Dienstag, 24. Februar 2026

Was ein Mönch so hört (15): The Greatest Recordings EVER! Wagner: The Ring (Keilberth, Bayreuth 1955)


Die sensationelle Aufnahme von Wagners ‚Ring’ aus Bayreuth von 1955 schreibt die mediale Rezeptionsgeschichte neu. Es gibt künstlerisch weder auf der Bühne noch im Orchestergraben kaum vergleichbares.

Der Bayreuther ‚Ring’ von 1955 ist ein großes Hörabenteuer. Eines, das Augen und Ohren öffnet, für das, was in Bayreuth einmal möglich war. Eines, das künstlerisch herausragt aus allen erhältlichen Wagner-Aufnahmen. Eines, das ein junges Wagner-Ensemble festgehalten hat, dessen Namen noch heute gewicht haben. Der Bayreuther ‚Ring’ von 1955 ist nichts weniger als ein sensationelles Dokument, das einmal mehr heutige Bayreuth-Größen am Pult und auf der Bühne vehement in Frage stellt, unabhängig davon wie sich die Bedingungen geändert haben.

Beim britischen Label Testament sind in aufwendiger Ausstattung und zu stolzem Preis nach und nach alle Teile der Tetralogie erschienen. Inzwischen liegen sie selbständig vor und zeigen einen ‚Ring’ von seltener Geschlossenheit. Es ist ein ‚Ring’ der eigentlich schon in den 50er Jahren mediale Geschichte hätte schreiben sollen, doch dann unveröffentlicht blieb und bis vor kurzem nur gerüchtweise existierte. Die Geschichtsschreibung des ersten ‚Rings’ auf Langspielplatte blieb dann bekanntlich der bekannten und zu Recht als „Sternstunde“ gefeierten Studio-Einspielungen George Soltis vorbehalten, die in den Jahren 1959 bis 1965 erschienen. Eben jene Gesamtaufnahme ist es auch, die wohl entscheidend mit dazu beigetragen hat, dass der im Festspielsommern 1955 im Bayreuther Festspielhaus mit damals modernster und ausgeklügelter Technik mitgeschnittene ‚Ring’ nur bis zum Rohschnitt schaffte und dann fast in Vergessenheit geriet. Man traute der live-Atmosphäre nicht, sah die Verlockungen in Studiobedingungen mit den relativ neuen Möglichkeiten der Langspielplatte. In den Beiheften werden Aufnahme- und Entstehungssituation, sowie die Gründe, die zum Nichterscheinen der live-Aufnahmen bei der Decca führten mit Zeitzeugen rekonstruiert und geben einen spannenden Einblick in die entstehende Tonträgerindustrie der Nachkriegzeit.

Erst mit Karl Böhms ‚Ring’-Zyklus von 1967 erschien dann bei Philips der erste live-‚Ring’ offiziell auf Langspielplatte. Für viele ist es bis heute eine Glaubensfrage ob Soltis oder Böhms ‚Ring’ die bessere Gesamtaufnahme sei.

Nichts weniger als eine Sensation!

Nun liegt Joseph Keilberths ‚Ring des Nibelungen’ aus dem Bayreuther Jahrgang 1955 in exzellenter Stereo(!)-Klangqualität vor. Und er ist nichts weniger als eine Sensation, kann mit Soltis und Böhms Aufnahmen mühelos mithalten! Das Klangbild ist von großer Plastizität gekennzeichnet, vermittelt einen guten Raumeindruck, ist durchhörbar und erfasst viele Details. Eine Meisterleistung damaliger Tontechnik, deren authentischer Charakter des akustischen Festspielhaus-Erlebnisses auch heute noch zu begeistern weiß. Über weite Strecken wirkt dieser Ring – und das ist im besten Sinne gemeint – wie ein spannendes Hörspiel. Das ist freilich auch das Verdienst der herausragenden Interpreten dieser Aufnahme, die keine Schwachstelle kennt. Die artikulatorischen Möglichkeiten der Sänger sind so weit von denen des derzeitigen Siegmunds oder der aktuellen Brünnhilde in Bayreuth entfernt, wie Wagner von Orlando di Lasso. In diesem ‚Ring’ versteht man nicht nur jedes Wort, jede Silbe, sondern (was fast noch mehr ist) auch ihre Bedeutung. Hier sind Sänger zu hören, die dem von ihnen Gesungenem einen Sinn verleihen, Texte und Phrasen in Zusammenhänge stellen können. Hier gibt es weder sprachlicher noch inhaltlicher Art Verständnisprobleme.

Diese Tugend ist eine Grundvoraussetzung dafür, den ‚Ring des Nibelungen’ als spannende Handlung präsentiert zu bekommen, egal wie gut man das Werk schon kennen mag. Hinzu kommen Stimmen, die auf dem Zenit ihrer Möglichkeiten angekommen sind, Stimmen, die nicht in Übertreibungsgesten abgleiten oder etwaige Defizite durch Forcieren, falsche Vokalbildungen oder ähnliche Unarten zu kaschieren suchen.

Zum Studium empfohlen

Schon die drei Rheintöchter zu Beginn (Jutta Vulpius, Elisabeth Schärtel und Maria Graf) wirken so frisch und agil, wie man das kaum sonst zu hören bekommt. Künstlerische Gestaltungen wie der tragische Siegmund Ramon Vinays, die leidenschaftliche Sieglinde Gré Brouwenstijns, die Nornen-Szene der ‚Götterdämmerung’ (mit Maria von Ilosvay, Georgine von Milinkovic und der heute vergessenen Mina Bolontine), Rudolf Lustigs beziehungsreicher Loge im ‚Rheingold’, Paul Kuens geniale, überaus musikalische Interpretation des Mime, Maria von Ilosvays vollmundige, gewichtige Erda und Waltraute, Hermann Uhdes Charakterstudie als Gunther zwischen Heldenwunsch und Feigheit - die mustergültigen Rollenporträts, Szenen und Eindrücke dieses ‚Rings’ sind so zahlreich, dass sein sich kaum nennen lassen. Gustav Neidlinger hat hier seinen vermutlich brillantesten Alberich gesungen, an den – trotz aller Qualitäten – keine seiner späteren Aufnahmen mehr heranreicht. Und dann natürlich Wolfgang Windgassens stets sicherer, heldisch-kraftvoller Siegfried, der bis heute kaum Vergleichbares kennt, Astrid Varnays unerschrockene, die Extreme von Hochdramatik und dunkler Wärme ausreizende Brünnhilde, die die Attacke der Flagstadt mit der Sicherheit der jungen Nilsson zu vereinen weiß, und Hans Hotters machtvoll, dunkel timbrierter Wotan voller Emotionalität, der die Entwicklungszustände des Charakters bis hin zur Resignation mit stimmlichen Mitteln einzufangen weiß. All das sind Ausnahmeinterpretationen, die vor über 50 Jahren während zweier Ringzyklen im Bayreuther Sommer etwas geschaffen haben, das bis heute Bestand hat.

Ein Traum dazu ist das Orchester: Joseph Keilberth musiziert mit den Musikern in größter Transparenz, er hat es gar nicht nötig effekthascherisch Kraftballungen zu entfachen, um Eindruck zu schinden, weil er jederzeit genau weiß was er tut. Und wenn die volle Kraft ausbricht, wie im ‚Trauermarsch’ des ‚Siegfried’, dann weil sie dramaturgischen Sinn macht und den Hörer inhaltlich anzusprechen weiß. Die Plastizität mit der Keilberth das Orchestergeschehen zu gestalten weiß, gehört mit zum Besten was jemals auf Tonträger festgehalten wurde! Und dies sei im vollen Bewusstsein etlicher Vergleichseinspielungen gesagt. Man höre nur die Einleitungstakte zur ‚Walküre’, die das gesamte Drama im Kern erfassen und einen Spannungsbogen aufbauen, der bis zum mit großer Geste genommenen Schluss des letzten Aktes nicht abreißt. Das ist Musiktheatralik pur! Dabei lässt sich Keilberth viel Zeit, widmet sich der Ausgestaltung der Motive, die er zu hörbar nachvollziehbaren Zusammenhängen zu führen versteht. Keilberths Qualitäten als Sängerbegleiter sind grandios, das heißt, hier scheinen Sängerwille und Dirigentenwunsch untrennbar in Eins zu verschmelzen. Die Einheit, die daraus entsteht, ist zwingend und jederzeit überzeugend, weil sie ganz im Dienste des Musikdramas steht. Und wenn man nach dem ekstatischen, fantastisch jubelnden Finale des ‚Siegfried’ denkt, nun wäre der Höhepunkt erreicht, folgt eine ‚Götterdämmerung’’, die an Komplexität und Tiefe kaum zu überbieten sein dürfte. Man hat beim Hören das Gefühl, nur so könne es sein, nur so würde alles einen Sinn machen.

Was damals, 1955, an Aufbruchsstimmung nach den braunen Zeiten herrschte, es wird hier mit einer Vitalität hörbar, die ihre Suggestionskraft, ihren Gestaltungswillen, vor allem aber ihre außergewöhnlich hohe künstlerische Qualität bis heute zu vermitteln weiß.

Quelle: Kritik von Uwe Schneider



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