Mittwoch, 28. Oktober 2026

Predigt zur Diamantenen Hochzeit meiner Eltern

Liebes Jubelpaar, liebe Mama, lieber Papa,

liebe Familie und Verwandte, Freunde und Wegbegleiter,

liebe Gemeinde im Herrn,

sechzig Jahre! Wenn man diese Zahl in den Raum stellt, breitet sich fast automatisch eine feierliche Stille aus. Sechzig gemeinsame Ehejahre. Das sind sage und schreibe 21.915 Tage. Es sind weit mehr als eine halbe Million Stunden, die ihr beide, liebes Jubelpaar, Seite an Seite verbracht habt. Ein solches Fest ist in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit selten geworden. Es ist ein rares Gut, ein echtes Geschenk Gottes und ein tiefes Geheimnis. Deshalb nennen wir diesen Tag heute voller Ehrfurcht die Diamantene Hochzeit.

Ein Diamant entsteht nicht über Nacht. Er ist ursprünglich nichts anderes als   schlichte Kohle. Doch wenn diese über Jahrtausende hinweg unvorstellbarem Druck und enormer Hitze im Inneren der Erde ausgesetzt ist, verwandelt sie sich. Sie verdichtet sich und am Ende dieses langen, verborgenen Prozesses entsteht das härteste, beständigste und am schönsten funkelnde Juwel, das unsere Erde kennt: Ein Diamant.

Auch eure Ehe, liebe Mama und lieber Papa, hat diesen Reifungsprozess durchlaufen. Vor genau sechzig Jahren standet ihr schon einmal vor diesen Altar. Ihr wart jung, voller Träume, vielleicht auch ein wenig nervös vor dem, was das Leben bringen mag. Euer gemeinsamer Stein war damals noch rau. Erst durch die Jahrzehnte, durch das tägliche Miteinander, durch das gemeinsame Schleifen an den Ecken und Kanten des anderen, ist aus diesem rohen Stein der funkelnde Diamant geworden, den wir heute am Altar Gottes feiern.

Wenn wir nach dem Geheimnis einer so langen, gelingenden Gemeinschaft suchen, lohnt es sich, zuerst einen Blick auf das heutige Evangelium zu werfen.  

Das Fundament der Dankbarkeit

Im heutigen Evangelium nach Lukas hören wir:

„Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; er lobte Gott mit lauter Stimme, warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm.“ (Lk 17, 15–16)

Zehn wurden geheilt, aber nur einer hielt inne. Nur einer begriff, dass Gesundheit, Rettung und das Gelingen des Lebens keine Selbstverständlichkeit sind. Nur einer kehrte um, um danke zu sagen.

Liebe Mama, lieber Papa, euer heutiges Fest ist genau das: Es ist euer „Umkehren“, euer bewusstes Innehalten auf dem Lebensweg, um vor Gott niederzuknien und von ganzem Herzen Danke zu sagen. Sechzig Jahre Ehe fallen einem nicht einfach so in den Schoß. Sie sind ein Geschenk des Himmels. Ihr steht heute hier wie dieser, eine Geheilte, voller Demut und Dankbarkeit für die gemeinsamen Jahrzehnte, für die Familie und für jeden gesunden Tag.

Wenn wir weiter nach dem Geheimnis einer so langen Ehe suchen, lohnt sich auch der Blick auf einen Mann, der vor über 1.500 Jahren eine Regel für das Klosterleben geschrieben hat: den heiligen Benedikt von Nursia. Seine Ordensregel ist kein theoretisches Buch, sondern eine lebensnahe Anleitung für das Herz. 

Sowohl im Kloster als auch in der Ehe geht es um das bleibende, verbindliche Zusammenleben von Menschen auf engem Raum vor den Augen Gottes. Die Weisheit Benedikts lässt sich daher wunderbar auf das christliche Eheleben übertragen. 

Zwei Gedanken aus dieser Regel möchte ich euch heute mit auf den Weg geben.

1. Das Fundament der Beständigkeit (Stabilitas)

Diese Haltung des Dankes verbindet uns mit dem heiligen Benedikt. Das wichtigste Versprechen, das ein Mensch abgibt, wenn er in seine Gemeinschaft eintritt, ist die Stabilitas. Das bedeutet Beständigkeit, Treue. Es bedeutet das Versprechen, an einem Ort und mit den einmal gewählten Menschen auszuharren – in guten wie in schlechten Zeiten. Benedikt wusste ganz genau, dass der Mensch dazu neigt, wegzulaufen, wenn es anstrengend wird. Deshalb schreibt er ganz zu Beginn seiner Regel im Prolog ein paar sehr ehrliche Worte:

„Man laufe nicht gleich erschrocken weg, denn der Weg des Heils kann am Anfang nicht anders als eng sein.“ (RB Prolog, 48)

„Man laufe nicht gleich erschrocken weg.“ Was für ein wunderbarer Satz für eine Ehe! Ihr beide seid in diesen sechzig Jahren nicht weggelaufen. Auch dann nicht, wenn der Weg einmal eng wurde, wenn Sorgen das Haus bedrückten oder das Schicksal Prüfungen bereithielt. Ihr habt ausgeharrt. Ihr habt verstanden, dass man die tiefste Dimension der Liebe nicht erfährt, wenn man beim ersten Konflikt die Segel streicht. Eure Stabilitas, eure Treue, hat euch durch sechs Jahrzehnte getragen und zeigt uns allen heute: Es lohnt sich, dranzubleiben.

2. Das gegenseitige Tragen in unendlicher Geduld

Der heilige Benedikt gibt den Mönchen in Kapitel 72 seiner Regel folgenden Rat mit auf den Weg:

„Sie sollen die Schwachheiten des Leibes und des Charakters in unendlicher Geduld einander ertragen.“ (RB 72, 5)

„In unendlicher Geduld einander ertragen.“ Wenn das jemand versteht, dann ein Ehepaar am Tag seiner Diamantenen Hochzeit! Ihr habt im Laufe der Jahrzehnte gelernt, die Schwächen des anderen mit dem Mantel der Liebe zuzudecken. Ihr habt einander den Raum gegeben, zu wachsen, alt zu werden und sich zu verändern. Ihr habt euch gegenseitig in Geduld ertragen – in den Zeiten der Jugend, als die Kraft groß war, und ihr tragt euch noch heute im Alter, wo der Schritt vielleicht etwas langsamer geworden ist. Und diese Frucht der Geduld ist die Liebe, von der auch der Apostel Paulus schreibt: Sie eifert nicht, sie bläht sich nicht auf, sie erträgt alles. - So haben wir es gerade in der Lesung gehört.

Liebe Mama, lieber Papa, es war euer Glaube – euer Glaube an Gott und eure unerschütterliche Liebe zueinander –, der eure Ehe gerettet, bewahrt und durchgetragen hat. Dieser Glaube hat euch die Kraft gegeben, sechzig Jahre lang ein Fleisch, ein Herz und eine Seele zu sein.

Die Regel des heiligen Benedikt schließt im Prolog mit einer Verheißung, die wir euch als Segen für eure Zukunft mitgeben möchten:

„...damit wir unter seiner Führung die Wege des Herrn gehen.“ (RB Prolog, 21)

Geht euren Weg weiter unter dieser treuen, göttlichen Führung. Blickt am heutigen Tag mit großem Stolz auf das zurück, was ihr gemeinsam aufgebaut habt, und kehrt immer wieder um, um zu danken.

Möge der Herrgott eure Gesundheit bewahren, eure Tage mit Freude und Frieden erfüllen und eure Herzen weiterhin in jener Liebe erstrahlen lassen, die alle Zeit überdauert. Möge euer gemeinsamer Diamant noch sehr lange und hell für uns alle leuchten.

Amen.

Schrifttexte: Evangelium: Lk 17, 11-19 ; Lesung: 1 Kor 12, 31-13, 8a

Predigt gehalten am 28. Okt. 2026 in der Christus König Kirche in Oer-Erkenschwick


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