Sonntag, 26. Dezember 2004

DER KLEINE HERODES IN UNS


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde!

Zu einer „typisch deutschen Weihnacht“ gehören drei Dinge: Tannenbaum, Lametta und Krippe. Vor ungefähr 30 Jahren schien da in meiner westfälischen Heimat allerdings noch ein gewisser Nachholbedarf zu herrschen: Wir hatten daheim keine eigene Krippe. Und da wurde mein Großvater beauftragt, zusammen mit meinem Bruder und mir Abhilfe zu schaffen. Sperrholz und drei Laubsägen wurden organisiert und ein Stall gebaut. Das Ergebnis war eigentlich recht ordentlich. - Die tiefen Säge-Einschnitte in Opas Wohnzimmertisch leider auch. - Irgendwie verbinden wir alle irgendwelche Gesichter und Geschichten mit Weihnachten.

Und vielleicht kennen wir auch alle diese ganz typischen „Warum-Fragen“, die man als Kind dann eben auch so an Erwachsene stellt: „Warum wird Jesus eigentlich im Stall geboren?“ – Irgendwie ist das ja doch nicht normal. – Und vielleicht ahnen Sie auch schon die typische Antwort, die man dann zu hören bekommt? – „Weil in der Herberge kein Platz war!“ Diese Antwort ist zwar absolut korrekt und zeugt sogar von einer besonderen Bibelfestigkeit, - aber irgendwie ist diese Antwort auch nicht so ganz zufriedenstellend. Als Kind kann man einige Jahre gut damit leben: „In der Herberge war kein Platz mehr, deshalb haben wir den Stall gebaut. – Ja. Logisch!“
Aber irgendwann einmal sollte man dann doch einmal tiefer Fragen: „Warum wählt Gott einen Stall?“ – Was denken Sie?

Mich hat meine Kindheitsfrage nie so richtig losgelassen. Aber auch wenn man nicht Mönch werden will, sollte man sich durchaus darüber einige Gedanken machen: „Warum wählt Gott einen Stall?“

Die Antwort sieht sicherlich bei jedem ganz anders aus, und so ist auch meine Vermutung auch nur eine unter vielen. Aber wenn mir heute jemand diese Frage stellt, neulich war das bei einer kleinen Adventsfeier der Fall, dann bringe ich das immer auf eine einfache Kurzformel: „Macht birgt die Gefahr, dass sie die Liebe erstickt!“ Wahre Liebe braucht keine Macht und Pracht. - Der Gottmensch Jesus wollte ganz die Liebe sein, deshalb hat er ganz auf seine irdische Macht und Herrlichkeit verzichtet. Und das von Anfang an! –
Macht und Liebe sind hier auf der Erde nicht so einfach unter einen gemeinsamen Hut zu kriegen. - Wer Macht und Kontrolle über andere ausübt, der wird leicht lieblos.

Der RING: Symbol der Macht oder Liebe?


Macht ist eine teuflische Versuchung, damals wie heute: Dreimal wird der Teufel in der Wüste an Jesus herantreten um den Gottessohn in Versuchung zu führen. Das Ziel und die Triebfeder dieser Versuchungen ist die Macht: Jesus widersteht, er bleibt ganz die Liebe.

Es ist sehr interessant zu beobachten, wie dieses Thema „Macht und gleichzeitiger Liebesverlust“ in Literatur, Film und Musik immer wieder aufgegriffen wird. Mit einiger Verspätung wurde auch in unserem Klosterkino auch Tolkiens dreiteiliger Fantasy-Monumentalschinken „Der Herr der Ringe“ gezeigt: Wer sich bewusst den „einen Ring“ der Macht an die Hand steckt, der verliert die Liebe. Das ist der unendlich hohe Preis für die Macht. - Und auch wer Wagners „Ring des Nibelungen“ kennt, der weiß: Alberich muss die Liebe erst verfluchen, um den „Ring der Weltherrschaft“ schmieden zu können: Macht oder Liebe!

Aber es ist gar nicht nötig, 1300 Seiten zu lesen, 9 Stunden Kino oder 15 Stunden Wagner Opern über sich ergehen zu lassen. – Um zu begreifen, wie gefährlich diese „Urversuchung“ der Macht ist, genügt schon ein kurzer Blick in das heutige Evangelium und in unseren eigenen Alltag.

Zuerst also ein Blick in das Evangelium: Herodes hat die politischen Wirren nach der Ermordung Caesars klug ausgenutzt um an die Macht zu kommen. Er errichtet den Tempel neu, in einer Pracht, die die des salomonischen Tempels sogar weit in den Schatten stellt. – Er ist mächtig. Und doch wird er nicht geliebt und ist einsam. Eigentlich ist er religiös gleichgültig. Er bedient sich aber der jüdischen Religion, solange sie seinem Machterhalt dient. – Herodes hat Angst um seine Macht: Aus anderen Quellen wissen wir, dass er kurz vor seinem Tod die Ermordung von etlichen jüdischen Führungspersönlichkeiten angeordnet hat. Drei seiner Söhne werden in den letzten Amtsjahren auf seinen eigenen Befehl umgebracht. - Wie gesagt, die Macht hat einen hohen Preis!

In seiner ganzen Brutalität ist Herodes in der Weihnachtsgeschichte aber nicht nur eine historische Gestalt. Er ist gewissermaßen der Antityp zu dem wehrlosen Jesuskind: Herodes ist der typische Mensch der Macht, der im anderen nur den Konkurrenten sehen kann. Dem göttlichen Kind steht ein mit aller Gewalt um seine Macht ringender Herodes gegenüber: Und die Mächtigen haben ein feines Gespür dafür, wenn sie ihre Macht gefährdet sehen. Je bedrohter sie ihre Macht sehen, um so brutaler kämpfen sie um diese. Und so beginnt die Lebensgeschichte des Gottessohnes mit einer Flucht. - Der Gottessohn flieht vor der Macht und ihren Früchten: Der Gottessohn flieht vor Neid, Ruhmsucht, Egoismus, Habgier, Lüge und Gewalt.

Liebe Brüder und Schwestern,
werfen wir jetzt aber einmal einen Blick nach heute: Gerade habe ich einen Zeitungsartikel über ein Buch gelesen, in dem 41 Manager anonym aber offen über diesen „Fluch der Macht“ sprechen. Dort heißt es: „Jeder, der einmal Macht hat, will noch mehr. Der Drang nach mehr Einfluss und Macht wird stärker, nicht schwächer.“ Am aufschlussreichsten sind die Aussagen zum Thema "Wie komme ich an die Macht?" – „Wendig muss man sein. Wissen, wem gerade nach dem Munde zu reden ist. Netzwerke spinnen. Loyalitäten aufbauen und sie bei Bedarf wechseln. - Ein selbstkritischer Manager ergänzt: "Und wenn man mal´ ein Ei gelegt hat, muss man laut und aufgeregt gackern." Was, wenn man es - wendig, listig und gackernd - nach oben geschafft hat? - Dann wird’s richtig schlimm. Neider, Intriganten und Konkurrenten überall. 90 Prozent ihrer Zeit, schätzt ein Berater, verwenden die Mächtigen darauf, auch mächtig zu bleiben.“ (Financial Times Deutschland) – So weit der Artikel.

Macht – heute sagt man lieber „Verantwortung“ - kann eine gefährliche Eigendynamik annehmen. Daran hat sich in 2000 Jahren offenbar nur wenig geändert: Vielleicht kennen Sie auch Menschen in Ihrer Umgebung, die eigentlich ganz normal waren, bis sie einen kleinen Posten am Arbeitsplatz, der Politik oder sogar im Kloster bekommen haben? Haben Sie anschließend eventuell eine wundersame „Wesensveränderung“ festgestellt? Menschen, von denen man es eigentlich nie erwartet hätte, können auf einmal ganz anderes werden, wenn sie Macht über andere bekommen. Da kann es entweder mit der Güte und Milde auf einmal ganz vorbei sein, oder sie wird zu einer „Gnade“, die dem anderen gewährt wird: „Ja, da wollen wir heute einmal Gnade vor Recht...“.

Das ganz besonders teuflische an der Macht ist aber auch, dass man es im Alltag oft selber gar nicht bemerkt, wenn man sie ausübt: Macht üben immer nur die anderen aus. Man sieht sich da sehr gerne in Opferrolle.

Liebe Brüder und Schwestern,
natürlich kann man, wenn man Macht, Einfluss und Geld richtig gebraucht, auch sehr viel Gutes damit bewirken. Das steht außer Frage! – Aber darüber zu sprechen möchte ich dann doch lieber den Experten überlassen. Meine Absicht war es nur darauf hinzuweisen, dass sich der Gottessohn auf diesen gefährlichen Doppelweg von Macht UND Liebe – von seiner Geburt an – erst überhaupt nicht eingelassen hat. Er hat sich alleine für den Weg der Liebe entschieden.

„Warum wurde Gott eigentlich in einem Stall geboren?“ –
Es lohnt sich über diese Kindheitsfrage nachzudenken.

Amen.

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Predigt am Fest der Hl. Familie (A) am 26. XII. 2004 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Mt 2,13-15.19-23)


EINLEITUNG

Liebe Brüder und Schwestern,

die weihnachtliche Idylle der heiligen Familie fand vor 2004 Jahren ein schnelles Ende:
Nur mit Mühe hatte der Gottessohn eine Herberge in dieser Welt gefunden,
und schon wurde er wieder aus seinem Stall gejagt. –

Und wie sieht es heute aus:
Lassen wir das Jesuskind i n u n s überleben?

Hat Jesus in uns einen dauerhaften Platz gefunden - oder muss er unser Herz fliehen,
weil es darin Kräfte gibt, die ihn manchmal zum Schweigen bringen wollen?

Gibt es nicht auch i n u n s einen kleinen Herodes, der um seine Macht bangt,
der sich von niemanden reinreden lassen möchte?

Ich denke, wir alle haben Jesus schon oft auf die Flucht geschickt.

Aber eines ist tröstlich:
Dass er wieder umkehrt aus Ägypten.

Bitten wir, dass er auch bei uns immer wieder anklopft.

(Kyrie)

Freitag, 24. September 2004

"ALS ES MORGEN WURDE, STAND JESUS AM UFER"



Traueransprache für Pfr. Karlheinz Küper

Liebe Familie Küper, liebe Schwestern und Brüder.

„Als es Morgen wurde, stand Jesus am Ufer.“ Für Pfr. Karlheinz Küper wurde der Satz am vergangenen Samstag Wirklichkeit. Wie bei den Jüngern war dieser Begegnung eine lange Nacht vorausgegangen, eine Nacht des Leidens, des vergeblichen Kampfes gegen seine schwere Krebserkrankung, die er mit einer erstaunlichen Willensstärke er- und getragen hat. Nur selten ließ er sich anmerken, wie sehr ihm die Krankheit zu schaffen machte. „Wie krank ich bin, das bestimme ich selbst“ war einer seiner Sätze, die typisch für ihn waren, durchsetzt wie so oft mit einer unterschwelligen Ironie, vor allem aber Ausdruck eines starken Willens, der sich nichts und niemandem so schnell unterordnete.

Wenn man Karlheinz Küper verstehen will, muss man sich in seine Kriegsjahre zurückversetzen. Als 20-Jähriger in Russland erlebt er Abgründe menschlichen Elends, aber auch die Bewährungsprobe seines Glaubens. Angesichts eines umgekommenen Soldaten ergreift er die Initiative und betet das „Vater-unser“, anschließend bekommt er den Spitznamen "Pastor". Der Weg aus Russland zurück in die Heimat geschieht in einem für heutige Verhältnisse unvorstellbaren Kraftakt: manchmal musste er 70 km am Tag zu Fuß zurücklegen, und wahrscheinlich war es das, was seine Leben geprägt hat: ein langer Atem und ein eiserner Willen, mit dem er meistens das erreichte, was er als richtig erkannte hatte. Vielleicht ist in dieser Zeit auch sein Entscheidung grundgelegt worden, den Ausbildungsweg zum technischen Zeichner und Ingenieur aufzugeben und Priester zu werden.

Beerdigungsansprachen sind nicht keine Art von Seligsprechung – das wäre ihm zuwider gewesen – und sie sind auch keine Aufzählung von Verdiensten und Leistungen. Priester sollen – im Grunde genommen wie alle Christinnen und Christen – Zeugen des Glaubens sein, Priester sollen auch und gerade in ihrer Menschlichkeit, in ihrer Schwäche etwas von dem aufleuchten lassen, was Mittelpunkt unseres Glaubens ist und was wir gerade auch in dieser Stunde feiern: Dass das Leben stärker ist als der Tod, dass Gottes Macht, greifbar in seinem menschgewordenen Sohn, unserem Leben Richtung, Sinn und Ziel geben kann. Karlheinz Küper hat das auf seine Weise getan: In den letzten Jahren ebenso schlicht und beeindruckend dadurch, dass er jeden Sonntag um 8 Uhr die Hl. Messe gefeiert hat. Nur wer ihn da erlebt hat, kann erahnen, wie anstrengend und beschwerlich es für ihn war, wie sehr er manchmal kämpfen musste, um die 45 Minuten durchzustehen. Das war sein persönliches Glaubenszeugnis, mit dem er ausgedrückt hat, wie wichtig ihm die Feier der Messe war, und vielleicht kann man das nicht deutlich genug in einer Zeit sagen, in der für viele der sonntägliche Gottesdienst etwas Beliebiges oder auch Lästiges geworden ist.

Genau das sollte der Glaube für ihn nie sein: eine Angelegenheit der Beliebigkeit oder der privaten Lust und Laune. In diesem Sinne war er bis auf die Knochen konservativ, kritisch gegenüber allen Neuerungen und manchmal auch eigensinnig. Dass das andere irritierte, nahm er durchaus wahr, aber das konnte ihn nicht sonderlich erschüttern: Als Pfarrer wollte er, wie er sagte, nicht beliebt, aber respektiert sein. Dieses Wort sollte man sich nicht nur hin- und wieder als Priester, als Seelsorgerin und Seelsorger hinter die Ohren schreiben, dahinter steckt auch wichtiges Grundthema dessen, was Jesus verkündigt hat: Eine Botschaft, die die Menschen konfrontiert, sie herausfordert, sie sogar vor den Kopf stößt, die irritiert und in Frage stellt – und die zuerst und vor allem vom Menschen verlangt, dass er sich mit ihr auseinandersetzt.

Natürlich wusste Pfr. Küper auch darum, dass man das nicht andauernd machen kann. Es musste bei ihm und mit ihm längst nicht immer fromm zugehen: Er konnte feiern und auf Menschen zugehen, er war stark interessiert an dem, was in der Welt los war, er konnte mit seinem Verein Schalke genauso zittern wie über ihn schimpfen.
Der Ruhestand mit 69 Jahren war gleichzeitig der Anfang einer neuen Herausforderung unter der Überschrift Abschied nehmen: Abschied nehmen von der Gemeinde, zu der er konsequent auf Abstand ging und es fertig brachte, dennoch verbunden zu bleiben mit dem, was die Menschen dort bewegte, Auszug aus dem Pfarrhaus, Rückgabe des Führerscheins, weil seine Augen zu schlecht wurden, und dann der lange Abschied von seiner Gesundheit. Dass ihm das alles gelang, war Ausdruck einer oft eisernen Disziplin, die sein Leben bestimmte. Abschiede hat er nicht über sich ergehen lassen, sondern sie gestaltet, so wie er auch die letzten Monate seines Lebens gestalten wollte und konnte.

Eucharistiefeier ist immer Danksagung. Heute sind ihm viele dankbar, die er als Priester, aber auch als Verwandter, als Freund begleitet hat – mit der richtigen Mischung aus barmherziger Väterlichkeit und kritischem Hinterfragen, aus Nähe und Distanz. Dankbar dürfen wir aber auch all denen sein, die ihn als Priester getragen haben, in seiner Menschlichkeit und auch in seiner Eigenwilligkeit.

Dankbar dürfen wir vor allem aber für den Glauben sein, den er vielen verkündet und vorgelebt hat: Dass nach den Nächten, die jeder von uns durchleben muss, gerade auch nach der Nacht des Sterbens Jesus auf uns wartet. Wie damals mit seinen Jüngern teilt er jetzt mit uns das Brot des Lebens, um uns auf dem Weg zu stärken bis er wiederkommt als König der Welt, der unsere Kirche und unsere Welt vollenden wird.

Pfr. Clemens Kreiss


TRAUERANSPRACHE FÜR PFR. KARLHEINZ KÜPER
am 24. September 2004 in der Pfarrkirche Christus-König in Oer-Erkenschwick

Samstag, 31. Juli 2004

"HAT MAN NICHT AUCH GOLD BEINEBEN..."


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde,

im Kloster da wird eigentlich viel gesungen. Nicht nur täglich hier in der Kirche. - Auch bei der Arbeit hat so mancher Mönch schon einmal ein Lied auf den Lippen. – Vor einigen Wochen kam ich in ein Büro, - da sang ein Mitbruder gerade eine ganze Opernarie:

“Hat man nicht auch Gold beineben,
Kann man nicht ganz glücklich sein;
Traurig schleppt sich fort das Leben,
Mancher Kummer stellt sich ein.
Doch wenn´s in der Tasche fein klingelt und rollt,
Da hält man das Schicksal gefangen,
Und Macht und Liebe verschafft dir das Gold
Und stillet das kühnste Verlangen.
Das Glück dient wie ein Knecht für Sold,
Es ist ein schönes Ding, das Gold.“

Die zweite Strophe haben wir dann gemeinsam im Duett beendet. –

„Die Goldarie aus Beethovens „Fidelio“ ist wohl auch in Belgien recht gut bekannt ?“ - habe ich noch nachgefragt. - „Ja natürlich, in der Arie da steckt so unheimlich viel an Wahrheit drin! - Vor allem die Stelle: „Wer bei Tisch nur Liebe findet, wird nach Tische hungrig sein.“ – Die gefällt mir besonders gut. Das ist so richtig aus dem Leben gegriffen.“

„Wer bei Tisch nur Liebe findet, wird nach Tische hungrig sein“. – Das wird sich vielleicht auch der reiche Bauer beim Bau der größeren Scheune gedacht haben. Und wenn wir momentan auch keine größere Scheune bauen – man kann aber auch an andere Großbauprojekte auf der grünen Wiese denken - so machen wir uns doch viele Pläne und Sorgen darüber, wie wir unser Leben irgendwie absichern können: „Heute das Leben von morgen sichern“ – lautet die Devise einer großen Versicherungsgesellschaft - und wohl auch die des reichen Kornbauern.

Aber was regt Gott an diesen Bauern so auf, dass er ihn einen Narren nennt? Ich denke mir: Gott ärgert sich am meisten darüber, dass es ausgerechnet das Gute ist, was diesen Menschen dazu verführt, sein Leben zu verfehlen. – Hier geht alles schief, nicht weil ihm so viel fehlt, sondern weil er so viel hat. – Weil er so viel Erfolg hat!

Er ist von Gott doppelt gesegnet: Er ist reich, - und seine Äcker tragen in diesem Jahr auch noch besonders gut. – Statt sich darüber zu freuen und sich zu sagen: In diesem Jahr brauchst du dir überhaupt keine Sorgen mehr zu machen und kannst zufrieden sein. – Und weil die Scheunen jetzt schon voll sind kannst du dir mehr Zeit nehmen für dich selbst und für die Familie.
Statt dessen lässt er sich vom Erfolg in den Stress treiben: „Was mache ich bloß?! Diese Ernte bringe ich ja gar nicht unter!“ – Schließlich kommt ihm die rettende Idee: Abreißen! Den Betrieb erweitern! Statt sich jetzt mehr Ruhe und Zeit zu gönnen, fängt er an zu rotieren. Er muss den Neubau planen und rechnen, wie er das alles finanzieren kann. Er braucht eine Baufirma und Baumaterial. Die Zeit drängt. Er kommt in Panik.

Das Einzige was ihn tröstet, ist eine beinahe magische Vorstellung: Danach! – Danach wird mein Leben beginnen. Danach, wenn alles unter Dach und Fach ist, fängt das Leben richtig an. Dann lass ich´s mir gut geh´n. Dann wenn das Haus gebaut und die Kinder groß sind; nach der Pensionierung usw.

Derartige Zukunftspläne kommentiert Jesus mit nur zwei Wörtern: „Du Narr!“. – Denn am Ende stehen die streitendenden Erben. Und zu deren Schlichter gemacht zu werden, weigert sich Jesus entschieden. Jesus hat Wichtigeres zu tun. Er ist nicht gekommen, um die Erbmasse von Leuten zu ordnen, die sich selbst kaputt gemacht haben, weil sie nicht zu leben wussten. - Jesus will uns nicht zum Abrackern anleiten: Jesus will uns lehren zu leben. – Und nicht erst irgendwann einmal, sondern hier und heute. „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10,10), sagt er bei Johannes. - „Vergiss über deinen Sorgen und Pflichten dein Leben nicht!“ – Das ist die Botschaft des heutigen Evangeliums.

Liebe Brüder und Schwestern,
zwei Dinge können wir also aus dem heutigen Evangelium für das Leben lernen:

1. LEBE IN DER GEGENWART!
„Wenn uns Verzweiflung überkommt, dann liegt das gewöhnlich daran, dass wir zu viel an die Vergangenheit und an die Zukunft denken“, schreibt die hl. Theresa von Lisieux. Es hilft also wenig, wenn wir ständig an die Zukunft denken: Wie wird sie sein? Werde ich den Anforderungen gerecht werden? Wird die Gemeinschaft mich tragen können? Werde ich krank? Werde ich Krebs haben? – All diese Überlegungen können mich in die Verzweiflung treiben.
Der einzige Weg solchen Gedanken zu entrinnen, besteht darin, in der Gegenwart zu leben. Wenn ich ja sage zum Augenblick, zu dem, was gerade ist, - dann zerbreche ich mir nicht den Kopf um Vergangenheit und Zukunft. Nur wenn du in der Gegenwart leben kannst, lebst Du nicht am Leben vorbei. – Lebe in der Gegenwart! - Die Zukunft liegt in Gottes Hand!

Und das zweite was wir lernen können: KEIN GIERGER KANN WIRKLICH LEBEN!

„Die Geizigen sind mit Bienen zu vergleichen. Sie arbeiten, als ob sie ewig leben würden.“ Diese Beobachtung hat der griechische Philosoph Demokrit bereits im vierten Jahrhundert vor Christus gemacht. Und sie gilt wohl auch noch heute: Es gibt Menschen, die arbeiten, als ob es kein Ende für sie gäbe. Sie müssen immer mehr sammeln, aus Angst, es könnte einmal nicht mehr reichen. Demokrit sieht als Ursache solch ruheloser Arbeit nicht den Fleiß, sondern den Geiz. – Der Fleiß sieht anders aus: Da strömt die Arbeit. Da macht die Arbeit Lust. – Der Geizige arbeitet verbissen. Er kann nicht aufhören, weil er Angst hat, nicht genug zu bekommen. Geiz ist Habgier, - Gier nach Reichtum. Wer von solcher Gier angetrieben wird, muss immer weiterarbeiten. Er kann nicht ausruhen und genießen. Ja, das Genießen würde seinen Reichtum mindern.

Der Gierige lebt nicht. Er glaubt, irgendwann einmal kann er die Früchte seiner Arbeit genießen. Aber jedes Mal verschiebt er den Augenblick des Genießens wieder, aus Angst, er könne eine weitere Möglichkeit zum Reichwerden verpassen. Der Gierige kann nicht wirklich leben, weil er immer auf einen späteren Zeitpunkt hin lebt. – Doch der kommt nie. So arbeitet er, als ob er ewig leben würde. Aber irgendwann, plötzlich, wird die Einsicht kommen, dass wir nicht ewig leben können.

In seiner Novelle "Wieviel Erde braucht der Mensch?" beschreibt Leo Tolstoi einen Bauern, der immer mehr Land besitzen wollte. Er begab sich daher ins Baschkirenland, um dort für sein Geld möglichst viel Land zu erwerben. Aber die Baschkiren wollten ihr Land nicht einfach verkaufen. Sie machten eine Bedingung: "Wir verkaufen nur nach Tagen. Soviel Land du an einem Tage umschreiten kannst, gehört dir. Und der Preis für einen Tag ist 1000 Rubel." - Aber, so wurde es dem Bauer Pachom erklärt, sein Geld wäre verfallen, käme er nicht an den Punkt zurück, von dem er ausgegangen sei. - Pachom nahm dieses Angebot an. Er machte sich am frühen Morgen auf den Weg, um bis zum Sonnenuntergang möglichst viel Land zu umschreiten. Er dachte, so an die fünfzig Werst werde ich wohl an einem Tage zurücklegen können, und so werde ich sicher viel, sehr viel Land für meine 1000 Rubel bekommen. Guten fruchtbaren Boden, Äcker und Wiesen. Pachom lief und rannte bis zur völligen Erschöpfung, um den vereinbarten Punkt bis zum Sonnenuntergang zu erreichen. Mit letzter Kraft erreichte er sein Ziel. Ein Baschkir rief noch: "Gut gemacht, viel Land hast du dir erworben" Aber aus dem Mund von Pachom quoll schon das Blut. - Pachom war tot.

Nun blieb für Pachom nur noch ein Grab, genauso groß wie er war, vom Kopf bis zu Füßen. –
So viel Erde braucht der Mensch! - Amen.

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Predigt für den 18. Sonntag im Jahreskreis (C) am 31. VII. 2004 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Lk 12, 13-21)

Samstag, 19. Juni 2004

»In Deine Hände lege ich mein Leben«


Lieber Tim, liebe Eltern, Verwandte und Freunde,
durch die Taufe, sagt man, werden die Kinder in den Verband der Kirche eingegliedert, - auch rechtlich. Man denkt dabei an den Bestand der Kirche samt der Kirchensteuer. Wir denken an die gesellschaftlichen Chancen unseres Kindes: Im Kindergarten soll es keine Nachteile haben. Religionsunterricht, Erstkommunion, Ferienfahrten usw. - da soll Tim nicht daneben stehen. Und die meisten anderen Kinder in der Umgebung sind ja auch getauft.

Aber: „Eingliederung“? – Widerspricht das nicht eigentlich eher dem, was wir uns für unser eigenes Leben – und für Tims Leben – wünschen? Widerspricht das nicht dem Streben, ganz wir selbst zu sein? Wir bemühen uns doch eher um Selbstfindung als um das Einfügen in eine Gruppe. Originalität ist heute gefragt. Nicht die Übernahme angebotener Verhaltens- und Sichtweisen. Ist das nicht demütigend? Abhängig zu sein von einer Gemeinschaft? Mein Leben bestimme ich selber, sagen wir. Es geht niemanden etwas an, was ich denke und tue. Dem Interesse der anderen an unserem Leben begegnen wir skeptisch. Denn wir riskieren Einmischung, Kritik, Belehrung. Wir haben da unsere Erfahrung. Öffentliches Leben, Leben, das wir anderen mitteilen, wird schutzloser, empfindlicher, verletzbarer. Wir setzen es dem Urteil der anderen aus. Wir sind nicht sicher vor dem Urteil derer, die genau zu wissen meinen, was gut und böse, was notwendig und was überflüssig ist. Wir haben das Fürchten gelernt vor denen, die uns vorschreiben, welche Regeln wir unserem Leben geben sollen. Sollten wir Tim dann nicht lieber wünschen, dass er lernt, allein mit dem Leben fertig zu werden? Sollen wir ihm nicht lieber sagen: Verlass' dich auf niemanden. Lass' Dir nicht 'reinreden in Dein Leben. Sei dein eigener Herr.

Vor einiger Zeit war ich in unserer Kreisstadt Landsberg am Lech. Da lagen in einem Schaufenster für Schreibwaren kleine Spruchkärtchen und auf einer stand dann auch: „Nur ich selbst kann mich wirklich glücklich machen.“ – Ein innerliches Lächeln konnte ich mir da nicht verkneifen und ich habe mir den Spruch dann auch notiert, weil er mir einfach zu naiv und geistlos war. - Aber irgendwie passt das zum heutigen Lebensgefühl: Wir regeln das schon, - wir sind die Macher von heute. Wir sind aktiv, haben alle Hebel selbst in der Hand, - und wenn wir uns nur richtig bemühen - und nichts unversucht lassen - , dann wird schon alles klappen. – Und die Vorstellung, was aus Tim nun wird, läge allein in unsere Hand, stellt heute eine besondere Versuchung, - aber natürlich auch eine ungeheure Belastung dar.

Lieber Frank, liebe Elke!
Doch bei aller Sorge und Mühe, die Ihr für Tim übernommen habt: Wenn Ihr ehrlich seid, wisst Ihr: Das Wesentliche können wir ihm nicht geben und nicht garantieren. Ihr können die großen und kleinen Katastrophen nicht von ihm abhalten und haben auch nur begrenzte Möglichkeiten, den Weg von Tim zu lenken.

Taufe heißt für Euch, Frank und Elke: Ihr legt Tim in Gottes Hände und sagt damit: Du gehörst zu uns! - Aber : Du gehörst uns nicht! - Wir können mit Dir nicht machen, was wir wollen, sondern sind Gott gegenüber verantwortlich. Und wir wissen, dass Du in Gottes Hand einen Halt findest, der Dich Dein Leben lang - und darüber hinaus trägt.

Taufe bedeutet: Euer Kind der helfenden Macht Gottes anzuvertrauen. Ihr gebt Tim aus der Hand und bittet, dass Ihr Euch mit Euren Ängsten, Nöten und Sorgen um Euer Kind voll Vertrauen in Gottes Hände legen können. Und eines wird gleich bei der Taufe besonders deutlich: Gott sagt „ja“ zu Tim, nimmt Ihn an die Hand, bevor er selbst überhaupt richtig „ja“ sagen kann! Der erste Schritt geht also von ihm aus. Die Taufe ist ein Geschenk Gottes.

Und so wünsche ich Tim schließlich, dass er selbst einmal viele Erfahrungen der Geborgenheit und des Gehaltenwerdens in Gott macht. Ich wünsche Tim, dass er sein Leben ebenso zuversichtlich in Gottes Hände legen kann, wie es heute bei der Taufe seine Eltern und Paten - in Stellvertretung - für ihn tun. Im Abendgebet der Mönche, in der Komplet, heißt es: »In Deine Hände lege ich meinen Geist«. Und was gibt es für einen ernsthafteren und besseren Wunsch an unseren Täufling als den, dass Tim selbst einmal wird sagen können: »In Deine Hände lege ich mein Leben.« - Nimm Du es an und vollende, was alles unfertig und unheil geblieben ist. In Deinen Händen weiß ich mich aufgehoben - über meine eigene Kraft hinaus. Amen.

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Taufansprache für Tim T. am Samstag, den 19. Juni 2004
in der Pfarrkirche Christus-König in Oer-Erkenschwick

Sonntag, 22. Februar 2004

DER FEIND ALS MEDIZIN


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde!

Eine ziemliche harter Brocken wird uns da heute am Faschingssonntag zugemutet: da wird uns ein Evangelium verkündet, das einem so jeden Spaß verderben kann und nur ziemlich schwer zu verdauen ist. Der moralische Anspruch kann wohl kaum noch überboten werden: Wer mir auf die Wange schlägt, dem soll ich auch noch die andere hinhalten. Wenn mir jemand etwas wegnimmt, dann soll ich es nicht zurückverlangen. Und es reicht auch nicht, wenn wir mit unseren Nächsten gut auskommen, - was ja schon oft schwer genug ist: Wir sollen auch unsere Feinde lieben.

Das kann uns natürlich in der Faschingszeit um einiges leichter fallen: Nach ein paar Maß Bier kennt man ja in der Regel keine Feinde mehr. - Man hat nur noch Freunde! - Aber schon der Aschermittwoch holt uns wieder auf den harten Boden der Realität zurück: Es ist schwierig zu lieben.

Im Alltag sind wir oft der Meinung, dass wir uns weit absetzen von der Haltung, die da lautet: „Auge um Auge und Zahn um Zahn“. Doch wenn wir unser Verhalten einmal ehrlich kontrollieren, dann werden wir feststellen, wie schwierig es ist, schon diesen Grundsatz einzuhalten. Denn dieser Grundsatz sagt eigentlich nur folgendes: Ich soll nur genau das wieder einfordern, was mir an Schaden zugefügt wurde. Also: Ein Auge für ein Auge. Und einen Zahn für einen Zahn. - Also für das eine Auge nicht gleich den Menschen und für den einen Zahn nicht gleich den ganzen Kopf.

Unser Gefühl nach Vergeltung meint aber oft schon, dem anderen mehr antun zu müssen, als man selbst erlitten hat: Hat man z. B. den Eindruck, in einem Wortgefecht eine „Breitseite“ abbekommen zu haben, dann schießt man gerne mit einer „doppelten verbalen Breitseite“ zurück, um den Gegner endgültig zum Verstummen zu bringen - Das ist irgendwie menschlich, aber sicherlich falsch! – Für das eine Auge nur ein Auge und für den einen Zahn nur einen Zahn zu fordern, ist also gar nicht so einfach. Das verlangt schon eine Menge an Selbstdisziplin.

Sehr viel schwieriger ist dann die Forderung Jesu, auch noch die andere Wange hinzuhalten. - Sind wir damit nicht total überfordert, so dass wir es oft erst gar nicht versuchen? Was also ist gemeint mit der Feindesliebe die Jesus von denen fordert, die ihm nachfolgen wollen? Warum sollen wir eigentlich unsere Feinde lieben?

Liebe Brüder und Schwestern!
Bevor ich auf die Begründung Jesu zu sprechen komme, ist es hier vielleicht einmal hilfreich, einen Blick auf die Erfahrungen der Wüstenväter zu werfen. Diese geben uns auch für heute noch wichtige Hinweise, die man leicht und gerne übersieht. So schreibt ein Altvater: „Wenn dich dein Bruder verlacht, verhöhnt oder gekränkt hat, dann musst du diesen Bruder wie einen Arzt betrachten, der dir von Christus als Wohltäter geschickt wurde. Wenn du nicht krank wärest, dann würdest du nicht leiden. Du musst also dem Bruder danken, denn du kennst nun deine Krankheit. Du musst für ihn beten und das, was du von ihm bekommst, als Heilmittel entgegennehmen, das dir vom Herrn geschickt wurde.“

Die Mönche haben offensichtlich die Erfahrung gemacht, dass der andere, der mich kränkt, mich auf meine eigene Krankheit stößt. Ich würde nicht so heftig auf beleidigende Worte reagieren, wenn sie mich nicht an einer schwachen Stelle treffen würden. Sie decken manchmal Punkte in mir auf, die ich selbst nicht wahrnehme oder nicht wahrnehmen möchte. Wenn ich mich schnell über die Worte anderer aufrege, muss ich mir selbst eingestehen: Bei mir selbst ist da etwas noch nicht in Ordnung!

So zeigt mir ein schwieriger Mitmensch oft, wie viel Ungeduld und Zorn in mir sind. Er bewahrt mich also vor der Illusion, als ob ich schon fast vollkommen wäre. Er zeigt mir meine Grenzen auf: Ich bin noch nicht fähig, Menschen wirklich zu lieben, wenn ich mich schnell von meinen negativen Emotionen hinreißen lasse und schon bei kleinen Nadelstichen sofort explodiere.

Und zum anderen hilft mir der schwierige Mitmensch zu einer besseren Selbsterkenntnis. Denn gerade die Fehler, über die ich mich bei den anderen aufrege, sind auch in mir vorhanden. „Was nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf!“ (schreibt Hermann Hesse). Wir brauchen uns nur selbst zu beobachten, worüber wir uns bei anderen aufregen, um unsere eigenen Fehler zu erkennen. Wer seine Fehler nur immer im anderen sieht, kommt mit sich selbst nicht weiter.

So sind im spirituellen Leben also unsere Feinde eigentlich unsere besten Freunde. Erst wenn man den Feind zur Tür hineinkommen lässt, bekommt man seine eigene Sünde, seine eigene dunkle Seite zu Gesicht. - Die alten Mönche haben das erkannt: Menschen, die dich niedermachen, denen du aus dem Weg gehst, haben dir etwas Wichtiges zu sagen. Oft verurteilen und verabscheuen wir nur unsere eigenen Fehler in den anderen. Darum haben deine Feinde dir etwas Ernsthaftes mitzuteilen. Du brauchst sie, um darauf aufmerksam zu werden.

Kommen wir jetzt zu Jesus selbst. Welchen Grund gibt er an, seine Feinde zu lieben?
Seine Begründung ist ebenso einfach wie eindeutig: „Nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.“
Wenn man Jesu ernst nimmt, - und Jesus ist nicht "Prinz Karneval" -, wenn man also seinen Worten vertraut und genauer darüber nachdenkt, dann kann es einen schon manchmal eiskalt den Rücken hinunterlaufen. - So geht es mir auf jeden Fall: Wie vorschnell urteilt und richtet man im Alltag oft über andere. Wie schnell mache ich meine „inneren Schubladen“ auf und ordne ein in: Gut oder Böse, Richtig oder Falsch, Schuldig oder Unschuldig? – Jesus verweist auf Gott, unseren Vater: Er lässt die Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte. Er lässt es regnen über Gute und Böse.

Wir Menschen hingegen scheinen es oft besser zu wissen und fangen mit dem Ausjäten gerne schon einmal an. Und mit unserer scharfen Axt hacken wir dabei auch schon einmal schnell etwas mit um, was Gott vielleicht noch hätte wachsen lassen. – Das was wir anpacken machen wir in der Regel gründlich, - aber leider oft auch erbarmungslos!

Den Feind lieben heißt aber: Eintreten in die Haltung Gottes. Wir sollen etwas von seiner großen Barmherzigkeit schon hier auf Erden verwirklichen und die anderen davon spüren lassen . Und d.h. vor allem auch : „Nicht Böses mit Bösem“ zu vergelten, wie der hl. Benedikt sagt. – Nur so unterbrechen wir die Spirale der Gewalt und kommen einen Schritt weiter.

Die bekannte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren bekam 1978 den „Frankfurter Friedenspreis“ verliehen. Dabei erzählte sie folgende Geschichte über eine ihr bekannte Frau:

„Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an den Bibelspruch glaubte: ,Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben.' Im Grunde ihres Herzens glaubte sie nicht daran, sie liebte ihren Jungen und erzog ihn mit Liebe. Aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte. Die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: ,Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen.' Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. - Das Kind musste gedacht haben: ,Meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein.' Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und legte dann den Stein auf einen Bord in der Küche, und dort blieb er bis heute liegen als ständige Mahnung: „Nie wieder Gewalt!“

Liebe Brüder und Schwestern,
lassen wir die Stöcke und Steine liegen, die wir auf andere werfen wollen, - und wenn wir jemanden verbessern wollen, dann fangen wir am Besten bei uns selbst damit an. Da gibt es wahrscheinlich genug zu tun. Vielleicht bietet die kommende Fastenzeit Gelegenheit dazu?

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Predigt für den 7. Sonntag im Jahreskreis (C) am 22. II. 2004 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Lk 6, 27-38)