Sonntag, 25. Oktober 2026

Predigt zum heutigen Weltmissionssonntag: Kann man denn heute noch Missionar sein?

Franziskanerkloster in Reutte (Tirol)

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben,

am heutigen „Weltmissionssonntag“ möchte ich aus der benediktinischen Tradition ein paar Gedanken herausarbeiten, die auch für Menschen außerhalb der Klostermauern interessant - und vielleicht sogar hilfreich sein können.

Unserer Kloster St. Ottilien ist eines von 20 Klöstern der Missionsbenediktiner auf der ganzen Welt. Das Thema „Mission“ bestimmt das Leben in unserer Gemeinschaft ganz tiefgreifend mit.

„Geht das heute noch? Kann man denn heute noch Missionar sein?

Die Leute fragen das manchmal, wenn sie uns in St. Ottilien besuchen oder von unserer Arbeit hören. Den Glauben haben und pflegen sei ja recht, aber ihn auch noch verbreiten? Dazu kommt eine zweitausendjährige Missionsgeschichte, deren Fehler uns zur Last gelegt werden, die tatsächlichen ebenso wie die vielen vermeintlichen.

Unser Glaube ist nicht nur häuslich und auf ein paar Landstriche beschränkt: Unser Glaube meint den ganzen Menschen, und er meint alle Menschen. „Geht hin in alle Welt, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ sagt der auferstandene Heiland seinen Jüngern.

Dabei ist mit der Mission der Kirche nicht ein imperialistischer Angriff auf die ganze Welt gemeint. Dahinter steckt etwas ganz anderes: die Erkenntnis, dass Jesus und seine Botschaft, nicht nur für die Juden - und vielleicht noch ein paar interessierte Griechen gedacht war, sondern dass diese Botschaft für alle Menschen gilt. – Hier in Österreich genau so wie für die Menschen in Papua-Neuguinea.

Dass Gott Mensch wird ist eine Nachricht, die alle angeht. Dass Gottes Liebe greifbar auf Erden wandelt und sich für uns selber darbringt, - das sollte jeder wenigstens einmal in seinem Leben gehört haben.

Die Missionare von St. Ottilien reihen sich in eine lange ehrenvolle Reihe großer Frauen und Männer ein, die als Glaubensboten ihre Heimat verlassen haben und – oft unter großer Gefahr und vielen Opfern – diese Botschaft von der Liebe Gottes weitergegeben haben.

Auch unsere Heimat wurde davon erreicht: Der hl. Magnus, der hl. Bonifatius, die heilige Lioba - und zahllose andere haben den Glauben in den Herzen unserer Vorfahren eingepflanzt und vertieft.

Die meisten dieser Missionare waren Klosterleute. Das ist leicht verständlich, denn die haben weniger Bindungen, auf die sie Rücksicht nehmen müssen; sie können losziehen und werden dann von einer Gemeinschaft bei ihrer Unternehmung unterstützt.

Aber diese Spezialisierung hat auch eine unglückliche Folge gehabt: Mission wurde damit zur Sonderaufgabe der Missionsorden, - so wie viele andere Orden für das Schulwesen oder die Krankenpflege zuständig waren.

Das letzte Konzil hat hier einen deutlichen Warnruf ausgestoßen: Mission ist Aufgabe der ganzen Kirche, also nicht nur etwas für eine Spezialistengruppe. - Und noch wichtiger: Mission – Sendung – ist eine Wesenseigenschaft der Kirche.

Wenn eine Pfarrei, oder eine Klostergemeinschaft oder eine Diözese nur mehr nach innen schaut, keine Ausstrahlung mehr nach außen hat, dann ist in ihr ein wichtiger Wesensteil des Kircheseins verlorengegangen: Sie ist krank, – wahrscheinlich sogar sterbenskrank.

Das Konzil war – wie meistens – nicht wirklich originell. Es hat nur versucht, eine etwas vergessene Wahrheit wieder ans Licht zu bringen. Es hat damit aber auch deutlich gemacht, dass alle Christen mitverantwortlich sind für diese Ausstrahlung, für die Erfüllung des Auftrags in aller Welt.

Was heißt das nun für uns Katholiken hier in Reutte? Es heißt, dass wir eigentlich alle Missionare sind. Jeder getaufte Christ hat diesen Auftrag.

Natürlich können nicht alle die Koffer packen und in fremde Länder aufbrechen, aber sie haben doch Möglichkeiten, mitzuwirken: durch materielle Unterstützung, durch Gebet, vor allem aber durch ein missionarisches Christsein, das sich vor der Herausforderung - mutig in Familie und Gesellschaft seinen Glauben zu bekennen - nicht verschließt.

„Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?“, haben wir heute im Evangelium gehört. – Diese Frage bleibt immer aktuell.

Es liegt an uns allen, - nicht nur an den Priestern, Ordensleuten und Missionaren. - Jeder hat in seinem Leben Möglichkeiten, seinen Glauben an andere weiterzugeben: Es ist die Aufgabe und Pflicht eines jeden Christen. Der Glaube ist keine Privatangelegenheit! Wer sich nicht zu Christus bekennt, zu dem wird sich auch Christus nicht bekennen, wenn er einmal vor Gottes Angesicht stehen wird.

Leider fehlt es heute vielen Christen an Selbstbewusstsein. Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass die Christen in der Öffentlichkeit Angst haben, für ihren Glauben und ihre Kirche mutig einzustehen und ihn auch weiterzugeben: „Entschuldigung, ich bin katholisch.“ – Andere Weltreligionen sind da viel selbstbewusster: Die Stärke des Islam ist eine Auswirkung der Glaubensschwäche und Lauheit vieler Christen.

Die Mission und die Verkündigung der Botschaft Jesu ist der Lackmus-Test für unseren alltäglichen Glauben. Missionarisches Christsein bewährt sich so nicht nur, er macht vor allem auch unseren Glauben immer wieder neu lebendig.

Und so hat es auch Papst Benedikt sehr schön auf den Punkt, was Mission eigentlich bedeutet. In einem Interview über das Thema „Weltmission“ hat er vor einigen Jahren in St. Ottilien folgendes gesagt:„Wenn man sich nur aufs Eigene zurückzieht, gewinnt man nichts. Sondern nur indem man gibt und über sich hinausschreitet, empfängt man auch wieder.“

Amen.

Predigt gehalten in Reutte (Tirol), Okt. 2007


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