Sonntag, 27. September 2026

Predigt: Geh und arbeite heute im Weinberg!

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

nicht Worte, sondern Taten verändern die Welt. Das ist die Kernbotschaft, mit der uns Jesus heute im Evangelium konfrontiert. Er erzählt ein kurzes, aber messerscharfes Gleichnis von einem Vater und seinen zwei Söhnen.

Dieses Gleichnis ist kein harmloses moralisches Lehrstück über den Gehorsam im Familienkreis. Es ist eine radikale Anfrage an uns alle, an unsere Frömmigkeit, an unsere Lebensführung und an unser Verständnis von Gottes grenzenloser Gnade.


1. Das „Ja“, das auf dem Weg verloren geht

Betrachten wir zuerst den zweiten Sohn. Er ist ein Typ Mensch, den wir alle nur zu gut kennen – vielleicht auch aus dem Blick in den eigenen Spiegel. Er ist höflich, wohlerzogen und weiß genau, was sich gehört. Als der Vater ihn bittet, im Weinberg zu arbeiten, zögert er keine Sekunde. Er sagt: „Ja, Herr!“ Er schenkt dem Vater ein Lippenbekenntnis, das Respekt und Gehorsam signalisiert. Das klingt gut, das beruhigt die Situation, und es bringt im ersten Moment Anerkennung und Harmonie.

Aber dieses „Ja“ bleibt an der Oberfläche. Es dringt nicht bis in sein Herz vor und bewegt seine Füße nicht. Auf unsere Beziehung zu Gott übertragen, warnt uns Jesus hier vor einer vordergründigen Frömmigkeit. Er warnt vor einem Glauben, der nur aus Worten, Fassaden und schönen Traditionen besteht.

Wie oft sagen wir im übertragenen Sinne „Ja“, wenn wir Gottes Gebote der Nächstenliebe hören? Doch im Alltag geht dieses „Ja“ oft verloren. Wenn es darauf ankommt, für den Schwachen einzustehen, Zeit für den Einsamen zu opfern oder dem zu vergeben, der uns verletzt hat, dann bleiben wir oft untätig. Doch Gott sucht keine „Ja-Sager“, die im entscheidenden Moment den Dienst verweigern. Er sucht keine perfekten religiösen Kulissen, sondern ein lebendiges Handeln. Er möchte, dass unser Glaube Hand und Fuß bekommt.

2. Das mutige „Nein“, das zur Umkehr wird

Und dann ist da der erste Sohn. Seine Antwort auf die Bitte des Vaters ist eine Provokation: „Ich will nicht!“ Das ist schroff, das ist unhöflich, das bricht mit allen gesellschaftlichen Konventionen. Dieser Sohn steht für die Menschen, die Fehler machen. 

Doch in dieser Geschichte passiert das eigentliche, leise Wunder im Verborgenen. Der Text sagt ganz schlicht: „Später reute es ihn, und er ging doch." Was für ein mächtiger Satz! Dieser Sohn geht in sich. Er hält inne. Er schaut in den Spiegel seiner eigenen Seele und erkennt seinen Trotz, seine Ungerechtigkeit gegenüber dem Vater. Er schämt sich vielleicht sogar für sein schnelles „Nein“.

Und dann das Entscheidende ist: Er bleibt nicht in der Scham oder im Trotz stecken. Er korrigiert seinen Kurs. Er dreht um, nimmt das Werkzeug in die Hand und geht doch noch in den Weinberg. Am Ende zählt vor Gott nicht, wie holprig der Start war. Es zählt nicht, wie laut unser erstes Aufbegehren war. Was zählt, ist die Richtung, in die sich unsere Füße am Ende bewegen. Dieser Sohn zeigt uns, dass ein ehrlicher Fehlschlag, gefolgt von einer Richtungsänderung, unendlich viel wertvoller ist als eine glatte, aber hohle Zusage.

3. Umkehr ist immer möglich

An diesem ersten Sohn entfaltet sich eine der wohl kraftvollsten Wahrheiten unseres christlichen Glaubens: Umkehr ist immer möglich.

Jesus hält den religiösen Führern seiner Zeit den Spiegel vor, weil sie dachten, sie hätten das Monopol auf Gottes Wohlwollen. Sie glaubten, weil sie die Gesetze formal einhielten, stünden sie automatisch auf der richtigen Seite. Die Ausgestoßenen hingegen galten als verloren. Doch Jesus bricht dieses starre System radikal auf. Er zeigt: Bei Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Niemand ist zu weit weggelaufen, als dass er nicht wieder zurückkehren könnte.

Egal, wie oft wir in unserem eigenen Leben schon „Nein“ zu Gott gesagt haben – sei es durch Gleichgültigkeit, durch Egoismus, durch bewusste Schuld oder durch das Ignorieren unserer Mitmenschen: Der himmlische Vater schreibt uns niemals ab. Bei Gott gibt es keine Sackgassen, aus denen es keinen Ausweg mehr gibt. Er hält die Tür bis zum allerletzten Augenblick weit offen.

Umkehr bedeutet im biblischen Sinne nicht, dass wir uns selbst geißeln oder in ständigen Schuldgefühlen versinken müssen. Das griechische Wort für Umkehr heißt Metanoia – das bedeutet schlicht „Umdenken“, den Sinn verändern, eine neue Perspektive einnehmen. Es bedeutet, den Mut zu haben, sich einzugestehen: „Ich bin auf dem falschen Weg. Ich habe mich verrannt.“ Und dann das Angebot Gottes anzunehmen, neu anzufangen.

Die Zöllner und Dirnen im Evangelium erkannten ihre Bedürftigkeit und ließen sich durch die Botschaft der Gnade verwandeln. Sie verstanden, dass Gottes Liebe kein Verdienst ist, sondern ein Geschenk, das nach einer Antwort im Leben verlangt.


Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, entdecken wir beide Söhne in unserer eigenen Brust. Wir alle haben Tage und Lebensphasen, in denen wir wie der erste Sohn rebellieren. Und wir alle haben Zeiten, in denen wir wie der zweite Sohn nur so tun, als ob – in denen wir nach außen hin die fromme Fassade wahren, während unser Herz kalt und unbewegt bleibt.

Doch gerade weil Umkehr immer möglich ist, verdammt uns dieses Gleichnis nicht. Es will uns nicht beschämen, sondern es hat eine zutiefst befreiende, erlösende Kraft: Vor Gott müssen wir nicht so tun, als hätten wir alles im Griff. Wir dürfen mit unseren Fehlern, mit unserem Versagen und mit unserem Zögern zu ihm kommen. Es ist niemals zu spät, ein anfängliches, trotziges „Nein“ in ein tatkräftiges, liebevolles Handeln zu verwandeln.

Gott wartet nicht auf unsere fehlerfreie, makellose Leistung. Er wartet auf unsere Ehrlichkeit und auf unsere Bereitschaft, uns verändern zu lassen. Gehen wir also los – nicht mit leeren Worten, sondern mit guten Taten. Es ist nie zu spät, doch noch in den Weinberg zu gehen.

Amen.

Predigt zum 26. Sonntag im Jahreskreis (A)
Evangelium: Mt 21, 28 - 32
(gehalten für die Tutzinger Schwestern im Haus St. Benedikt am 27.9.2026 um 10.45 Uhr)

Dienstag, 22. September 2026

Zum Verlieben schön: Rossinis „La Cenerentola“ in der legendären Regie und Ausstattung von Jean-Pierre Ponnelle an der Bayerischen Staatsoper am 19. Sept. 2026

Jean-Pierre Ponnelles Inszenierung von Gioachino Rossinis „La Cenerentola“ aus dem Jahr 1980 ist an der Bayerischen Staatsoper nach wie vor ein Klassiker. Obwohl Rossinis Werk, einst eine Rarität, heute weltweit vergleichsweise häufig aufgeführt wird, fesselt diese Produktion das Publikum weiterhin und bietet einen erfrischenden und genussvollen Opernabend. „La Cenerentola“ verkörpert die perfekte Balance zwischen Opera buffa und ernstem Drama, zwischen heiterer Komödie und Farce. Während Don Magnifico und seine törichten Töchter die Züge einer reinen Farce aufweisen, bietet Alidoro als Deus ex machina einen moralischen Kompass, der ihn fest als ernsthafte Figur verankert.  

Im Zentrum steht Rossinis Musik: elegant und unendlich vielfältig, erhebt sie selbst die absurdesten Situationen und vereint Komik und ergreifende Gefühle zu einer einzigartigen künstlerischen Vision. Ponnelle fängt die kontrastierenden Stimmungen der Oper – Komik und Melancholie – meisterhaft ein und rahmt sie mit Bühnenbildern ein, die an Pappfiguren erinnern und in Schwarz-Weiß wie Tuschezeichnungen gemalt sind. Sein komödiantischer Ansatz respektiert Tradition und Raffinesse und vermeidet Übertreibung und Vulgarität. Das Ergebnis ist eine Inszenierung von erlesener Schönheit und bezauberndem Charme.
Die Aufführung unter der hervorragenden musikalischen Leitung von Gianluca Capuano konnte auf ein harmonisches Sängerensemble zählen, dessen Stimmen perfekt mit der Partitur harmonierten. Die erst 24 jährige georgische Mezzosopranistin Ekaterine Buachidze verkörperte eine zauberhafte, mädchenhafte Angelina/Cenerentola und meisterte die anspruchsvolle Tessitur mit scheinbarer Leichtigkeit. Ihre agile Stimme blieb auch in den höchsten Lagen rein und wurde von ihrem Atem perfekt unterstützt. Die Protagonistin zeigte eine herausragende Koloraturbeherrschung, dabei war ihr Mezzosopran in der hohen Lage fokussiert, mit einem kräftigen oberen Register und strahlenden Spitzentönen. Ekaterine Buachidze war der absolute Star des Abends und ich wage zu behaupten, dass diese junge und dazu auch noch zum Verlieben bildhübsche Sängerin eine Weltkarriere machen wird: Dies war der Startschuss! 

Ihre Interpretation des abschließenden Rondos „Non più mesta“ war elektrisierend, voller Koloraturvielfalt und echter Begeisterung. Aber hören Sie Ekaterine Buachidze mit diesem finalen Rondo selbst, dann werden Sie meine Prophezeiung verstehen:

   

 Auch der Tenor Maxim Liam Bonthrone gilt als aufstrebender Stern unter den Rossini-Interpreten: Er gab einen sehr stilvollen Don Ramiro, der, obwohl verkleidet, stets die nötige Distanz zu seinem Diener Dandini wahrte. Letzterer wurde vom Bariton Konstantin Krimmel verkörpert, der stimmlich makellos und in der Buffo-Rolle sehr überzeugend war, ebenso wie der Bassbariton Misha Kiria als ein entzückender Don Magnifico. Die beiden Sängerinnen Narea Son und und Meg Brilleslyper überzeugten ebenfalls in den Rollen der zänkischen Clorinda und Tisbe, Angelinas Stiefschwestern. Bassbariton Luca Pisaroni verkörperte mit seiner markanten Stimme und seiner imposanten Bühnenpräsenz einen autoritären Alidoro. 

Letztendlich muss ich sagen, dass diese Aufführung einer der schönsten und unterhaltsamsten Opernabende war, die ich bisher erleben durfte. Und da Ponelles berühmte Inszenierung nicht nur an der Bayerischen Staatsoper, sondern auch weltweit in vielen bedeutenden Opernhäuser (wie hier 2014 in San Francisco) aufgeführt wurde, möchte ich Ihnen diese herzlich empfehlen. „La Cenerentola“ vereint Humor, mitreißenden Gesang und ein bewegendes Plädoyer für Vergebung. - Viel Vergnügen beim Zuschauen!

 
Wichtiger Hinweis für den optimalen Operngenuß: Stellen Sie, nach dem Starten, in den Einstellungen (Zahnrad rechts oben) die Bildqualität auf 1080p und aktivieren Sie anschließend den Vollbild-Modus (schräger Doppelpfeil rechts unten).

Montag, 21. September 2026

Das Ewige Leben: Was wissen wir darüber? | Prof. DDr. Ralph Weimann

 

Der Glaube daran, dass unser Leben nicht mit dem Tod endet, ist vielleicht die größte Gemeinsamkeit zwischen allen Religionen. Und selbst nicht religiöse Menschen glauben bisweilen daran, dass nach dem Tod noch etwas kommt. Was aber ist die christliche Vorstellung vom „Ewigen Leben“ und was können wir darüber überhaupt mit Sicherheit sagen? Diese und weitere Fragen bespricht Volker Niggewöhner mit dem Dogmatiker und Bioethiker Ralph Weimann.

Dienstag, 8. September 2026

Was ein Mönch so hört (24): Die h-Moll-Messe von J.S. Bach mit dem Ensemble Pygmalion unter Raphaël Pichon

 

Eine Messe als packendes Drama: Das ist hier zu erleben. Raphaël Pichon stellt mit seinem Ensemble Pygmalion das Credo von Bachs h-Moll-Messe ins Zentrum: ein oft martialischer Ohren-Thriller, der mit einer schwerelosen Auferstehung endet. Das Kyrie firmiert als kontemplative Einstimmung, durch das Gloria fegt der Heilige Geist, und das Sanctus ist wahre Herzensmusik. Musiziert wird in raschen Tempi, extrem lebendig und durchsichtig, oft mit tänzerischer Leichtigkeit und mit zahlreichen individuellen Farben. Pichons Interpretation ist raffiniert, leicht und luftig, tänzerisch und fließend, eigentlich sehr französisch. Der Chorgesang ist von großer Schönheit, und auch das Orchester ist hervorragend. Die Solisten fügen sich wunderbar in das Ensemble ein, das durch seine musikalischen Qualitäten beeindruckt. Diese Deutung der h-Moll-Messe ist einladend und aufbauend. Man wird nicht eingeschüchtert oder unterworfen, sondern aufgerichtet. Was für ein Gewinn! So kann uns selbst ein Repertoire-Stück noch das Staunen lehren.

Montag, 7. September 2026

Von der Faszination historischer Aufnahmen (10): Die Walküre (MET 1941, Leinsdorf)

Diese mitreißende „Walküre“, eine der besten historischen Rundfunkaufnahmen der Oper von der Met-Bühne, hat alles, was man sich wünschen kann. Fangen wir mit den Frauen an. Astrid Varnay sprang kurzfristig für die erkrankte Lotte Lehmann ein. Mit ihrer kraftvollen Stimme, die jedes Wort prägt, verbindet sie Sieglindes unterdrückte Leidenschaft und Wagners dringliche Lyrik mit fesselnder Autorität. Man würde nie vermuten, dass diese unerfahrene 23-jährige Sängerin noch nie zuvor auf der Bühne gestanden hat. Die großartige Mezzosopranistin Kirsten Thorborg entdeckt als Fricka eine verletzliche Seite unter der scheinbar sittlichen Fassade ihrer Figur. Und Helen Traubels Brünnhilde – eine so nahtlos modulierte und mühelose Stimme findet man heutzutage nur schwer. Was kann man dem Lob für Lauritz Melchiors honigsüßen, baritonalen Siegmund in Höchstform noch hinzufügen? Ja, er reizt die beiden „Wälse-Rufe" im ersten Akt bis zum Äußersten aus – geradezu "wagnerianisch"! Und warum auch nicht? Schließlich schämte sich Rockefeller ja auch nicht für seine Millionen. Alexander Kipnis’ statuenhafter, strahlender Hunding gehört zu den besten Aufnahmen überhaupt. Leider fehlt Friedrich Schorr 1941 der brillante Ton und die Unterstützung, die seine Wotan-Aufnahmen aus der Vorkriegszeit auszeichneten. 

Unter Erich Leinsdorfs diszipliniertem Dirigat wird das Orchester der Met zu einem gleichberechtigten Akteur im Drama. Die Streicher spielen mit zarter Nuance, und selbst die komplexeste Partitur wird überzeugend gestaltet, selbst bei Leinsdorfs mitunter rasanten Tempi. Die nervenaufpeitschende Rasanz dieser schnellsten „Walküre“ auf CD mag stellenweise überzogen sein, aber ihre schneidende Präzision, das Keuchen an der Grenze des Spielbaren waren diesem Ausnahmeereignis sicherlich angemessen. Der Klang ist für eine Radio-Aufnahme recht gut – vergleichbar mit dem, was die Toningenieure von HMV Ende der 1920er-Jahre erreichten. Bis auf eine größere Kürzung in Wotans Monolog im zweiten Akt wird die Oper vollständig aufgeführt. Kenner des historischen Wagner werden für dieses verlockende Schnäppchen sicher einen Platz in ihrer Sammlung finden.