. Er korrigiert seinen Kurs. Er dreht um, nimmt das Werkzeug in die Hand und geht doch noch in den Weinberg. Am Ende zählt vor Gott nicht, wie holprig der Start war. Es zählt nicht, wie laut unser erstes Aufbegehren war. Was zählt, ist die Richtung, in die sich unsere Füße am Ende bewegen. Dieser Sohn zeigt uns, dass ein ehrlicher Fehlschlag, gefolgt von einer Richtungsänderung, unendlich viel wertvoller ist als eine glatte, aber hohle Zusage.
3. Umkehr ist immer möglich
An diesem ersten Sohn entfaltet sich eine der wohl kraftvollsten Wahrheiten unseres christlichen Glaubens: Umkehr ist immer möglich.
Jesus hält den religiösen Führern seiner Zeit den Spiegel vor, weil sie dachten, sie hätten das Monopol auf Gottes Wohlwollen. Sie glaubten, weil sie die Gesetze formal einhielten, stünden sie automatisch auf der richtigen Seite. Die Ausgestoßenen hingegen galten als verloren. Doch Jesus bricht dieses starre System radikal auf. Er zeigt: Bei Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Niemand ist zu weit weggelaufen, als dass er nicht wieder zurückkehren könnte.
Egal, wie oft wir in unserem eigenen Leben schon „Nein“ zu Gott gesagt haben – sei es durch Gleichgültigkeit, durch Egoismus, durch bewusste Schuld oder durch das Ignorieren unserer Mitmenschen: Der himmlische Vater schreibt uns niemals ab. Bei Gott gibt es keine Sackgassen, aus denen es keinen Ausweg mehr gibt. Er hält die Tür bis zum allerletzten Augenblick weit offen.
Umkehr bedeutet im biblischen Sinne nicht, dass wir uns selbst geißeln oder in ständigen Schuldgefühlen versinken müssen. Das griechische Wort für Umkehr heißt Metanoia – das bedeutet schlicht „Umdenken“, den Sinn verändern, eine neue Perspektive einnehmen. Es bedeutet, den Mut zu haben, sich einzugestehen: „Ich bin auf dem falschen Weg. Ich habe mich verrannt.“ Und dann das Angebot Gottes anzunehmen, neu anzufangen.
Die Zöllner und Dirnen im Evangelium erkannten ihre Bedürftigkeit und ließen sich durch die Botschaft der Gnade verwandeln. Sie verstanden, dass Gottes Liebe kein Verdienst ist, sondern ein Geschenk, das nach einer Antwort im Leben verlangt.
Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, entdecken wir beide Söhne in unserer eigenen Brust. Wir alle haben Tage und Lebensphasen, in denen wir wie der erste Sohn rebellieren. Und wir alle haben Zeiten, in denen wir wie der zweite Sohn nur so tun, als ob – in denen wir nach außen hin die fromme Fassade wahren, während unser Herz kalt und unbewegt bleibt.
Doch gerade weil Umkehr immer möglich ist, verdammt uns dieses Gleichnis nicht. Es will uns nicht beschämen, sondern es hat eine zutiefst befreiende, erlösende Kraft: Vor Gott müssen wir nicht so tun, als hätten wir alles im Griff. Wir dürfen mit unseren Fehlern, mit unserem Versagen und mit unserem Zögern zu ihm kommen. Es ist niemals zu spät, ein anfängliches, trotziges „Nein“ in ein tatkräftiges, liebevolles Handeln zu verwandeln.
Gott wartet nicht auf unsere fehlerfreie, makellose Leistung. Er wartet auf unsere Ehrlichkeit und auf unsere Bereitschaft, uns verändern zu lassen. Gehen wir also los – nicht mit leeren Worten, sondern mit guten Taten. Es ist nie zu spät, doch noch in den Weinberg zu gehen.
Amen.
Evangelium: Mt 21, 28 - 32
(gehalten für die Tutzinger Schwestern im Haus St. Benedikt am 27.9.2026 um 10.45 Uhr)



