Sonntag, 13. November 2005

ÜBER DEN "LITURGIE-INDEX", TALENTFÖRDERUNG UND FUSSMATTEN


Liebe Mitbrüder,
liebe Brüder und Schwestern!
Für mich gibt es immer ein ganz einfaches Kriterium, ob ein Evangelium besonders interessant und spannend ist, bevor man es überhaupt gelesen hat. Es ist - in der Regel - immer dann der Fall, wenn es auch eine sog. liturgische „Kurzfassung“ gibt, wenn also das Evangelium "zensiert" wurde. Auch heute werden zwei Fassungen zur Auswahl angeboten: Die „Langfassung“, die wir gerade gehört haben: Mit 405 Wörtern, - eigentlich gar nicht so lang. –

Und dann gibt es auch noch die völlig zusammengestrichene „Kurzfassung“, (wie wir sie gestern Abend in der Vigil gehört haben): Diese bricht nach 134 Wörtern einfach plötzlich ab – obwohl das überhaupt keinen Sinn macht – und endet mit den wunderschönen Worten an den ersten Diener: „Du bist ein treuer Verwalter gewesen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn.“ – Punkt. – Aus. –Vorbei. –
Der Rest wird verschwiegen: Vom Schicksal der anderen Diener erfahren wir nichts mehr. – Wahrscheinlich wird das leider heute in sehr vielen Pfarrgemeinden der Fall sein!

Liebe Brüder und Schwestern,
es gibt sehr wenige Dinge, die mich so richtig ärgern können. Aber das hier ein Gleichnis vollkommen verstümmelt und verbogen wird, frei nach dem Motto „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“, halte ich eigentlich schon für sehr fragwürdig: Halbe Wahrheiten sind keine Wahrheiten! Wahrheit ist unteilbar! – Wir alle haben ein Recht auf die ganze Wahrheit, - auf das ganze Evangelium. Ungekürzt! Ohne Zensur und ohne Index. - Niemand braucht vor dem Wort Gottes geschützt werden! Der Index der "verbotenen Bücher" würde 1967 abgeschafft. Es macht mich aber sehr nachdenklich, wenn einige Teile der Hl. Schrift, darunter auch einige Psalmen, einem neuen "Liturgie-Index" zum Opfer gefallen sind.

Ich kenne sogar einige Menschen, ich nenne sie die „Gut-Menschen“, die Christus teilweise sogar für „unchristlich“ halten. – Welche Ironie! – Es ist mittlerweile ziemlich weit gekommen, eben auch weil viele das Evangelium nur noch sehr bruchstückhaft kennen.

Werfen wir nun aber einmal den Blick auf das ganze Evangelium:
Beim Lesen ist mir da ein interessanter Seitenaspekt aufgefallen: Die "Talentförderung". –
Was tut der Herr eigentlich, um die Talente zu fördern? Er verteilt die Talente und dann...?

Und „dann reiste er ab“.

Der Herr gibt überhaupt keine schlauen Tipps und tolle Ratschläge, wie man die Talente anlegen und vermehren soll. – Denn das ist oft auch überhaupt nicht hilfreich, um Talente zu fördern. –
Wir alle – auch im Kloster – kennen Menschen und Mitbrüder, die mit (mehr oder weniger) gutgemeinten Ratschlägen nicht gerade sparsam umgehen. Und sie erreichen damit in der Regel genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich erreichen wollten. Denn jeder, der mit Ratschlägen überschüttet wird, sagt sich: Eigentlich traut der (oder die) mir wenig oder nichts zu. Es kommt dann meistens zu einer Blockade oder zu heftigen Gegenreaktionen, die der Sache dann nur wenig förderlich sind. –

Absolut tödlich sind in diesem Zusammenhang auch Vergleiche mit dritten:
„So wie der oder der musst Du das auch machen...“. Ein Beispiel: Ich war damals noch im Priesterseminar - als meine Mutter mir sagte: “Jetzt schau Dir doch ´mal die Talk-Show von Jürgen F. an. - So stelle ich mir einen guten Pfarrer vor! Da kannst Du was lernen! - So muss ein Pfarrer mit den Menschen reden...“ – Ich hab mir die Sendung angeschaut und dann nur gedacht: „Oh mein Gott! – Wie furchtbar!“ : Beinahe wäre ich in eine Berufungskrise geraten.

Mit ungefragten Ratschlägen oder Vergleichen sollte man bei erwachsenen Menschen wirklich sehr sparsam sein: „Schlaumichel-Aktionen“ fördern in der Regel Talente nicht.

Ganz anders versucht der Herr hier im Gleichnis die Talente zu fördern: Er „vertraut“ seinen Dienern sein Vermögen an und reist einfach ab. „Ihr alle habt mein Vertrauen und ich traue euch etwas zu. - Ich überlasse euch alle Entscheidungen!“, - das ist seine Botschaft. Und weiter heißt es: Er tat es so, dass keiner überfordert wurde. - Niemand muss alles können! - Der Herr kennt seine Leute, er kennt ihre unterschiedlichen Fähigkeiten. Und nach diesen Fähigkeiten traut er ihnen etwas zu, - vertraut er ihnen etwas an. Wenn uns jemand Vertrauen schenkt, dann regen sich in uns oft Kräfte, die wir sonst gar nicht kennen. Da trauen wir uns auf einmal auch Dinge zu, auf die wir aus eigener Phantasie gar nicht gekommen wären. – Ich glaube, das hilft oft weit mehr, als viele Ratschläge.

Liebe Brüder und Schwestern,
aber da ist dann immer noch die Frage: Was ist denn da schiefgelaufen bei dem dritten Diener?
Und gerade der dritte Diener ist es ja, mit dem man sich so gerne in eine Reihe stellt: Er hat weniger Talente bekommen als die anderen. – Etwas was wir alle – außer die, die die vielen Talente abbekommen haben – gut kennen: Das ist jemand eine Sportskanone ... Und ich bin eigentlich eine Flasche... Da kann jemand singen wie Fritz Wunderlich oder Pavarotti ... Und ich bin froh wenn ich ein paar richtige Töne treffe ... Da hat jemand Augen wie ein Adler ... Und ich bin ein Blindfisch ... Da kann jemand predigen wie der hl. Augustinus ... Und ich muss mir meine Predigt mühsam zusammenschreiben ... usw.

Ja, wir sehen uns oft gerne auf der Schattenseite des Lebens. – Und das ist wahrscheinlich auch genau der Fehler, den der dritte Diener gemacht hat: - Sobald man sich mit anderen vergleicht, wird man zwangsläufig klein, unzufrieden und gelähmt. Man bekommt es mit der Angst zu tun und beginnt sein Talent einzugraben.

„Weil ich Angst hatte“ – heißt es im Evangelium. - Angst vor wem und vor was?
Angst vor der Unscheinbarkeit seines eigenen Talents: Er konnte an sich selbst nicht mehr glauben! – Die Nicht-Akzeptanz seiner (von Gott gegebenen Gaben und Grenzen) kann Menschen in die Verzweiflung führen.

Thomas von Aquin, der große Theologe des Mittelalters, bringt es genau auf den Punkt: „Die größte Sünde des Menschen besteht darin, - verzweifelt nicht er selbst sein zu wollen!“. Ich denke, dass ist immer noch hochaktuell: „Die größte Sünde des Menschen besteht darin, - verzweifelt nicht er selbst sein zu wollen!“

Die Gegenwart bietet heute genügend Chancen, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen und seine Werk zum Lob Gottes leuchten zu lassen. - Jeder hat sein Talent. Jeder ist einmalig. – Jeder hat seine Lebensaufgabe zu erfüllen. – Genau daran will Jesus erinnern: Vertue dein Leben nicht, - lass deine Talente nicht brach liegen. - Mach was aus deinem Leben, damit du nicht eines Tages bestürzt sagen musst: Was ist bloß aus meinem Leben geworden?

Hier muss ich immer an eine Episode aus dem „Hauptmann von Köpenick“ (von Carl Zuckmayer) denken. - Diese kleine Geschichte möchte ich am Ende noch erzählen. – Den Berliner Dialekt musste ich leider weglassen, - der klingt genauso furchtbar wie mein Bayerisch. –

Also: Schuster Vogt, gerade aus dem Knast freigekommen, fragt sich, was er eigentlich bisher aus seinem Leben gemacht hat. Da er keine Aufenthaltsgenehmigung hat, bekommt er keine Arbeit. Und da er keine Arbeit hat, bekommt er keine Aufenthaltsgenehmigung.

Er sieht sich vor den Allmächtigen gestellt, und der fragt ihn: "Vogt, was hast du gemacht mit deinem Leben?" "Und ich, - ich muss dann sagen: Fußmatten! – Fußmatten habe im Gefängnis geflochten. - Und da sind sie dann alle drauf rumgetrampelt." – Und der Allmächtige schüttelt den Kopf und sagt: "Geh weg! – Ausweisung! – Dafür habe ich dir dein Leben nicht geschenkt!" -

Und dann ist es wieder nichts - mit der Aufenthaltsgenehmigung!

Liebe Brüder und Schwester,
Fußmatten bringen uns also nicht in den Himmel. –
Aber wir haben ganz bestimmt andere Fähigkeiten?! –
Und wer sein Talent eingegraben hat, der kann es jederzeit wieder ausgraben, damit es etwas wird, mit der "Aufenthaltsgenehmigung". - Amen.


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Predigt für den 33. Sonntag im Jahreskreis (A) am 13. XI. 2005 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Mt 5, 14-30)

Samstag, 29. Oktober 2005

Oft kopiert - nie erreicht

Der Bayreuther „Jahrhundert-RING“ von Patrice Chereau & Pierre Boulez
von Peter Bilsing

„Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ (Victor Hugo)

Seit Mitte 2005 gibt es nun den legendären Chereau-Ring wieder, neu aufgelegt und digital überarbeitet (5.1.DTS). - Ein Muss für jeden Wagner-Fan - ein echtes Juwel, wie ich finde.

Zwar darf man von einer über 25 Jahre alten Live-Aufnahme keine Wunder erwarten, doch was mit dem neuen Verfahren „AMSI II“ (= Ambient Surround Imaging) hier ins DTS-Format gesetzt wurde ist geradezu bahnbrechend. Diese neue ausgesprochen schonende Sound-Bearbeitungsmethode der EMIL BERLINER STUDIOS erlaubt die Konversion stereophoner Audiosignale in einen bemerkenswerten „5.1. Surround Sound“. Das Ergebnis ist so verblüffend, dass – eine entsprechend gute 5-Kanal-Anlage vorausgesetzt - sich der Zuschauer praktisch in die erste Reihe des Festspielhauses versetzt fühlt.

Musik und Gesang blühen neu auf. Überhaupt kein Vergleich mehr mit dem platten, rein stereophonen Klangbild alter Tage. Wagner wird hier wirklich dreidimensional hörbar, ohne dass man glaubt – wie bei manchen ganz neuen Aufnahmen – völlig unnatürlich mitten im Orchester zu sitzen. Hier wurde mit großer Liebe und Engagement nahe am natürlichen Klangfeld gearbeitet. Das Ergebnis kann sich nicht nur hören lassen, sondern ist unerhört.

Bei gutem Hardware-Equipment sitzt der Opernfreund geradezu beängstigend weit vorne. Durch die phänomenale Bildregie von Brian Large entstehen schon beinahe voyeuristische Perspektiven. Die beispielhaft bearbeiteten Bild- und Szenenübergänge in Zeitlupe beeindrucken mehr denn je, denn sie geben szenische Impressionen frei, die man auf dem Theater live im Festspielhaus so nie wahrgenommen hat, nicht wahrnehmen konnte.

Szenen wie jene beispielsweise (Finale 3.Akt, Walküre), wo die Kamera aus der Totale langsam und genau passend zur Musik auf den brennend vernebelten Brünhildenfelsen fährt und dann langsam Wotans schmerzverzehrtes Gesicht durch den Rauch sichtbar macht , bleiben genauso unvergesslich, wie das Götterdämmerungsfinale, wo die Kamera sich zum finalen Erlösungsthema dezent, fast fragend, wie die alleingelassenen Menschen, von der Bühne zurückzieht.



Und es sind die großen Künstler/Sängerdarsteller dieser Produktion, die es erlauben und aushalten, dass der Kameramann auch mal voll draufzoomen kann, fast auf Schweißperlen- bzw. Augenwimpernnähe. Large erkennt solche Momente und geht optisch bis zu einer fast schmerzlichen visualisierten Traumatisierung mancher Szenen. Das sind schon oscarreife Gipfel künstlerischer Darstellungskunst.

Brian Large erhöht und verstärkt damit den künstlerischen Wert dieser maßstabsetzenden Regiearbeit von Patrice Chereau auf einen Level, der den Begriff „Jahrhundertwerk“ in jeder Phase seiner Realisation neu erlebbar macht. Angesichts dieser gewaltigen Bildästhetik stockt gelegentlich der Atem und der Begriff der „Werktreue“ bekommt einen tieferen menschlichen Bezugspunkt – hier spricht das Herz, oder es schweigt.

Das schreibt jemand, der die Uraufführung anno 1976 in Bayreuth noch (als holdes Mitzwanziger-Bürschlein und unkritischer Wagner-Fanatiker) mit Buhs und Pfiffen begleitete und der mittlerweile – geläutert und deprimiert durch die unseligen Erfahrungen unzähliger Ringe im letzten Vierteljahrhundert – diese Fehleinschätzung spätjugendlicher Unerfahrenheit nun doch arg bereut.

Es wäre schade, wenn dieser einmalige RING nur auf dem (sicher diskutablen!) Niveau des rein sängerisch-musikalischen abgehandelt werden würde. Aber hatten die Klangfeuerwerk-Studio-Produktionen von Solti/Karajan nicht auch ihre Macken? Was bleibt, ist immer der Gesamteindruck des Gesamtkunstwerkes. Was dem einen sein Hotter, war dem anderen sein Vickers; und natürlich gab und gibt es bessere Siegmunds als Peter Hofman, aber nie mehr einen darstellerisch so überzeugend echten menschlichen Helden, der in seiner Liebe, wie seiner Tragik, unzählige Opernfreunde zu Tränen gerührt hat. War es nicht genau das, Wagner wollte; wahre Liebe zeigen?

Wer diesen Jahrhundert-Ring nun auf DVD noch mal durchleben darf, dem wird auch immer wieder die Ernsthaftigkeit und Seriosität dieser ungeheuren Regiearbeit vor Augen geführt und die Stringenz eines Konzeptes, dass 16 Stunden die Spannung hält und fesselt; wobei noch mal festzuhalten ist (man hört jetzt wirklich mehr!), dass die Balance von darstellerischer Leistung und gutem Gesang doch zu 100 Prozent stimmig ist. Von welchem RING kann man das guten Gewissens sonst sagen?

Er ist wie ein alter exzellenter Rotwein, der von Jahr zu Jahr besser wird.

Sonntag, 22. Mai 2005

"DIE WAHRHEIT IST HARTNÄCKIG!"


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde!

Vor einigen Monaten verstarb mit 80 Jahren mein früherer Heimatpfarrer. 25 Jahre war er in unserer westfälischen Kleinstadtgemeinde tätig - und er hatte eine Begabung, die ich immer besonders bewundert habe: Mit wenigen und klaren Worten konnte er immer alles genau auf den Punkt bringen. Oft haben mich seine Sinnsprüche noch Jahre später zum Weiterdenken angeregt und mein Leben begleitet. Und auch für diese Predigt – was sagt mir eigentlich die Dreifaltigkeit – kam mir spontan einer seiner Leitsprüche in den Sinn: „Die Wahrheit ist hartnäckig!“ – Das gilt für das eigene Leben und für die Bibel auch.

Bevor wir also einen Blick in die Heilige Schrift werfen, zuerst einmal ein Blick in unser alltägliches Leben.

Ein plötzlicher Todesfall in der Familie oder auch schon eine Krankheit, die man nicht unbedingt erwartet hat, kann unser Leben vollkommen durcheinander bringen. Was vorher einfach und selbstverständlich war, läuft jetzt nicht mehr so weiter. Die „neue Wahrheit“ bekommt dann oft eine Hauptrolle im Alltag, mit der man dann leben muss. Und schnell macht man die Erfahrung: „Die Wahrheit ist hartnäckig!“

„Die Wahrheit ist hartnäckig“, - so könnten eigentlich viele Schlagzeilen lauten, wenn man heute eine Zeitung aufschlägt. Irgendwie kommt man da oft ins Staunen. In vielen Politik-Affären und Wirtschafts-Skandalen scheint sich die Wahrheit zwar oft nur sehr langsam durchzusetzen, aber irgendwie gelingt es anscheinend auch nur selten, sie dauerhaft zu unterdrücken.

Aber wir brauchen unseren Blick erst gar nicht in fremde Töpfe zu verwerfen: Schon bei jeder Beichte haben wir die Gelegenheit, unseren eigenen, weniger schönen Seiten zu begegnen. Und auch hier macht man dann - bei sich selbst - immer wieder die erstaunliche Beobachtung: „Die Wahrheit ist hartnäckig! - Aber im selben Moment erfährt man dann auch immer das Johannes-Wort : „Die Wahrheit wird euch frei machen!“ (Joh. 8,32) – Gott sei Dank - ist auch das wahr!

Liebe Bruder und Schwestern,
betrachten wir also nun (im zweiten Schritt ) das Johannesevangelium etwas genauer: Im Grunde dreht sich bei Johannes alles um den Begriff der Wahrheit. Die „Wahrheit“ steht bei Johannes im Mittelpunkt seiner Botschaft. – So hat mein Computer z. B. herausgefunden, dass Johannes das Wort „Wahrheit“ mehr als dreimal so häufig verwendet, als das Wort „Liebe“, über das ja sonst so viel und gerne gesprochen und gepredigt wird (22 : 7). Wenn man die theologische Hauptaussage von das Johannes mit wenigen Worten zusammenfassen möchte, so kann man das vielleicht am besten mit den folgenden Worten Jesu tun: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich... Wer mich gesehen hat, der hat auch den Vater gesehen.“ (Joh 14, 6ff). - Wer also Christus als den Sohn Gottes erkannt hat, hat auch die Wahrheit erkannt. – Und wer Christus nicht als den Gottessohn erkannt hat, der hat auch die Wahrheit nicht erkannt - und der hat auch das ewige Leben nicht, - das fügt das heutige Evangelium noch hinzu. –

Für viele Menschen klingen diese Worte ziemlich hart. -

Wer heute in unserer pluralistischen Gesellschaft über die Wahrheit spricht, und behauptet, er erkenne genau den Weg, der macht sich sehr schnell unbeliebt: – Wer noch einen klaren Glauben hat, gemäß dem Credo der Kirche, der wird heute schnell als „Fundamentalist“ abgestempelt. - Wer glaubt, er habe die wesentliche Wahrheit verstanden, wird als intolerant betrachtet. Aber dabei ist gerade der Ausschluss der Wahrheit – die ja bekanntlich so hartnäckig ist - wirklich schwer wiegend intolerant. Denn wer die Wahrheit ausschließt und nichts als endgültig anerkennt, reduziert die wesentlichen Dinge des Lebens nur auf sein eigenes Ich, auf seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche.

Auf diese Weise gibt es über viele wesentliche Dinge des Lebens auch keine gemeinsame Anschauung mehr. - Paulus beschreibt dieses Problem sehr schön: Wir sind oft wie unmündige Kinder, wie „ein Spiel der Wellen, hin und her getrieben im Widerstreit der Meinungen“ (Eph 4, 14). – Eine immer noch sehr aktuelle Beschreibung! Alle Meinungen scheinen irgendwie gleichermaßen gültig zu sein.

Liebe Brüder und Schwestern,
die Krankheit der heutigen Gesellschaft ist genau diese „Gleichgültigkeit“: Da gibt es kein - wahr oder falsch – gut oder böse mehr. Hier kann jeder glauben und tun, was er persönlich für richtig hält. - Aber mit dieser Gleichgültigkeit verlieren wir auch die ethischen Grundlagen für ein gemeinsames Leben. – Und ohne gemeinsame Wahrheiten, ohne einen gemeinsamen Glauben der Einheit stiftet, wird ein friedliches Zusammenleben dauerhaft nicht möglich sein.

Gerade unter dieser Gleichgültigkeit, in der wir es uns so bequem eingerichtet haben, leiden wir auch. Das spürt man täglich mehr. Wir haben es so weit gebracht, dass wir mittlerweile stets dazu bereit sind, alles zu verstehen und alles zu verzeihen. Aber in unserem Inneren wissen wir im Grunde ganz genau, dass es damit nicht getan ist. Wir sehnen uns danach wieder klar unterscheiden zu können zwischen gut und böse, richtig und falsch, schön und hässlich, klug und töricht. - Ja, die Wahrheit ist wirklich hartnäckig!

Liebe Brüder und Schwestern,
aber wir haben bei unserer Suche nach klaren Antworten einen Helfer: Christus, den Sohn Gottes, der durch den heiligen Geist wahrer Mensch geworden ist. Unsere Glaube an den wahren Sohn Gottes zeigt uns die Kriterien um unterscheiden zu können, zwischen Wahr und Falsch, zwischen Betrug und Wirklichkeit.

Dabei ist Christus der ganz andere im Vergleich mit allen anderen Religionsstiftern. Er kann nicht einfach auf eine Stufe mit Buddha, Sokrates oder Konfuzius gestellt werden. Er ist wirklich der Sohn Gottes und trotzdem wahrer Mensch. Er verbindet Gott mit den Menschen. - Das ist absolut einzigartig und einmalig! – Der Gottessohn ist die Brücke zwischen Himmel und Erde. Christus nimmt an unserem Leben und Leiden teil und schafft so den Schritt zum wahren Leben in der Auferstehung.

Und Christus geht sogar noch einen Schritt weiter: In jeder Eucharistiefeier, wenn wir den Leib des Herrn empfangen, lässt er uns teilhaben an seiner Gottheit. - Das ist eine unendliche Gnade und unendliches Wunder. Wir schwachen Mensch haben Teil an der Gottheit Christi. - Uns schwachen Menschen wird damit eine unendlich große Würde verliehen, die absolut einmalig ist. – Auch diese unbegreiflich hohe Würde des Menschen wird man so in keiner anderen Weltreligion finden. – Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, ist die Brücke zwischen Himmel und Erde: Das ist eigentlich die ganze Wahrheit, die uns Johannes mitteilen möchte.

Noch eine kleine Geschichte am Ende: Mit 19 Jahren, kurz vor meinem Abitur, wusste ich noch gar nicht was ich studieren wollte. Ich wusste nur, dass ich irgendetwas sinnvolles machen wollte. - Aber das möchte natürlich eigentlich jeder. – Ja, vielleicht Mathematik, Physik, Deutsch oder Geschichte, das waren meine Abiturfächer. Oder vielleicht doch lieber Elektrotechnik oder Informatik, wie viele meiner Mitschüler, die heute Handys, Kühlschränke, Kaffeemaschinen und andere nützliche Dinge entwickeln. – Ich konnte mich einfach nicht durchringen. – Damals, als ich noch nicht Bibliothekar war, hatte ich noch viel Zeit zum Lesen. Da fiel mir plötzlich ein Buch in die Hand mit dem Titel: „Unsere Bischöfe“. - Insider kennen das Buch. – Und in diesem Buch fand ich auch eine Biographie von Papst Benedikt XVI. , damals noch Kardinal Ratzinger. Und dieser hatte den tollen Bischofswahlspruch "COOPERATORES VERITATIS" - „Mitarbeiter der Wahrheit“. – Das hat mich damals genau ins Herz getroffen. - Da habe ich sofort gewusst, was ich auch werden und woran ich "mitarbeiten" wollte. – Wenige Wochen später habe ich mich im Priesterseminar in Münster angemeldet.

Liebe Brüder und Schwestern,
eines können Sie mir glauben: Dieses Gefühl, irgendwie ein ganz kleiner „Mitarbeiter der Wahrheit“ zu sein, lohnt sich. Und das gilt – mit allen Höhen und Tiefen - bestimmt nicht nur exklusiv für Päpste und Mönche. -

Und noch eins: „Die Wahrheit ist hartnäckig!“

AMEN.

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Predigt zum Hochfest der Hl. Dreifaltigkeit (A) am 22. Mai 2005 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Joh 3, 16-18)

Donnerstag, 10. März 2005

"Wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet..."

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Aus dem Vatikan, am 10. März 2009

Liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst!

Die Aufhebung der Exkommunikation für die vier von Erzbischof Lefebvre im Jahr 1988 ohne Mandat des Heiligen Stuhls geweihten Bischöfe hat innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche aus vielfältigen Gründen zu einer Auseinandersetzung von einer Heftigkeit geführt, wie wir sie seit langem nicht mehr erlebt haben. Viele Bischöfe fühlten sich ratlos vor einem Ereignis, das unerwartet gekommen und kaum positiv in die Fragen und Aufgaben der Kirche von heute einzuordnen war.

Auch wenn viele Hirten und Gläubige den Versöhnungswillen des Papstes grundsätzlich positiv zu werten bereit waren, so stand dagegen doch die Frage nach der Angemessenheit einer solchen Gebärde angesichts der wirklichen Dringlichkeiten gläubigen Lebens in unserer Zeit.

Verschiedene Gruppierungen hingegen beschuldigten den Papst ganz offen, hinter das Konzil zurückgehen zu wollen: eine Lawine von Protesten setzte sich in Bewegung, deren Bitterkeit Verletzungen sichtbar machte, die über den Augenblick hinausreichen.

So fühle ich mich gedrängt, an Euch, liebe Mitbrüder, ein klärendes Wort zu richten, das helfen soll, die Absichten zu verstehen, die mich und die zuständigen Organe des Heiligen Stuhls bei diesem Schritt geleitet haben. Ich hoffe, auf diese Weise zum Frieden in der Kirche beizutragen.

Eine für mich nicht vorhersehbare Panne bestand darin, daß die Aufhebung der Exkommunikation überlagert wurde von dem Fall Williamson. Der leise Gestus der Barmherzigkeit gegenüber vier gültig, aber nicht rechtmäßig geweihten Bischöfen erschien plötzlich als etwas ganz anderes: als Absage an die christlichjüdische Versöhnung, als Rücknahme dessen, was das Konzil in dieser Sache zum Weg der Kirche erklärt hat.

Aus einer Einladung zur Versöhnung mit einer sich abspaltenden kirchlichen Gruppe war auf diese Weise das Umgekehrte geworden: ein scheinbarer Rückweg hinter alle Schritte der Versöhnung von Christen und Juden, die seit dem Konzil gegangen wurden und die mitzugehen und weiterzubringen von Anfang an ein Ziel meiner theologischen Arbeit gewesen war.

Dass diese Überlagerung zweier gegensätzlicher Vorgänge eingetreten ist und den Frieden zwischen Christen und Juden wie auch den Frieden in der Kirche für einen Augenblick gestört hat, kann ich nur zutiefst bedauern.

Ich höre, daß aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen Nachrichten es ermöglicht hätte, rechtzeitig von dem Problem Kenntnis zu erhalten. Ich lerne daraus, daß wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen.

Betrübt hat mich, daß auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten. Um so mehr danke ich den jüdischen Freunden, die geholfen haben, das Mißverständnis schnell aus der Welt zu schaffen und die Atmosphäre der Freundschaft und des Vertrauens wiederherzustellen, die - wie zur Zeit von Papst Johannes Paul II. - auch während der ganzen Zeit meines Pontifikats bestanden hatte und gottlob weiter besteht.

Eine weitere Panne, die ich ehrlich bedaure, besteht darin, daß Grenze und Reichweite der Maßnahme vom 21. 1. 2009 bei der Veröffentlichung des Vorgangs nicht klar genug dargestellt worden sind. Die Exkommunikation trifft Personen, nicht Institutionen.

Bischofsweihe ohne päpstlichen Auftrag bedeutet die Gefahr eines Schismas, weil sie die Einheit des Bischofskollegiums mit dem Papst in Frage stellt. Die Kirche muß deshalb mit der härtesten Strafe, der Exkommunikation, reagieren, und zwar, um die so Bestraften zur Reue und in die Einheit zurückzurufen.

20 Jahre nach den Weihen ist dieses Ziel leider noch immer nicht erreicht worden. Die Rücknahme der Exkommunikation dient dem gleichen Ziel wie die Strafe selbst: noch einmal die vier Bischöfe zur Rückkehr einzuladen.

Diese Geste war möglich, nachdem die Betroffenen ihre grundsätzliche Anerkennung des Papstes und seiner Hirtengewalt ausgesprochen hatten, wenn auch mit Vorbehalten, was den Gehorsam gegen seine Lehrautorität und gegen die des Konzils betrifft.

Damit komme ich zur Unterscheidung von Person und Institution zurück. Die Lösung der Exkommunikation war eine Maßnahme im Bereich der kirchlichen Disziplin: Die Personen wurden von der Gewissenslast der schwersten Kirchenstrafe befreit.

Von dieser disziplinären Ebene ist der doktrinelle Bereich zu unterscheiden. Daß die Bruderschaft Pius' X. keine kanonische Stellung in der Kirche hat, beruht nicht eigentlich auf disziplinären, sondern auf doktrinellen Gründen. Solange die Bruderschaft keine kanonische Stellung in der Kirche hat, solange üben auch ihre Amtsträger keine rechtmäßigen Ämter in der Kirche aus.

Es ist also zu unterscheiden zwischen der die Personen als Personen betreffenden disziplinären Ebene und der doktrinellen Ebene, bei der Amt und Institution in Frage stehen. Um es noch einmal zu sagen: Solange die doktrinellen Fragen nicht geklärt sind, hat die Bruderschaft keinen kanonischen Status in der Kirche und solange üben ihre Amtsträger, auch wenn sie von der Kirchenstrafe frei sind, keine Ämter rechtmäßig in der Kirche aus.

Angesichts dieser Situation beabsichtige ich, die Päpstliche Kommission „Ecclesia Dei“, die seit 1988 für diejenigen Gemeinschaften und Personen zuständig ist, die von der Bruderschaft Pius' X. oder ähnlichen Gruppierungen kommend in die volle Gemeinschaft mit dem Papst zurückkehren wollen, in Zukunft mit der Glaubenskongregation zu verbinden.

Damit soll deutlich werden, daß die jetzt zu behandelnden Probleme wesentlich doktrineller Natur sind, vor allem die Annahme des II. Vatikanischen Konzils und des nachkonziliaren Lehramts der Päpste betreffen.

Die kollegialen Organe, mit denen die Kongregation die anfallenden Fragen bearbeitet (besonders die regelmäßige Kardinalsversammlung an den Mittwochen und die ein- bis zweijährige Vollversammlung), garantieren die Einbeziehung der Präfekten verschiedener römischer Kongregationen und des weltweiten Episkopats in die zu fällenden Entscheidungen.

Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahr 1962 einfrieren - das muß der Bruderschaft ganz klar sein.

Aber manchen von denen, die sich als große Verteidiger des Konzils hervortun, muß auch in Erinnerung gerufen werden, daß das II. Vaticanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muß den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt.

Ich hoffe, liebe Mitbrüder, daß damit die positive Bedeutung wie auch die Grenze der Maßnahme vom 21. 1. 2009 geklärt ist. Aber nun bleibt die Frage: War das notwendig? War das wirklich eine Priorität? Gibt es nicht sehr viel Wichtigeres? Natürlich gibt es Wichtigeres und Vordringlicheres. Ich denke, daß ich die Prioritäten des Pontifikats in meinen Reden zu dessen Anfang deutlich gemacht habe. Das damals Gesagte bleibt unverändert meine Leitlinie.

Die erste Priorität für den Petrusnachfolger hat der Herr im Abendmahlssaal unmißverständlich fixiert: „Du aber stärke deine Brüder“ (Lk 22, 32). Petrus selber hat in seinem ersten Brief diese Priorität neu formuliert: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die in euch ist“ (1 Petr 3, 15).

In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen. Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1) - im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen.

Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, daß Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und daß mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.

Die Menschen zu Gott, dem in der Bibel sprechenden Gott zu führen, ist die oberste und grundlegende Priorität der Kirche und des Petrusnachfolgers in dieser Zeit.

Aus ihr ergibt sich dann von selbst, daß es uns um die Einheit der Glaubenden gehen muß. Denn ihr Streit, ihr innerer Widerspruch, stellt die Rede von Gott in Frage. Daher ist das Mühen um das gemeinsame Glaubenszeugnis der Christen - um die Ökumene - in der obersten Priorität mit eingeschlossen.

Dazu kommt die Notwendigkeit, daß alle, die an Gott glauben, miteinander den Frieden suchen, versuchen einander näher zu werden, um so in der Unterschiedenheit ihres Gottesbildes doch gemeinsam auf die Quelle des Lichts zuzugehen - der interreligiöse Dialog.

Wer Gott als Liebe bis ans Ende verkündigt, muß das Zeugnis der Liebe geben: den Leidenden in Liebe zugewandt sein, Haß und Feindschaft abwehren die soziale Dimension des christlichen Glaubens, von der ich in der Enzyklika „Deus caritas est“ gesprochen habe.

Wenn also das Ringen um den Glauben, um die Hoffnung und um die Liebe in der Welt die wahre Priorität für die Kirche in dieser Stunde (und in unterschiedlichen Formen immer) darstellt, so gehören doch auch die kleinen und mittleren Versöhnungen mit dazu. Daß die leise Gebärde einer hingehaltenen Hand zu einem großen Lärm und gerade so zum Gegenteil von Versöhnung geworden ist, müssen wir zur Kenntnis nehmen.

Aber nun frage ich doch: War und ist es wirklich verkehrt, auch hier dem Bruder entgegenzugehen, „der etwas gegen dich hat“ und Versöhnung zu versuchen (vgl. Mt 5, 23f)? Muß nicht auch die zivile Gesellschaft versuchen, Radikalisierungen zuvorzukommen, ihre möglichen Träger - wenn irgend möglich - zurückzubinden in die großen gestaltenden Kräfte des gesellschaftlichen Lebens, um Abkapselung und all ihre Folgen zu vermeiden?

Kann es ganz falsch sein, sich um die Lösung von Verkrampfungen und Verengungen zu bemühen und dem Raum zu geben, was sich an Positivem findet und sich ins Ganze einfügen läßt? Ich habe selbst in den Jahren nach 1988 erlebt, wie sich durch die Heimkehr von vorher von Rom sich abtrennenden Gemeinschaften dort das innere Klima verändert hat; wie die Heimkehr in die große, weite und gemeinsame Kirche Einseitigkeiten überwand und Verkrampfungen löste, so daß nun daraus positive Kräfte für das Ganze wurden.

Kann uns eine Gemeinschaft ganz gleichgültig sein, in der es 491 Priester, 215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitäts-Institute, 117 Brüder und 164 Schwestern gibt? Sollen wir sie wirklich beruhigt von der Kirche wegtreiben lassen?

Ich denke zum Beispiel an die 491 Priester. Das Geflecht ihrer Motivationen können wir nicht kennen. Aber ich denke, daß sie sich nicht für das Priestertum entschieden hätten, wenn nicht neben manchem Schiefen oder Kranken die Liebe zu Christus da gewesen wäre und der Wille, ihn und mit ihm den lebendigen Gott zu verkünden. Sollen wir sie einfach als Vertreter einer radikalen Randgruppe aus der Suche nach Versöhnung und Einheit ausschalten? Was wird dann werden?

Gewiß, wir haben seit langem und wieder beim gegebenen Anlaß viele Mißtöne von Vertretern dieser Gemeinschaft gehört - Hochmut und Besserwisserei, Fixierung in Einseitigkeiten hinein usw. Dabei muß ich der Wahrheit wegen anfügen, daß ich auch eine Reihe bewegender Zeugnisse der Dankbarkeit empfangen habe, in denen eine Öffnung der Herzen spürbar wurde.

Aber sollte die Großkirche nicht auch großmütig sein können im Wissen um den langen Atem, den sie hat; im Wissen um die Verheißung, die ihr gegeben ist? Sollten wir nicht wie rechte Erzieher manches Ungute auch überhören können und ruhig aus der Enge herauszuführen uns mühen? Und müssen wir nicht zugeben, daß auch aus kirchlichen Kreisen Mißtönendes gekommen ist?

Manchmal hat man den Eindruck, daß unsere Gesellschaft wenigstens eine Gruppe benötigt, der gegenüber es keine Toleranz zu geben braucht; auf die man ruhig mit Haß losgehen darf. Und wer sie anzurühren wagte - in diesem Fall der Papst -, ging auch selber des Rechts auf Toleranz verlustig und durfte ohne Scheu und Zurückhaltung ebenfalls mit Haß bedacht werden.

Liebe Mitbrüder, in den Tagen, in denen mir in den Sinn kam, diesen Brief zu schreiben, ergab es sich zufällig, daß ich im Priesterseminar zu Rom die Stelle aus Gal 5, 13 - 15 auslegen und kommentieren mußte. Ich war überrascht, wie direkt sie von der Gegenwart dieser Stunde redet: „Nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!

Das ganze Gesetz wird in dem einen Wort zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Wenn ihr einander beißt und zerreißt, dann gebt acht, daß ihr euch nicht gegenseitig umbringt.“ Ich war immer geneigt, diesen Satz als eine der rhetorischen Übertreibungen anzusehen, die es gelegentlich beim heiligen Paulus gibt.

In gewisser Hinsicht mag er dies auch sein. Aber leider gibt es das „Beißen und Zerreißen“ auch heute in der Kirche als Ausdruck einer schlecht verstandenen Freiheit. Ist es verwunderlich, daß wir auch nicht besser sind als die Galater? Daß uns mindestens die gleichen Versuchungen bedrohen? Daß wir den rechten Gebrauch der Freiheit immer neu lernen müssen?

Und daß wir immer neu die oberste Priorität lernen müssen: die Liebe? An dem Tag, an dem ich darüber im Priesterseminar zu reden hatte, wurde in Rom das Fest der Madonna della Fiducia - unserer Lieben Frau vom Vertrauen - begangen.

In der Tat - Maria lehrt uns das Vertrauen. Sie führt uns zum Sohn, dem wir alle vertrauen dürfen. Er wird uns leiten - auch in turbulenten Zeiten. So möchte ich am Schluß all den vielen Bischöfen von Herzen danken, die mir in dieser Zeit bewegende Zeichen des Vertrauens und der Zuneigung, vor allem aber ihr Gebet geschenkt haben.

Dieser Dank gilt auch allen Gläubigen, die mir in dieser Zeit ihre unveränderte Treue zum Nachfolger des heiligen Petrus bezeugt haben. Der Herr behüte uns alle und führe uns auf den Weg des Friedens. Das ist ein Wunsch, der spontan aus meinem Herzen aufsteigt, gerade jetzt zu Beginn der Fastenzeit, einer liturgischen Zeit, die der inneren Läuterung besonders förderlich ist und die uns alle einlädt, mit neuer Hoffnung auf das leuchtende Ziel des Osterfestes zu schauen.

Mit einem besonderen Apostolischen Segen verbleibe ich
im Herrn Euer

BENEDICTUS PP. XVI.   
   

Sonntag, 26. Dezember 2004

DER KLEINE HERODES IN UNS


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde!

Zu einer „typisch deutschen Weihnacht“ gehören drei Dinge: Tannenbaum, Lametta und Krippe. Vor ungefähr 30 Jahren schien da in meiner westfälischen Heimat allerdings noch ein gewisser Nachholbedarf zu herrschen: Wir hatten daheim keine eigene Krippe. Und da wurde mein Großvater beauftragt, zusammen mit meinem Bruder und mir Abhilfe zu schaffen. Sperrholz und drei Laubsägen wurden organisiert und ein Stall gebaut. Das Ergebnis war eigentlich recht ordentlich. - Die tiefen Säge-Einschnitte in Opas Wohnzimmertisch leider auch. - Irgendwie verbinden wir alle irgendwelche Gesichter und Geschichten mit Weihnachten.

Und vielleicht kennen wir auch alle diese ganz typischen „Warum-Fragen“, die man als Kind dann eben auch so an Erwachsene stellt: „Warum wird Jesus eigentlich im Stall geboren?“ – Irgendwie ist das ja doch nicht normal. – Und vielleicht ahnen Sie auch schon die typische Antwort, die man dann zu hören bekommt? – „Weil in der Herberge kein Platz war!“ Diese Antwort ist zwar absolut korrekt und zeugt sogar von einer besonderen Bibelfestigkeit, - aber irgendwie ist diese Antwort auch nicht so ganz zufriedenstellend. Als Kind kann man einige Jahre gut damit leben: „In der Herberge war kein Platz mehr, deshalb haben wir den Stall gebaut. – Ja. Logisch!“
Aber irgendwann einmal sollte man dann doch einmal tiefer Fragen: „Warum wählt Gott einen Stall?“ – Was denken Sie?

Mich hat meine Kindheitsfrage nie so richtig losgelassen. Aber auch wenn man nicht Mönch werden will, sollte man sich durchaus darüber einige Gedanken machen: „Warum wählt Gott einen Stall?“

Die Antwort sieht sicherlich bei jedem ganz anders aus, und so ist auch meine Vermutung auch nur eine unter vielen. Aber wenn mir heute jemand diese Frage stellt, neulich war das bei einer kleinen Adventsfeier der Fall, dann bringe ich das immer auf eine einfache Kurzformel: „Macht birgt die Gefahr, dass sie die Liebe erstickt!“ Wahre Liebe braucht keine Macht und Pracht. - Der Gottmensch Jesus wollte ganz die Liebe sein, deshalb hat er ganz auf seine irdische Macht und Herrlichkeit verzichtet. Und das von Anfang an! –
Macht und Liebe sind hier auf der Erde nicht so einfach unter einen gemeinsamen Hut zu kriegen. - Wer Macht und Kontrolle über andere ausübt, der wird leicht lieblos.

Der RING: Symbol der Macht oder Liebe?


Macht ist eine teuflische Versuchung, damals wie heute: Dreimal wird der Teufel in der Wüste an Jesus herantreten um den Gottessohn in Versuchung zu führen. Das Ziel und die Triebfeder dieser Versuchungen ist die Macht: Jesus widersteht, er bleibt ganz die Liebe.

Es ist sehr interessant zu beobachten, wie dieses Thema „Macht und gleichzeitiger Liebesverlust“ in Literatur, Film und Musik immer wieder aufgegriffen wird. Mit einiger Verspätung wurde auch in unserem Klosterkino auch Tolkiens dreiteiliger Fantasy-Monumentalschinken „Der Herr der Ringe“ gezeigt: Wer sich bewusst den „einen Ring“ der Macht an die Hand steckt, der verliert die Liebe. Das ist der unendlich hohe Preis für die Macht. - Und auch wer Wagners „Ring des Nibelungen“ kennt, der weiß: Alberich muss die Liebe erst verfluchen, um den „Ring der Weltherrschaft“ schmieden zu können: Macht oder Liebe!

Aber es ist gar nicht nötig, 1300 Seiten zu lesen, 9 Stunden Kino oder 15 Stunden Wagner Opern über sich ergehen zu lassen. – Um zu begreifen, wie gefährlich diese „Urversuchung“ der Macht ist, genügt schon ein kurzer Blick in das heutige Evangelium und in unseren eigenen Alltag.

Zuerst also ein Blick in das Evangelium: Herodes hat die politischen Wirren nach der Ermordung Caesars klug ausgenutzt um an die Macht zu kommen. Er errichtet den Tempel neu, in einer Pracht, die die des salomonischen Tempels sogar weit in den Schatten stellt. – Er ist mächtig. Und doch wird er nicht geliebt und ist einsam. Eigentlich ist er religiös gleichgültig. Er bedient sich aber der jüdischen Religion, solange sie seinem Machterhalt dient. – Herodes hat Angst um seine Macht: Aus anderen Quellen wissen wir, dass er kurz vor seinem Tod die Ermordung von etlichen jüdischen Führungspersönlichkeiten angeordnet hat. Drei seiner Söhne werden in den letzten Amtsjahren auf seinen eigenen Befehl umgebracht. - Wie gesagt, die Macht hat einen hohen Preis!

In seiner ganzen Brutalität ist Herodes in der Weihnachtsgeschichte aber nicht nur eine historische Gestalt. Er ist gewissermaßen der Antityp zu dem wehrlosen Jesuskind: Herodes ist der typische Mensch der Macht, der im anderen nur den Konkurrenten sehen kann. Dem göttlichen Kind steht ein mit aller Gewalt um seine Macht ringender Herodes gegenüber: Und die Mächtigen haben ein feines Gespür dafür, wenn sie ihre Macht gefährdet sehen. Je bedrohter sie ihre Macht sehen, um so brutaler kämpfen sie um diese. Und so beginnt die Lebensgeschichte des Gottessohnes mit einer Flucht. - Der Gottessohn flieht vor der Macht und ihren Früchten: Der Gottessohn flieht vor Neid, Ruhmsucht, Egoismus, Habgier, Lüge und Gewalt.

Liebe Brüder und Schwestern,
werfen wir jetzt aber einmal einen Blick nach heute: Gerade habe ich einen Zeitungsartikel über ein Buch gelesen, in dem 41 Manager anonym aber offen über diesen „Fluch der Macht“ sprechen. Dort heißt es: „Jeder, der einmal Macht hat, will noch mehr. Der Drang nach mehr Einfluss und Macht wird stärker, nicht schwächer.“ Am aufschlussreichsten sind die Aussagen zum Thema "Wie komme ich an die Macht?" – „Wendig muss man sein. Wissen, wem gerade nach dem Munde zu reden ist. Netzwerke spinnen. Loyalitäten aufbauen und sie bei Bedarf wechseln. - Ein selbstkritischer Manager ergänzt: "Und wenn man mal´ ein Ei gelegt hat, muss man laut und aufgeregt gackern." Was, wenn man es - wendig, listig und gackernd - nach oben geschafft hat? - Dann wird’s richtig schlimm. Neider, Intriganten und Konkurrenten überall. 90 Prozent ihrer Zeit, schätzt ein Berater, verwenden die Mächtigen darauf, auch mächtig zu bleiben.“ (Financial Times Deutschland) – So weit der Artikel.

Macht – heute sagt man lieber „Verantwortung“ - kann eine gefährliche Eigendynamik annehmen. Daran hat sich in 2000 Jahren offenbar nur wenig geändert: Vielleicht kennen Sie auch Menschen in Ihrer Umgebung, die eigentlich ganz normal waren, bis sie einen kleinen Posten am Arbeitsplatz, der Politik oder sogar im Kloster bekommen haben? Haben Sie anschließend eventuell eine wundersame „Wesensveränderung“ festgestellt? Menschen, von denen man es eigentlich nie erwartet hätte, können auf einmal ganz anderes werden, wenn sie Macht über andere bekommen. Da kann es entweder mit der Güte und Milde auf einmal ganz vorbei sein, oder sie wird zu einer „Gnade“, die dem anderen gewährt wird: „Ja, da wollen wir heute einmal Gnade vor Recht...“.

Das ganz besonders teuflische an der Macht ist aber auch, dass man es im Alltag oft selber gar nicht bemerkt, wenn man sie ausübt: Macht üben immer nur die anderen aus. Man sieht sich da sehr gerne in Opferrolle.

Liebe Brüder und Schwestern,
natürlich kann man, wenn man Macht, Einfluss und Geld richtig gebraucht, auch sehr viel Gutes damit bewirken. Das steht außer Frage! – Aber darüber zu sprechen möchte ich dann doch lieber den Experten überlassen. Meine Absicht war es nur darauf hinzuweisen, dass sich der Gottessohn auf diesen gefährlichen Doppelweg von Macht UND Liebe – von seiner Geburt an – erst überhaupt nicht eingelassen hat. Er hat sich alleine für den Weg der Liebe entschieden.

„Warum wurde Gott eigentlich in einem Stall geboren?“ –
Es lohnt sich über diese Kindheitsfrage nachzudenken.

Amen.

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Predigt am Fest der Hl. Familie (A) am 26. XII. 2004 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Mt 2,13-15.19-23)


EINLEITUNG

Liebe Brüder und Schwestern,

die weihnachtliche Idylle der heiligen Familie fand vor 2004 Jahren ein schnelles Ende:
Nur mit Mühe hatte der Gottessohn eine Herberge in dieser Welt gefunden,
und schon wurde er wieder aus seinem Stall gejagt. –

Und wie sieht es heute aus:
Lassen wir das Jesuskind i n u n s überleben?

Hat Jesus in uns einen dauerhaften Platz gefunden - oder muss er unser Herz fliehen,
weil es darin Kräfte gibt, die ihn manchmal zum Schweigen bringen wollen?

Gibt es nicht auch i n u n s einen kleinen Herodes, der um seine Macht bangt,
der sich von niemanden reinreden lassen möchte?

Ich denke, wir alle haben Jesus schon oft auf die Flucht geschickt.

Aber eines ist tröstlich:
Dass er wieder umkehrt aus Ägypten.

Bitten wir, dass er auch bei uns immer wieder anklopft.

(Kyrie)

Freitag, 24. September 2004

"ALS ES MORGEN WURDE, STAND JESUS AM UFER"





Traueransprache für Pfr. Karlheinz Küper

Liebe Familie Küper, liebe Schwestern und Brüder.

„Als es Morgen wurde, stand Jesus am Ufer.“ Für Pfr. Karlheinz Küper wurde der Satz am vergangenen Samstag Wirklichkeit. Wie bei den Jüngern war dieser Begegnung eine lange Nacht vorausgegangen, eine Nacht des Leidens, des vergeblichen Kampfes gegen seine schwere Krebserkrankung, die er mit einer erstaunlichen Willensstärke er- und getragen hat. Nur selten ließ er sich anmerken, wie sehr ihm die Krankheit zu schaffen machte. „Wie krank ich bin, das bestimme ich selbst“ war einer seiner Sätze, die typisch für ihn waren, durchsetzt wie so oft mit einer unterschwelligen Ironie, vor allem aber Ausdruck eines starken Willens, der sich nichts und niemandem so schnell unterordnete.

Wenn man Karlheinz Küper verstehen will, muss man sich in seine Kriegsjahre zurückversetzen. Als 20-Jähriger in Russland erlebt er Abgründe menschlichen Elends, aber auch die Bewährungsprobe seines Glaubens. Angesichts eines umgekommenen Soldaten ergreift er die Initiative und betet das „Vater-unser“, anschließend bekommt er den Spitznamen "Pastor". Der Weg aus Russland zurück in die Heimat geschieht in einem für heutige Verhältnisse unvorstellbaren Kraftakt: manchmal musste er 70 km am Tag zu Fuß zurücklegen, und wahrscheinlich war es das, was seine Leben geprägt hat: ein langer Atem und ein eiserner Willen, mit dem er meistens das erreichte, was er als richtig erkannte hatte. Vielleicht ist in dieser Zeit auch sein Entscheidung grundgelegt worden, den Ausbildungsweg zum technischen Zeichner und Ingenieur aufzugeben und Priester zu werden.

Beerdigungsansprachen sind nicht keine Art von Seligsprechung – das wäre ihm zuwider gewesen – und sie sind auch keine Aufzählung von Verdiensten und Leistungen. Priester sollen – im Grunde genommen wie alle Christinnen und Christen – Zeugen des Glaubens sein, Priester sollen auch und gerade in ihrer Menschlichkeit, in ihrer Schwäche etwas von dem aufleuchten lassen, was Mittelpunkt unseres Glaubens ist und was wir gerade auch in dieser Stunde feiern: Dass das Leben stärker ist als der Tod, dass Gottes Macht, greifbar in seinem menschgewordenen Sohn, unserem Leben Richtung, Sinn und Ziel geben kann. Karlheinz Küper hat das auf seine Weise getan: In den letzten Jahren ebenso schlicht und beeindruckend dadurch, dass er jeden Sonntag um 8 Uhr die Hl. Messe gefeiert hat. Nur wer ihn da erlebt hat, kann erahnen, wie anstrengend und beschwerlich es für ihn war, wie sehr er manchmal kämpfen musste, um die 45 Minuten durchzustehen. Das war sein persönliches Glaubenszeugnis, mit dem er ausgedrückt hat, wie wichtig ihm die Feier der Messe war, und vielleicht kann man das nicht deutlich genug in einer Zeit sagen, in der für viele der sonntägliche Gottesdienst etwas Beliebiges oder auch Lästiges geworden ist.

Genau das sollte der Glaube für ihn nie sein: eine Angelegenheit der Beliebigkeit oder der privaten Lust und Laune. In diesem Sinne war er bis auf die Knochen konservativ, kritisch gegenüber allen Neuerungen und manchmal auch eigensinnig. Dass das andere irritierte, nahm er durchaus wahr, aber das konnte ihn nicht sonderlich erschüttern: Als Pfarrer wollte er, wie er sagte, nicht beliebt, aber respektiert sein. Dieses Wort sollte man sich nicht nur hin- und wieder als Priester, als Seelsorgerin und Seelsorger hinter die Ohren schreiben, dahinter steckt auch wichtiges Grundthema dessen, was Jesus verkündigt hat: Eine Botschaft, die die Menschen konfrontiert, sie herausfordert, sie sogar vor den Kopf stößt, die irritiert und in Frage stellt – und die zuerst und vor allem vom Menschen verlangt, dass er sich mit ihr auseinandersetzt.

Natürlich wusste Pfr. Küper auch darum, dass man das nicht andauernd machen kann. Es musste bei ihm und mit ihm längst nicht immer fromm zugehen: Er konnte feiern und auf Menschen zugehen, er war stark interessiert an dem, was in der Welt los war, er konnte mit seinem Verein Schalke genauso zittern wie über ihn schimpfen.
Der Ruhestand mit 69 Jahren war gleichzeitig der Anfang einer neuen Herausforderung unter der Überschrift Abschied nehmen: Abschied nehmen von der Gemeinde, zu der er konsequent auf Abstand ging und es fertig brachte, dennoch verbunden zu bleiben mit dem, was die Menschen dort bewegte, Auszug aus dem Pfarrhaus, Rückgabe des Führerscheins, weil seine Augen zu schlecht wurden, und dann der lange Abschied von seiner Gesundheit. Dass ihm das alles gelang, war Ausdruck einer oft eisernen Disziplin, die sein Leben bestimmte. Abschiede hat er nicht über sich ergehen lassen, sondern sie gestaltet, so wie er auch die letzten Monate seines Lebens gestalten wollte und konnte.

Eucharistiefeier ist immer Danksagung. Heute sind ihm viele dankbar, die er als Priester, aber auch als Verwandter, als Freund begleitet hat – mit der richtigen Mischung aus barmherziger Väterlichkeit und kritischem Hinterfragen, aus Nähe und Distanz. Dankbar dürfen wir aber auch all denen sein, die ihn als Priester getragen haben, in seiner Menschlichkeit und auch in seiner Eigenwilligkeit.

Dankbar dürfen wir vor allem aber für den Glauben sein, den er vielen verkündet und vorgelebt hat: Dass nach den Nächten, die jeder von uns durchleben muss, gerade auch nach der Nacht des Sterbens Jesus auf uns wartet. Wie damals mit seinen Jüngern teilt er jetzt mit uns das Brot des Lebens, um uns auf dem Weg zu stärken bis er wiederkommt als König der Welt, der unsere Kirche und unsere Welt vollenden wird.

Pfr. Clemens Kreiss


TRAUERANSPRACHE FÜR PFR. KARLHEINZ KÜPER
am 24. September 2004 in der Pfarrkirche Christus-König in Oer-Erkenschwick

Samstag, 31. Juli 2004

"HAT MAN NICHT AUCH GOLD BEINEBEN..."


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde,

im Kloster da wird eigentlich viel gesungen. Nicht nur täglich hier in der Kirche. - Auch bei der Arbeit hat so mancher Mönch schon einmal ein Lied auf den Lippen. – Vor einigen Wochen kam ich in ein Büro, - da sang ein Mitbruder gerade eine ganze Opernarie:

“Hat man nicht auch Gold beineben,
Kann man nicht ganz glücklich sein;
Traurig schleppt sich fort das Leben,
Mancher Kummer stellt sich ein.
Doch wenn´s in der Tasche fein klingelt und rollt,
Da hält man das Schicksal gefangen,
Und Macht und Liebe verschafft dir das Gold
Und stillet das kühnste Verlangen.
Das Glück dient wie ein Knecht für Sold,
Es ist ein schönes Ding, das Gold.“

Die zweite Strophe haben wir dann gemeinsam im Duett beendet. –

„Die Goldarie aus Beethovens „Fidelio“ ist wohl auch in Belgien recht gut bekannt ?“ - habe ich noch nachgefragt. - „Ja natürlich, in der Arie da steckt so unheimlich viel an Wahrheit drin! - Vor allem die Stelle: „Wer bei Tisch nur Liebe findet, wird nach Tische hungrig sein.“ – Die gefällt mir besonders gut. Das ist so richtig aus dem Leben gegriffen.“

„Wer bei Tisch nur Liebe findet, wird nach Tische hungrig sein“. – Das wird sich vielleicht auch der reiche Bauer beim Bau der größeren Scheune gedacht haben. Und wenn wir momentan auch keine größere Scheune bauen – man kann aber auch an andere Großbauprojekte auf der grünen Wiese denken - so machen wir uns doch viele Pläne und Sorgen darüber, wie wir unser Leben irgendwie absichern können: „Heute das Leben von morgen sichern“ – lautet die Devise einer großen Versicherungsgesellschaft - und wohl auch die des reichen Kornbauern.

Aber was regt Gott an diesen Bauern so auf, dass er ihn einen Narren nennt? Ich denke mir: Gott ärgert sich am meisten darüber, dass es ausgerechnet das Gute ist, was diesen Menschen dazu verführt, sein Leben zu verfehlen. – Hier geht alles schief, nicht weil ihm so viel fehlt, sondern weil er so viel hat. – Weil er so viel Erfolg hat!

Er ist von Gott doppelt gesegnet: Er ist reich, - und seine Äcker tragen in diesem Jahr auch noch besonders gut. – Statt sich darüber zu freuen und sich zu sagen: In diesem Jahr brauchst du dir überhaupt keine Sorgen mehr zu machen und kannst zufrieden sein. – Und weil die Scheunen jetzt schon voll sind kannst du dir mehr Zeit nehmen für dich selbst und für die Familie.
Statt dessen lässt er sich vom Erfolg in den Stress treiben: „Was mache ich bloß?! Diese Ernte bringe ich ja gar nicht unter!“ – Schließlich kommt ihm die rettende Idee: Abreißen! Den Betrieb erweitern! Statt sich jetzt mehr Ruhe und Zeit zu gönnen, fängt er an zu rotieren. Er muss den Neubau planen und rechnen, wie er das alles finanzieren kann. Er braucht eine Baufirma und Baumaterial. Die Zeit drängt. Er kommt in Panik.

Das Einzige was ihn tröstet, ist eine beinahe magische Vorstellung: Danach! – Danach wird mein Leben beginnen. Danach, wenn alles unter Dach und Fach ist, fängt das Leben richtig an. Dann lass ich´s mir gut geh´n. Dann wenn das Haus gebaut und die Kinder groß sind; nach der Pensionierung usw.

Derartige Zukunftspläne kommentiert Jesus mit nur zwei Wörtern: „Du Narr!“. – Denn am Ende stehen die streitendenden Erben. Und zu deren Schlichter gemacht zu werden, weigert sich Jesus entschieden. Jesus hat Wichtigeres zu tun. Er ist nicht gekommen, um die Erbmasse von Leuten zu ordnen, die sich selbst kaputt gemacht haben, weil sie nicht zu leben wussten. - Jesus will uns nicht zum Abrackern anleiten: Jesus will uns lehren zu leben. – Und nicht erst irgendwann einmal, sondern hier und heute. „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10,10), sagt er bei Johannes. - „Vergiss über deinen Sorgen und Pflichten dein Leben nicht!“ – Das ist die Botschaft des heutigen Evangeliums.

Liebe Brüder und Schwestern,
zwei Dinge können wir also aus dem heutigen Evangelium für das Leben lernen:

1. LEBE IN DER GEGENWART!
„Wenn uns Verzweiflung überkommt, dann liegt das gewöhnlich daran, dass wir zu viel an die Vergangenheit und an die Zukunft denken“, schreibt die hl. Theresa von Lisieux. Es hilft also wenig, wenn wir ständig an die Zukunft denken: Wie wird sie sein? Werde ich den Anforderungen gerecht werden? Wird die Gemeinschaft mich tragen können? Werde ich krank? Werde ich Krebs haben? – All diese Überlegungen können mich in die Verzweiflung treiben.
Der einzige Weg solchen Gedanken zu entrinnen, besteht darin, in der Gegenwart zu leben. Wenn ich ja sage zum Augenblick, zu dem, was gerade ist, - dann zerbreche ich mir nicht den Kopf um Vergangenheit und Zukunft. Nur wenn du in der Gegenwart leben kannst, lebst Du nicht am Leben vorbei. – Lebe in der Gegenwart! - Die Zukunft liegt in Gottes Hand!

Und das zweite was wir lernen können: KEIN GIERGER KANN WIRKLICH LEBEN!

„Die Geizigen sind mit Bienen zu vergleichen. Sie arbeiten, als ob sie ewig leben würden.“ Diese Beobachtung hat der griechische Philosoph Demokrit bereits im vierten Jahrhundert vor Christus gemacht. Und sie gilt wohl auch noch heute: Es gibt Menschen, die arbeiten, als ob es kein Ende für sie gäbe. Sie müssen immer mehr sammeln, aus Angst, es könnte einmal nicht mehr reichen. Demokrit sieht als Ursache solch ruheloser Arbeit nicht den Fleiß, sondern den Geiz. – Der Fleiß sieht anders aus: Da strömt die Arbeit. Da macht die Arbeit Lust. – Der Geizige arbeitet verbissen. Er kann nicht aufhören, weil er Angst hat, nicht genug zu bekommen. Geiz ist Habgier, - Gier nach Reichtum. Wer von solcher Gier angetrieben wird, muss immer weiterarbeiten. Er kann nicht ausruhen und genießen. Ja, das Genießen würde seinen Reichtum mindern.

Der Gierige lebt nicht. Er glaubt, irgendwann einmal kann er die Früchte seiner Arbeit genießen. Aber jedes Mal verschiebt er den Augenblick des Genießens wieder, aus Angst, er könne eine weitere Möglichkeit zum Reichwerden verpassen. Der Gierige kann nicht wirklich leben, weil er immer auf einen späteren Zeitpunkt hin lebt. – Doch der kommt nie. So arbeitet er, als ob er ewig leben würde. Aber irgendwann, plötzlich, wird die Einsicht kommen, dass wir nicht ewig leben können.

In seiner Novelle "Wieviel Erde braucht der Mensch?" beschreibt Leo Tolstoi einen Bauern, der immer mehr Land besitzen wollte. Er begab sich daher ins Baschkirenland, um dort für sein Geld möglichst viel Land zu erwerben. Aber die Baschkiren wollten ihr Land nicht einfach verkaufen. Sie machten eine Bedingung: "Wir verkaufen nur nach Tagen. Soviel Land du an einem Tage umschreiten kannst, gehört dir. Und der Preis für einen Tag ist 1000 Rubel." - Aber, so wurde es dem Bauer Pachom erklärt, sein Geld wäre verfallen, käme er nicht an den Punkt zurück, von dem er ausgegangen sei. - Pachom nahm dieses Angebot an. Er machte sich am frühen Morgen auf den Weg, um bis zum Sonnenuntergang möglichst viel Land zu umschreiten. Er dachte, so an die fünfzig Werst werde ich wohl an einem Tage zurücklegen können, und so werde ich sicher viel, sehr viel Land für meine 1000 Rubel bekommen. Guten fruchtbaren Boden, Äcker und Wiesen. Pachom lief und rannte bis zur völligen Erschöpfung, um den vereinbarten Punkt bis zum Sonnenuntergang zu erreichen. Mit letzter Kraft erreichte er sein Ziel. Ein Baschkir rief noch: "Gut gemacht, viel Land hast du dir erworben" Aber aus dem Mund von Pachom quoll schon das Blut. - Pachom war tot.

Nun blieb für Pachom nur noch ein Grab, genauso groß wie er war, vom Kopf bis zu Füßen. –
So viel Erde braucht der Mensch! - Amen.

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Predigt für den 18. Sonntag im Jahreskreis (C) am 31. VII. 2004 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Lk 12, 13-21)

Samstag, 19. Juni 2004

»In Deine Hände lege ich mein Leben«


Lieber Tim, liebe Eltern, Verwandte und Freunde,
durch die Taufe, sagt man, werden die Kinder in den Verband der Kirche eingegliedert, - auch rechtlich. Man denkt dabei an den Bestand der Kirche samt der Kirchensteuer. Wir denken an die gesellschaftlichen Chancen unseres Kindes: Im Kindergarten soll es keine Nachteile haben. Religionsunterricht, Erstkommunion, Ferienfahrten usw. - da soll Tim nicht daneben stehen. Und die meisten anderen Kinder in der Umgebung sind ja auch getauft.

Aber: „Eingliederung“? – Widerspricht das nicht eigentlich eher dem, was wir uns für unser eigenes Leben – und für Tims Leben – wünschen? Widerspricht das nicht dem Streben, ganz wir selbst zu sein? Wir bemühen uns doch eher um Selbstfindung als um das Einfügen in eine Gruppe. Originalität ist heute gefragt. Nicht die Übernahme angebotener Verhaltens- und Sichtweisen. Ist das nicht demütigend? Abhängig zu sein von einer Gemeinschaft? Mein Leben bestimme ich selber, sagen wir. Es geht niemanden etwas an, was ich denke und tue. Dem Interesse der anderen an unserem Leben begegnen wir skeptisch. Denn wir riskieren Einmischung, Kritik, Belehrung. Wir haben da unsere Erfahrung. Öffentliches Leben, Leben, das wir anderen mitteilen, wird schutzloser, empfindlicher, verletzbarer. Wir setzen es dem Urteil der anderen aus. Wir sind nicht sicher vor dem Urteil derer, die genau zu wissen meinen, was gut und böse, was notwendig und was überflüssig ist. Wir haben das Fürchten gelernt vor denen, die uns vorschreiben, welche Regeln wir unserem Leben geben sollen. Sollten wir Tim dann nicht lieber wünschen, dass er lernt, allein mit dem Leben fertig zu werden? Sollen wir ihm nicht lieber sagen: Verlass' dich auf niemanden. Lass' Dir nicht 'reinreden in Dein Leben. Sei dein eigener Herr.

Vor einiger Zeit war ich in unserer Kreisstadt Landsberg am Lech. Da lagen in einem Schaufenster für Schreibwaren kleine Spruchkärtchen und auf einer stand dann auch: „Nur ich selbst kann mich wirklich glücklich machen.“ – Ein innerliches Lächeln konnte ich mir da nicht verkneifen und ich habe mir den Spruch dann auch notiert, weil er mir einfach zu naiv und geistlos war. - Aber irgendwie passt das zum heutigen Lebensgefühl: Wir regeln das schon, - wir sind die Macher von heute. Wir sind aktiv, haben alle Hebel selbst in der Hand, - und wenn wir uns nur richtig bemühen - und nichts unversucht lassen - , dann wird schon alles klappen. – Und die Vorstellung, was aus Tim nun wird, läge allein in unsere Hand, stellt heute eine besondere Versuchung, - aber natürlich auch eine ungeheure Belastung dar.

Lieber Frank, liebe Elke!
Doch bei aller Sorge und Mühe, die Ihr für Tim übernommen habt: Wenn Ihr ehrlich seid, wisst Ihr: Das Wesentliche können wir ihm nicht geben und nicht garantieren. Ihr können die großen und kleinen Katastrophen nicht von ihm abhalten und haben auch nur begrenzte Möglichkeiten, den Weg von Tim zu lenken.

Taufe heißt für Euch, Frank und Elke: Ihr legt Tim in Gottes Hände und sagt damit: Du gehörst zu uns! - Aber : Du gehörst uns nicht! - Wir können mit Dir nicht machen, was wir wollen, sondern sind Gott gegenüber verantwortlich. Und wir wissen, dass Du in Gottes Hand einen Halt findest, der Dich Dein Leben lang - und darüber hinaus trägt.

Taufe bedeutet: Euer Kind der helfenden Macht Gottes anzuvertrauen. Ihr gebt Tim aus der Hand und bittet, dass Ihr Euch mit Euren Ängsten, Nöten und Sorgen um Euer Kind voll Vertrauen in Gottes Hände legen können. Und eines wird gleich bei der Taufe besonders deutlich: Gott sagt „ja“ zu Tim, nimmt Ihn an die Hand, bevor er selbst überhaupt richtig „ja“ sagen kann! Der erste Schritt geht also von ihm aus. Die Taufe ist ein Geschenk Gottes.

Und so wünsche ich Tim schließlich, dass er selbst einmal viele Erfahrungen der Geborgenheit und des Gehaltenwerdens in Gott macht. Ich wünsche Tim, dass er sein Leben ebenso zuversichtlich in Gottes Hände legen kann, wie es heute bei der Taufe seine Eltern und Paten - in Stellvertretung - für ihn tun. Im Abendgebet der Mönche, in der Komplet, heißt es: »In Deine Hände lege ich meinen Geist«. Und was gibt es für einen ernsthafteren und besseren Wunsch an unseren Täufling als den, dass Tim selbst einmal wird sagen können: »In Deine Hände lege ich mein Leben.« - Nimm Du es an und vollende, was alles unfertig und unheil geblieben ist. In Deinen Händen weiß ich mich aufgehoben - über meine eigene Kraft hinaus. Amen.

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Taufansprache für Tim T. am Samstag, den 19. Juni 2004
in der Pfarrkirche Christus-König in Oer-Erkenschwick

Sonntag, 2. Mai 2004

Herbert Huber: Kleines Handbuch für Ministranten und Gottesdienstbesucher

Zur Einleitung

Das hier vorgelegte Handbüchlein will keine äußeren und technischen Hinweise auf den Ministrantendienst geben (also etwa wie man eine Kniebeuge macht, wie man das Weihrauchfass schwingt, wie man richtig inzensiert und dergleichen mehr), sondern es will – vor allem Ministranten, aber auch anderen Gottesdienstbesuchern – zu einem besseren Verständnis der Heiligen Messe behilflich sein.

Erste Fassungen der folgenden Blätter sind anlässlich der Ausbildung neuer Ministranten entstanden. Mancher mag sich fragen, ob nicht vieles darin für Ministranten, die, wenn sie ihren Dienst beginnen, meist gerade die Erstkommunion hinter sich haben, zu schwierig ist. Das ist zweifellos bei manchen Abschnitten der Fall. Aber zum einen versehen Ministranten ihren Dienst in der Regel über viele Jahre hinweg, und mit zunehmendem Alter wird das Verständnis auch für die schwierigeren Teile wachsen. Ab dem elften oder zwölften Lebensjahr wird es normalerweise kaum mehr Verstehensprobleme geben. Zum anderen ist das Büchlein nicht nur für das selbstständige Lesen gedacht, sondern vor allem auch als Grundlage für Ministrantenstunden, in denen die angesprochenen Themen von Mesner, Kaplan, oder wer immer mit den Ministranten arbeitet, behandelt und zusammen mit den Ministranten erschlossen werden. Dabei sind ganz unterschiedliche Ansatzpunkte, Perspektiven und Methoden denkbar, je nach der persönlichen Zugangsweise des Verantwortlichen und der konkreten Situation der Ministrantengruppe. Auf diese Weise kann man die Sachen ganz unabhängig von den gegenwärtigen Blättern präsentieren: Diese dienen dabei dann lediglich als Leitfaden, Zusammenfassung und Erinnerungsstütze. Außerdem ist auch daran gedacht (und es ist tatsächlich geschehen), dass ältere Geschwister, Eltern oder sonstige Gottesdienstbesucher sich einmal die Blätter ansehen und so etwas mehr über den Hintergrund dessen erfahren, was die Ministranten tun. Das gegenwärtige Büchlein ist jedenfalls der Versuch, den Kindern etwas an die Hand zu geben, das sie auch in späteren Jahren als älter und reifer gewordene Menschen noch mit Gewinn lesen können. Es gibt nichts Nutzloseres als Texte, die man nur im Augenblick gebrauchen kann, weil man in zwei Wochen oder Jahren schon über sie hinausgewachsen ist. Über wichtige Dinge braucht man Texte, mit denen man nicht auf Anhieb „fertig“ ist, sondern die auch dann noch Gehalt besitzen, wenn man sie mit mehr Wissen, mit weiter gewordenen Kenntnissen und mit größerer Lebenserfahrung wiederliest.

Derzeit gibt es innerhalb der katholischen Kirche mancherorts Verständigungsprobleme hinsichtlich der Heiligen Messe. Die einen möchten die „alte“ tridentinische Messe, wie sie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war, weiterhin gelesen wissen, die anderen halten die Liturgiereform des genannten Konzils, den sogenannten Novus Ordo für eine große Errungenschaft, die sie gegen „vorkonziliare“ konservative Katholiken durch ein Verbot der tridentinischen Messe verteidigen zu müssen glauben. Das vorliegende Büchlein geht davon aus, dass die tridentinische Messe wie auch die Messe nach dem Novus Ordo, sofern er nach den römischen Vorschriften vollzogen wird, auf gleich legitime Weise dasselbe katholische Messopfer feiern. Man mag darüber streiten, in welchem der beiden Riten der sakramentale Inhalt sowie die ihm geschuldete Ehrfurcht deutlicher und durchdachter zum Ausdruck kommen. Diesen Streit möchte ich hier jedoch in keiner Weise führen. Ich halte mich vielmehr daran, dass in beiden Riten dasselbe Kreuzesopfer Christi unblutig vergegenwärtigt wird. Den Opfercharakter der Heiligen Messe hat nicht allein die gesamte Überlieferung bis zum Konzil von Trient ganz deutlich festgehalten, sondern auch das Zweite Vatikanische Konzil , das Messbuch des Novus Ordo und besonders eindringlich der Katechismus der Katholischen Kirche bekennen sich eindeutig dazu. Man soll die beiden Riten nicht vermischen, denn das würde zu Brüchen und Missverständnissen führen. Aber man sollte sich immer darüber klar bleiben, dass Christus durch den Priester in der tridentinischen Messe dieselbe Wandlung von Brot und Wein in sein göttliches Fleisch und Blut vollzieht wie im Novus Ordo. Deshalb müssen alle Messdiener – die Ministranten der tridentinischen Messe genauso wie die Ministrantinnen und Ministranten des Novus Ordo – zu einem Verständnis dieses Opfers hingeführt werden. Dazu möchte dieses Büchlein ein wenig helfen. Da der Opfercharakter der Heiligen Messe seit längerem weder im Religionsunterricht noch in der Erstkommunion- und Firmvorbereitung in angemessener Weise behandelt wird, wäre vielleicht auch daran zu denken, die gegenwärtigen Blätter für den Religionsunterricht und zur Vorbereitung der Betreuer von Erstkommunionkindern zu verwenden. Denn in diesen Bereichen ist es genauso wichtig wie für Ministranten, zu verstehen, worum es beim Messopfer geht.

Die Heilige Schrift führe ich nach dem Text des hl. Hieronymos, der sogenannten Vulgata (der „Weitverbreiteten“), an, weil das der klassische katholische Text der Bibel ist, der seit dem fünften Jahrhundert in allen Messen gelesen wurde, auf den sich alle Konzilien bezogen, und der bis heute im tridentinischen Ritus verwendet wird. Die gegenwärtig üblichen Bibelausgaben, wie etwa die Einheitsübersetzung weichen teilweise in der Psalmenzählung und im Titel alttestamentlicher Bücher von der Vulgata ab. Das hängt damit zusammen, dass die Texte schon in der Antike bei ihrer Übersetzung in’s Griechische teils neu abgeteilt, teils neu betitelt wurden. So bildeten beispielsweise die beiden Samuelbücher ursprünglich nur ein Werk, das man aber auf zwei Schriftrollen verteilt hatte, was dann Anlass gab, sie als zwei Bücher zu zählen. Ihr Name rührt daher, dass die jüdische Überlieferung sie für ein Werk des Propheten Samuel hielt. Da das jedoch nicht stimmt und außerdem die Samuelbücher mit den Königsbüchern darin übereinkommen, dass sie einen Abschnitt der Geschichte des jüdischen Reiches darstellen, hat man in der griechischen Fassung des Alten Testamentes die beiden Samuelbücher mit den zwei Königsbüchern zusammengestellt und damit vier „Bücher der Könige“ erhalten. Diese Namen und Zählweise hat der hl. Hieronymus deshalb auch aus der griechischen Bibel übernommen. Für den Text seiner lateinischen Übersetzung hat er aber das hebräische Original zugrunde gelegt. Die heutigen Ausgaben gehen hingegen auch auf den alten hebräischen Namen der Samuelbücher zurück, der eine (falsche) Verbindung mit dem Propheten Samuel andeutet. Ich folge hier, wie gesagt, dem hl. Hieronymus und vermerke an den wenigen Stellen, wo das nötig ist, die Abweichung zu anderen Bibelausgaben in eckigen Klammern (bei den Psalmen) oder in einer Fußnote (bei den Buchnamen).

Das Verständnis dessen, worum es in der Heiligen Messe geht, lässt sich nur durch eine Verschränkung philosophischer, religionsgeschichtlicher und theologischer Gesichtspunkte erschließen. Ich habe mich bemüht, diese Dinge möglichst einfach und leicht nachvollziehbar darzustellen. Damit man sich beim persönlichen Nachdenken wie auch bei Gesprächen über diese recht vielschichtige Materie leichter orientieren kann, habe ich meine Überlegungen in Paragraphen eingeteilt, die durch das ganze Büchlein hin fortlaufend numeriert sind.

Türkheim, im Frühjahr 2004

Herbert Huber

Download des kompletten Ministrantenhandbuchs als PDF-Datei (57 Seiten, 481k)


Sonntag, 22. Februar 2004

DER FEIND ALS MEDIZIN


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde!

Eine ziemliche harter Brocken wird uns da heute am Faschingssonntag zugemutet: da wird uns ein Evangelium verkündet, das einem so jeden Spaß verderben kann und nur ziemlich schwer zu verdauen ist. Der moralische Anspruch kann wohl kaum noch überboten werden: Wer mir auf die Wange schlägt, dem soll ich auch noch die andere hinhalten. Wenn mir jemand etwas wegnimmt, dann soll ich es nicht zurückverlangen. Und es reicht auch nicht, wenn wir mit unseren Nächsten gut auskommen, - was ja schon oft schwer genug ist: Wir sollen auch unsere Feinde lieben.

Das kann uns natürlich in der Faschingszeit um einiges leichter fallen: Nach ein paar Maß Bier kennt man ja in der Regel keine Feinde mehr. - Man hat nur noch Freunde! - Aber schon der Aschermittwoch holt uns wieder auf den harten Boden der Realität zurück: Es ist schwierig zu lieben.

Im Alltag sind wir oft der Meinung, dass wir uns weit absetzen von der Haltung, die da lautet: „Auge um Auge und Zahn um Zahn“. Doch wenn wir unser Verhalten einmal ehrlich kontrollieren, dann werden wir feststellen, wie schwierig es ist, schon diesen Grundsatz einzuhalten. Denn dieser Grundsatz sagt eigentlich nur folgendes: Ich soll nur genau das wieder einfordern, was mir an Schaden zugefügt wurde. Also: Ein Auge für ein Auge. Und einen Zahn für einen Zahn. - Also für das eine Auge nicht gleich den Menschen und für den einen Zahn nicht gleich den ganzen Kopf.

Unser Gefühl nach Vergeltung meint aber oft schon, dem anderen mehr antun zu müssen, als man selbst erlitten hat: Hat man z. B. den Eindruck, in einem Wortgefecht eine „Breitseite“ abbekommen zu haben, dann schießt man gerne mit einer „doppelten verbalen Breitseite“ zurück, um den Gegner endgültig zum Verstummen zu bringen - Das ist irgendwie menschlich, aber sicherlich falsch! – Für das eine Auge nur ein Auge und für den einen Zahn nur einen Zahn zu fordern, ist also gar nicht so einfach. Das verlangt schon eine Menge an Selbstdisziplin.

Sehr viel schwieriger ist dann die Forderung Jesu, auch noch die andere Wange hinzuhalten. - Sind wir damit nicht total überfordert, so dass wir es oft erst gar nicht versuchen? Was also ist gemeint mit der Feindesliebe die Jesus von denen fordert, die ihm nachfolgen wollen? Warum sollen wir eigentlich unsere Feinde lieben?

Liebe Brüder und Schwestern!
Bevor ich auf die Begründung Jesu zu sprechen komme, ist es hier vielleicht einmal hilfreich, einen Blick auf die Erfahrungen der Wüstenväter zu werfen. Diese geben uns auch für heute noch wichtige Hinweise, die man leicht und gerne übersieht. So schreibt ein Altvater: „Wenn dich dein Bruder verlacht, verhöhnt oder gekränkt hat, dann musst du diesen Bruder wie einen Arzt betrachten, der dir von Christus als Wohltäter geschickt wurde. Wenn du nicht krank wärest, dann würdest du nicht leiden. Du musst also dem Bruder danken, denn du kennst nun deine Krankheit. Du musst für ihn beten und das, was du von ihm bekommst, als Heilmittel entgegennehmen, das dir vom Herrn geschickt wurde.“

Die Mönche haben offensichtlich die Erfahrung gemacht, dass der andere, der mich kränkt, mich auf meine eigene Krankheit stößt. Ich würde nicht so heftig auf beleidigende Worte reagieren, wenn sie mich nicht an einer schwachen Stelle treffen würden. Sie decken manchmal Punkte in mir auf, die ich selbst nicht wahrnehme oder nicht wahrnehmen möchte. Wenn ich mich schnell über die Worte anderer aufrege, muss ich mir selbst eingestehen: Bei mir selbst ist da etwas noch nicht in Ordnung!

So zeigt mir ein schwieriger Mitmensch oft, wie viel Ungeduld und Zorn in mir sind. Er bewahrt mich also vor der Illusion, als ob ich schon fast vollkommen wäre. Er zeigt mir meine Grenzen auf: Ich bin noch nicht fähig, Menschen wirklich zu lieben, wenn ich mich schnell von meinen negativen Emotionen hinreißen lasse und schon bei kleinen Nadelstichen sofort explodiere.

Und zum anderen hilft mir der schwierige Mitmensch zu einer besseren Selbsterkenntnis. Denn gerade die Fehler, über die ich mich bei den anderen aufrege, sind auch in mir vorhanden. „Was nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf!“ (schreibt Hermann Hesse). Wir brauchen uns nur selbst zu beobachten, worüber wir uns bei anderen aufregen, um unsere eigenen Fehler zu erkennen. Wer seine Fehler nur immer im anderen sieht, kommt mit sich selbst nicht weiter.

So sind im spirituellen Leben also unsere Feinde eigentlich unsere besten Freunde. Erst wenn man den Feind zur Tür hineinkommen lässt, bekommt man seine eigene Sünde, seine eigene dunkle Seite zu Gesicht. - Die alten Mönche haben das erkannt: Menschen, die dich niedermachen, denen du aus dem Weg gehst, haben dir etwas Wichtiges zu sagen. Oft verurteilen und verabscheuen wir nur unsere eigenen Fehler in den anderen. Darum haben deine Feinde dir etwas Ernsthaftes mitzuteilen. Du brauchst sie, um darauf aufmerksam zu werden.

Kommen wir jetzt zu Jesus selbst. Welchen Grund gibt er an, seine Feinde zu lieben?
Seine Begründung ist ebenso einfach wie eindeutig: „Nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.“
Wenn man Jesu ernst nimmt, - und Jesus ist nicht "Prinz Karneval" -, wenn man also seinen Worten vertraut und genauer darüber nachdenkt, dann kann es einen schon manchmal eiskalt den Rücken hinunterlaufen. - So geht es mir auf jeden Fall: Wie vorschnell urteilt und richtet man im Alltag oft über andere. Wie schnell mache ich meine „inneren Schubladen“ auf und ordne ein in: Gut oder Böse, Richtig oder Falsch, Schuldig oder Unschuldig? – Jesus verweist auf Gott, unseren Vater: Er lässt die Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte. Er lässt es regnen über Gute und Böse.

Wir Menschen hingegen scheinen es oft besser zu wissen und fangen mit dem Ausjäten gerne schon einmal an. Und mit unserer scharfen Axt hacken wir dabei auch schon einmal schnell etwas mit um, was Gott vielleicht noch hätte wachsen lassen. – Das was wir anpacken machen wir in der Regel gründlich, - aber leider oft auch erbarmungslos!

Den Feind lieben heißt aber: Eintreten in die Haltung Gottes. Wir sollen etwas von seiner großen Barmherzigkeit schon hier auf Erden verwirklichen und die anderen davon spüren lassen . Und d.h. vor allem auch : „Nicht Böses mit Bösem“ zu vergelten, wie der hl. Benedikt sagt. – Nur so unterbrechen wir die Spirale der Gewalt und kommen einen Schritt weiter.

Die bekannte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren bekam 1978 den „Frankfurter Friedenspreis“ verliehen. Dabei erzählte sie folgende Geschichte über eine ihr bekannte Frau:

„Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an den Bibelspruch glaubte: ,Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben.' Im Grunde ihres Herzens glaubte sie nicht daran, sie liebte ihren Jungen und erzog ihn mit Liebe. Aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte. Die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: ,Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen.' Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. - Das Kind musste gedacht haben: ,Meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein.' Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und legte dann den Stein auf einen Bord in der Küche, und dort blieb er bis heute liegen als ständige Mahnung: „Nie wieder Gewalt!“

Liebe Brüder und Schwestern,
lassen wir die Stöcke und Steine liegen, die wir auf andere werfen wollen, - und wenn wir jemanden verbessern wollen, dann fangen wir am Besten bei uns selbst damit an. Da gibt es wahrscheinlich genug zu tun. Vielleicht bietet die kommende Fastenzeit Gelegenheit dazu?

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Predigt für den 7. Sonntag im Jahreskreis (C) am 22. II. 2004 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Lk 6, 27-38)

Mittwoch, 3. September 2003

DIE MÖNCHE VON ST. OTTILIEN TÄGLICH 5x LIVE !



ZUR EINLEITUNG

Haben Sie sich nicht auch schon einmal gedacht, wie schön es wäre, jetzt, da wo Sie gerade sitzen, am Chorgebet einer klösterlichen Gemeinschaft teilzunehmen? Geht nicht? Alles zu weit weg?

Von wegen! -
Wir Missionsbenediktiner aus Sankt Ottilien am bayerischen Ammersee haben in Zusammenarbeit mit KiP-Radio eine ganz zeitgemäße Lösung gefunden: Bereits seit dem 3. September 2003 kann man sich jederzeit live in unser Stundengebet einklicken und mitbeten. Der mehrfach tägliche Choralgesang der Mönche von St. Ottilien bietet somit eine einmalige Gelegenheit, in der Rastlosigkeit unserer Zeit ein wenig zur Ruhe zu kommen. - Und dazu möchten wir Sie ganz herzlich einladen!

An Werktagen (im Jahreskreis, während der geprägten Zeiten, auch bei Festum)
05.40 Vigil und Laudes
06.45 Konventamt
08.00 Eucharistiefeier
12.00 Mittagshore
18.00 Vesper
20.00 Komplet (mittwochs um 19.30 Uhr)
An Hochfesten (wenn kein gesetzlicher Feiertag)
06.30 Laudes
11.15 Konventamt
18.00 Vesper
20.00 Komplet
An Sonntagen und gesetzlichen Feiertagen
06.30 Laudes
09.15 Konventamt
12.00 Mittagshore
17.30 Lateinische Vesper
20.00 Komplet

Sonntag, 27. Juli 2003

Der Lumpensammler von Tokio

Einer, der Gottes Wirken bezeugen wollte
Eine Erinnerung an Pater Gereon Goldmann OFM

Mitte der neunziger Jahre. Ins Mutterkloster der Franziskaner auf dem Frauenberg war ein alter Pater zurückgekehrt: Pater Gereon Goldmann. Ein Japan-Missionar, dessen Leben – nach Aussagen eines jungen Diakons – „Stoff für Romane“ böte. Das machte neugierig, und die Lektüre der Jugend- und Kriegserinnerungen von Pater Gereon, „Tödliche Schatten – Tröstendes Licht“, noch viel mehr.
Was hatte der Mann nicht alles erlebt: Geburt 1916 in Fulda als Sohn eines Tierarztes, Tod der Mutter, die Begegnung mit einer prophetisch begabten Ordensschwester, Umzug nach Köln, Eintritt in den Franziskanerorden, Einberufung zur Wehrmacht, Strafversetzung zur Waffen-SS, Kontakt zur Widerstandsgruppe des 20. Juli mit Kurierdiensten nach Frankreich und Italien, Audienz bei Pius XII., Erteilung der päpstlichen Sondervollmacht zur Priesterweihe ohne Theologiestudium, Gefangennahme auf dem Monte Cassino, Einlieferung in Kriegsgefangenenlager in Marokko und Algerien, Priesterweihe, Todesstrafe und Begnadigung.

Immer wieder war Pater Gereon dem Abgrund begegnet, stets war er gerettet worden. „Wie die Geier stürzten sich die Flugzeuge auf das enge Tal und warfen ihre Bomben ab. Alles suchte hastig irgendeine Deckung. Ich dachte urplötzlich: Schnell auf den Bauch! Ich lag ja immer noch mit dem Rücken nach unten. Im Moment, da ich mich umdrehte, um das Allerheiligste zu schützen, regnete es Stahl, Steine, Erde und Staub.“

In den Fünfzigern begann es

Dabei begann das eigentliche Abenteuer, die eigentliche Berufung erst später, Mitte der fünfziger Jahre. Mit dem Abflug nach Japan, wo Pater Gereon die Pfarrei Sankt Elisabeth in Tokio, Itabashi-Ku übernahm. Er sammelte Lumpen, um verschiedene Projekte zu finanzieren: den Bau von Kirchen, Heimen, Krankenhäusern, Sozialstationen, Wohnungen. Er predigte und taufte und baute sogar ein Kirchenmusik-Institut auf, das St. Gregorius-Institut für Kirchenmusik und Liturgie. Anfang der neunziger Jahre besuchte ihn das japanische Kaiserpaar, in Anerkennung für seine sozialen Dienste. In Fulda sollte Pater Gereon sich ab Mitte der neunziger Jahre ausruhen, seine Gesundheit war nicht mehr die Beste. Doch ständig kamen Besucher aus Japan, die ihn sehen wollten: Beichtkinder, Täuflinge, Musikergruppen. Er lebte in einem kleinen Zimmer, ging morgens zur Frühmesse in die Kirche. Verbrachte viel Zeit im Gebet, las Bücher zur Kirchengeschichte und erledigte immer noch geschäftliche Korrespondenzen: Spendenbescheinigungen, Darlehen für Bedürftige. Unvergesslich, wie der große Mann mit den grauen Haaren und den wachen Augen nach einer Beichte in seinem Zimmer spitzbübisch lächeln konnte. „So, jetzt wollen wir uns mal einen Schluck genehmigen“, sagte er dann und goß seinen Lieblingslikör vorsichtig in zwei kleine Gläser, um bald darauf mit rheinländischer Leichtigkeit von Fügungen und Führungen, Geheimnissen und Gnaden jenseits aller Zeit- und Landesgrenzen zu erzählen. Bodenständig, ohne falschen Weihrauch.

Tiefer Glaube an die Vorsehung

Doch so menschlich und unterhaltsam er war, so sehr konnte und wollte Pater Gereon Gottes Wirken bezeugen. Ernst und geschliffen: „Alles, was auch immer im Leben geschehen mag, geschieht unter der gütigen und oftmals unverständlichen Vorsehung einer ewigen Liebe. Freude und Leid, Erfolg und Misserfolg, Krankheiten und Nöte aller Art, alles schlägt zum Guten, ja zu unserem Besten aus, wenn wir die Überzeugung bewahren, dass Gott uns sieht, uns hört und liebt, wenn wir uns an Ihn wenden. Die Brücke zu Ihm ist das Gebet und die heilige Euchariste.“ In der Nacht zum 27. Juli ist Pater Gereon Goldmann OFM im Alter von 86 Jahren gestorben.

Stefan Meetschen
(DIE TAGESPOST vom 02.08.2003)


Freitag, 10. Januar 2003

Die Geburtsstunde von "ERZABTEI LIVE"

Am 10. Januar 2003 wurde die Idee von >> ERZABTEI LIVE
im Stüberl des Gästehauses von St. Ottilien geboren. Die Idee eine Live-Übertragung des Stundengebetes im WWW hatte ich als Webmaster des Klosters schon länger im Hinterkopf. Aber erst die "göttliche Vorsehung" brachte den endgültigen Durchbruch:
Sie schickte uns mit Herrn Markus Löw von KIP-Radio und Herrn Dipl.-Ing. Tilmann Basien zwei Gäste ins Gästehaus, die von dieser Idee ebenfalls begeistert waren und die zusätzlich auch noch über alle technischen Möglichkeiten verfügten, diese Idee auch wirklich in die Tat umzusetzen! Nur gut, das ich damals auch der Stellvertreter des Gastpaters war und wir so im Gästehaus zueinander gefunden haben. So fand die Idee der Live-Übertragungen des Stundengebetes am Abend des 10. Januars 2003 ihre "drei Väter". - Geburtshelfer waren zusätzlich noch ein paar gute Zigarren und einige Gläser spanischen Rotweins. - Und natürlich der englische Maler Carl Lazzari, der zu dieser Zeit ebenfalls als Gast im Gästehaus (und an diesem Abend auch im "Stüberl") verweilte und dieses denkwürdige Ereignis mit seinem Tuschestift in seinem Skizzenbuch festhielt.