Donnerstag, 27. Juli 2006

"JEDE WAHRHEIT BRAUCHT EINEN MUTIGEN, DER SIE AUSSPRICHT"


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde!
Vor einer Woche ist mir in München eine groß angelegte Werbekampagne in die Augen gefallen: An jeder Ecke riesige Plakate, mit großen Persönlichkeiten aus der Weltgeschichte: Albert Einstein, Mahatma Gandhi, Galilei mit Fernrohr. Und über jedem Portrait stand – unübersehbar – immer der gleiche Spruch: „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“. -

„Ganz schön raffiniert!“ habe ich mir gedacht. Hier soll auf ein Produkt aufmerksam gemacht werden, das man mit „unbequemen Wahrheiten“ verkaufen will. – Und ich habe dann gleich an das heutige Evangelium gedacht und an Jesus: „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“.

Genau das hat Jesus getan, - und er hat sich damit ziemlich unbeliebt gemacht. Das Ergebnis: Die Menschen sind ihm in Scharen davongelaufen, nur zwölf Jünger blieben am Ende übrig.

Aber was hat Jesus denn eigentlich Schlimmes getan? Was hat man ihm so übel genommen? - Erinnern wir uns: Vorausgegangen waren viele spektakuläre Wunderheilungen und zuletzt die wunderbare Speisung der 5000. – Das hätte man gerne jeden Tag. So einen Jesus ließe man sich gefallen: „Brot und Spiele“. Jesus sieht, dass die Menschen den wahren Hintergrund seiner Wunder nicht verstehen. Er klärt sie über seine Sendung und Herkunft auf und behauptet Jesus: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.“ Und dann noch viel konkreter: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch!“

Und Jesus schwächt seine Worte nicht ab, er verweist nicht auf ein Bild oder Gleichnis: Ja, man muss „ihn essen und trinken“. Gleich mehrmals betont er das. - Das erscheint vielen dann doch als vollkommen unverständlich: Unglaublich, weil es unser Begreifen übersteigt. „Gedachter Kannibalismus“ lautete auch Jahrhunderte später noch der Vorwurf einiger Reformatoren (Calvin und Zwingli). Und so ist es in dieser Frage zu einer Glaubensspaltung gekommen.

Sobald Jesus konsequente Forderungen stellt, wird es unbequem. Für all diejenigen, die ihre ganz persönliche Vorstellung vom Heil verfolgen, wird es in der Nähe Jesu irgendwann zu abenteuerlich. - Jesus als der liebe Freund, der mir immer hilft, mich immer versteht und mir alles verzeiht: Ja.

Aber umgekehrt? : Auf Jesus „blind“ vertrauen, an seine Worte und Gebote glauben, auch wenn man sie gedanklich nicht so einfach nachvollziehen kann. – Das bereitet Schwierigkeiten, wird oft unbequem und will nicht so richtig schmecken.

Es gibt sie heute die Produkte die unser Leben angeblich noch schöner und leichter machen: Margarine mit 50% weniger Fettanteil und das „Light-Bier“ mit 50% weniger Alkoholgehalt. - Aber einen „Jesus light“, dem man nur die Hälfte glauben kann, den gibt es nicht! - Die Botschaft Jesu darf nicht verwässert werden. Einmal erkannte Glaubenswahrheiten lassen keine falschen Kompromisse zu.

Deshalb kann es in Glaubensfragen auch keine Halbwahrheiten geben. Jesus drängt sogar zur Entscheidung, auch wenn er dabei Gefahr läuft von allen verlassen zu werden. Er fordert von uns eine klare Entscheidung und Antwort auf die Frage, für wen wir ihn halten und ob wir an ihn glauben: Jesus möchte, dass der Mensch in aller Freiheit Ja sagt zur Liebe Gottes.

Interessant ist, was man heute oft so zu hören bekommt, auf die ganz konkreten Fragen, die das Evangelium uns stellt: Glaubst du an Gott? An welchen Gott glaubst du? – Oder: Für wen hältst du Jesus? - Vielleicht ahnen Sie schon die Antworten, die man heute oft hört: „Ich habe mich nie festgelegt, ich bin in Glaubens-Dingen nicht festgelegt und möchte mich auch nicht festlegen“, oder „ich bin weltoffen und nicht von gestern“.

Das Problem lässt sich ziemlich schnell auf den Punkt bringen: Es gibt oft überhaupt keinen eigenen Standpunkt mehr, - keine eigene Glaubensentscheidung. Und was man leider auch immer öfter beobachten kann: Wie viele Menschen uns heute ihre eigene Glaubensschwäche dann auch noch als Zeichen großer Toleranz verkaufen möchten. Es stimmt: „Die Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ Aber hier würde ich die Sache dann doch eher umdrehen: „Die Lüge braucht immer einen Dummen, der auf sie hereinfällt.“

Glaubensschwäche hat mit echter Toleranz wenig zu tun. - Toleranz darf nicht mit eigener Profillosigkeit verwechselt werden. - In unserer Zeit sagen viele nur noch das, was alle hören wollen. Ein Politiker richtet sich so sehr nach Meinungsumfragen, dass er bei einer Demonstration gegen seine eigene Person mitmacht - wenn´s denn sein muss ( - so wie in Österreich Jörg Haider in vor einigen Jahren). - Aber Jesus ist weder Politiker noch Diplomat. Er bleibt seiner Berufung treu: lieber lässt er auch noch die 12 gehen, als dass er auf Stimmenfang geht. „Wollt auch ihr gehen“ fragt Jesus. Die Antwort des Petrus ist bekannt: “Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“

Liebe Brüder und Schwestern,
vor einigen Jahren habe ich genau diese Worte als Primizspruch ausgewählt und auf die Einladungskarten und Andachtsbildchen für meine Priesterweihe drucken lassen. – Warum gerade diese Worte? –

Weil diese Worte mich immer wieder getröstet haben, wenn ich alles hinschmeißen wollte. Krisen gibt es vor der Priesterweihe, und natürlich auch danach noch, genügend, - in der Ehe und Familie natürlich auch. – Auf jeden Fall habe ich mir dann immer wieder genau diese ganz einfache und realistische Gegenfrage gestellt: „Zu wem soll ich dann eigentlich gehen?“ Was wäre die Alternative?
Und ich bin dann immer wieder genau zu dieser Petrus-Antwort gekommen: Es gibt eigentlich keine andere Alternative. Nur „du hast Worte des ewigen Lebens. Ich bin zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“

Aber für mich bedeuten diese Worte aber noch mehr: Es gibt eine Wahrheit. Und diese Wahrheit lässt sich in Christus finden und erkennen. Glauben und Erkennen gehören zusammen. Papst Benedikt hat das einmal sehr schön ausgedrückt: „Gott hat uns nicht seinen Sohn geschickt, damit wir weiter im Dunkeln herumtappen.“ Zum Glauben und Erkennen der Wahrheit führt Gott also selbst.

„Jede Wahrheit braucht einen mutigen, der sie ausspricht“, stand da auf den Werbeplakaten in München. – Aber welches Produkt steckt da eigentlich dahinter? - Am Ende der Predigt will ich es ihnen verraten: Es ist die bekannte Boulevardzeitung mit den vier großen Buchstaben: Weiß auf Rot. –
Überlassen wir das verkünden von Wahrheiten also doch besser nicht der Bild- oder Abendzeitung und tun es lieber selbst. - Singen wir gleich beim Credo lieber etwas lauter und aufmerksamer mit: „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ –

AMEN.

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Predigt für den 21. Sonntag im Jahreskreis (B) am 27. VII. 2006 (Konventamt, St. Ottilien)


Evangeliumstext (Joh 6, 60-69)

In jener Zeit sagten viele der Jünger Jesu, die ihm zuhörten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?
Jesus erkannte, daß seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß?
Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war?

Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben. Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wußte nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.

Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.

Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?
Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.
Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Donnerstag, 15. Juni 2006

UNSERE HEIMAT IST DER HIMMEL


Liebe Brüder und Schwestern!

Die Eucharistiefeier ist das Zentrum unserer Glaubens. Hier treffen wir uns - ob jung oder alt, ob modern oder eher altmodisch. Hier kommen wir zusammen, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Wir sind geladen an den Tisch des Herrn. Nun ist es aber kein Geheimnis, dass das gemeinsame Essen nur ein sehr dürftiges Zeichen ist: Viel zu essen gibt es im Gottesdienst nicht, vom trinken ganz zu schweigen. Und gemeinsam tun wir es auch nicht: Alles geht hier schön nach der Reihe. Wir stehen eher in einer Schlange, wie in einem Supermarkt. Das stört vielleicht?! - Viele, die einen Gottesdienst vorbereiten, sind bemüht, den Gedanken des gemeinsamen Essens, des Mahl-Haltens, deutlicher herauszuheben. - Aber das stößt sehr schnell an seine Grenzen: Was wir hier im Gottesdienst feiern, kann nicht an ein wirklich gemütliches Essen herankommen. Und ein Schnitzel mit Pommes im Gasthaus macht allemal eher satt als ein kleines Stückchen Brot, dem sogar noch die Hefe fehlt.

Um dem abzuhelfen, werden hier und da Tischmessen angeboten; in kleineren Gruppen wird manchmal zur Eucharistiefeier richtiges, frisches, selbstgebackenes Brote genommen; der Tisch wird festlich gedeckt. - Man tut alles, um den Mahlcharakter in den Vordergrund zu stellen. - So gutgemeint, wie diese Versuche allerdings sind: Der Mahlcharakter steht absichtlich nicht im Vordergrund. Ganz bewusst hat die Eucharistiefeier nur nebenbei Ähnlichkeit mit einem Mahl.

Der Ursprung geht auf das Paschamahl zurück, kurz vor dem Auszug aus Ägypten. Da ist keine Rede von einem gemütlichem Beisammensein: Stehend soll gegessen werden, den Mantel und Gürtel bereits angelegt. Hastig soll gegessen werden, denn der Aufbruch ins gelobte Land steht kurz bevor. Man sitzt nicht im Kreis: Alle sollen zur Tür hin stehen, hintereinander, nebeneinander: Denn es ist der Vorübergang des Herrn. Was verzehrt wird, ist ungesäuertes Brot: Denn es war keine Zeit, die Hefe gehen zu lassen; man ist schon unterwegs. All dieses zerstört den Mahlcharakter, ist aber wesentliches Element jeder Eucharistiefeier: Wir sind unterwegs. Jede hl. Messe dient der Stärkung auf unserer Lebensreise. Das wirklich gemütliche Mahl mit reich gedecktem Tisch erwartet uns im Himmel - hier müssen wir uns mit dem dürftigen Brot zufrieden gegeben.

Wir sind kein in sich abgeschlossener Kreis, der sich um den Tisch versammelt; wir sind ein Pilgerzug auf dem Weg in das gelobte Land - wie die Israeliten. Wir sind eben noch nicht angekommen. Wir gehen zur Kommunion, - einer nach dem anderen. Das Essen dauert nur einen kurzen Augenblick; dabei kann von Gemütlichkeit gar nicht die Rede sein.

Und dass der Leib des Herrn, der uns gereicht wird, nur den Geist und die Seele stärkt, den Körper aber kaum satt macht - all das ist viel wichtiger als die Form des Festmahles mit reich gedecktem Tisch. Die Gemeinschaft, die wir erfahren, ist nicht in erster Linie Tischgemeinschaft, sondern WEGGEMEINSCHAFT. - Wir sind noch nicht am Ziel unseres Lebens. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern - und auch erinnern lassen- , dass wir es uns hier auf der Erde nicht zu dauerhaft einrichten: Unsere Heimat ist im Himmel.

Und deswegen hat Jesus auch nicht die Agapefeier, das gemütlich Ritual der Tischgemeinschaft (mit den Sündern und Zöllnern) gewählt, sondern das hastige und ungemütliche Paschamahl: Als Form für sein Andenken. Und ganz besonders deutlich wird unser Auf-dem-Weg-sein mit dem Herrn gleich bei der heutigen Prozession. Der Herr begleitet uns auf unseren oft schwierigen Lebensweg.
Amen.

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Predigt für das Hochfest Fronleichnam (B) am 15. VI. 2006 (in Petzenhausen, Landkreis Landsberg a. Lech)

Samstag, 13. Mai 2006

KlosterZeit : in der Stille


KlosterZeit : in der Stille / hrsg. von Christian Leven. Mit Fotogr. von Werner Richner. - Stuttgart : Kreuz, 2005. - [124] S. : übrw. Ill. - ISBN 3-7831-2532-4

Bildbände über Klöster sind in. Nicht erst nach Philip Grönings Kinoereignis „Die große Stille“ versuchen zahllose Fotografen das „Geheimnis“ klösterlicher Kontemplation und Stille auch im Bild festzuhalten. So auch dieser Bildband mit den zahlreichen, oft doppelseitigen Fotografien von Werner Richner. Man sieht eine Vielzahl europäischer Klöster, Klostergärten, Kreuzgänge, Mönche, Refektorien, Bibliotheken oder die Landschaften im Umfeld. Teilweise werden die Bilder ergänzt durch von Christian Leven ausgewählte Zitate von christlichen Mystikern, Philosophen und Theologen wie Meister Eckhart, Johannes Tauler oder Pierre Teilhard de Chardin, die zu Meditation, Stille und Schweigen anregen sollen. Zwar wird eine Gliederung des Buches durch Überschriften, die sich am monastischen Stundengebet und Tagesablauf (Vigil, Laudes, Terz, Sext usw.) orientieren, vorgegeben, dem Rezensenten scheinen die Bilder und Texte aber trotzdem beliebig austauschbar zu sein.

Die Druckqualität der oft sehr stimmungsvollen Bildaufnahmen von Werner Richner ist in der Regel zufriedenstellend, manchmal leider jedoch etwas unscharf und „grobkörnig“. Die Motivauswahl ist durchaus ansprechend, wirkt jedoch vielleicht, gerade wenn Personen zu sehen sind, doch etwas gestellt und „gekünstelt“: Wann wird man schon in einer alten Klosterbibliothek einen Mönch, der einen alten, sehr schweren Folianten, den er stehend mit nur einer Hand hält, lesend antreffen? - In meiner bald zehnjährigen Zeit als Klosterbibliothekar habe ich ein so (zu) schönes Bild leider bisher noch nie gesehen.

Am Ende des Bandes findet man eine einseitige Bildlegende, die die zahlreichen Klöster auflistet, in denen die Fotografien gemacht wurden. Und hier liegt denn m.E. auch der eventuelle Nutzen eines solches Bildbandes: Vielleicht wird er den einen oder anderen Leser doch dazu anregen, in einer Zeit, die immer mehr von Rastlosigkeit und Hektik geprägt wird, das ein oder andere Kloster aufzusuchen, um dort Ruhe und Stille, Zeit für sich selbst und für Gott zu finden.

P. Siegfried Wewers OSB

(Rezension für die ORDENSKORRESPONDENZ)

Freitag, 12. Mai 2006

Gottes Weber : das Leben des heiligen Antonio Maria Claret


Porath, Silke:
Gottes Weber : das Leben des heiligen Antonio Maria Claret ; Roman / Silke Porath. - Waldsolms: Gipfelbuch-Verl., 2006. - 425 S.
ISBN 3-937591-21-4

Passend zum 200. Geburtstag Clarets (1807-1870) schrieb die junge deutsche Journalisten Silke Porath (Jahrgang 1971) ihren ersten biografischen Roman „Gottes Weber“. Ein in unserer Zeit recht ungewöhnliches Unternehmen, da Heiligenbiografien in Romanform heute nicht mehr zeitgemäß zu sein scheinen: Es ist ein Wiederbelebungsversuch des Historienromans. Man fühlt sich etwas an die bekannten hagiografischen Romane wie beispielsweise „Der Pfarrer von Ars“ oder „Der Bettler von Granada“ von Wilhelm Hünermann erinnert, der es in den 50er und 60er Jahren bestens verstand, fesselnde „Lebensbilder“ großer Persönlichkeiten zu zeichnen.

Und auch in „Gottes Weber“ stehen somit nicht in erster Linie Zahlen, Daten und Fakten im Vordergrund, diese werden als Anhang in tabellarischer Form am Endes des Buches korrekt nachgeliefert, sondern die „Lebensgeschichte“ Clarets. So schreibt die Autorin: „Mein Anliegen war es, den Menschen Claret zu zeigen. Um dies möglich zu machen, habe ich zum Mittel der Fiktion gegriffen. So stimmen Zeitenfolge und die Begegnungen mit Menschen, die mir als Vorlage für die literarischen Figuren dienten, nicht immer mit der Realität überein. Einige Personen in meinem Buch haben wirklich gelebt. Manche sind meiner Phantasie entsprungen ... Dieses Buch ist der Versuch, eine Vision und einen Visionär zu zeigen, der bis heute Vorbild sein kann.“

Die Autorin erzählt die Geschichte des hl. Antonio Maria Claret, eines jungen spanischen Webers zur Zeit Napoleons, der gegen den Widerstand seines Vaters den Familienbetrieb in Sallent verlässt und die berufliche Ausbildung aufgibt um Priester und Ordensmann zu werden.

Auf „Ratschlag“ der Gottesmutter Maria, die ihm seit seiner Kindheit bis zu seinem Tode immer wieder regelmäßig erscheint, gibt er aber seinen Wunsch Kartäuser zu werden schließlich auf und möchte von den Menschen von nun an als Wanderprediger helfen: "Mehr Menschen erreichen, alle erreichen, die Armen überall, ihnen beistehen“, das ist sein sehnlichster Wunsch. Und das schreibt er 1839 nieder und sendet sein Gesuch schließlich an den Bischof. Sein Gesuch wird erhört. Claret wird zu einem begnadeten Volksmissionar in seiner Heimat Katalonien. Von dort aus beginnt er seine entbehrungsreiche Reise durch das zerrissene Land, später durch halb Europa.

1847 gründet er mit fünf Brüdern die „Kongregation vom Hl. Unbefleckten Herzen Mariens“ und 1849 die „Bruderschaft von der christlichen Lehre“ (Claretiner). Kurze Zeit darauf wird er zum Bischof von Kuba ernannt und muss seinen Konvent verlassen. Gleich nach seiner Ankunft begreift er, dass eine Erneuerung des christlichen Lebens unbedingt notwendig ist. Er organisiert eine Reihe Missionskampagnen, an denen er sich selbst beteiligt, um das Wort Gottes in alle Ortschaften zu tragen. Nach einem Attentat ist er lange Zeit mit schweren Verletzungen ans Bett gefesselt. Seine Genesung geschieht aber wundersamerweise mit Hilfe der Jungfrau Maria binnen einer einzigen Nacht. Obwohl Claret in seiner asketischen, nach innen gerichteten Lebenswelt nie nach Einfluss, Rang und Stellung strebt, führt sein Weg weiter nach oben. 1857 wird Antonio Claret an das spanische Königshaus als persönlicher Beichtvater der jungen Regentin Isabella II. gerufen, dessen Kinder er in der Theologie erzieht und auch für Isabella selbst bald zu einer Vaterfigur wird. Die Dienste am Hof füllen weder die Zeit noch den apostolischen Geist Clarets aus. Darum weitet er seine Aktivität auf die Stadt aus. Er predigt und hört Beichte, schreibt Bücher, besucht Gefängnisse und Krankenhäuser.

Infolge der Septemberrevolution von 1868 geht er mit der Königin ins Exil. Zur Feier des goldenen Priesterjubiläums von Papst Pius IX begibt er sich nach Rom und nimmt an der Vorbereitung des Ersten Vatikanischen Konzils teil. Nach dem Ende der Sitzungen ist Claret gesundheitlich so stark angeschlagen, dass er sich in die Gemeinschaft, die seine Missionare in Prades (Südfrankreich) hatten, zurückzieht. Selbst dort erreichen ihn seine Verfolger, die ihn gefangennehmen und nach Spanien bringen wollen, um ihn dort vor Gericht zu stellen und abzuurteilen. Claret muss wie ein Straftäter fliehen und sucht im Zisterzienserkloster Fontfroide Zuflucht, wo er, umgeben von der Zuneigung der Mönche und einiger seiner Missionare am 24. Oktober 1870 im Alter von 63 Jahren stirbt. - Am 25. Februar 1934 wurde er von Papst Pius XI. seliggesprochen. Pius XII. sprach ihn am 7. Mai 1950 heilig.

Silke Porath gelingt es, die „Lebensgeschichte“ Clarets mit einer flüssigen, intensiven und sehr bilderreichen Sprache umzusetzen und zu einem angenehm zu lesenden Gesamtwerk zusammenzufügen. – Allerdings ist ihr Sprachstil aber vielleicht manchmal doch etwas „zu bilderreich“, was besonders bei den Visionen, beispielsweise bei der Marienerscheinung nach dem Attentat an Clarets Krankenbett auffällt:

»Ich schlafe nicht«, will Claret sagen, doch der dicke Verband legt sich kühl auf sein Gesicht. »Ich fürchte mich«, denkt er und sieht hinter seinen geschlossenen Augen das lächelnde Gesicht seiner Schwester. Langsam schwebt die Mädchengestalt höher und höher, erhebt sich in die Luft. Nebel umgibt die Gestalt, Rosa verblasst, ihre warme Stimme wird leiser, verstummt und aus dem Nebel formt sich das lächelnde Antlitz der Heiligen Jungfrau.
»Fürchte dich nicht, Antonio Claret«, lächelt Maria den Kranken an. »Fühlst du denn nicht mehr das Feuer der Gnade, das Glück, dass dein Blut im Namen meines Sohnes vergossen wird?«
Die Erscheinung hebt die Hand, als wolle sie den schlafenden Claret streicheln. Heiß und wohlig durch­strömt eine Welle aus Liebe und Glück den Körper des Erzbischofs, wärmt seinen Magen, sein Herz und legt sich wie ein Schleier auf die pochende klaffende Wunde in seinem Gesicht. Sanft scheint die Heilige Jungfrau ihre Hand auf die Wange des Priesters zu legen. Wie tausend Stiche fährt die Berührung Claret ins Gesicht, er kann sich selbst sehen, wie er wund und schwach im Bett liegt, er sieht den weißen Kieferknochen, der durch das Fleisch seiner Wange schimmert, den Riss, der quer über sein Gesicht geht.
»Vertraue mir«, flüstert die Jungfrau. Dann wabert der Nebel hoch, sanft streicht die Erscheinung über den aufgeschnittenen rechten Arm des Bischofs, seine Hand zuckt, will nach der Gestalt greifen. Doch der Nebel wird dichter und es bleibt nur noch ein Gedanke für Antonio Claret — der Glaube an die Hilfe und Gnade der himmlischen Mutter. (S. 300)

Solche Textpassagen bleiben natürlich „Geschmackssache“. - Aber vielleicht fehlt es dem Rezensenten hier aber auch einfach etwas an Fantasie (und Erfahrung), weil er zu „verkopft“ denkt? - Biographische Romane sind für jeden Autoren eine schwierige Übung, gilt es doch möglichst genau bei den historischen Fakten zu bleiben und trotzdem noch Spannung zu erzeugen. Wenn dann die handelnden Personen dann auch noch fest im Glauben verwurzelt sind und dazu auch noch Visionen haben, erhöhen sich diese Probleme nochmals zusätzlich.

Letztendlich hat Silke Porath diese Probleme aber sehr gut zu bewältigen gewusst. „Gottes Weber“ bringt uns den hl. Antonio Claret als einen Menschen und eine faszinierende Persönlichkeit nahe, der seinem Glauben und seiner Berufung - trotz der vielfältigen Versuchungen und versuchten Einflussnahmen - treu bleibt und darin die Erfüllung seines Lebens findet. Darüber hinaus erfährt man, dank hervorragender Hintergrundrecherchen, viel über die Zeit und die Lebensumstände der Menschen im Umkreis des Heiligen: Ein sehr detailreicher, spannender und beeindruckender Historienroman, den man auch den jungen Menschen nicht vorenthalten sollte, die es heute noch wagen, einen Roman mit über 400 Seiten in die Hand zu nehmen.

P. Siegfried Wewers OSB

(Rezension für die ORDENSKORRESPONDENZ)




Donnerstag, 11. Mai 2006

Auch die Seele kennt Tag und Nacht


Martini, Carlo M.:
Auch die Seele kennt Tag und Nacht : Reflexionen für Zeiten innerer Prüfung / Carlo Maria Martini. [Aus dem Ital. von Wolfgang Bader] - München : Verl. Neue Stadt, 2005. - 78 S. - ISBN 3-87996-636-2

Carlo M. Kardinal Martini, einer der am meisten gelesenen geistlichen Autoren unserer Zeit, gibt dem Leser mit diesen Reflexionen „Auch die Seele kennt die Nacht“ eine nützliche Hilfe, die Zeiten innerer Prüfung zu deuten und zu bestehen. Dabei geht es dem langjährigen Erzbischof von Mailand darum, den Wechsel von hellen Tagen und von Zeiten der Finsternis in unserem Inneren, die Grunderfahrung eines wohl jeden Menschen, im Licht des Glaubens zu begreifen und anzunehmen: „Wir schauen auf die inneren Tiefen und Windungen des menschlichen Herzens. Wir versuchen zu unterscheiden, was Gott tut und was eine Auswirkung des Bösen ist“ (S. 8). Der Autor weist selbst darauf hin, dass seine Überlegungen und Betrachtungen in großer Nähe zu Regeln aus dem Exerzitienbüchlein des hl. Ignatius von Loyola stehen, die auch unter dem Begriff „Unterscheidung der Geister“ bekannt wurden: „Darin verbirgt sich ein großer Schatz von psychologischen Intuitionen“ (S. 9).

Im ersten Kapitel betrachtet Martini die „Nacht der Sinne“, Gefühle und Empfindungen die nicht unseren Werten und Überzeugungen entsprechen. Es sind dies die Zeiten der inneren Trostlosigkeit: „Dunkelheit der Seele, Verwirrung in ihr, Regung zu niederen und irdischen Dingen, Unruhe von verschiedenen Bewegungen und Versuchungen (Nervosität, Anspannung und negative Besetztheiten), Momente in denen die Seele träge, lau, traurig, ohne Liebe und Hoffnung ist.“ Nach einem Blick auf das Leben der Mutter Jesu, als vorbildhaftes Beispiel einer Begegnung und Überwindung der „Nacht des Herzens“, gibt Martini drei ganz konkrete Anregungen und Hilfen, um diese Zeiten der „dunklen Nächte“ und Trostlosigkeit auch zu überwinden: 1. Sich nicht wundern! – 2. Keine Entscheidungen fällen! – 3. Weiter beten!

Gerade in diesen kurzen, prägnanten und praktischen Hilfestellungen für die Zeiten der inneren Trockenheit im alltäglichen Leben liegt m.E. der ganz besondere Wert und praktische Nutzen dieses Büchleins. Abgeschlossen wird das Kapitel, wie auch alle folgenden, durch Denkanstösse und „Anregungen zum Nachdenken“ die jeweils danach fragen, was die Erfahrungen, die Maria und andere Personen gemacht haben, für uns heute bedeuten könnten.

Und auch im zweiten Kapitel „über die Nacht des Glaubens“ kommt Martini, wenn er den amerikanischen Geistlichen T. Green zitiert, gleich auf die praktische Ursache dieser „Glaubensnacht“ zu sprechen. „Wir gehen zu einem Gebetskreis, in eine Kirche, wir nehmen teil an einer liturgischen Feier, und wir erwarten, dass wir in uns etwas spüren. Spüren wir nichts, gewinnen wir den Eindruck, wir wären innerlich erkaltet. Das heißt, wir setzten das Beten gleich mit ,etwas spüren’ ... Viele von uns sind gewohnt, sofort das Ergebnis von dem zu sehen, wofür sie sich einsetzen. Und daran finden sie Gefallen. Daher blockiert es unseren Glaubensweg, wenn das Gebet nicht reich an guten Gedanken, an innerem Schwung, an tiefem Licht ist. Doch die Zeiten, in denen wir nichts spüren, sind nicht unfruchtbar, denn so wird das Gebet weniger ichbezogen und mehr ausgerichtet auf Gott. Wir lernen, wie Teresa von Avila es formulierte, den Gott des Trostes zu suchen und nicht die Tröstungen Gottes“ (S. 26). Hier fehlt es durchaus nicht an geistlicher und auch kirchlich-liturgischer Selbstkritik!

Die „Nacht des Glaubens“ sieht Martini aber auch in der Gottferne der heutigen Gesellschaft liegen, in der er am Ende dieses Kapitels zu sprechen kommt. Dennoch sieht er diese auch als eine Chance: „Sehe ich sie misstrauisch, pessimistisch oder als Ort, wo mein eigener Glaube geprüft wir und ich mit Jesus die Last dieser Welt tragen kann?“ (S. 38).

Nach der Betrachtung der „dunklen Zeiten des Herzens“ wendet sich Kardinal Martini in den nächsten drei Kapiteln dem Licht zu, „das nach der Finsternis“ aufstrahlt. Dabei unterscheidet er den „Trost des Geistes“, der sich im Nachsinnen über die Heilige Schrift und des göttlichen Heilsplans erkennen lässt und den Verstand erleuchtet, vom „Trost des Herzens“, der unser Gefühlsleben und unsere innere Befindlichkeit berührt und lenkt (S. 54). Der „Trost des Lebens“ schließlich ist in der Lage „im Tag die Nacht zu erkennen und in der Nacht das Licht zu sehen“ (S. 70). Den „Trost des Lebens“ erleben wir, „wenn uns in den dunklen Augenblicken eine Kraft begleitet, von der wir meinten, wir besäßen sie gar nicht. Wir fühlen uns von Gott und von den Menschen im Stich gelassen, doch in der Rückschau erkennen wir, dass der Herr uns begleitet hat auf unserem Weg ... Wenn wir auf unserem Weg und die Zeiten der Prüfungen zurückschauen, erfüllt uns manchmal Dankbarkeit, dass Gott gewirkt hat, dass er ‚wachsam’ war in jenen schwierigen Momenten ... Wenn wir in das Verborgene unseres Lebens schauen, begegnen wir dem Vater, hören wir seine Stimme. Und wir erkennen, dass ein solch schöner Weg die Mühe des Durchhaltens lohnt“ (S. 76ff).

In diesen letzten drei Kapiteln lenkt Martini einfühlsam den Blick auf die Sterne in der Nacht der Seele. Und auch hier findet man immer wieder präzise und klare Anregungen wie beispielsweise: „ - Zeiten und Räume des Schweigens suchen: Zu viel Lärm, zu viel Chaos, zu viele Worte können die Gabe [des Trostes des Geistes] ersticken ... Wir sollten alles fernhalten, was dieser Gabe entgegensteht. Dazu gehört zum Beispiel eine übermäßige Sorge um das Leben“ (S. 50). So findet man zahlreiche Orientierungshilfen beim Aushalten der Dunkelheit und Nacht-Situation, besonders auch in den konkreten Anregungen und den betrachtenden Gebeten, in denen die einzelnen Kapitel münden.

Martinis Buch ist ein wertvoller und sehr empfehlenswerter Wegweiser durch seelische Nacht- und Durststrecken, um durch sie im Glauben zu reifen.

P. Siegfried Wewers OSB

(Rezension für die ORDENSKORRESPONDENZ)

Sonntag, 7. Mai 2006

Schenke uns heilige Diener deines Altars

Gebet von Papst Benedikt XVI.
für geistliche Berufungen zum Priesteramt und für das gottgeweihte Leben anlässlich des Weltgebetstages für geistliche Berufungen am 7. Mai 2006

O Vater, lass unter den Christen viele
und heilige Berufungen zum Priestertum entstehen,
die den Glauben lebendig halten
und die dankbare Erinnerung an deinen Sohn Jesus bewahren,
durch die Verkündigung seines Wortes
und die Verwaltung der Sakramente,
durch die du deine Gläubigen ständig erneuerst.

Schenke uns heilige Diener deines Altars,
die aufmerksame und eifrige Hüter der Eucharistie sind,
des Sakraments der äußersten Hingabe Christi
für die Erlösung der Welt.

Rufe Diener deiner Barmherzigkeit,
die durch das Sakrament der Versöhnung
die Freude deiner Vergebung verbreiten.

O Vater, lass die Kirche mit Freuden
die zahlreichen Inspirationen des Geistes deines Sohnes aufnehmen
und lass sie - deiner Lehre fügsam -
Sorge tragen für die Berufungen zum priesterlichen Dienst
und zum geweihten Leben.

Unterstütze die Bischöfe, die Priester, die Diakone,
die Menschen des geweihten Lebens und alle in Christus Getauften,
damit sie treu ihre Sendung erfüllen
im Dienst des Evangeliums.

Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Montag, 1. Mai 2006

SCHATTEN IM KLOSTER

SCHATTEN IM KLOSTER
oder: Der Schatten vor meiner Tür

Wenn ich am späten Abend von meinem Bibliotheks-Büro zu meiner Cella gehe, komme ich - wenn das Licht stimmt - immer an diesem fantastischen Schatten direkt vor meiner Tür vorbei:

Einfach Beindruckend! - Das gibt es wohl nur im Kloster?

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Nach christlicher Auffassung stürzte Michael den Drachen (Satan) aus dem Himmel (Offenbarung des Johannes 12,7-9) und wurde nach dieser Tat zum Erzengel erhoben. In der katholischen Kirche wird er mit einem flammenden Schwert dargestellt. Er ist der einzige Engel, den die Bibel als Erzengel bezeichnet. Nach christlicher Auffassung ist seine Farbe rot in allen Schattierungen. Er erschafft Feuer und Wärme und gibt dem Blut seine Qualität. Nach katholischer Auffassung befindet er sich im Osten vor Gottes Thron.

(http://www.fotolog.com/spiritus_sanctus/14597395)

Sonntag, 26. März 2006

IM SUPERMARKT DER HEILSANGEBOTE?


Liebe Mitbrüder, liebe Mitfeiernde!

Vor einiger Zeit wurde ich nach Ulm eingeladen, zum Katholikentag. Dort sollte ich ein kurzes Interview geben. Thema: Kirche und Internet. – Da ich selbst kein Auto mehr fahre wurde ich abgeholt, und als Beifahrer hat man ja so die Zeit, die Verkehrsschilder noch genauer als der Fahrer selbst zu betrachten. - Und während wir so durch Ulm fuhren, da fiel mir eines besonders auf: Ulm ist anscheinend die Stadt der „Seniorenresidenzen“. Ein Schild nach dem anderen: Seniorenresidenz "BONA VITA", Seniorenresidenz "Friedrichsau", Seniorenresidenz "Curanum" u.s.w. –

Und dann denkt man sich so: Aber früher hieß das doch irgendwie anders?! : "Altenheim". - Altenheim stand doch früher immer auf den Schildern. – Und jetzt also Seniorenresidenz: Jetzt "residieren" sie also, die Senioren.

Ja, die Namen ändern sich: Die Müllhalde heißt jetzt „Entsorgungspark“, aus „dick“ ist „vollschlank“ geworden. Schulden werden nicht mehr gemacht, sondern es wird „fremd finanziert“. Auch für das Wort „Macht“ hat man ein schöneres, neues gefunden: „Verantwortung“. - Die Besatzungsmächte nennen sich heute „Friedenstruppen“. Aus der Krankenkasse ist die „Gesundheitskasse“ geworden. - Mitarbeiter werden nicht mehr gekündigt sondern „frei gestellt“. – Einsamer und trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung: Der Begriff „Schwangerschaftsabbruch“. Hinter diesem recht harmlos klingenden Wort steckt leider etwas ganz anderes: Da wird nicht nur eine Schwangerschaft einfach abgebrochen.

Ja, die Namen haben sich geändert. –
Aber es geht eigentlich immer um das Gleiche: Man möchte Unangenehmes mit angenehmen Worten sagen. Schlechte Nachrichten werden hübsch verpackt: Das Schönreden ist eine der Krankheiten in der heutigen Gesellschaft. Vieles wird nicht mehr beim Namen genannt, es wird schön verpackt. - Auf die Verpackung kommt es an!

Ganz im Gegensatz zu jeder „Schönrederei“ steht das heutige Johannes-Evangelium. Hier wird Klartext gesprochen: Jesus Christus ist der von Gott gesandte Retter: „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet. – Wer nicht an die Person des Gottessohnes glaubt, ist dem Gericht verfallen. Wem das mit dem „Gericht“ zu hart klingt, der sollte eines bedenken: Es geht hier um Menschen, die - wider besseres Wissen und Gewissen - nicht an den Gottessohn glauben. Für sie wird ihr eigener Unglaube zum Gericht, und dieses Gericht bereiten sie sich ganz persönlich. Dies wird hier deutlich als Warnung ausgesprochen: Wer Christus und das Evangelium ablehnt, der schlägt sich selbst die Tür zu. Von Gott her ist die Tür natürlich nie zugeschlagen, solange der Mensch lebt. Er kann jederzeit umkehren und sich neu dem Licht zuwenden.

Liebe Brüder und Schwestern,
Gott nimmt den Menschen und sein Handeln ernst! – Das ist Klartext! –
Das ist eine sehr wichtige und schöne - aber auch eine sehr „gefährliche“ Botschaft: Wer das Evangelium gehört hat, der kann entweder alles gewinnen - oder alles verlieren! - Klarer geht es nicht!

Kommen wir jetzt zu der entscheidenden Frage: Was muss ich tun, um zu den Gewinnern zu gehören? – Die Antwort finden wir im ersten Teil des spannenden Nachtgespräches mit dem Pharisäer Nikodemus. Dort eröffnet Jesus das Gespräch mit einer ungewöhnlichen Feststellung: Um in das Reich Gottes zu kommen ist es notwendig, „von neuem“ geboren zu werden. Und als Nikodemus das nicht zu verstehen scheint, wird Jesus noch deutlicher: “Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3, 5).

Es geht hier also um eine neue Geburt von oben: Eine Geburt aus „Wasser und Geist“, die nur Gott selbst herbeiführen kann. Und diese neue Geburt ist von allergrößter Bedeutung für jeden Menschen, um in das Reich Gottes zu gelangen, um das ewige Leben zu gewinnen.
In einer Zeit, wo mittlerweile auch das Sakrament der Taufe immer mehr in Frage gestellt und „kleingeredet“ wird, ist es sehr wichtig, auf die Heilsnotwendigkeit der Taufe immer wieder neu hinzuweisen: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“.

„Die Kirche kennt kein anderes Mittel als die Taufe, um den Eintritt in die ewige Seligkeit sicherzustellen. (...) Gott hat das Heil an das Sakrament der Taufe gebunden ...“ (KKK 1257) – so eindeutig steht es deshalb auch im Weltkatechismus der Katholischen Kirche.

Gerade heute, im „Supermarkt der Heilsangebote“, dürfen wir keiner Mogelpackung oder Halbwahrheiten auf den Leim gehen: Zum Christsein gehört deshalb unbedingt auch die Taufe! – Früher wurde das eher überbetont, heute spricht man leider viel zu wenig darüber.
Und heute stellen wir leider auch fest, dass viele Getaufte ihren Glauben nicht mehr leben, dass sie regelrecht vom Glauben abgefallen sind. – Wie steht es um sie?

Es ist sehr interessant, was das 2. Vatikanische Konzil dazu sagt: „Nicht gerettet wird aber, wer, obwohl der Kirche eingegliedert, in der Liebe nicht verharrt – und im Schoße der Kirche zwar dem Leibe, - aber nicht dem Herzen nach verbleibt“ (LG 14). Mit anderen Worten: Der Taufschein ist noch nicht automatisch ein Garantieschein für den Himmel. – Die Wahrheit HABEN reicht nicht! Oder wie es im heutigen Evangelium so schön gesagt wurde: „Nur wer die Wahrheit TUT, kommt zum Licht.“

Wir werden aufgefordert an Christus zu glauben und diesen Glauben dann auch sichtbar werden zu lassen, in guten, lichtvollen Werken. Die Fastenzeit lädt uns ein, unseren Glauben und unsere Taten zu überprüfen. Wir haben die Gelegenheit, unsere eigenen unnötigen Verpackungen und Sünden abzulegen, damit unser Leben immer lichtvoller und wahrhaftiger wird. Und das möglichst ohne jede Schönfärberei, die ja heute oft so fantasievoll gepflegt wird. „Dann tust du die Wahrheit, wenn du nichts schönredest, dir nichts vormachst“, schreibt der hl. Augustinus.

Jesus hat sich nicht gescheut, dem kritisch eingestellten Nikodemus die Wahrheit von Taufe und Gericht klar zu erläutern. Auch wir sollten ab und zu diese Realität bedenken, die uns immer wieder neu herausfordert: Wer an Christus glaubt und die Wahrheit tut, kommt zum Licht. Nur dann können wir vorstoßen aus unserer oftmals religiösen Lauheit und Oberflächlichkeit, hin zu den Höhen des göttlichen Lichtes, hin zu Gott. Amen.

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Predigt für den 4. Sonntag der Fastenzeit (B) am 26. III. 2006 (Konventamt, St. Ottilien)
Evangeliumstext (Joh 3, 14-21)