Montag, 20. Januar 2025

Benedikt XVI. über die Musik


Dankesworte von Benedikt XVI., Papa emeritus, zur Verleihung des Ehrendoktorats der Päpstlichen Uni Johannes Paul II. und der Musik-Akademie von Krakau (Polen), Castel Gandolfo, 4. Juli 2015

In dieser Stunde kann ich nur ein großes Wort herzlichen Dankes sagen für die Ehre, die Sie mir mit dem Doctoratus honoris causa geschenkt haben. Mein Dank gilt besonders dem Großkanzler, der lieben Eminenz Kardinal Stanisław Dziwisz, und den akademischen Autoritäten der beiden Akademischen Institutionen. Ich freue mich vor allem, daß auf diese Weise meine Verbindung mit Polen, mit Krakau, mit der Heimat unseres großen heiligen Johannes Paul II. noch tiefer geworden ist. Denn ohne ihn ist mein geistlicher und theologischer Weg nicht denkbar. Er hat uns auch durch sein lebendiges Beispiel gezeigt, wie die Freude an der großen Kirchenmusik und der Auftrag zur gemeinsamen Teilnahme an der heiligen Liturgie, wie die festliche Freude und die Einfachheit der demütigen Feier des Glaubens miteinander gehen können.

An dieser Stelle war ja ein uralter Gegensatz in den Jahren der Nachkonzilszeit mit neuer Leidenschaft aufgebrochen. Ich selber bin im Traditionsraum von Salzburg aufgewachsen. Die festlichen Messen mit Chor und Orchester gehörten ganz selbstverständlich zu unserem gläubigen Erleben der Liturgie. Es bleibt mir unvergessen, wie zum Beispiel mit den ersten Klängen der Krönungsmesse von Mozart irgendwie der Himmel aufging und die Gegenwart des Herrn ganz tief zu erleben war. Aber daneben war doch auch schon die neue Welt der Liturgischen Bewegung gegenwärtig, besonders durch einen unserer Kapläne, der später Subregens und Regens in Freising wurde. In meinem Studium in München bin ich dann durch die Vorlesungen von Professor Pascher, einem der bedeutenden Konzilsexperten, und vor allem durch das liturgische Leben in der Seminargemeinschaft ganz konkret in die Liturgische Bewegung hineingewachsen. So wurde langsam die Spannung zwischen der der Liturgie gemäßen participatio actuosa und der die heilige Handlung überwölbenden festlichen Musik spürbar, auch wenn ich sie noch nicht allzu stark empfunden habe.

In der Liturgie-Konstitution des II. Vatikanischen Konzils steht ganz klar der Satz: „Der Schatz der heiligen Musik muß mit größter Sorge bewahrt und gefördert werden“ (114). Auf der anderen Seite steht die Betonung der participatio actuosa aller Gläubigen am heiligen Geschehen als liturgische Grundkategorie im Text. Was in der Konstitution noch friedlich beieinander ist, ist dann in der Rezeption des Konzils in eine oft dramatische Spannung zueinander getreten. Maßgebende Kreise der Liturgischen Bewegung waren der Meinung, die großen Chorwerke und gar die Orchester-Messen hätten in Zukunft nur noch Raum in den Konzertsälen, nicht in der Liturgie. In ihr könne nur das gemeinsame Singen und Beten aller Gläubigen Platz haben. Auf der anderen Seite war da das Erschrecken über die kulturelle Verarmung der Kirche, die damit verbunden sein mußte. Wie läßt sich beides zusammenbringen? Wie ist das Konzil in seiner Ganzheit zu verwirklichen – das waren die Fragen, die sich mir und vielen anderen Gläubigen, einfachen Menschen wie theologisch Gebildeten, aufdrängten.

Vielleicht ist es richtig, an dieser Stelle die Grundfrage zu stellen: Was ist das überhaupt – Musik? Was ist ihr Woher und was ist ihr Wozu? Ich denke, man könne drei Ursprungsorte der Musik ausmachen.
- Ein erster Ursprung ist die Erfahrung der Liebe. Wenn Menschen von der Liebe ergriffen wurden, ging eine andere Dimension des Seins auf, eine neue Größe und Weite der Wirklichkeit. Und die drängte auch zu einer neuen Weise sich auszudrücken. Poesie, Gesang und Musik überhaupt sind ganz von selbst durch dieses Getroffensein, durch dieses Eröffnetsein einer neuen Dimension des Lebens entstanden.

- Ein zweiter Ursprungort der Musik ist die Erfahrung der Trauer, die Berührung durch den Tod, durch Leid und die Abgründe des Daseins. Auch hier eröffnen sich, nach der anderen Seite hin, neue Dimensionen der Wirklichkeit, die mit dem Reden allein nicht mehr beantwortet werden können.

- Endlich der dritte Ursprungsort der Musik ist die Begegnung mit dem Göttlichen, die von Anfang an zum Menschsein gehört. Hier erst recht ist das ganz Andere und Große da, das im Menschen neue Weisen hervorruft sich auszudrücken. Vielleicht kann man sagen, daß in Wirklichkeit auch in den beiden anderen Bereichen – Liebe und Tod – uns das göttliche Geheimnis berührt und in diesem Sinn insgesamt das Angerührtwerden von Gott Ursprung der Musik ist. Ich finde es bewegend zu sehen, wie etwa in den Psalmen den Menschen auch das Singen nicht mehr ausreicht, sondern alle Instrumente aufgerufen werden – die verborgene Musik der Schöpfung, ihre geheimnisvolle Sprache geweckt wird. Mit dem Psalterium, in dem ja auch die beiden Motive Liebe und Tod immer wirksam sind, stehen wir direkt am Ursprung der Musik der Kirche Gottes. Man kann wohl sagen, daß die Qualität der Musik an der Reinheit und Größe der Begegnung mit dem Göttlichen, mit der Erfahrung der Liebe und des Schmerzes steht. Je reiner und je wahrer diese Erfahrung ist, desto reiner und größer wird auch die Musik sein, die daraus hervorwächst.

An dieser Stelle möchte ich einen Gedanken vorbringen, der mich in letzter Zeit immer mehr beschäftigt, je mehr die verschiedenen Kulturen und Religionen miteinander in Beziehung treten. Es gibt große Literatur, große Architektur, große Malerei, große Skulpturen in den verschiedensten kulturellen und religiösen Räumen. Überall gibt es auch Musik. Aber Musik von der Größenordnung, wie sie im Raum des christlichen Glaubens entstanden ist – von Palestrina, Bach, Händel zu Mozart, zu Beethoven und zu Bruckner – gibt es in keinem anderen Kulturraum. Die abendländische Musik ist etwas Einzigartiges, ohne Entsprechung in anderen Kulturen. Dies muß uns zu denken geben.

Natürlich reicht die abendländische Musik weit über den Bereich des Kirchlichen und Religiösen hinaus. Aber ihren inneren Quellort hat sie doch in der Liturgie. Bei Bach, für den die Herrlichkeit Gottes letztlich Ziel aller Musik war, ist dies ganz deutlich. In der Begegnung mit dem Gott, der uns in der Liturgie in Jesus Christus begegnet, ist die große und reine Antwort der abendländischen Musik gewachsen. Sie ist für mich ein Wahrheitsbeweis des Christentums. Wo solche Antwort wächst, ist Begegnung mit der Wahrheit, mit dem wahren Schöpfer der Welt geschehen. Deswegen ist die große Kirchenmusik eine Realität von theologischem Rang und von immerwährender Bedeutung für den Glauben der ganzen Christenheit, auch wenn sie keineswegs überall und immer aufgeführt werden muß. Aber andererseits ist doch auch klar, daß sie nicht aus der Liturgie verschwinden darf und daß ihre Gegenwart eine ganz besondere Weise der Teilhabe an der heiligen Feier, am Geheimnis des Glaubens sein kann.

Wenn wir an die vom heiligen Johannes Paul II. in allen Kontinenten gefeierte Liturgie denken, sehen wir die ganze Breite der Ausdrucksmöglichkeit des Glaubens im liturgischen Geschehen, und wir sehen auch, wie die große Musik der abendländischen Tradition nicht liturgiefremd ist, sondern aus ihr gewachsen und so immer neu mitgestaltend. Wir wissen nicht, wie es mit unserer Kultur und mit der Kirchenmusik weitergeht. Aber eines ist klar: Wo wirklich Begegnung mit dem in Christus auf uns zugehenden lebendigen Gott geschieht, wächst aucher wieder Antwort, deren Schönheit aus der Wahrheit selber kommt.

Die Arbeit der beiden Universitäten, die mir dieses Doktorat honoris causa verleihen, ist ein wesentlicher Beitrag, daß das große Geschenk der Musik, die aus der Überlieferung des Glaubens kommt, lebendig bleibt und helfen wird, daß die schöpferische Kraft des Glaubens auch in Zukunft nicht erlischt. So danke ich Ihnen allen von Herzen, nicht nur für die Ehre, die Sie mir geschenkt haben, sondern für alle Arbeit, die Sie im Dienst der Schönheit des Glaubens tun. Der Herr segne Sie alle.
(rv)

Donnerstag, 16. Januar 2025

Wıe man zum Wagnerianer wird

Dieses Buch eignet sich perfekt für alle, die im Pausengespräch glänzen wollen. In zehn Lektionen führen die Autoren Anfänger und Fortgeschrittene mit kleinen Anekdoten, unterhaltsamen und informativen Geschichten rund um Richard Wagner in dessen Imperium und Werk ein. Und es räumt so nebenbei mit einigen Mythen auf. Denn hier wird enthüllt: Ludwig ll. hatte gar kein Schwanenboot! Ätsch. Seine Liebe für Schwäne hatte er lange vor der Oper „Lohengrin“ entdeckt, und rüber nach Herrenchiemsee fuhr er - ganz unspektakulär - mit einem modernen Dampfschiff. Ansonsten geht's um Wagner und das liebe Geld, Wagner und die Psychoanalyse, Wagner und die Frauen und um die Wagnersche Nachlassverwaltung durch Ehefrau Cosima. Das Beste: Das Buch eignet sich auch hervorragend für diejenigen, die mit Wagner so gar nichts anfangen können, denn hier wird endlich einmal erklärt, warum „da capo“ bei Wagner einfach so gar keinen Sinn macht. Deswegen: Kaufen Sie dieses Buch. Und dann: lesen, lachen, lieben.

Wie ich zum Wagnerianer wurde können Sie >> HIER erfahren.

Samstag, 19. Oktober 2024

Von der Faszination historischer Aufnahmen (6) - Tristan und Isolde mit Lauritz Melchior und Kirsten Flagstad unter Fritz Reiner (1936)

Tristan - Lauritz Melchior; Isolde - Kirsten Flagstad; Brangäne - Sabine Kalter; Marke - Emanuel List; Kurwenal - Herbert Janssen; 
Covent Garden Opera Chorus; London Philharmonic Orchestra
Fritz Reiner (Dirigent)
Naxos Historical 8.110068-70 

Kirsten Flagstad und Lauritz Melchoir sind archetypische Wagner-Interpreten, die nicht nur das nötige Gewicht zeigen, um über ein großes Orchester hinweg zu singen, sondern auch über reichlich Leidenschaft, Verständnis und körperliche Ausdauer verfügen. 

Diese berühmte Aufführung, die 1936 live in Covent Garden aufgenommen wurde, ist ein mitreißendes Denkmal ihrer Kunstfertigkeit. Der gegenwärtige Mangel an Wagner-Sängern hat Tristan und Isolde zu einer Dirigentenoper gemacht, aber trotz der aufregenden und anspruchsvollen Leitung von Fritz Reiner stehen Flagstad und Melchoir hier im Mittelpunkt. Man wird von der Schönheit ihres Klangs ebenso mitgerissen wie von ihren ekstatischen Ausdrucksformen der Lust. Selten war das Liebesduett im zweiten Akt so berauschend. 

Es ist bemerkenswert, wie viele Details durchkommen, wenn man das Alter der Aufnahme bedenkt. Naxos hat den Wagner-Fans einen unermesslichen Dienst erwiesen, indem es diese klassische Aufführung erneut veröffentlicht hat. Es ist ein unbezahlbares Dokument aus einer besonders glanzvollen Ära der Wagner-Interpretation.

Dienstag, 8. Oktober 2024

Der Geheimtipp: Fantastischer Tristan aus Australien

Stuart Skelton (Tenor) – Tristan: Gun-Brit Barkmin (Sopran) – Isolde: Ekaterina Gubanova (Mezzosopran) – Brangäne: Boaz Daniel (Bariton) – Kurwenal: Ain Anger (Bass) – König Marke: Angus Wood (Tenor) – Melot: Paul O'Neill (Tenor) – Junger Seemann, Hirte: Andrew Foote (Bariton) – Steuermann: WASO Chor: St. George's Cathedral Ensemble: West Australian Symphony Orchestra: Asher Fisch (Dirigent)
Perth Concert Hall, Australien, 16. und 19. August 2018 
ABC CLASSICS ABC 481 8518 [3 CDs, 77,24 + 73,33 + 71,04] 

Diese Aufnahme – live im Konzert im August 2018 aufgenommen – bietet eine bemerkenswerte Besetzung von Sängern, darunter Stuart Skelton, einer der größten Wagner-Sänger unserer Zeit, der als Tristan seine lang erwartete Debütaufnahme gibt. Skelton hat den Tristan, eine seiner Paraderollen, mit großem Erfolg auf der ganzen Welt gesungen, von der Metropolitan Opera in New York über die English National Opera bis hin zu den deutschen Festspielen in Baden-Baden und an meinem Stammopernhaus, der Bayerischen Staatsoper in München. Er wurde als „ein Tristan für die Ewigkeit“ gefeiert , seine Interpretation sei „ein unermüdlicher, glorreicher Leuchtturm des Wagner-Gesangs, mit unerschöpflicher Kraft, lebendiger Resonanz gepaart mit Wärme, Subtilität und Anmut sowie engagiertem dramatischen Ausdruck“. 

Isolde wird von der deutschen Sopranistin Gun-Brit Barkmin gesungen, die im Laufe ihrer schillernden Karriere für ihre Interpretation von Hauptrollen in Werken von Janáček, Britten, Berg, Wagner und Richard Strauss gefeiert wurde. Ihre Isolde wurde als „aufregend“ gefeiert, als „außerordentlich vollständige Darstellung“, die „eine Offenbarung“ sei. 

Auf dieser Aufnahme werden sie von einer Starbesetzung begleitet, zu der unter anderem Ekaterina Gubanova, Boaz Daniel und Ain Anger gehören, sowie vom West Australian Symphony Orchestra unter der Leitung ihres Chefdirigenten Asher Fisch, einem der bedeutendsten Wagner-Interpreten der Gegenwart. 

Tristan und Isolde veränderte für immer die Regeln darüber, was Musik sein sollte und konnte, und führte Konzepte ein – darunter Chromatik, Dissonanz und sogar Atonalität –, die die Entwicklung der Musik im 20. Jahrhundert bestimmen sollten. 

Vor allem aber ist es ein Werk von atemberaubender Schönheit, von unerfüllter Liebe, in dem Sänger und Orchester in einer der erhabensten Musiken zusammenkommen, die je geschrieben wurde. „Leben und Tod, die ganze Bedeutung und Existenz der Außenwelt“, schrieb Wagner selbst, „hängen hier von nichts anderem ab, als von den inneren Regungen der Seele.“

Dieses ganze Set ist weit mehr als nur ein Andenken an ein Live-Konzert; es ist ein sehr ernsthafter Anwärter darauf, eine der großartigsten Aufnahmen von Tristan und Isolde auf CD zu sein.



Samstag, 13. Juli 2024

Das finde ich klasse: Freude am Kunstgenuss

Freude am Kunstgenuss 

Viele von uns Mönchen sind auch begeisterte Kunst- und Kulturfreunde. Wenn es die Zeit zulässt, gehen einige von uns gerne ins Theater, ins Konzert oder in die Oper. Das sind besondere Momente der Inspiration und der geistigen Anregung. Immer wieder sind also Zisterzienser auch bei kulturellen Ereignissen anzutreffen, so wie hier in der Wiener Staatsoper.

(gefunden auf der Homepage des Stifts Heiligenkreuz)


Montag, 3. Juni 2024

Von der Faszination historischer Aufnahmen (5) - Der Rosenkavalier mit Lotte Lehmann und Richard Mayr (1933)

Richard Strauss

DER ROSENKAVALIER
Lotte Lehmann, Elisabeth Schumann, Maria Olszewska, Richard Mayr

Wiener Philharmoniker, 
Robert Heger

Naxos Historical
8.110191-92 (2 CDs)

Die akustische Reise durch die »Rosenkavalier«-Gesamtaufnahmen beginnt mit einer ›halben Portion‹, die künstlerisch allerdings alles andere als eine solche ist. Robert Heger hat im September 1933 in Wien einen erweiterten Querschnitt mit den wichtigsten Szenen eingespielt. Die Aufnahme ist eine gekürzte Fassung – sie enthält etwa die Hälfte der Partitur – oder, wie sie damals mit zeitgenössischer Eleganz bezeichnet wurde, „Ausgewählte Passagen“. 

Mit Lotte Lehmann stand gleich bei dieser Studiopremiere eine der herausragendsten Marschallinnen überhaupt vor dem Mikrophon. Ihre klangreiche, warme und seelenvolle Stimme in Verbindung mit ihrer breiten Ausdruckspalette ist in der Tat eine Idealbesetzung. Maria Olszewska singt einen äußerst überzeugenden Octavian. Elisabeth Schumanns leicht dunkel timbrierter Sopran hebt als Sophie entzückend leicht nach oben ab, behält aber immer eine Art Erdverbundenheit. 

Strauss hatte angeblich Richard Mayr vor Augen und Ohren, als er den Ochs ausarbeitete. Man kann es verstehen, wenn man erlebt, wie der Bassist alles quasi en passant serviert, mit unaufdringlicher Nonchalance ein sehr faszinierendes, pointiertes Porträt liefert. Robert Hegers zügige Tempi dürften genau Strauss’ Intentionen entsprechen. Erstmals sind hier auch die Wiener Philharmoniker mit dem Werk zu hören, das sie mit Fug und Recht als ihres betrachten dürfen – mehr Aufnahmen davon gibt es mit keinem anderen Orchester.

           


Montag, 13. Mai 2024

Notker Wolf - Mönch, Erzabt, Abtprimas, Mensch

Er zählte zu den bekanntesten Ordensleuten Deutschlands: Notker Wolf, Benediktinermönch und 16 Jahre lang Abtprimas des weltweiten Zusammenschlusses der Benediktinerklöster, ist am 2. April, im Alter von 83 Jahren überraschend in Frankfurt gestorben. 

Wenn er sich selbst mit 30 Jahren begegnen würde, was würde er sich raten, wurde Abt Notker anlässlich seines 80. Geburtstages gefragt. Seine Antwort: „Nimm dein Leben ernst, aber nicht zu ernst. Freu dich auch des Lebens. Das ist die beste Medizin, um alt zu werden.“ Irgendwann sei auch sein Leben zu Ende, „aber so tragisch ist das nicht“. Humor war Abt Notker  immer wichtig. Auch, weil man manches eben nur mit Humor, der "kleinen Schwester des Glaubens", ertragen könne.


In den letzten Wochen sind viele Artikel und Nachrufe in der Presse erschienen. Den m.E. lesenswertesten möchte ich an dieser Stelle verlinken. Er stammt von P. Markus Muff von der "Foundation Benedict" und ist hier zu finden: LINK ZUM ARTIKEL


Sonntag, 12. Mai 2024

Robert Spaemann über den Tauf- und Firmzeitpunkt

Wie beurteilen Sie die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch unter getauften Eltern zunehmend verbreitete Auffassung, Kinder sollten sich selbst für oder gegen die Taufe entscheiden, sobald sie zur Vernunft gelangt sind?

Robert Spaemann: Hier liegen ein paar tiefsitzende Irrtümer zugrunde. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern Ich habe euch erwählt.“ Das heißt: Gott hat mich gefunden, nicht ich habe Gott gefunden. Die Kindertaufe drückt das sehr gut aus: Zunächst empfangen wir. Dass das Kind in Freiheit den Glauben annehmen muss ist klar; aber um den Glauben überhaupt annehmen zu können, muss man ihn von innen kennengelernt haben. Wer glaubt, dass Jesus Christus sein Erlöser ist, der wird doch seinen Kindern das nicht vorenthalten. Alfred Grosser, der selbst ungläubig war, schickte seine Kinder in ein katholisches Internat damit sie, wie er es ausdrückte, sich einmal frei entscheiden können. 

Um sich frei entscheiden zu können, sollten sie erst einmal die gelebte Praxis des Glaubens kennenlernen. „Verlieren“, sagte er mir einmal „kann man den Glauben sehr schnell. Viel schwerer ist es, ihn zu erwerben.“. Im Übrigen ist die Firmung das Sakrament, im Zusammenhang mit dem die eigenständige Übernahme des Glaubens erfolgt. Die Orthodoxen firmen die Kinder zusammen mit der Taufe. Das kann man auch machen - im Vertrauen auf die Kraft des Sakramentes. Wenn man es aber nicht mit der Taufe zusammenlegt, dann sollte man nicht zu früh firmen.

Ich persönlich würde dafür plädieren, dass die Kinder überhaupt nicht gruppenweise oder klassenweise zur Firmung geführt werden, sondern dass sie sich erst firmen lassen, wenn sie in das Alter der Selbstbestimmung eintreten, also vielleicht mit 17 oder 18. Dann werden vielleicht sehr viel weniger Jugendliche gefirmt werden, aber das Firmsakrament wird heute vielfach missbraucht: Es werden Kinder gefirmt, die weder vorher noch nachher in die Kirche gehen. Das ist ein unmöglicher Zustand. Das gilt übrigens auch für die Taufe. Nur solche Eltern sollten ihre Kinder taufen lassen, die selber willens sind, die Kinder in einem Leben aus dem Glauben zu erziehen. Wenn sie das gar nicht wollen oder nicht können, dann spricht das auch gegen die Kindertaufe. Das ist ein Sakramentalismus, der meiner Ansicht nach nicht gerechtfertigt ist.

Donnerstag, 2. Mai 2024

Bücher, die man gelesen haben muss! Was sind „Klassiker der spirituellen Literatur“?

Es gibt Bücher, die zum Grundbestand des geistlichen Lebens gehören. Sie sind Spiegel der Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben, und wurden daher zu Inspirationsquellen und Wegbegleitern für die religiöse Bildung. Seit den Zeiten der Urkirche hat man immer wieder solche Werke verfasst: Autobiographien und Tagebucheinträge, Gedichte und Lieder, Gebete und Meditationen, Regeln und Anleitungen, Visionsberichte, Briefe und Spruchsammlungen – ihre literarischen Gattungen und Formen sind sehr verschieden, doch betreffen sie über die Zeiten hinweg offenbar einen Kern des „Menschlichen“: das Leben mit Gott. So sind diese Werke zu Büchern geworden, die man gelesen haben muss! P. Prof. Dr. Michael Plattig OCarm von der PTH Münster möchte uns mit ausgewählten Klassikern der spirituellen Literatur bekannt machen und sie vorstellen – und lädt dazu ein, diese Werke zu lesen.

   

Freitag, 19. April 2024

Wagner für Fortgeschrittene: Tristan und Isolde (Eugen Jochum, Bayreuth 1953)

Diese Aufnahme von Tristan und Isolde ist besonders wertvoll, da es sich um die einzige verfügbare Bayreuther Aufnahme mit der Isolde der großen Astrid Varnay handelt. Die Aufführung wird von einem der kompetentesten, wenn nicht sogar leidenschaftlichsten Dirigenten des deutschen Repertoires geleitet: Eugen Jochum. Jochum ist in seinem Dirigierstil keineswegs trocken, und dieser Tristan strahlt mehr Wärme und Engagement aus als viele andere, aber wir sprechen hier nicht von einer Aufführung auf dem gleichen Niveau wie die berühmte Aufnahme von Windgassen/Nilsson/Böhm, die viele als die beste verfügbare Version dieser Oper betrachten. Die Schlüsselwörter dieser Bayreuther Aufnahme von 1953 sind von Anfang an Konzentration, Genauigkeit und Engagement, wodurch das Drama sehr überzeugend in Bewegung bleibt. 

Astrid Varnays Isolde ist intelligent und stolz, und wo es darauf ankommt, leidenschaftlich. Sie spielt die Rolle mit ebenso viel Entschlossenheit und Klarheit wie ihre Brünnhilde und verleiht dem Text Schattierungen, die man selten findet. Ihr „Wie lachend sie mir Lieder singen“ zum Beispiel ist nicht so übertrieben wie die Darstellungen vieler anderer Sängerinnen, aber am Ende hat man das Gefühl, dass es sich hier um eine Frau von selbstbewusster Majestät handelt. Varnays Stimme hatte ein enormes Volumen und ein schweres, dunkles Timbre; sie zeigt auch große stimmliche Fähigkeiten mit unglaublicher Musikalität. Ihre Beteiligung an der gesamten Nachtszene, die mit dem großen Liebesduett im zweiten Akt endet, ist sowohl musikalisch als auch dramaturgisch außerordentlich. Ihr „Liebestod“ muss als eines der schönsten jemals aufgenommenen Werke angesehen werden. Es steht auf Augenhöhe mit jeder ihrer großartigen Aufnahmen, und obwohl sie in der Rolle der Brünnhilde absolut ideal war – eine Leistung, die in keiner anderen großartigen Rolle zu erreichen wäre –, verfügt Varnays Isolde über viel mehr Können und echtes Gefühl als fast jeder andere Sängerin in dieser Rolle. Der Liebestod ist dafür ein ebenso gutes Beispiel wie jeder andere Teil der vorliegenden Aufnahme. Wenn es zunächst zum Unsubtilen tendiert, hebt es den Zuhörer schließlich langsam und überraschend auf eine Höhe, die man nur von den größten Wagner-Interpreten erwarten kann. 

Der beliebte und wenig bekannte Ramón Vinay singt den Tristan, und er ist eine gute Wahl für die Rolle. Vinays Tenor zeichnet sich durch ein baritonales, robustes und durchdringendes Timbre aus. Seine Herangehensweise an die Rolle ist vollblütig und kriegerisch, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Ob er mit der glühenden Entschlossenheit und Interpretationstiefe von Astrid Varnay mithalten kann, ist schwer zu sagen. Er macht in vielerlei Hinsicht viel aus dem Text und überzeugt uns in den meisten Fällen von seinem Charakter. Seine letzten Worte sind ein rührender, aber gut kontrollierter Ausdruck gestörter Liebe. 

Gustav Neidlinger singt den Kurwenal. Sein Ansatz ist geradlinig und an den richtigen Stellen berührend. Er bringt einen hervorragenden prägnanten Ton mit, der in aufgezeichneten Darstellungen dieser wichtigen Figur so oft fehlt. Die Rolle der Brangäne wird gekonnt vom großen Bayreuther Mezzosopran Ira Malaniuk gesungen, König Marke von Ludwig Weber. Obwohl diese Aufnahme in Mono ist, ist die Klangqualität extrem gut und ausgewogen, vor allem für eine Live-Aufnahme. Dies ist eine Gelegenheit, um fantastische Künstler in der Blütezeit ihrer Karriere zu hören.

Montag, 15. April 2024

Von der Faszination historischer Aufnahmen (4) - Tosca 1938 mit Maria Caniglia und Benjamino Gigli

Giacomo Puccini

Tosca 

Maria Caniglia, Beniamino Gigli u.a., Chor und Orchester der Königlichen Oper Rom, Oliviero de Fabritiis 

Naxos historical 8.110096-97 
(1938) 2 CDs 

Dies ist mit Abstand die beste "Tosca", die ich kenne. Der Dirigent Oliviero de Fabritiis führt uns in ein Kolorit von unsagbarer Schönheit: Man riecht noch einmal ins 19. Jahrhundert, in die Belle Époque mit ihrer Grandeur und Endzeit-Fragilität. Den einzelnen Tönen verleiht er klare und kühne Farben. Die schnell wechselnden Stimmungsbilder sind wundervolle Miniaturen, unendlich interessante Teile eines Ganzen. 

Zudem sind Fabritiis Tempi denkbar richtig - eine Sache, die sich vielleicht am schwersten lernen lässt und die diese "Tosca" am meisten von allen anderen unterscheidet. Man hat den Eindruck von Gedrängtheit und Fülle - auch aufgrund der nicht abbrechenden Spannung, der großen Bögen, so dass sich die ganze entrückte Poesie Puccinis entfaltet und der Realismus der Handlung nur noch als artistische Folie erscheint. 

Die Fähigkeit zu großer dynamischer wie klanglicher Differenzierung zeichnet die beiden Hauptdarsteller aus. Benjamino Gigli und Maria Caniglia haben in den dreißiger und vierziger Jahren eine ganze Reihe von Opern zusammen aufgenommen: Caniglias Tosca ist herrlich hysterisch mit einer eher dunkel-schweren Stimme. Giglis Mario fasziniert durch die anmutige Leidenschaftlichkeit seines hellen und extrem beweglichen Tenors. Diese Gegensätzlichkeit produziert einen fast surrealistischen Effekt. Die Verbindung von so hochentwickelten Individualstilen ist heute kaum noch denkbar: Man zieht sich aus Ängstlichkeit auf einen korrekten Minimalismus zurück oder macht die Geschmacklosigkeit von vornherein zur Maxime. 

Hörenswert ist weiterhin das komödiantische Vermögen Giglis, Guilio Tomeis (Mesner) und Armando Borgiolis (Scarpia). Selbst die Hysterie Caniglias verdankt sich diesem alten Schauspielerbewusstsein der absoluten Künstlichkeit der Darstellung. Im Anhang befinden sich Auszüge einer weiteren Tosca-Aufnahme von 1931 in französischer Sprache. Der Klang dieser Neu-Restaurationen ist transparent, ausgewogen und rauscharm.

Montag, 29. Januar 2024

Von der Faszination historischer Aufnahmen (3) - Lohengrin 1943 an der MET


Richard Wagner
Lohengrin
Astrid VarnayKerstin ThorborgLauritz MelchiorAlexander SvedNorman CordonMetropolitan Opera OrchestraErich Leinsdorf

Naxos 8.110235-37
(200 Min., 1/1943) 3 CDs

Es rauscht. Ein bisschen nur. Gerade soviel, um uns in die alte Met zu versetzen, in diesen gewaltigen, dunkelgoldenen Prunkraum aus besseren Opernzeiten, der 1966 den Abrissbirnen zum Opfer fiel. Wir schreiben das Jahr 1943, auf der anderen Seite des Atlantiks tobt der Krieg, und in New York spielt man "Lohengrin". Astrid Varnay ist gerade 24 Jahre alt und singt die Elsa mit einer so dramatischen, reichen, vollen Stimme, dass die Figur wie eine Schwester Brünnhildes klingt. Die Titelpartie in der "Walküre" hatte sie bereits mit 22 an der Met verkörpert. Kerstin Thorborg fürchtet die Varnay'sche Klangwucht nicht und setzt ihr als Ortrud abgründige Dämonie entgegen. Nach "Entweihte Götter!" gibt es kein Halten mehr, und das Publikum bricht in wilde Ovationen, mitten in die Musik hinein, so geht das an der Met, auch heute noch. Lauritz Melchior ist der Schwanenritter vom Dienst, in diesen Jahren gehörte er an der Met gleichsam zur Grundausstattung von Wagner-Aufführungen. Einen besseren Heldentenor gibt es zu dieser Zeit wirklich nicht. Alexander Sved singt den Telramund, anstatt ihn wie viele andere Baritone verzweifelt zu brüllen. Erich Leinsdorf dirigiert in bester Kapellmeistertradition. Und hier und da mit einem Silberschimmer. Met-Alltag 1943. Schöne Zeiten für die Oper.

Sonntag, 10. Dezember 2023

WEGE DURCH DIE WÜSTE

Eine Predigt zum zweiten Adventssonntag

Wir machen den Weg frei!" sagt eine bekannte Bank und zeigt uns in der Werbung ganz ungewöhnliche Wege, die sich in scheinbar unendliche Weiten öffnen, diese verheißen: mit Geld und guten Zinsen können sie einen guten Weg zu einem glücklichen Leben ermöglichen. Wir wissen: „Geld allein macht nicht glücklich", das sagt nicht nur ein Sprichwort. Und trotzdem beschäftigen wir uns mit den vielen Möglichkeiten des Geldes: Geld gewinnen, Geld anlegen, Geld vermehren und Geld ausgeben. Das Weihnachtsgeld ist längst in der Tasche – und vielleicht auch schon wieder heraus - , und viele sind wieder unterwegs, um für jung und alt Geschenke einzukaufen. Alle Jahre wieder! - Warum überhaupt?


Die heutige Botschaft, mitten im Advents, gibt uns den entscheidenden Hinweis, worauf es eigentlich ankommt: Der Evangelist Markus zeigt in der bilderreichen Sprache des Propheten Jesaja, wie wir uns auf das Kommen des Herrn vorbereiten, worauf es ankommt; sie haben es gerade noch gehört: „Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hügelig ist, werde eben" (Jes 40, 3. 4). Es geht also um eine „Flur- und Wegbegradigung“. Es geht darum, all das aus dem Weg zu räumen, was Gott hindert, zu uns zu kommen. Schutt und Stolpersteine müssen weggeräumt, Krummes begradigt und Unebenes geglättet werden. Mit „Arbeit an sich selbst“ hat das zu tun, oder wie es der „Hardliner“ Johannes d. T. nennt: mit „Umkehr und Sünden bekennen".

Wie das heute gehen kann, zeigt uns die rasante und markante Persönlichkeit des Johannes selbst. Dazu möchte ich das Wort WEGE einfach nur durchbuchstabieren um auch vier konkrete WEGE nennen, die wir im Lebensweg des „Wegweisers“ Johannes wiederentdecken können:

W - Der erste Buchstabe des Wortes WEGE und ein erster Weg:
Wahr leben, - d. h. ich achte darauf, was jetzt ist - und nicht was sein sollte. Dabei lasse ich mich nicht so sehr von dem bestimmen, was andere erwarten, was man oder frau so tut, sondern ich bemühe mich darum, ich selber zu sein. Auf meine innere Stimme, mein Gewissen zu hören und danach zu leben, auch wenn das weh tut, wenn es schwierig wird, ich sozusagen gegen den Strom schwimmen muß. Wahr lebe ich, wenn ich meine Maske ablege, nicht irgendeine Rolle spiele, sondern ehrlich bin und keine Angst habe, meine Schwächen zu zeigen. In jedem von uns gibt es da viele Abgründe, die überwunden werden müssen, damit wir dem Herrn den Weg bereiten.

E - Der nächste Buchstabe des Wortes und ein weiterer Weg:
Einfach leben, d.h. mein Leben zu vereinfachen und es mit anderen zu teilen. Geben und Nehmen gehört dazu - und der Grundsatz: „weniger ist mehr". Ich habe es – wenn auch nicht unbedingt mit Heuschrecken - immer wieder auch probiert und erfahren: Verzichten können, sich einschränken, - das bringt ein mehr an Freiheit, das tut gut. Bei der Fülle der Angebote heute und der Vielfalt der Möglichkeiten mein Leben auf das Wesentliche zu konzentrieren ist heute schwer und ist eine bleibende Aufgabe in jeder Lebensphase. Fernsehen, Radio und Internet ermöglichen mir hunderte von Programmen. Da kann ich ständig hin und her klicken, rund um die Uhr. Ich selbst kann aber nur ein Programm leben. Vor dem riesigen Berg der Möglichkeiten nicht zu resignieren, sondern einfach mein Lebensprogramm zu entdecken und zu gehen.Mein Gebet ist dabei eine wichtige Möglichkeit. Nicht auf die Vielzahl der Worte kommt es an, sondern auf die Zeit, die ich mir nehme: - Für die Stille, einfach da zu sein, um Gott in den leisen Stimmen zu entdecken.

G - Gelassen leben, ist eine weitere Form der Wegbereitung. Aber oft steht, mein eigenes Lebenstempo im Gegensatz zu dieser Lebensweise: alles mitnehmen, ja nichts verpassen. – „Man lebt ja nur einmal!“ – Gelassen leben, das sagt sich so leicht. Aber das kann mir gelingen aus dem tiefen Vertrauen heraus, daß Gott mit mir auf dem Weg ist; es hängt nicht alles von mir ab. Ich brauche auch nicht perfekt zu sein und darf Fehler machen. „Da kommt einer, der stärker und größer ist als ich .“ Das kann dieser selbstbewusste Johannes sagen. Wenn ein Mensch so etwas sagen kann, ist er weit gekommen in seiner menschlichen Reife.

Wir alle werden wahrscheinlich Erinnerungen und bestimmte Erfahrungen haben, wo es uns mehr oder weniger gelungen ist, andere größer sein zu lassen. Für etliche Männer steigert sich dieses Problem noch einmal, wenn es sich dabei um eine Frau handelt, die sie überrundet. Da kommt jemand, der bzw. die, größer ist als ich: ein kleiner Schmerz für das Selbstwertgefühl, aber eine große Befreiung, wenn man sich loslassen und den anderen Menschen größer sein lassen kann. Wenn ich bereit bin mich – wie Johannes der Täufer - selbst loszulassen, d. h. mich von und für andere in Anspruch nehmen zu lassen, dann werden manche Schlucht und viele Hügel zum ebenen Weg. Wer gelassen leben, sich selbst nicht so wichtig nimmt und sich selbst auch einmal an den Rand stellen kann, ist großherzig. Ein weiterer Weg.

E - Entschieden leben heißt der vierte und letzte Begriff, der das Wort WEGE ausfüllt. Mann oder Frau will im Leben so vieles erreichen, miterleben, auskosten u. v. m. Hier heißt für mich Wegbereitung mich zu entscheiden und mir nicht alles offen zu halten. Ich kann nicht alle Wege gleichzeitig gehen. Woran orientiere ich mich? Wieviel Mut habe ich Neues zu wagen? Wie groß ist meine Sehnsucht nach Vertrautem, Bekanntem? Wo suche ich Sicherheit?

Bei der Beantwortung solcher Fragen muß ich mir bewußt sein, daß der Preis hoch sein kann, weil Entscheidungen auch Abschied und Trennung bedeuten können.– Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen? – Johannes hat seine Entschiedenheit, sein klares „das ist falsch“ - in der Palastaffäre des Herodes „den Kopf“ gekostet. Er nahm keinerlei Rücksicht auf seine private Sicherheit. Aber gerade diese Entschiedenheit ist es wohl am Ende, die den Herrn selbst so beeindruckt haben mag, als er zu seinen Jüngern sprach: „Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer“ (Mt 11, 11).

Liebe Brüder und Schwestern!
Wahr – einfach – gelassen – entschieden:
4 WEGE, die uns der Wegbereiter Johannes durch sein Leben und seine Botschaft beispielhaft vor Augen stellt. Es sind Wege, die heute oftmals im Widerspruch zum modernen Zeitgeist stehen.

„Wir machen den Weg frei" verspricht die Bank. Aber wenn wir ehrlich sind, wissen wir: Die Bank schenkt uns keinen Cent! – Arbeiten müssen wir selbst an uns, wenn wir wirklich im Leben weiter kommen wollen. Mit Gottes Hilfe: Schritt für Schritt - und manchmal in kleinen Schritten. Adventliche Menschen legen selbst Hand an, wenn es darum geht Wege zu bereiten. Und das bedeutet Hand anlegen an die Steine , an den Schutt, der unser Leben niederdrückt und unfrei macht. - Hand anlegen, damit die Wege unseres Lebens begehbar werden, - für uns und für den HERRN, den wir erwarten. Amen

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Predigt für den 2. Adventsonntag (B) am 8. XII. 2002 (Konventamt, St. Ottilien)
L 1: Jes 40,1-5.9-11; L 2: 2 Petr 3,8-14; Ev: Mk 1,1-8

Montag, 4. Dezember 2023

Banausenhaft

Ein lesenswerter Kommentar von Christian Geyer in der FAZ vom 20. Dez. 2021 zu "Responsa ad dubia".

Das Begründungsniveau ist dürftig, die Reglungsdichte total. So viel lässt sich über die jüngste Verlautbarung aus der vatikanischen Schreibwerkstatt sagen. Es geht um die am Samstag publizierten Ausführungsbestimmungen zu dem päpstlichen Schreiben “Traditionis custodes” (Wächter der Tradition), das im Sommer die überkommene, jahrhundertelang maßgebliche Liturgie zwar restriktiv reguliert hatte, aber doch den Bischöfen der Weltkirche einen gewissen Ermessensspielraum bot, je nach den Umständen von Ort und Zeit. Damit ist nun Schluss. Unter dem Titel “Responsa ad dubia” (Antworten auf Zweifel) sollen vorderhand Verständnisfragen geklärt werden. Tatsächlich aber lebt sich hier der römische Zentralismus aus, die Stigmatisierung der alten lateinischen Messe wird verschärft und jedes Mauseloch geschlossen, das “Traditionis custodes” offen gelassen hatte. Das neue Schreiben degradiert die Bischöfe zu Antragstellern bei den päpstlichen Funktionären der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. 

Im Stil einer fixen Idee wird Tabula rasa gemacht. Und dies im Auftrag eines Papstes, der bei anderen Reformthemen alles in der Schwebe lässt und mit Andeutungen kokettiert. Hier geht der Pontifex aber aufs Ganze, als hinge sein eigenes Seelenheil davon ab. Die alte lateinische Messe soll auf mittlere und lange Sicht nicht etwa als eine außerordentliche Form neben der in den Siebzigern modernisierten Gestalt bestehen und damit ein Dasein im Zeichen der Vielfalt beanspruchen dürfen, wie es noch Joseph Ratzinger als Vorgängerpapst ermöglicht hatte. Nein, seit Samstag ist klar: Die alte Liturgie gehört ausgemustert aus der laufenden Kirchengeschichte, ohne Pardon, jede lebendige Tradierung ihrer Formulare und Feierlichkeiten in die Zukunft hinein soll unterbunden werden. Und zwar, darin liegt das Banausenhafte des Vorgangs, ganz unabhängig davon, welcher kulturelle Reichtum in diesen liturgischen Formen steckt, ob man ihnen persönlich nun gewogen ist oder nicht. Die Restgemeinde der alten Messe soll vor aller Augen ghettoisiert werden, auch wenn es gönnerhaft heißt, es sei nicht beabsichtigt, “die Gläubigen, die in der vorherigen Zelebrationsform verwurzelt sind, auszugrenzen”. Mit solchen Ironien hatte Rom schon die Albigenser auf die “vom heiligen Vater vorgegebene Linie” (Responsa ad dubia) bringen wollen. Damals wie heute wird an diese Linientreue appelliert zur Sicherung des “Geschenks der kirchlichen Gemeinschaft”, wie die Ausführungsbestimmungen gebetsmühlenartig wiederholen. Dass für solche Exklusionspropaganda auch noch “die Überzeugung des Verstandes und des Herzens” beansprucht wird, ist kurios.

Donnerstag, 15. Juni 2023

Von der Faszination historischer Aufnahmen (2) - Fritz Busch at Glyndebourne - Mozart-Opernaufnahmen (1934 - 1936)

Man braucht nur den Namen »Glyndebourne« zu nennen, schon schlägt das Herz eines jeden Opernfans höher: Der idyllische Ort im englischen East Sussex steht für großartige Inszenierungen mit Pausen-Picknick auf den weitläufigen Wiesen. Opernerlebnis verbindet sich mit Kulinarik und dem Reiz einer ganz besonderen Landschaft, seit John Christie zusammen mit seiner Frau, der Opernsängerin Audrey Mildmay das Festival 1934 auf dem einstigen Herrensitz in privater Regie gründete. Jetzt erscheinen die legendären Mozart-Aufnahmen aus Glyndebourne in modernstem Remastering. Ein einzigartiger Schatz der Opernkultur tritt wieder ans Licht. John Christie hatte als ersten musikalischen Chef seines Opernhauses Fritz Busch gewonnen. Der einstige Dresdner Generalmusikdirektor war vor den Nazis nach England geflohen und fand nun in Sussex eine neue Heimat. Von Anfang an war er an dem Mozart-Schwerpunkt beteiligt, den das Festival bis heute prägt. Die Wiederentdeckung der damals noch wenig beachteten Cosi fan tutte ist ihm zu verdanken. Zusammen mit den beiden anderen Da Ponte-Opern ging Busch in die Operngeschichte ein: Sein Figaro von 1934 / 35 ist die erste Mozart-Operngesamtaufnahme überhaupt, seine Cosi von 1935 eine Welt-Ersteinspielung. Zusammen mit Don Giovanni sowie weiteren Cosi- und Idomeneo-Höhepunkten mit einem legendären Mozart-Ensemble rundet sich die Veröffentlichung auf 9 CDs zu einem einzigartigen Dokument.

Freitag, 31. März 2023

Von der Faszination historischer Aufnahmen (1) - Die Zauberflöte (Beecham, 1937/38)

Wolfgang Amadeus Mozart 

Die Zauberflöte 
Helge Roswaenge, Tiana Lemnitz, Gerhard Hüsch, Erna Berger, Wilhelm Strienz, 
Favres Solistenvereinigung / Berliner Philharmoniker, 
Sir Thomas Beecham 

Naxos historical 8.110127-28 
(11/1937, 2/1938, 3/1938) 2 CDs 

Wenn Klassik-Kenner von „Beechams Zauberflöte“ sprechen, dann meinen sie diese Aufnahme: Die erste Gesamteinspielung der Oper (allerdings ohne Dialoge), die 1937 und 1938 in Berlin entstand. Eigentlich sollte dieses Projekt in England eingespielt werden, wo man im Rahmen des gerade frisch gegründeten Glyndebourne-Festivals sowieso gerade Mozart aufnahm. Doch Beecham nahm das Angebot aus Deutschland an, verkrachte sich dabei mit dem Glyndebourne-Gründer John Christie und legte schließlich eine Aufnahme vor, die nicht nur als seine beste Mozart-Arbeit gilt, sondern auch den Vorteil besitzt, von deutschsprachigen Sängern interpretiert zu werden. Die Einspielung machte so viel Arbeit, dass man mit der vorgesehenen Zeit nicht zurecht kam. Am Ende musste die Arie „Oh zittre nicht...“ noch im März 1938 gesondert aufgenommen werden. Beecham blieb in England; für die eine Nummer ging Bruno Seidler-Winkler in Berlin ans Dirigentenpult. Beechams Mozart-Auffassung ist für denjenigen, der moderne Einspielungen (womöglich in authentischer Praxis) kennt, ungewöhnlich: Pathos und Zurückhaltung in punkto Tempo prägen die Ouvertüre (noch nie habe ich eine so lange Generalpause vor dem „dreimaligen Akkord“ gehört). Doch Beecham kann auch dramatisch: Er greift den roten Handlungs-Faden des furiosen Beginns gleich auf, zeigt sich dann jedoch als flexibler Diener der Gesangssolisten, die im Gegensatz zu den meisten heutigen Kräften das große Talent besitzen, über das Dreißiger-Jahre-Mikrofon echte Theateratmosphäre auf die Platte zu zaubern. Da vergisst man alle unsauberen Nötchen in den Koloraturen der Königin der Nacht, alle angeschliffenen Töne in Sarastros „heiligen Hallen“ und alle Mono-Unzulänglichkeiten – Erna Berger, Helge Roswange, Gerhard Hüsch und die anderen wissen ihre Rollen nicht nur zu singen, sondern musikalisch zu verkörpern. So hat diese Zauberflöte Referenzcharakter und ist hervorragend geeignet, die Faszination historischer Aufnahmen kennen zu lernen.

Oliver Buslau (Rondo-Magazin)


Montag, 16. Januar 2023

Podcast: Warum sich noch heute Menschen am heiligen Benedikt orientieren

Die Benediktiner sind die älteste heute noch bestehende klösterliche Bewegung der katholischen Kirche im Westen. Was macht den Reiz der Klosterregel aus, die Benedikt von Nursia vor mehr als 1.500 Jahren schrieb? 

Benedikt von Nursia lebte im 5. Jahrhundert im ländlichen Italien, das von ihm gegründete Kloster auf dem Berg Montecassino gilt heute als Urkloster der Benediktinerinnen und Benediktiner. Viel weiß man nicht über Benedikt, es gibt nur eine kurze Lebensbeschreibung und seine Ordensregel. Die orientiert sich an der Gemeinschaft – und will dafür sorgen, dass diese Gemeinschaft zusammen wächst. 

Freitag, 13. Januar 2023

IMPULS : DER SCHWARZE PUNKT

Der Professor und der schwarze Punkt 

Eines Tages kam ein Professor in die Klasse und schlug einen Überraschungstest vor. Er verteilte sogleich das Aufgabenblatt, das wie üblich mit dem Text nach unten zeigte. Dann forderte er seine Studenten auf die Seite umzudrehen und zu beginnen. Zur Überraschung aller gab es keine Fragen – nur einen schwarzen Punkt in der Mitte der Seite. Nun erklärte der Professor folgendes: 

„Ich möchte Sie bitten, das auf zuschreiben, was Sie dort sehen.“ 

Die Schüler waren verwirrt, aber begannen mit ihrer Arbeit.

Am Ende der Stunde sammelte der Professor alle Antworten ein und begann sie laut vorzulesen. Alle Schüler ohne Ausnahme hatten den schwarzen Punkt beschrieben – seine Position in der Mitte des Blattes, seine Lage im Raum, sein Größenverhältnis zum Papier etc. 

Nun lächelte der Professor und sagte: 

„Ich wollte Ihnen eine Aufgabe zum Nachdenken geben. Niemand hat etwas über den weißen Teil des Papiers geschrieben. Jeder konzentrierte sich auf den schwarzen Punkt – und das gleiche geschieht in unserem Leben. Wir haben ein weißes Papier erhalten, um es zu nutzen und zu genießen, aber wir konzentrieren uns immer auf die dunklen Flecken. 

Unser Leben ist ein Geschenk, das wir mit Liebe und Sorgfalt hüten sollten und es gibt eigentlich immer einen Grund zum Feiern – die Natur erneuert sich jeden Tag, unsere Freunde, unsere Familie, die Arbeit, die uns eine Existenz bietet, die Wunder, die wir jeden Tag sehen ……. 

Doch wir sind oft nur auf die dunklen Flecken konzentriert – die gesundheitlichen Probleme, der Mangel an Geld, die komplizierte Beziehung mit einem Familienmitglied, die Enttäuschung mit einem Freund, Erwartungshaltung usw. 

Die dunklen Flecken sind sehr klein im Vergleich zu allem, was wir in unserem Leben haben, aber sie sind diejenigen, die unseren Geist beschäftigen und trüben. Nehmen Sie die schwarzen Punkte wahr, doch richten Sie ihre Aufmerksamkeit mehr auf das gesamte weiße Papier und damit auf die Möglichkeiten und glücklichen Momente in ihrem Leben und teilen sie es mit anderen Menschen!"