Sonntag, 3. Mai 2020

Richard Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal und die Idee der Kunstreligion








Wewers, Siegfried (Stefan): Richard Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal und die Idee der Kunstreligion / Siegfried (Stefan) Wewers. Diplomarbeit im Fach Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Münster. Prof. Dr. Arnold Angenendt [Gutachter]. - Münster, 1994. - 192 S.
zugl.: Münster, Univ./Kath.-Theol. Fakultät., Dipl.-Arb., 1994

VORWORT:

Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal stellt den Versuch dar, auf dem Höhepunkt, der durch fortschreitende Säkularisierung gekennzeichneten europäischen Neuzeit eine religiöse Wiedergeburt mit Mitteln der Kunst herbeizuführen. “Man könnte sagen“, schrieb Wagner 1880 in der Abhandlung Religion und Kunst, seinem philosophischen Kommentar zu Parsifal, “dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche die erstere im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen". Somit ist Parsifal also unleugbar ein Dokument der »Kunstreligion« des 19. Jahrhunderts und seiner Absicht entsprechend, dass Religion - oder deren Wahrheit - aus der Form des Mythos in die Kunst übergegangen sei, übernahm Wagner aus den mittelalterlichen Vorbildern seines Dramas, dem Perceval ou Le conte du Graal von Chrestien de Troyes, dem Parzival Wolfram von Eschenbachs und dem Roman de l'estoire del Graal von Robert de Boron, den religiösen Gehalt nahezu vollständig.

Parsifal gehört zwar zweifellos zur Gattung des Wagnerschen Musikdramas, hat aber zugleich Züge der kultisch-rituellen Handlung, des Mysterienspiels und des Oratoriums angenommen. In Wagners Parsifal sind verschiedene religiösen Strömungen, die in der Geschichte anzutreffen sind zur Synthese gelangt. Dem in den Werken Chretiens und Wolframs gespiegelten, dem sich außerhalb der kirchlichen Herrschaftsorganisationen entfaltenden (esoterischen) Christentum hat Wagner, der »Mittler des Mittelalter«, Schopenhauerisches Gedankengut, das Erlösungsdenken und die Mitleidsethik Buddhas und seine eigene "Regenerationslehre" hinzugefügt.

Somit stellt sich letztlich die Frage: Ist Wagners Parsifal dennoch ein christliches Werk? Diese Frage, hervorgerufen durch die christlich-sakrale Symbolik, auf die man in jenem Bühnenweihfestspiel immer wieder stößt, die die Interpretationsgeschichte des Werkes zu verschiedensten Ergebnissen ("Roms Glaube" [F. Nietzsche]; "hochreligiöses Weihespiel" [Th. Mann]; "das Ergebnis einer Privat-Theologie Richard Wagners...als ein Geflecht aus altpersischen, altindischen, christlichen Mysterien" [H. Mayer; ähnlich E. Bloch]) geführt hat, soll abschließend und gleichzeitig die Thematik zusammenfassend behandelt werden.

Walhalla-Wallen


Walhalla-Wallen

Wieder, trotz widriger Winde, `gen Walhall wallten
Wackere Wesen in Wagen auf weiten Wegen zur Walstatt
Wollen wie weiland Wagner erweisen wahrhafte Ehre.
Dragees und Dropse verdrückend in dräuendem Dunkel,
Die Gucker gerichtet auf jene in glimmendem Glast,

Warten sie willig auf Wotan, den wägenden Walter,
Venus verfluchend, die Tannhäuser trickreich betörte,
Bei Tristan Trost suchend, dem Tränentrockner Isoldes,
Lustvoll durchleidend mit Lohengrin lodernde Liebe,
Parsifals Prüfungen preisend, des holden Probanden,

Dessen gedenkend, der auf seiner Dschunke verdarb.
Zahlende Zuschauer zieren sich nicht zu zerquetschen
Die Hände, erheben sie, blutend durch brandenden Beifall.
Mögen die Mägen ermatteter Männer ermüden,
Gerötete Augen aufschrecken bei argem Applaus.

"Wehe dem wahnwitz`gen Wirker solch wuchtiger Weisen",
Schäumen im Stillen die Schläfrigen, schlapp im Gestühl,
Nie wieder wallen `gen Walhall ihr Wunsch ist.
Gegen die grollende Gattin sie grimmen vergeblich,
Die bebend, der Begum benachbart, um Bildung bemüht ist.

In Bayreuth beim Baumeister bindender Buhlschaft.
Doch wenn der Götter Groll grausam ein Ende gefunden,
Breitet im Fränkischen Friede vorm Vorhang sich aus.
Hoch auf dem Hügel herrscht himmlische Ruhe ein Jahr lang,
Ehe aufs Neue die Erde von ehernen Füßen erbebt.


(Bisher unveröffentlichtes Frühwerk eines unbekannten Mönches,
nach des Meisters Art geschrieben im Festspielsommer 1987)

Samstag, 2. Mai 2020

Herbert Huber: Nirvana und Ewigkeit. Östliches und Westliches in Richard Wagners Dichtungen


In dem Hauptwerke Arthur Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ finden sich einige Zeilen, die man, von heute aus geurteilt, als Prophezeiung zu lesen versucht sein könnte: „In Indien fassen unsere Religionen nie und nimmermehr Wurzel: die Urweisheit des Menschengeschlechts wird nicht von den Begebenheiten in Galiläa verdrängt werden. Hingegen strömt Indische Weisheit nach Europa zurück und wird eine Grundveränderung in unserm Wissen und Denken hervorbringen“ . Ist es nicht tatsächlich so, dass trotz der christlichen Missionierungsbemühungen unser Jahrhundert eine Renaissance ohnegleichen des Islam, des Buddhismus, des Hinduismus und vieler anderer teils archaischer teils stammesgebundener Religionen erlebt? Hat Schopenhauer also nicht recht, wenn er dem Christentum wenig Erfolgsaussichten bei jenen Kulturen einräumt? Und hat er nicht auch damit recht, dass es nicht bei der Selbstbehauptung der östlichen Religionen bleibt, sondern dass deren Vorstellungen – in einer gleichsam umgekehrten Missionierung – untereinander bunt vermischt nach Europa strömen? In der Hippie-Bewegung der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts finden wir eine vor allem bei Jugendlichen sehr breitenwirksame Sehnsucht nach der Auflösung des eigenen Ich in der quasi-mystischen Vereinigung mit weiteren Horizonten. Nachdem eine Zeit lang solche Entindividualisierung auf politischem Wege gesucht wurde, indem der Einzelne sich im Rahmen einer marxistischen Theorie auf eine gesellschaftliche Funktionsgröße reduzieren ließ, sehen wir seit längerem einen religiösen Supermarkt erblühen, dessen Angebot inzwischen von keltischen Druiden über feministische Hexen, buddhistisch inspirierte Sekten, okkulte und esoterische Heilslehren bis hin zu den sich philosophisch gebenden Spekulationen der Theoretiker des sogenannten „New Age“ reicht. Meditation, Loslösung vom Ich, Verschmelzung mit dem Ganzen, - das ist heute streckenweise sogar in den christlichen Kirchen zur Mode geworden. Das religiöse Verhältnis des Menschen zur Gottheit wird heute nicht selten ersetzt durch trunkene Gruppenerlebnisse und durch den als Naturfrömmigkeit mißdeuteten Einsatz für den Umweltschutz.


Türkheim, im Frühjahr 2002

Herbert Huber

>> Download des Manuskripts (PDF, 24 Seiten, 317k)

Richard Wagner: Die Leitmotive


Sämtliche Leitmotive zum Ausdrucken auf jeweils nur einem einzigen Blatt! - Unentbehrlich, praktisch und handlich für tiefsinnige Pausengespräche in der Oper. Diese Leitmotiv-Tafeln trotzen auch den geistlosesten und unmusikalischsten Regisseuren!

"Irgendwann sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte." (Friedrich Nietzsche)


DOWNLOAD (PDF):

Der fliegende Holländer
Tannhäuser
Lohengrin
Tristan und Isolde
Die Meistersinger von Nürnberg
Das Rheingold
Die Walküre
Siegfried
Götterdämmerung
Parsifal


SCALA PARADISI (Scala Claustralium)



Guigo II. (+ 1193), Prior der Großen Kartause 1174 -1180

SCALA PARADISI (Scala Claustralium)

Da die regelmäßige Lesung der Heiligen Schrift zu den bedeutendsten Aufgaben des Benediktiners gehört, bestand die Frage nach unterstützender Literatur in unserem Noviziatsunterricht. Immer wieder stießen wir dabei auf den Verweis auf den unten angeführten Text; leider aber nie mit dem Hinweis auf eine aktuelle und kritische Ausgabe des Textes Guigos. Einzig der Hinweis auf die Übersetzung in Bianchis Buch war zu finden. Deshalb also hier eine zweisprachige Ausgabe des Textes der „Scala Paradisi“, die einerseits eine Übertragung, gleichzeitig aber auch den lateinischen Text berücksichtigt, soweit er im Moment zur Verfügung steht.

In der Hauptsache wurde für den lateinischen Text die Überarbeitung auf der Website der Grande Chartreuse verwendet. Nur wirklich deutliche Fehler wurden vermerkt und geändert. Hinweise hierzu sind ebenfalls in den Anmerkungen zu finden. Außerdem wurden abweichende Zitate aus der Schrift mit der Vulgata verglichen und in die Anmerkungen aufgenommen. Ich darf mich bei allen Mitarbeitern (insbesondere meinem Mitnovizen Bruder Ambrosius) an diesem Text mit einem „Vergelt´s Gott“ bedanken.

Weiterhin würde ich mich sehr freuen, wenn etwaige Leser dieses Textes sich mit Ihren Anregungen und Ihrer Kritik an mich wenden würden.

Sankt Ottilien, im Juni 2008

Br. Urban Liedtke OSB


Download (PDF, 21 S., 184k)

Abaelardus, Petrus: »Historia calamitatum« und Briefwechsel mit Heloise (geschrieben um 1135)



Abaelardus, Petrus:
»Historia calamitatum« und Briefwechsel mit Heloise (geschrieben um 1135)
Die »S..-and-Crime-Story« des Mittelalters schlechthin!


Petrus Abaelard (1079-1142) war eine der schillerndsten Gestalten im Frankreich des 12. Jahrhunderts. Seine wissenschaftliche Methode trug zur Entwicklung der Scholastik, seine Schulgründung zur Entsehung der Universität von Paris bei. Über seinen Lebensweg sind wir durch die autobiographische »Historia calamitatum«(Leidensgeschichte) bestens unterrichtet.

Die historia ist ein Brief an einen unbekannten Freund, der offenbar in einer schlimmen Lage ist. Abaelard antwortet zum Trost - so ganz unbekannt ist uns ja das allen nicht - mit seiner eigenen Leidensgeschichte, um zu zeigen, dass es ihm noch viel schlimmer ergangen sei:

Der hochbegabte und ehrgeizige Sohn eines Ritters betrieb Theologie und Philosophie (Dialektik) mit der Unerbitterlichkeit eines Tunierkämpfers, wodurch er sich zwar bei seinen Lehrern und Kollegen immer wieder äußerst unbeliebt machte, dafür aber mit großem Erfolg zum (akademischen) Superstar von Paris (Leiter der Hochschulen) forcierte. - Da begegnet er der 22 Jahre jüngeren Heloise. Abaelard begründet genau, warum er sich zielstrebig an die 17-jährige Nichte des cholerischen Domherrn Fulbert, heranmacht: Sie ist nicht nur schön, sondern auch gebildet, so dass man sich - selbst wenn man getrennt ist - praktischerweise Briefe schreiben kann. Der geizige Fulbert ist begeistert, als ausgerechnet der berühmte Abaelard bei ihm zur Miete wohnen will und anbietet, obendrein noch kostenlos als Hauslehrer für Heloise zur Verfügung zu stehen. Es kommt, wie es kommen muss:

Leseprobe: "Primum domo una coniungimur, postmodum animo. Sub occasione itaque discipline, amori penitus vaccabamus, et secretos recessus, quos amor optabat, studium lectionis offerebat. Apertis itaque libris, plura de amore quam de lectione verba se ingerebant, plura erant oscula quam sententie; sepius ad sinus quam ad libros reducebantur manus, crebrius oculos amor in se reflectebat quam lectio in scripturam dirigebat. Quoque minus suspicionis haberemus, verbera quandoque dabat amor, non furor, gratia, non ira, que omnium ungentorum suavitatem transcenderent. Quid denique? Nullus a cupidis intermissus est gradus amoris, et si quid insolitum amor excogitare potuit, est additum; et quo minus ista fueramus experti gaudia, ardentius illis insistebamus, et minus in fastidium vertebantur." (Anmerkung: Eine immer noch empfehlenswerte Methode um Kinder und Jugendliche vor pikanten Details zu schützen!)

Die Qualität der Vorlesungen des schlecht ausgeschlafenen Abaelard lässt nach. Er wendet sich, wie immer mit Riesenerfolg, der Lyrik zu. Den Studenten ist bald klar, was los ist. Bloß Fulbert kriegt monatelang nichts mit. Schließlich aber doch, woraufhin Abaelard natürlich aus dem Haus geworfen wird. Sein Ruf hat gelitten. Die Liebenden sind getrennt. Und: Heloise ist schwanger! Abaelard entführt Heloise eines Nachts und bringt sie aufs Land zu seiner Schwester, wo das Kind zur Welt kommt. Fulbert tobt vor Wut, kann aber Abaelard schlecht umbringen lassen, solange Heloise in der Obhut von dessen Familie ist. Abaelard verhandelt mit ihm: Er müsse schon entschuldigen, die Liebesmacht (vis amoris), und überhaupt, die Frauen... Das Verhandlungsergebnis: Abaelard ist bereit Heloise zu heiraten, unter der einzigen Bedingung, dass die Ehe geheimgehalten werde, um seine weitere kirchliche Karriere nicht zu gefährden. Fulbert ist einverstanden. Heloise ist gegen die Heirat. Sie will lieber Abaelards Geliebte bleiben und begründet mit einer überzeugenden, stilistisch perfekten und von Zitaten strotzenden Rede, dass es für einen Philosophen absurd sei, zu heiraten:

"Schüler und Kammerzofen, Schreibtisch und Kinderwagen! Bücher und Hefte beim Spinnrocken, Schreibrohr und Griffel bei den Spindeln! Wer kann sich mit Betrachtung der Schrift oder mit dem Studium der Philosophie abgeben und dabei das Geschrei der kleinen Kinder, den Singsang der Amme, der sie beruhigen soll, die geräuschvolle Schar männlicher und weiblicher Dienstboten hören? Wer mag die beständige widerliche Unreinlichkeit der Kinder gern ertragen? Reiche Leute wissen sich in dieser Beziehung zu helfen, das gebe ich zu, denn sie sind in ihren fürstlichen Räumen nicht beschränkt, sie brauchen in ihrem Überfluss nicht auf die Kosten zu sehen und die Sorge ums tägliche Brot liegt ihnen fern. Allein die Lage der Philosophen ist eine andere als die der Reichen und wiederum: wer nach irdischen Schätzen trachtet und in die Sorgen dieser Welt verwickelt ist, hat keine Zeit für göttliche oder philosophische Dinge". (Anmerkung: Diese für Eltern gut nachvollziehbare Argumentationskette sollten sich ganz besonders auch Kinder und Jugendliche zu Herzen nehmen!)

Abaelard lässt sich nicht warnen, und Heloise bleibt letztlich keine Wahl. Das Kind bleibt auf dem Land, die beiden heiraten in Paris in Anwesenheit Fulberts. Beide wohnen getrennt, Heloise wieder bei Fulbert. Der erzählt gegen die Abmachung von der Heirat herum, Heloise leugnet die Heirat ab, Fulbert verprügelt sie. Abaelard lässt Heloise (offenbar wiederum heimlich) zu ihrem Schutz in das Kloster bringen, in dem sie erzogen wurde. Um der Tarnung willen trägt sie dort auch Nonnentracht. Als Fulbert hört, dass Heloise in Nonnentracht im Kloster ist, meint er, Abaelard habe sie als Nonne ins Kloster gesteckt, um sie loszuwerden, und dreht vollkommen durch. Er beauftragt einige finstere Gesellen, Abaelard zu überfallen (ob er selbst dabei ist, wird nicht ganz klar):

"... nocte quadam quiescentem me atque dormientem in secreta hospitii mei camera, qoudam mihi serviente per pecuniam corrupto, crudelissima et pudentissima ultione punierunt, et quam summa admiratione mundus excepit: eis videlicet corporis mei partibus amputatis, quibus id quod plangebant, commiseram."

"Nachdem sie meinen Diener durch Geld gewonnen hatten, nahmen sie eines Nachts, als ich ruhig in meiner Kammer schlief, die denkbar grausamste und beschämendste Rache an mir, so dass alles darüber entsetzt war: sie beraubten mich dessen, womit ich begangen hatte, worüber sie klagten."

Zwei der Attentäter werden gefasst, sie werden selbst kastriert und geblendet, das Volk bedauert Abaelard. Dieser nimmt sein Schicksal bereitwillig als gerechte Strafe an und geht nach dem peinlichen Vorfall - zugegebenermaßen ohne rechte Überzeugung - ins Kloster:

"In dieser elenden Verzweiflung trieb mich weniger ein Verlangen nach Bekehrung - ich gestehe es offen - als die Verlegenheit meiner Scham in den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloisa hatte schon vorher auf mein Geheiß bereitwillig den Schleier genommen und war ins Kloster gegangen. Und so trugen wir nun beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St. Denis, sie im Kloster von Argenteuil ...".

"Ist die glänzende Karriere Abaelards damit etwa endgültig beendet?" - werden sich viele Männer jetzt fragen. - "Wie sieht es denn jetzt mit der Liebe aus?" - Eine Frage, die besonders Frauen interessieren könnte... Aber lesen Sie doch einfach eine der spannendsten und ergreifendsten Autobiographien der Weltliteratur (mitsamt dem leidenschaftlichen Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise) selbst zu Ende!

Historia calamitatum (PDF)
Briefwechsel mit Heloise (PDF)


Utopia Triumphans - The Great Polyphony of the Renaissance

Utopia Triumphans:
The Great Polyphony of the Renaissance: Tallis - Spem in alium ; Porta - Sanctus et Agnus Dei ; Desprez - Qui habitat ; Ockeghem - Deo gratias ; Manchicourt - Laudate dominum ; Gabrieli - Exaudi me domine ; Striggio - Ecce beatam lucem. -
Huelgas Ensemble, Paul Van Nevel
Sony Vivarte SK 66 261 - 52:46 Minuten.

Es gibt nur ganz wenige CDs, die - je öfter man sie hört - immer besser werden. Diese ist eine davon!

1516 schuf der hl. Thomas More (1477-1535) das Wort Utopia aus den griechischen Wörtern für "nirgends" und "Ort" (des Glücks), und in seinem gleichnamigen Werk kultivierte er ein Suchen und Streben nach diesem Ort. Und wenn Sie sich mit auf die Suche machen wollen, dann werden Ihnen diese visionären und grandiosen Musikstücke bestimmt weiterhelfen! Verborgene Bilder und imaginäre Welten, die an die Oberfläche kommen - raffinierteste Klangkombinationen und polyphone Effekte - sind vielleicht das spannendste Erlebnis beim Hören der vorliegenden Aufnahme. Auf der Suche nach neuen Horizonten haben die Komponisten der Renaissance etliche außergewöhnliche Werke geschrieben, für ungewohnt große Besetzungen und für seltene Stimmkombinationen. Neben den beiden vierzigstimmigen (!) Mammutchorwerken "Spem in alium" von Thomas Tallis und "Ecce beatam lucem" von Alessandro Striggio wird unter anderem ein 36stimmiger Kanon mit Namen "Deo gratias" geboten (als Komponist wird Johannes Ockeghem vermutet).

Paul Van Nevel, als Dozent für frühe Musik in Amsterdam und Genf tätig, gründete das Huelgas Ensemble (mein persönliches Lieblings-Ensemble, neben dem Choir of Westminster Cathedral und natürlich dem Bayreuther Festspielchor) im Jahre 1970. "Utopia Triumphans" bietet nicht nur ein außergewöhnliches Hörerlebnis mit geradezu hypnotischer Wirkung (mit Gänsehaut-Effekt, wenn man sich darauf einzulassen vermag) - auch das Booklet ist äußerst ergiebig und kurzweilig zu lesen. Für die Klangtechnik gilt ebenfalls: Nur das Beste vom Besten!

Zum Beethoven Jahr 2020

2020 feiert die ganze Welt den 250. Geburtstag von Beethoven.

Im Reigen der großen "Fidelio"-Aufnahmen nimmt Wilhelm Furtwänglers Studioproduktion von 1953 eine Ausnahmestellung ein. Es bedurfte immer eines besonderen Anstoßes, den großen Dirigenten ins Aufnahmestudio zu bringen. Furtwängler brauchte ein Publikum, um zur Höchstform auflaufen zu können, und deswegen stand er Schallplattenaufnahmen im allgemeinen skeptisch gegenüber.

Manchmal gelangen ihm aber auch Plattenproduktionen, die Ewigkeitscharakter beanspruchen dürfen. Zu diesen zählt ohne Zweifel der vorliegende "Fidelio", der im Oktober 1953 im Großen Musikvereinssaal in Wien aufgezeichnet wurde. Erstrangige Sänger standen ihm zur Verfügung. In der Titelpartie ist die unvergessene Martha Mödl zu hören und zu erleben, und man hat das Gefühl, daß es keiner Künstlerin vor oder nach ihr gelungen ist, ein solches in allen Teilen überzeugendes Rollenporträt zu gestalten. Was reine Stimmschönheit betrifft, kann man bei Frau Mödl durchaus geteilter Meinung sein, hier könnte man Vergleiche zu Maria Callas ziehen, aber darstellerisch ist ihre Leistung nicht zu toppen. Ihr zur Seite steht Wolfgang Windgassen, der große Wagner-Sänger auf dem Grünen Hügel nach dem Zweiten Weltkrieg, der die Rolle des Florestan gut und rollendeckend meistert. Alle übrigen Partien sind hervorragend besetzt, Gottlob Frick (Rocco), Otto Edelmann (Don Pizarro) und Alfred Poell als Minister Don Fernando. Ein ganz großes Kompliment ist noch Sena Jurinac zu machen, die aus der Marzelline fast eine Hauptrolle zu machen versteht. Selbst Rudolf Schock als Jaquino war keine schlechte Wahl (er singt übrigens auch, was in der Beilage nicht vermerkt ist, den ersten Gefangenen in der großen Chorszene).

Der Chor der Wiener Staatsoper ist eine glänzende Formation, der großartige, fein abgestufte Gefangenenchor zum Schluß des 1. Aktes ist einer der zahlreichen Höhepunkte der Aufnahme. Über die Wiener Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler braucht man eigentlich kein Wort mehr zu sagen, Seiten wären zu füllen, wollte man ihren Leistungen voll gerecht werden.

Ich verzichte diesmal mit Bedacht darauf, Vergleiche zu anderen Aufnahmen anzustellen, so gut diese im einzelnen auch sein mögen. Furtwänglers Wiener "Fidelio" ist eine Spitzenleistung, die in den CD-Olymp aufgenommen gehört.

Dienstag, 30. Juli 2019

Tischlesung - Die Jesuiten von Markus Friedrich


Ein Orden zwischen Macht und Glaube

Seit seiner Gründung durch Ignatius von Loyola 1540 wirkte der heute größte katholische Männerorden in fast alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hinein: Zwischen Armenseelsorge und elitärer Wissenschaft, politischer Beratung und weltweiter missionarischer Tätigkeit gibt es kaum ein Gebiet, in dem die Jesuiten nicht tätig waren. Der renommierte Historiker Markus Friedrich erklärt, wie der Orden organisiert war, was ihn so erfolgreich machte, wie das Alltagsleben im Orden aussah, welche Aufgaben er in der säkularen Welt einnahm und wie er damit den Gang der Geschichte prägte.

»Die universelle Entwicklung dieses Ordens in einem Buch darzustellen, ist eine gigantische Aufgabe. Markus Friedrich hat sie meisterhaft bewältigt.« Süddeutsche Zeitung

Dienstag, 16. Juli 2019

Wilhelm Furtwängler: Die Walküre (Wien, 1954)


Es sollte der Auftakt zu einer Studioaufnahme von Richard Wagners 'Der Ring des Nibelungen' werden, doch es blieb bei der Walküre. Bedauerlicherweise verließ Wilhelm Furtwängler der Lebenswille, und er starb nur zwei Monate nach dieser Produktion (28. September bis 6. Oktober 1954) an einer Lungenentzündung. Es ist die letzte Studioaufnahme eines Ausnahmekünstlers, der solchen lange skeptisch begegnete, da er der Technik nicht traute.

Die Oper fesselt von Anbeginn. Furtwängler läßt das Vorspiel stürmen, so daß man Siegmunds Hast und Erschöpfung förmlich spürt, wenn er eintritt und nach Ruhe sucht. Dieser Einstieg in das Drama zeigt, wie Furtwängler die Oper sieht. Man merkt nichts von der Lebensmüdigkeit, die den 68jährigen Meister bereits erfaßt hatte.

Furtwängler schafft eine 'wahrhaftige' Walküre - kein unnötiger Pathos, kein überflüssiges Feuerwerk, stattdessen ein reines Drama. Nichts Künstliches ist an diesem Werk. Vielmehr habe ich stets das Gefühl, nie eine solche authentische Walküre gehört zu haben. Alles paßt hier zusammen, und es wirkt, als habe Furtwängler einen zutiefst menschlichen Zugang zum Drama gefunden.

Neben dem herausragenden Dirigat des Meisters zeigen sich die Wiener Philharmoniker von ihrer besten Seite. Es gibt nur wenige Orchester, die das Zeug haben, so zu spielen. Gleichzeitig komplettieren die Sänger die Perfektion der Aufnahme. Mit Leonie Rysanek und Ludwig Suthaus standen eine großartige Sieglinde und ein großartiger Siegmund bereit. Martha Mödl als Brünnhilde und Ferdinand Frantz als Wotan bilden das zweite kongeniale Paar dieser Einspielung.

Bereits seine hochgelobte und noch heute unübertroffene Studioaufnahme von 'Tristan und Isolde' mit dem Philharmonia Orchestra (1952) hatte Furtwängler eines Besseren belehrt: Die Technik ließ schon gute Aufzeichnungen zu. Das ist auch bei dieser ursprünglich für die EMI gemachten Aufnahme der Fall. Die Qualität ist für 1954 sehr gut. Es gibt ein kleines Hintergrundrauschen, aber das ist in Anbetracht der Klarheit der instrumentalen und gesanglichen Stimmen absolut nachrangig.

An dieser Walküre ist nur eines bedauerlich: Es folgten ihr nicht die drei anderen Teile des Rings. Auf drei CDs gebannt, liegt hier ein Meisterwerk ohne Abstriche vor!




Samstag, 13. April 2019

Benedikt XVI.über die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs


Vom 21. – 24. Februar 2019 hatten sich auf Einladung von Papst Franziskus im Vatikan die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen der Welt versammelt, um über die Krise des Glaubens und der Kirche zu beraten, die weltweit durch erschütternde Informationen über den von Klerikern verübten Mißbrauch an Minderjährigen zu spüren war. Der Umfang und das Gewicht der Nachrichten über derlei Vorgänge haben Priester und Laien zutiefst erschüttert und für nicht wenige den Glauben der Kirche als solchen in Frage gestellt. Hier mußte ein starkes Zeichen gesetzt und ein neuer Aufbruch gesucht werden, um Kirche wieder wirklich als Licht unter den Völkern und als helfende Kraft gegenüber den zerstörerischen Mächten glaubhaft zu machen.

Da ich selbst zum Zeitpunkt des öffentlichen Ausbruchs der Krise und während ihres Anwachsens an verantwortlicher Stelle als Hirte in der Kirche gewirkt habe, mußte ich mir – auch wenn ich jetzt als Emeritus nicht mehr direkt Verantwortung trage – die Frage stellen, was ich aus der Rückschau heraus zu einem neuen Aufbruch beitragen könne. So habe ich in der Zeit von der Ankündigung an bis hin zum Zeitpunkt des Zusammentreffens der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Notizen zusammengestellt, mit denen ich den ein oder anderen Hinweis zur Hilfe in dieser schweren Stunde beitragen kann. Nach Kontakten mit Staatssekretär Kardinal Parolin und dem Heiligen Vater selbst scheint es mir richtig, den so entstandenen Text im "Klerusblatt" zu veröffentlichen.

Meine Arbeit ist in drei Teile gegliedert. In einem ersten Punkt versuche ich ganz kurz, den allgemeinen gesellschaftlichen Kontext der Frage darzustellen, ohne den das Problem nicht verständlich ist. Ich versuche zu zeigen, daß in den 60er Jahren ein ungeheuerlicher Vorgang geschehen ist, wie es ihn in dieser Größenordnung in der Geschichte wohl kaum je gegeben hat. Man kann sagen, daß in den 20 Jahren von 1960 – 1980 die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen sind und eine Normlosigkeit entstanden ist, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat.

In einem zweiten Punkt versuche ich, Auswirkungen dieser Situation in der Priesterausbildung und im Leben der Priester anzudeuten.

Schließlich möchte ich in einem dritten Teil einige Perspektiven für eine rechte Antwort von seiten der Kirche entwickeln.

I.

1. Die Sache beginnt mit der vom Staat verordneten und getragenen Einführung der Kinder und der Jugend in das Wesen der Sexualität. In Deutschland hat die Gesundheitsministerin Frau Strobel einen Film machen lassen, in dem zum Zweck der Aufklärung alles, was bisher nicht öffentlich gezeigt werden durfte, einschließlich des Geschlechtsverkehrs, nun vorgeführt wurde. Was zunächst nur für die Aufklärung junger Menschen gedacht war, ist danach wie selbstverständlich als allgemeine Möglichkeit angenommen worden.

Ähnliche Wirkungen erzielte der von der österreichischen Regierung herausgegebene "Sexkoffer". Sex- und Pornofilme wurden nun zu einer Realität bis dahin, daß sie nun auch in den Bahnhofskinos vorgeführt wurden. Ich erinnere mich noch, wie ich eines Tages in die Stadt Regensburg gehend vor einem großen Kino Menschenmassen stehen und warten sah, wie wir sie vorher nur in Kriegszeiten erlebt hatten, wenn irgendeine Sonderzuteilung zu erhoffen war. Im Gedächtnis ist mir auch geblieben, wie ich am Karfreitag 1970 in die Stadt kam und dort alle Plakatsäulen mit einem Werbeplakat verklebt waren, das zwei völlig nackte Personen im Großformat in enger Umarmung vorstellte.

Zu den Freiheiten, die die Revolution von 1968 erkämpfen wollte, gehörte auch diese völlige sexuelle Freiheit, die keine Normen mehr zuließ. Die Gewaltbereitschaft, die diese Jahre kennzeichnete, ist mit diesem seelischen Zusammenbruch eng verbunden. In der Tat wurde in Flugzeugen kein Sexfilm mehr zugelassen, weil in der kleinen Gemeinschaft der Passagiere Gewalttätigkeit ausbrach. Weil die Auswüchse im Bereich der Kleidung ebenfalls Aggression hervorriefen, haben auch Schulleiter versucht, eine Schulkleidung einzuführen, die ein Klima des Lernens ermöglichen sollte.

Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, daß nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde. Wenigstens für die jungen Menschen in der Kirche, aber nicht nur für sie, war dies in vieler Hinsicht eine sehr schwierige Zeit. Ich habe mich immer gefragt, wie junge Menschen in dieser Situation auf das Priestertum zugehen und es mit all seinen Konsequenzen annehmen konnten. Der weitgehende Zusammenbruch des Priesternachwuchses in jenen Jahren und die übergroße Zahl von Laisierungen waren eine Konsequenz all dieser Vorgänge.

2. Unabhängig von dieser Entwicklung hat sich in derselben Zeit ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte. Ich versuche ganz kurz den Hergang dieser Entwicklung zu skizzieren. Bis hin zum II. Vaticanum wurde die katholische Moraltheologie weitgehend naturrechtlich begründet, während die Heilige Schrift nur als Hintergrund oder Bekräftigung angeführt wurde. Im Ringen des Konzils um ein neues Verstehen der Offenbarung wurde die naturrechtliche Option weitgehend abgelegt und eine ganz auf die Bibel begründete Moraltheologie gefordert. Ich erinnere mich noch, wie die Jesuiten-Fakultät in Frankfurt einen höchst begabten jungen Pater (Schüller) für den Aufbau einer ganz auf die Schrift gegründeten Moral vorbereiten ließ. Die schöne Dissertation von Pater Schüller zeigt einen ersten Schritt zum Aufbau einer auf die Schrift gegründeten Moral. Pater Schüller wurde dann nach Amerika zu weiteren Studien geschickt und kam mit der Erkenntnis zurück, daß von der Bibel allein her Moral nicht systematisch dargestellt werden konnte. Er hat dann eine mehr pragmatisch vorgehende Moraltheologie versucht, ohne damit eine Antwort auf die Krise der Moral geben zu können.

Schließlich hat sich dann weitgehend die These durchgesetzt, daß Moral allein von den Zwecken des menschlichen Handelns her zu bestimmen sei. Der alte Satz "Der Zweck heiligt die Mittel" wurde zwar nicht in dieser groben Form bestätigt, aber seine Denkform war bestimmend geworden. So konnte es nun auch nichts schlechthin Gutes und ebensowenig etwas immer Böses geben, sondern nur relative Wertungen. Es gab nicht mehr das Gute, sondern nur noch das relativ, im Augenblick und von den Umständen abhängige Bessere.

Die Krise der Begründung und Darstellung der katholischen Moral erreichte in den ausgehenden 80er und in den 90er Jahren dramatische Formen. Am 5. Januar 1989 erschien die von 15 katholischen Theologie-Professoren unterzeichnete "Kölner Erklärung", die verschiedene Krisenpunkte im Verhältnis zwischen bischöflichem Lehramt und der Aufgabe der Theologie im Auge hatte. Dieser Text, der zunächst nicht über das übliche Maß von Protesten hinausging, wuchs ganz schnell zu einem Aufschrei gegen das kirchliche Lehramt an und sammelte das Protestpotential laut sicht- und hörbar, das sich weltweit gegen die zu erwartenden Lehrtexte von Johannes Paul II. erhob (vgl. D. Mieth, Kölner Erklärung, LThK, VI3, 196).

Papst Johannes Paul II., der die Situation der Moraltheologie sehr gut kannte und sie mit Aufmerksamkeit verfolgte, ließ nun mit der Arbeit an einer Enzyklika beginnen, die diese Dinge wieder zurechtrücken sollte. Sie ist unter dem Titel "Veritatis splendor" am 6. August 1993 erschienen und hat heftige Gegenreaktionen von Seiten der Moraltheologen bewirkt. Vorher schon war es der "Katechismus der katholischen Kirche", der in überzeugender Weise die von der Kirche verkündete Moral systematisch darstellte.

Unvergessen bleibt mir, wie der damals führende deutsche Moraltheologe Franz Böckle, nach seiner Emeritierung in seine Schweizer Heimat zurückgekehrt, im Blick auf die möglichen Entscheidungen der Enzyklika "Veritatis splendor" erklärte, wenn die Enzyklika entscheiden sollte, daß es Handlungen gebe, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen seien, wolle er dagegen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften seine Stimme erheben. Der gütige Gott hat ihm die Ausführung dieses Entschlusses erspart; Böckle starb am 8. Juli 1991. Die Enzyklika wurde am 6. August 1993 veröffentlicht und enthielt in der Tat die Entscheidung, daß es Handlungen gebe, die nie gut werden können. Der Papst war sich des Gewichts dieser Entscheidung in seiner Stunde voll bewußt und hatte gerade für diesen Teil seines Schreibens noch einmal erste Spezialisten befragt, die an sich nicht an der Redaktion der Enzyklika teilnahmen. Er konnte und durfte keinen Zweifel daran lassen, daß die Moral der Güterabwägung eine letzte Grenze respektieren muß. Es gibt Güter, die nie zur Abwägung stehen. Es gibt Werte, die nie um eines noch höheren Wertes wegen preisgegeben werden dürfen und die auch über dem Erhalt des physischen Lebens stehen. Es gibt das Martyrium. Gott ist mehr, auch als das physische Überleben. Ein Leben, das durch die Leugnung Gottes erkauft wäre, ein Leben, das auf einer letzten Lüge beruht, ist ein Unleben. Das Martyrium ist eine Grundkategorie der christlichen Existenz. Daß es in der von Böckle und von vielen anderen vertretenen Theorie im Grunde nicht mehr moralisch nötig ist, zeigt, daß hier das Wesen des Christentums selbst auf dem Spiel steht.

In der Moraltheologie war freilich inzwischen eine andere Fragestellung dringend geworden: Es setzte sich weithin die These durch, daß dem kirchlichen Lehramt nur in eigentlichen Glaubensfragen endgültige Kompetenz ("Unfehlbarkeit") zukommt, Fragen der Moral könnten nicht Gegenstand unfehlbarer Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes werden. An dieser These ist wohl Richtiges, das weiter diskutiert zu werden verdient. Aber es gibt ein Minimum morale, das mit der Grundentscheidung des Glaubens unlöslich verknüpft ist und das verteidigt werden muß, wenn man Glauben nicht auf eine Theorie reduzieren will, sondern in seinem Anspruch an das konkrete Leben anerkennt. Aus alledem wird sichtbar, wie grundsätzlich die Autorität der Kirche in Sachen Moral zur Frage steht. Wer der Kirche in diesem Bereich eine letzte Lehrkompetenz abspricht, zwingt sie zu einem Schweigen gerade da, wo es sich um die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge handelt.

Unabhängig von dieser Frage wurde in weiten Kreisen der Moraltheologie die These entwickelt, daß die Kirche keine eigene Moral hat und haben kann. Dabei wird darauf hingewiesen, daß alle moralischen Thesen auch Parallelen in den übrigen Religionen kennen würden und ein christliches Proprium daher nicht existieren könne. Aber die Frage nach dem Proprium einer biblischen Moral wird nicht dadurch beantwortet, daß man zu jedem einzelnen Satz irgendwo auch eine Parallele in anderen Religionen finden kann. Vielmehr geht es um das Ganze der biblischen Moral, das als solches neu und anders ist gegenüber den einzelnen Teilen. Die Morallehre der Heiligen Schrift hat ihre Besonderheit letztlich in ihrer Verankerung im Gottesbild, im Glauben an den einen Gott, der sich in Jesus Christus gezeigt und der als Mensch gelebt hat. Der Dekalog ist eine Anwendung des biblischen Gottesglaubens auf das menschliche Leben. Gottesbild und Moral gehören zusammen und ergeben so das besondere Neue der christlichen Einstellung zur Welt und zum menschlichen Leben. Im übrigen ist das Christentum von Anfang an mit dem Wort hodós beschrieben worden. Der Glaube ist ein Weg, eine Weise zu leben. In der alten Kirche wurde das Katechumenat gegenüber einer immer mehr demoralisierten Kultur als Lebensraum geschaffen, in dem das Besondere und Neue der christlichen Weise zu leben eingeübt wurde und zugleich geschützt war gegenüber der allgemeinen Lebensweise. Ich denke, daß auch heute so etwas wie katechumenale Gemeinschaften notwendig sind, damit überhaupt christliches Leben in seiner Eigenart sich behaupten kann.

II.

Erste kirchliche Reaktionen

1. Der lang vorbereitete und im Gang befindliche Auflösungsprozeß der christlichen Auffassung von Moral hat, wie ich zu zeigen versuchte, in den 60er Jahren eine Radikalität erlebt, wie es sie vorher nicht gegeben hat. Diese Auflösung der moralischen Lehrautorität der Kirche mußte sich notwendig auch auf ihre verschiedenen Lebensräume auswirken. In dem Zusammenhang des Treffens der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen aus aller Welt mit Papst Franziskus, interessiert vor allem die Frage des priesterlichen Lebens, zudem die der Priesterseminare. Bei dem Problem der Vorbereitung zum priesterlichen Dienst in den Seminaren ist in der Tat ein weitgehender Zusammenbruch der bisherigen Form dieser Vorbereitung festzustellen.

In verschiedenen Priesterseminaren bildeten sich homosexuelle Clubs, die mehr oder weniger offen agierten und das Klima in den Seminaren deutlich veränderten. In einem Seminar in Süddeutschland lebten Priesteramtskandidaten und Kandidaten für das Laienamt des Pastoralreferenten zusammen. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten waren Seminaristen, verheiratete Pastoralreferenten zum Teil mit Frau und Kind und vereinzelt Pastoralreferenten mit ihren Freundinnen zusammen. Das Klima im Seminar konnte die Vorbereitung auf den Priesterberuf nicht unterstützen. Der Heilige Stuhl wußte um solche Probleme, ohne genau darüber informiert zu sein. Als ein erster Schritt wurde eine Apostolische Visitation in den Seminaren der U.S.A. angeordnet.

Da nach dem II. Vaticanum auch die Kriterien für Auswahl und Ernennung der Bischöfe geändert worden waren, war auch das Verhältnis der Bischöfe zu ihren Seminaren sehr unterschiedlich. Als Kriterium für die Ernennung neuer Bischöfe wurde nun vor allen Dingen ihre "Konziliarität" angesehen, worunter freilich sehr Verschiedenes verstanden werden konnte. In der Tat wurde konziliare Gesinnung in vielen Teilen der Kirche als eine der bisherigen Tradition gegenüber kritische oder negative Haltung verstanden, die nun durch ein neues, radikal offenes Verhältnis zur Welt ersetzt werden sollte. Ein Bischof, der vorher Regens gewesen war, hatte den Seminaristen Pornofilme vorführen lassen, angeblich mit der Absicht, sie so widerstandsfähig gegen ein glaubenswidriges Verhalten zu machen. Es gab – nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika – einzelne Bischöfe, die die katholische Tradition insgesamt ablehnten und in ihren Bistümern eine Art von neuer moderner "Katholizität" auszubilden trachteten. Vielleicht ist es erwähnenswert, daß in nicht wenigen Seminaren Studenten, die beim Lesen meiner Bücher ertappt wurden, als nicht geeignet zum Priestertum angesehen wurden. Meine Bücher wurden wie schlechte Literatur verborgen und nur gleichsam unter der Bank gelesen.

Die Visitation, die nun erfolgte, brachte keine neuen Erkenntnisse, weil sich offenbar verschiedene Kräfte zusammengetan hatten, um die wirkliche Situation zu verbergen. Eine zweite Visitation wurde angeordnet und brachte erheblich mehr Erkenntnisse, blieb aber im ganzen doch folgenlos. Dennoch hat sich seit den 70er Jahren die Situation in den Seminaren allgemein konsolidiert. Trotzdem kam es nur vereinzelt zu einer neuen Erstarkung der Priesterberufe, weil die Situation im ganzen sich anders entwickelt hatte.

2. Die Frage der Pädophilie ist, soweit ich mich erinnere, erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre brennend geworden. Sie war in den U.S.A. inzwischen bereits zu einem öffentlichen Problem angewachsen, so daß die Bischöfe in Rom Hilfe suchten, weil das Kirchenrecht, so wie es im neuen Kodex verfaßt ist, nicht ausreichend schien, um die nötigen Maßnahmen zu ergreifen. Rom und die römischen Kanonisten taten sich zunächst schwer mit diesen Anliegen; ihrer Meinung nach mußte die zeitweilige Suspension vom priesterlichen Amt ausreichen, um Reinigung und Klärung zu bewirken. Dies konnte von den amerikanischen Bischöfen nicht angenommen werden, weil die Priester damit im Dienst des Bischofs verblieben und so als direkt mit ihm verbundene Figuren beurteilt wurden. Eine Erneuerung und Vertiefung des bewußt locker gebauten Strafrechts des neuen Kodex mußte sich erst langsam Bahn schaffen.

Dazu kam aber ein grundsätzliches Problem in der Auffassung des Strafrechts. Als "konziliar" galt nur noch der sogenannte Garantismus. Das heißt, es mußten vor allen Dingen die Rechte der Angeklagten garantiert werden und dies bis zu einem Punkt hin, der faktisch überhaupt eine Verurteilung ausschloß. Als Gegengewicht gegen die häufig ungenügende Verteidigungsmöglichkeit von angeklagten Theologen wurde nun deren Recht auf Verteidigung im Sinn des Garantismus so weit ausgedehnt, daß Verurteilungen kaum noch möglich waren.

An dieser Stelle sei mir ein kleiner Exkurs erlaubt. Angesichts des Umfangs der Pädophilie-Verfehlungen ist ein Wort Jesu neu ins Gedächtnis gedrungen, welches sagt: "Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde" (Mk 9, 42). Dieses Wort spricht in seinem ursprünglichen Sinn nicht von sexueller Verführung von Kindern. Das Wort "die Kleinen" bezeichnet in der Sprache Jesu die einfachen Glaubenden, die durch den intellektuellen Hochmut der sich gescheit Dünkenden in ihrem Glauben zu Fall gebracht werden können. Jesus schützt also hier das Gut des Glaubens mit einer nachdrücklichen Strafdrohung an diejenigen, die daran Schaden tun. Die moderne Verwendung des Satzes ist in sich nicht falsch, aber sie darf nicht den Ursinn verdecken lassen. Darin kommt gegen jeden Garantismus deutlich zum Vorschein, daß nicht nur das Recht des Angeklagten wichtig ist und der Garantie bedarf. Ebenso wichtig sind hohe Güter wie der Glaube. Ein ausgewogenes Kirchenrecht, das dem Ganzen der Botschaft Jesu entspricht, muß also nicht nur garantistisch für den Angeklagten sein, dessen Achtung ein Rechtsgut ist. Es muß auch den Glauben schützen, der ebenfalls ein wichtiges Rechtsgut ist. Ein recht gebautes Kirchenrecht muß also eine doppelte Garantie – Rechtsschutz des Angeklagten, Rechtsschutz des im Spiel stehenden Gutes – beinhalten. Wenn man heute diese in sich klare Auffassung vorträgt, trifft man im allgemeinen bei der Frage des Schutzes des Rechtsgutes Glaube auf taube Ohren. Der Glaube erscheint im allgemeinen Rechtsbewußtsein nicht mehr den Rang eines zu schützenden Gutes zu haben. Dies ist eine bedenkliche Situation, die von den Hirten der Kirche bedacht und ernstgenommen werden muß.

Den kurzen Notizen über die Situation der Priesterausbildung zum Zeitpunkt des öffentlichen Ausbrechens der Krise möchte ich nun noch ein paar Hinweise zur Entwicklung des Kirchenrechts in dieser Frage anfügen. An sich ist für Delikte von Priestern die Kleruskongregation zuständig. Da aber damals in ihr der Garantismus weithin die Situation beherrschte, bin ich mit Papst Johannes Paul II. einig geworden, daß es angemessen sei, die Kompetenz über diese Delikte der Glaubenskongregation zuzuweisen, und zwar unter dem Titel "Delicta maiora contra fidem". Mit dieser Zuweisung war auch die Möglichkeit zur Höchststrafe, das heißt zum Ausschluß aus dem Klerus möglich, die unter anderen Rechtstiteln nicht zu verhängen gewesen wäre. Dies war nicht etwa ein Trick, um die Höchststrafe vergeben zu können, sondern folgt aus dem Gewicht des Glaubens für die Kirche. In der Tat ist es wichtig zu sehen, daß bei solchen Verfehlungen von Klerikern letztlich der Glaube beschädigt wird: Nur wo der Glaube nicht mehr das Handeln des Menschen bestimmt, sind solche Vergehen möglich. Die Schwere der Strafe setzt allerdings auch einen klaren Beweis für das Vergehen voraus - der in Geltung bleibende Inhalt des Garantismus. Mit anderen Worten: Um die Höchststrafe rechtmäßig verhängen zu können, ist ein wirklicher Strafprozeß notwendig. Damit waren aber sowohl die Diözesen wie der Heilige Stuhl überfordert. Wir haben so eine Mindestform des Strafprozesses formuliert und den Fall offen gelassen, daß der Heilige Stuhl selbst den Prozeß übernimmt, wo die Diözese oder die Metropolie nicht dazu in der Lage ist. In jedem Fall sollte der Prozeß durch die Glaubenskongregation überprüft werden, um die Rechte des Angeklagten zu garantieren. Schließlich aber haben wir in der Feria IV (d.h. der Versammlung der Mitglieder der Kongregation) eine Appellationsinstanz geschaffen, um auch die Möglichkeit einer Berufung gegen den Prozeß zu haben. Weil dies alles eigentlich über die Kräfte der Glaubenskongregation hinausreichte und so zeitliche Verzögerungen entstanden sind, die von der Sache her verhindert werden mußten, hat Papst Franziskus weitere Reformen vorgenommen.

III.

1. Was müssen wir tun? Müssen wir etwa eine andere Kirche schaffen, damit die Dinge richtig werden können? Nun, dieses Experiment ist bereits gemacht worden und bereits gescheitert. Nur der Gehorsam und die Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus kann den rechten Weg weisen. Versuchen wir also als erstes, neu und von innen her zu verstehen, was der Herr mit uns gewollt hat und will.

Ich würde zunächst sagen: Wenn wir den Inhalt des in der Bibel grundgelegten Glaubens wirklich ganz kurz zusammenfassen wollen, dürfen wir sagen: Der Herr hat eine Geschichte der Liebe mit uns begonnen und will die ganze Schöpfung in ihr zusammenfassen. Die Gegenkraft gegen das Böse, das uns und die ganze Welt bedroht, kann letztlich nur darin bestehen, daß wir uns auf diese Liebe einlassen. Sie ist die wirkliche Gegenkraft gegen das Böse. Die Macht des Bösen entsteht durch unsere Verweigerung der Liebe zu Gott. Erlöst ist, wer sich der Liebe Gottes anvertraut. Unser Nichterlöstsein beruht auf der Unfähigkeit, Gott zu lieben. Gott lieben zu lernen, ist also der Weg der Erlösung der Menschen.

Versuchen wir, diesen wesentlichen Inhalt der Offenbarung Gottes nun etwas weiter auszufalten. Dann können wir sagen: Das erste grundlegende Geschenk, das uns der Glaube darbietet, besteht in der Gewißheit, daß Gott existiert. Eine Welt ohne Gott kann nur eine Welt ohne Sinn sein. Denn woher kommt dann alles, was ist? Jedenfalls hat es keinen geistigen Grund. Es ist irgendwie einfach da und hat dann weder irgendein Ziel noch irgendeinen Sinn. Es gibt dann keine Maßstäbe des Guten oder des Bösen. Dann kann sich nur durchsetzen, was stärker ist als das andere. Die Macht ist dann das einzige Prinzip. Wahrheit zählt nicht, es gibt sie eigentlich nicht. Nur wenn die Dinge einen geistigen Grund haben, gewollt und gedacht sind – nur wenn es einen Schöpfergott gibt, der gut ist und das Gute will – kann auch das Leben des Menschen Sinn haben.

Daß es Gott gibt als Schöpfer und als Maßstab aller Dinge, ist zunächst ein Urverlangen. Aber ein Gott, der sich überhaupt nicht äußern, nicht zu erkennen geben würde, bliebe eine Vermutung und könnte so die Gestalt unseres Lebens nicht bestimmen. Damit Gott auch wirklich Gott in der bewußten Schöpfung ist, müssen wir erwarten, daß er in irgendeiner Form sich äußert. Er hat es auf vielerlei Weise getan, entscheidend aber in dem Ruf, der an Abraham erging und den Menschen auf der Suche nach Gott die Orientierung gab, die über alles Erwarten hinausführt: Gott wird selbst Geschöpf, spricht als Mensch mit uns Menschen.

So wird endgültig der Satz "Gott ist" zu einer wirklich frohen Botschaft, eben weil er mehr als Erkenntnis ist, weil er Liebe schafft und ist. Dies den Menschen wieder zum Bewußtsein zu bringen, ist die erste und grundlegende Aufgabe, die uns vom Herrn her aufgetragen ist.

Eine Gesellschaft, in der Gott abwesend ist – eine Gesellschaft, die ihn nicht kennt und als inexistent behandelt, ist eine Gesellschaft, die ihr Maß verliert. In unserer Gegenwart wurde das Stichwort vom Tod Gottes erfunden. Wenn Gott in einer Gesellschaft stirbt, wird sie frei, wurde uns versichert. In Wahrheit bedeutet das Sterben Gottes in einer Gesellschaft auch das Ende ihrer Freiheit, weil der Sinn stirbt, der Orientierung gibt. Und weil das Maß verschwindet, das uns die Richtung weist, indem es uns gut und böse zu unterscheiden lehrt. Die westliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der Gott in der Öffentlichkeit abwesend ist und für sie nichts mehr zu sagen hat. Und deswegen ist es eine Gesellschaft, in der das Maß des Menschlichen immer mehr verloren geht. An einzelnen Punkten wird dann mitunter jählings spürbar, daß geradezu selbstverständlich geworden ist, was böse ist und den Menschen zerstört. So ist es mit der Pädophilie. Vor kurzem noch als durchaus rechtens theoretisiert, hat sie sich immer weiter ausgebreitet. Und nun erkennen wir mit Erschütterung, daß an unseren Kindern und Jugendlichen Dinge geschehen, die sie zu zerstören drohen. Daß sich dies auch in der Kirche und unter Priestern ausbreiten konnte, muß uns in besonderem Maß erschüttern.

Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen? Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes. Auch wir Christen und Priester reden lieber nicht von Gott, weil diese Rede nicht prakisch zu sein scheint. Nach der Erschütterung des 2. Weltkriegs hatten wir in Deutschland unsere Verfassung noch ausdrücklich unter die Verantwortung vor Gott als Leitmaß gestellt. Ein halbes Jahrhundert später war es nicht mehr möglich, die Verantwortung vor Gott als Maßstab in die europäische Verfassung aufzunehmen. Gott wird als Parteiangelegenheit einer kleinen Gruppe angesehen und kann nicht mehr als Maßstab für die Gemeinschaft im ganzen stehen. In diesem Entscheid spiegelt sich die Situation des Westens, in dem Gott eine Privatangelegenheit einer Minderheit geworden ist.

Eine erste Aufgabe, die aus den moralischen Erschütterungen unserer Zeit folgen muß, besteht darin, daß wir selbst wieder anfangen, von Gott und auf ihn hin zu leben. Wir müssen vor allen Dingen selbst wieder lernen, Gott als Grundlage unseres Lebens zu erkennen und nicht als eine irgendwie unwirkliche Floskel beiseite zu lassen. Unvergessen bleibt mir die Mahnung, die mir der große Theologe Hans Urs von Balthasar auf einem seiner Kartenbriefe einmal schrieb: "Den dreifaltigen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, nicht voraussetzen, sondern vorsetzen!"

In der Tat wird auch in der Theologie oft Gott als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, aber konkret handelt man nicht von ihm. Das Thema Gott scheint so unwirklich, so weit von den Dingen entfernt, die uns beschäftigen. Und doch wird alles anders, wenn man Gott nicht voraussetzt, sondern vorsetzt. Ihn nicht irgendwie im Hintergrund beläßt, sondern ihn als Mittelpunkt unseres Denkens, Redens und Handelns anerkennt.

2. Gott ist für uns Mensch geworden. Das Geschöpf Mensch liegt ihm so sehr am Herzen, daß er sich mit ihm vereinigt hat und so ganz praktisch in die menschliche Geschichte eingetreten ist. Er spricht mit uns, er lebt mit uns, er leidet mit uns und hat den Tod für uns auf sich genommen. Darüber reden wir zwar in der Theologie ausführlich, mit gelehrten Worten und Gedanken. Aber gerade so entsteht die Gefahr, daß wir uns zu Herren des Glaubens machen, anstatt uns vom Glauben erneuern und beherrschen zu lassen.

Bedenken wir dies in einem zentralen Punkt, der Feier der heiligen Eucharistie. Unser Umgang mit der Eucharistie kann nur Sorge erwecken. Im II. Vatikanischen Konzil ging es zu Recht darum, dieses Sakrament der Gegenwart von Leib und Blut Christi, der Gegenwart seiner Person, seines Leidens, Sterbens und Auferstehens wieder in die Mitte des christlichen Lebens und der Existenz der Kirche zu rücken. Zum Teil ist die Sache wirklich geschehen, und wir wollen dem Herrn dafür von Herzen dankbar sein.

Aber weithin dominant ist eine andere Haltung: Nicht eine neue Ehrfurcht vor der Anwesenheit von Tod und Auferstehung Christi dominiert, sondern eine Art des Umgehens mit ihm, die die Größe des Geheimnisses zerstört. Die sinkende Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier zeigt, wie wenig wir Christen von heute noch die Größe der Gabe einzuschätzen vermögen, die in seiner realen Anwesenheit besteht. Die Eucharistie wird zu einer zeremoniellen Geste abgewertet, wenn es als selbstverständlich gilt, daß die Höflichkeit es gebietet, sie bei familiären Festen oder bei Anlässen wie Hochzeit und Beerdigung allen zu reichen, die aus verwandtschaftlichen Gründen dazu eingeladen sind. Die Selbstverständlichkeit, mit der mancherorts einfach die Anwesenden auch das heilige Sakrament empfangen, zeigt, daß man in der Kommunion nur noch eine zeremonielle Geste sieht. Wenn wir also nachdenken, was zu tun ist, so wird klar, daß wir nicht eine von uns erdachte andere Kirche brauchen. Was notwendig ist, ist vielmehr die Erneuerung des Glaubens an die uns geschenkte Wirklichkeit Jesu Christi im Sakrament.

In den Gesprächen mit Opfern der Pädophilie ist mir diese Notwendigkeit immer eindringlicher bewußt geworden. Eine junge Frau, die als Ministrantin Altardienst leistete, hat mir erzählt, daß der Kaplan, ihr Vorgesetzter als Ministrantin, den sexuellen Mißbrauch, den er mit ihr trieb, immer mit den Worten einleitete: "Das ist mein Leib, der für dich hingegeben wird." Daß diese Frau die Wandlungsworte nicht mehr anhören kann, ohne die ganze Qual des Mißbrauchs erschreckend in sich selbst zu spüren, ist offenkundig. Ja, wir müssen den Herrn dringend um Vergebung anflehen und vor allen Dingen ihn beschwören und bitten, daß er uns alle neu die Größe seines Leidens, seines Opfers zu verstehen lehre. Und wir müssen alles tun, um das Geschenk der heiligen Eucharistie vor Mißbrauch zu schützen.

3. Und da ist schließlich das Mysterium der Kirche. Unvergessen bleibt der Satz, mit dem vor beinahe 100 Jahren Romano Guardini die freudige Hoffnung ausgesprochen hat, die sich ihm und vielen anderen damals aufdrängte: "Ein Ereignis von unabsehbarer Tragweite hat begonnen; die Kirche erwacht in den Seelen." Er wollte damit sagen, daß Kirche nicht mehr bloß wie vorher ein von außen auf uns zutretender Apparat, als eine Art Behörde erlebt und empfunden wurde, sondern anfing, in den Herzen selbst als gegenwärtig empfunden zu werden – als etwas nicht nur Äußerliches, sondern inwendig uns berührend. Etwa ein halbes Jahrhundert später fühlte ich mich beim Wiederbedenken dieses Vorgangs und beim Blick auf das, was eben geschah, versucht, den Satz umzukehren: "Die Kirche stirbt in den Seelen." In der Tat wird die Kirche heute weithin nur noch als eine Art von politischem Apparat betrachtet. Man spricht über sie praktisch fast ausschließlich mit politischen Kategorien, und dies gilt hin bis zu Bischöfen, die ihre Vorstellung über die Kirche von morgen weitgehend ausschließlich politisch formulieren. Die Krise, die durch die vielen Fälle von Mißbrauch durch Priester verursacht wurde, drängt dazu, die Kirche geradezu als etwas Mißratenes anzusehen, das wir nun gründlich selbst neu in die Hand nehmen und neu gestalten müssen. Aber eine von uns selbst gemachte Kirche kann keine Hoffnung sein.

Jesus selber hat die Kirche mit einem Fischernetz verglichen, in dem gute und böse Fische sind, die am Ende von Gott selbst geschieden werden müssen. Daneben steht das Gleichnis von der Kirche als einem Ackerfeld, auf dem das gute Getreide wächst, das Gott selbst hingesät hat, aber auch das Unkraut, das "ein Feind" geheim ebenfalls darauf gesät hat. In der Tat ist das Unkraut auf dem Ackerfeld Gottes, der Kirche, übermäßig sichtbar, und die bösen Fische im Netz zeigen ebenfalls ihre Stärke. Aber dennoch bleibt der Acker Gottes Ackerfeld und das Netz das Fischernetz Gottes. Und es gibt in allen Zeiten nicht nur das Unkraut und die bösen Fische, sondern auch die Saat Gottes und die guten Fische. Beides gleichfalls mit Nachdruck zu verkünden, ist nicht eine falsche Apologetik, sondern ein notwendiger Dienst an der Wahrheit.

In diesem Zusammenhang ist es notwendig, auf einen wichtigen Text in der Offenbarung des Johannes zu verweisen. Der Teufel wird da als der Ankläger gekennzeichnet, der unsere Brüder bei Tag und bei Nacht vor Gott verklagt (Apk 12, 10). Die Apokalypse nimmt damit einen Gedanken wieder auf, der im Mittelpunkt der Rahmenerzählung des Buchs Ijob steht (Ijob 1 und 2, 10; 42, 7 - 16). Dort wird erzählt, daß der Teufel vor Gott die Gerechtigkeit des Ijob als nur äußerlich herunterzureden versuchte. Dabei ging es gerade um das, was die Apokalypse sagt: Der Teufel will beweisen, daß es gerechte Menschen nicht gibt; daß alle Gerechtigkeit von Menschen nur von außen dargestellt sei. Wenn man näher hinklopfen könne, falle der Schein der Gerechtigkeit schnell ab. Die Erzählung beginnt mit einem Disput zwischen Gott und dem Teufel, in dem Gott auf Ijob als einen wirklich Gerechten verwiesen hatte. An ihm soll nun die Probe aufs Exempel vollzogen werden, wer da recht hat. Nimm ihm seinen Besitz weg und du wirst sehen, daß von seiner Frömmigkeit nichts übrigbleibt, argumentiert der Teufel. Gott gestattet ihm diesen Versuch, aus dem Ijob positiv hervorgeht. Nun treibt es der Teufel weiter, und er sagt: "Haut um Haut! Alles, was der Mensch besitzt, gibt er hin für sein Leben. Doch streck deine Hand aus, und rühr an sein Gebein und Fleisch: wahrhaftig, er wird dir ins Angesicht fluchen" (Ijob 2,4f). So gewährt Gott dem Teufel eine zweite Runde. Er darf auch die Haut des Ijob berühren. Nur ihn zu töten, wird ihm versagt. Für die Christen ist klar, daß der Ijob, der für die ganze Menschheit als Exempel vor Gott steht, Jesus Christus ist. In der Apokalypse wird uns das Drama des Menschen in seiner ganzen Breite dargestellt. Dem Schöpfergott steht der Teufel gegenüber, der die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung schlechtredet. Der sagt nicht nur zu Gott, sondern vor allen Dingen zu den Menschen: Seht euch an, was dieser Gott gemacht hat. Angeblich eine gute Schöpfung. In Wirklichkeit ist sie in ihrer Ganzheit voller Elend und Ekel. Das Schlechtreden der Schöpfung ist in Wirklichkeit ein Schlechtreden Gottes. Es will beweisen, daß Gott selbst nicht gut ist und uns von ihm abbringen.

Die Aktualität dessen, was uns hier die Apokalypse sagt, ist offenkundig. Es geht heute in der Anklage gegen Gott vor allen Dingen darum, seine Kirche als ganze schlechtzumachen und uns so von ihr abzubringen. Die Idee einer von uns selbst besser gemachten Kirche ist in Wirklichkeit ein Vorschlag des Teufels, mit dem er uns vom lebendigen Gott abbringen will durch eine lügnerische Logik, auf die wir zu leicht hereinfallen. Nein, die Kirche besteht auch heute nicht nur aus bösen Fischen und aus Unkraut. Die Kirche Gottes gibt es auch heute, und sie ist gerade auch heute das Werkzeug, durch das Gott uns rettet. Es ist sehr wichtig, den Lügen und Halbwahrheiten des Teufels die ganze Wahrheit entgegenzustellen: Ja, es gibt Sünde in der Kirche und Böses. Aber es gibt auch heute die heilige Kirche, die unzerstörbar ist. Es gibt auch heute viele demütig glaubende, leidende und liebende Menschen, in denen der wirkliche Gott, der liebende Gott sich uns zeigt. Gott hat auch heute seine Zeugen ("martyres") in der Welt. Wir müssen nur wach sein, um sie zu sehen und zu hören.

Das Wort Märtyrer ist dem Prozeßrecht entnommen. Im Prozeß gegen den Teufel ist Jesus Christus der erste und eigentliche Zeuge für Gott, der erste Märtyrer, dem seitdem Unzählige gefolgt sind. Die Kirche von heute ist mehr denn je eine Kirche der Märtyrer und so Zeuge des lebendigen Gottes. Wenn wir uns wachen Herzens umsehen und umhören, können wir überall heute, gerade unter den einfachen Menschen, aber doch auch in den hohen Rängen der Kirche die Zeugen finden, die mit ihrem Leben und Leiden für Gott einstehen. Es ist eine Trägheit des Herzens, daß wir sie nicht wahrnehmen wollen. Zu den großen und wesentlichen Aufgaben unserer Verkündigung gehört es, soweit wir können, Lebensorte des Glaubens zu schaffen und vor allen Dingen sie zu finden und anzuerkennen.

Ich lebe in einem Haus, in einer kleinen Gemeinschaft von Menschen, die immer wieder solche Zeugen des lebendigen Gottes im Alltag entdecken und freudig auch mich darauf hinweisen. Die lebendige Kirche zu sehen und zu finden, ist eine wunderbare Aufgabe, die uns selbst stärkt und uns des Glaubens immer neu froh werden läßt.

Am Ende meiner Überlegungen möchte ich Papst Franziskus danken für alles, was er tut, um uns immer wieder das Licht Gottes zu zeigen, das auch heute nicht untergegangen ist. Danke, Heiliger Vater!

Freitag, 29. März 2019

Tischlesung - Eine kurze Geschichte des Sonntags: Vom Urchristentum bis heute

Warum und wie Christen seit frühester Zeit den Sonntag heilig hielten, erzählt der renommierte Kirchenhistoriker Justo L. González. Der historische Bogen reicht von den Ritualen der antiken Kirche über die Schlüsselfigur Kaiser Konstantin bis zum Protestantismus und lässt uns den Wert und die Einzigartigkeit des Sonntags neu verstehen und erleben. Was forderten die Glaubenskriege vom Sonntag, was die Reformation?

So erzählt González die Kulturgeschichte des Christentums neu – am Beispiel eines konkreten und altbekannten Phänomens, dem „siebten Tag“. Mit Blick auf die Gegenwart wird verständlich, warum der Sonntag beinahe weltweit als außergewöhnlicher Tag wahrgenommen wird, auch in säkularen Milieus. „Es ist der Sonntag des Lebens, der alles gleichmacht und alle Schlechtigkeit entfernt. Menschen, die so von ganzem Herzen wohlgemut sind, können nicht durch und durch schlecht und niederträchtig sein.“, schrieb schon Hegel. An der Frage nach dem Sonntag entfaltet sich auf unterhaltsame Weise unsere Kirchen- und Kulturgeschichte und lässt unmittelbar jene Freude lebendig werden, mit der das Urchristentum den Sonntag beging.

Mittwoch, 2. Januar 2019

Tischlesung - Konrad Adenauer: Ein Jahrhundertleben

Konrad Adenauer hat die Bundesrepublik Deutschland geprägt wie kaum ein Zweiter. Er setzte die soziale Marktwirtschaft durch, söhnte Deutschland mit Frankreich aus und verankerte den Bonner Staat im Westen.

Werner Biermann erzählt dieses Jahrhundertleben, das von Bismarck bis zu den Beatles reichte. Auf der Grundlage bisher nicht beachteter Quellen, jahrelanger Recherchen sowie ausführlicher Gespräche mit der Familie schildert er den ebenso faszinierenden wie dramatischen Lebensweg Adenauers, seine Ideen und Ziele, seine Schwächen und Ängste. Besonderes Gewicht legt Biermann dabei auf das Leben vor der Kanzlerschaft: den politischen Aufstieg im Kaiserreich, die steile Karriere als Kölner Oberbürgermeister und prominenter Reichspolitiker in der Weimarer Republik und nicht zuletzt den jähen Absturz während des «Dritten Reiches» – der ihn beinahe das Leben gekostet hätte, als er 1944 verhaftet wurde. Dabei wird eines klar: Ohne sein in der Literatur bisher vernachlässigtes Vorleben ist der legendäre Kanzler nicht zu begreifen.

Ein grandios geschriebenes Porträt – und ein fesselndes Panorama deutscher Geschichte von der Kaiserzeit bis zum Kalten Krieg.

Freitag, 14. Dezember 2018

Was passiert, wenn eine Fliege in eine Kaffeetasse fällt

“Was passiert, wenn eine Fliege in eine Kaffeetasse fällt? Der Italiener schmeißt die Tasse zu Boden, zerbricht sie und läuft wutentbrannt davon. Der Deutsche wäscht die Tasse sorgfältig aus, sterilisiert sie und kocht sich einen neuen Kaffee. Der Franzose nimmt die Fliege heraus und trinkt den Kaffee.Der Chinese isst die Fliege und schüttet den Kaffee weg. Der Russe trinkt den Kaffee mit der Fliege, wenn es schon mal was gratis gibt.
Der Israeli verkauft den Kaffee dem Franzosen, die Fliege dem Chinesen und die Tasse dem Italiener, trinkt eine Tasse Tee und erfindet mit dem verdienten Geld einen Schutz, der Fliegen davon abhält, in Tassen zu fallen.

Der Palästinenser gibt dem Israeli die Schuld an der Fliege in seinem Kaffee, protestiert bei den Vereinten Nationen gegen diesen Akt der Aggression, nimmt von der Europäischen Union eine Spende für den Kauf eines neuen Kaffees entgegen, kauft für das Geld jedoch Sprengstoff und jagt damit das Kaffeehaus in die Luft, in dem der Italiener, der Franzose, der Chinese, der Deutsche und der Russe gerade versuchen, dem Israeli zu erklären, dass dieser seine Tasse Tee dem Palästinenser überlassen sollte.”

Samstag, 4. August 2018

Tischlesung - Martin Mosebach: Die 21 - Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer

Im Frühjahr 2017 reiste Martin Mosebach nach Ägypten. Er besuchte im Dorf El-Or die Familien der 21 koptischen Männer, die zwei Jahre zuvor von IS-Terroristen an einem Strand in Libyen ermordet worden waren. Er saß in Empfangszimmern, durch die die Schwalben flogen, und machte sich ein Bild: von den Madonnenbildern und Jesus-Porträts an den Wänden, den grob geschreinerten Reliquienschränken, von einer Lebenswelt, in der alles die Spiegelung oder Erfüllung biblischer Vorgänge ist. Immer wieder wurde ihm, umgeben von Kindern, Ziegen, Kälbern, auf einem iPad das grausame Propagandavideo des IS vorgeführt; er staunte über den unbefangenen Umgang damit. Von Rache war nie die Rede, sondern vom Stolz, einen Martyrer in der Familie zu haben, einen Heiligen, der im Himmel ist. So erscheinen die 21 auf den neuen Ikonen gekrönt wie Könige.
 
Martin Mosebach hat ein Reisebuch geschrieben über seine Begegnung mit einer fremden Gesellschaft und einer Kirche, die den Glauben und die Liturgie der frühen Christenheit bewahrt hat – der «Kirche der Martyrer», in der das irdische Leben von der himmlischen Sphäre nur wie durch ein Eihäutchen geschieden ist. Er traf den Bischof und die koptischen Geistlichen der 21 Wanderarbeiter, besuchte ihre Kirchen und Klöster. In den Zeiten des Kampfes der Kulturen sind die Kopten als Minderheit im muslimischen Ägypten zu einem politischen Faktor geworden – und zu einer Art religiösen Gegengesellschaft. Damit ist dieses Buch auch ein Bericht aus dem Innenleben eines arabischen Landes zwischen biblischer Vergangenheit und den Einkaufszentren von Neu-Kairo.