Freitag, 28. November 2025

Was ein Mönch so hört (9): Die Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner

Von Yehya Alazem, Per Nylén, Siegfried Wewers 

Richard Wagners „ Die Meistersinger von Nürnberg“ nimmt unter seinen Werken eine Sonderstellung ein. Sie ist seine einzige Oper mit einem echten komischen Charakter und besticht dennoch durch große künstlerische Tiefe und ein starkes Traditionsbewusstsein. Im Laufe der Jahrzehnte sind zahlreiche Live- und Studioaufnahmen erschienen, mit einigen der besten Sänger und Dirigenten. Angesichts der vielen exzellenten Interpretationen fällt die Auswahl von nur zehn nicht leicht. In diesem Artikel stellen wir Ihnen zehn Aufnahmen vor, die wir für unverzichtbar halten – in keiner bestimmten Reihenfolge.

Wilhelm Furtwängler / Orchester der Bayreuther Festspiele (Walhall)

Angesichts der Ereignisse außerhalb der Theater mag es schwerfallen, 1943 etwas Positives über Deutschland zu sagen. Doch konzentriert man sich allein auf die Musik, so ist Wilhelm Furtwänglers Live-Aufnahme von den Bayreuther Festspielen jenes Jahres unübersehbar. Sie zählt zu den bemerkenswertesten Operndokumenten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also der Zeit vor der Nachkriegsära in Neubayreuth unter Wolfgang und Wieland Wagner. Der Klang ist für sein Entstehungsjahr erstaunlich klar, und die Aufnahme verdient ihren Platz hier, trotz einiger kleinerer Kürzungen (selten bei Wagner-Aufnahmen). Furtwänglers Wagner spricht für sich: tiefgründig, intensiv und nachdenklich. Er formt die Meistersinger zu etwas beinahe Philosophischem. Max Lorenz ist ein heroischer Walther im großen Heldentenorstil, während Jaro Prohaska einen warmen, souveränen und lebendigen Hans Sachs gibt. Maria Müllers Eva ist ausdrucksstark und ausdrucksvoll, wenn auch etwas dramatischer als gewöhnlich. Eugen Fuchs bietet einen scharf gezeichneten Beckmesser.

Hans Knappertsbusch / Orchester der Bayreuther Festspiele (Archipel)

Hans Knappertsbusch hinterließ mehrere Aufnahmen der Meistersinger von Wien . Die bekannteste ist natürlich die Decca-Studioaufnahme von 1951 mit den Wiener Philharmonikern. Sie hat viele Vorzüge, doch wir bevorzugen nach wie vor seine Live-Aufnahme von den Bayreuther Festspielen des Folgejahres 1952. Knappertsbuschs Version enthält teilweise dieselben Sänger wie Karajans Aufführung von 1951, aber die Interpretationen der Dirigenten unterscheiden sich grundlegend. Knappertsbusch dirigiert langsamer, besinnlicher und mit mehr Wärme. Auch der Klang ist für die damalige Zeit erstaunlich gut. Gesanglich ist die Aufnahme höchst beeindruckend, allen voran Otto Edelmanns tiefgründige und menschliche Darstellung des Hans Sachs. Lisa della Casa zählt zu den schönsten Eva-Interpretationen überhaupt, und Hans Hopfs Walther überzeugt durchweg, sowohl dramatisch als auch textlich. Insgesamt erreichen die Gesangsleistungen ein Niveau, das heute kein Opernhaus der Welt mehr erreichen könnte.

Fritz Reiner / Wiener Staatsopernorchester (Orfeo)

Die Meistersinger aus Wien gehörten zu den Opern, die bei der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper 1955 aufgeführt wurden. Der ungarisch-amerikanische Dirigent Fritz Reiner leitete die Aufführung, und seine Interpretation stieß anfangs auf Kritik von Kritikern und Publikum. Rückblickend erscheint Reiners Interpretation jedoch nuanciert, detailreich und ausdrucksstark. Sein Ansatz unterscheidet sich grundlegend vom eher romantischen Stil der deutschen Tradition; Reiner verleiht der Musik stattdessen Raffinesse und Eleganz, obwohl er in einigen Monologen von Hans Sachs recht langsame Tempi wählt. Die Aufnahmequalität ist gesanglich sehr hoch, obwohl der Mono-Klang etwas undeutlich ist. Paul Schöffler liefert mit seiner warmen und vollen Stimme eine der besten Hans-Sachs-Interpretationen auf Tonträger. Auch Irmgard Seefrieds Eva besticht durch eine fast kunstliedhafte Feinheit, in der jede Nuance des Textes zum Ausdruck kommt. Hans Beirers Walther ist weniger stimmig und weist einige gesangliche Schwächen auf, der Gesamteindruck ist jedoch dennoch überzeugend.

Rudolf Kempe / Berliner Philharmoniker (EMI/Pristine Classical)

Rudolf Kempe hinterließ unter seinen zahlreichen Wagner-Interpretationen zwei bemerkenswerte Meistersinger- Aufnahmen. Eine davon ist die Live-Aufnahme aus Dresden von 1951 (Profil/Myto), doch diese Studioaufnahme von 1956 mit den Berliner Philharmonikern ist aus unserer Sicht die gelungenere. Kempes Interpretation ist geschliffen und ausgewogen, sie wechselt mühelos zwischen Humor und Ernsthaftigkeit. Benno Kusche gibt einen ausdrucksstarken Beckmesser, Elisabeth Grümmer eine bezaubernde Eva mit klarem, strahlendem Ton. Rudolf Schocks Walther ist charakterstark und leidenschaftlich, und Ferdinand Frantz gibt einen festen, konzentrierten Hans Sachs mit dunkler Bassbaritonfarbe.

Hans Knappertsbusch / Orchester der Bayreuther Festspiele (Orfeo)

Hans Knappertsbuschs Bayreuther Aufnahme von 1960 ist etwas ganz Besonderes. Sie ist zwar in Mono, besticht aber durch einen überraschend vollen Klang. Dies ist die beste Interpretation des Werkes durch den deutschen Wagner-Spezialisten, mit einer fast kammermusikalischen Detailgenauigkeit und einer durchgängigen inneren Wärme, bei überwiegend langsameren Tempi. Gesanglich ist die Aufnahme von sehr hoher Qualität. Josef Greindls Sachs ist kraftvoll und ausdrucksstark, Wolfgang Windgassen verleiht Walther mehr Dramatik als gewöhnlich, bleibt aber bei Bedarf lyrisch und feinfühlig. Am beeindruckendsten ist Elisabeth Grümmers Eva, deren lyrische Schönheit kaum zu übertreffen ist. Auch Karl Schmitt-Walter liefert einen überzeugenden und brillanten Beckmesser. Eine Meistersinger-Aufführung, die sich kein wahrer Wagner-Liebhaber entgehen lassen sollte.

Joseph Keilberth / Bayerisches Staatsorchester (Sony)

Joseph Keilberth, eine der Schlüsselfiguren von Neubayreuth, erstellte diese Gesamtaufnahme aus Proben vor der Aufführung, die 1963 die Wiedereröffnung des Nationaltheaters/der Bayerischen Staatsoper in München markierte. Fünf Jahre später starb er dort während einer Aufführung von Tristan und Isolde . Diese Aufführung der Meistersinger ist präzise und lyrisch, mit einem natürlichen, fließenden Klang, der nie langatmig wirkt. Otto Wieners Sachs ist menschlich und nachdenklich, gesungen mit klarer Diktion. Jess Thomas gibt einen lyrischen, aber dennoch kraftvollen und leidenschaftlichen Walther, während Claire Watsons Eva klar und zart ist, mit einem natürlichen, ungekünstelten lyrischen Sopran. Hans Hotter verleiht Pogner Tiefe, und Benno Kusche kehrt als formvollendeter Beckmesser mit präziser Artikulation zurück.

Raphael Kubelík / Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Myto)

Rafael Kubelíks Aufnahme beim Bayerischen Rundfunk von 1967 besticht durch stimmliche Schönheit und ein lebendiges Tempo. Sándor Kónya liefert eine der schönsten Walther-Interpretationen überhaupt: frisch, strahlend und voller jugendlicher Energie. Gundula Janowitz steht ihm als Eva in nichts nach, mit langen, leuchtenden Linien und ihrem unverwechselbaren Vibrato. Thomas Stewart verkörpert einen warmherzigen und einfühlsamen Hans Sachs, während Thomas Hemsley Beckmesser mit scharfen textlichen Konturen und einer lebendig gezeichneten Figur zum Leben erweckt.

Herbert von Karajan / Staatskapelle Dresden (Warner)

Während der Bayreuther Festspiele 1951 nahm EMI die Meistersinger unter der Leitung von Herbert von Karajan auf. Es ist eine frische und kraftvolle Interpretation, die über die Jahrzehnte nichts von ihrer Wirkung eingebüßt hat. Noch beeindruckender ist die berühmte Studioaufnahme von 1970 (heute Warner) mit der Staatskapelle Dresden. Diese Fassung hat eine interessante Entstehungsgeschichte: Ursprünglich sollte Sir John Barbirolli dirigieren, doch als dieser ablehnte, ging das Angebot schließlich an Karajan, der zunächst zögerte, damals in der DDR zu arbeiten. Die Zusammenarbeit mit dem legendären Orchester verlief jedoch reibungslos, und die Produktion hat seither Klassiker-Status erreicht. Karajans Interpretation ist hier gereift, mit einem goldenen, lyrischen Glanz in den Streichern. Auch der Gesang ist von hoher Qualität, auch wenn er beispielsweise nicht ganz an die Besetzung von Rafael Kubelík heranreicht. Theo Adam gibt einen würdevollen und kraftvollen Sachs, dem es jedoch etwas an Wärme mangelt. René Kollo und Helen Donath feierten hier als Walther und Eva ihren Durchbruch. Beide singen mit einer jugendlichen Frische, die über die Jahrzehnte nichts von ihrer Wirkung eingebüßt hat. Umstritten ist allerdings Geraint Evans überzogene Beckmesser-Interpretation, die zu sehr nach einer wenig gelungenen Persiflage klingt. 

Wolfgang Sawallisch / Bayerisches Staatsorchester (Warner)

Wolfgang Sawallischs Aufnahme von 1994 (EMI, heute Warner) zählt zu den besten Studioaufnahmen der Oper und besticht durch ein exzellentes Klangbild. Sawallisch besitzt ein natürliches Gespür für die musikalische Sprache der Oper und verleiht ihr eine durchgängig lyrische Wärme, auch wenn es manchen Ensembleszenen an Dramatik mangelt. Der Gesang ist durchweg stark. Ben Heppner beeindruckt als Walther mit feinfühliger Stimme, ebenso wie Cheryl Studer als Eva. Bernd Weikls Sachs ist zuverlässig und souverän, wenn auch nicht einer der ganz Großen. Auch die übrige Besetzung ist hochkarätig, wobei Kurt Molls Veit Pogner als einer der kraftvollsten auf Tonträger hervorsticht.

Bernard Haitink / Orchester des Royal Opera House (Royal Opera House Heritage Series)

Angesichts der zahlreichen exzellenten Meistersinger- Aufnahmen mag diese Wahl ungewöhnlich erscheinen. Dennoch lässt sich Bernard Haitinks Live-Aufnahme von 1997 aus dem Royal Opera House Covent Garden kaum auslassen. Sie präsentiert Gösta Winbergh, der mit seiner Interpretation eines der wohl besten Walther-Porträts überhaupt Heroismus, Leidenschaft und lyrische Schönheit in idealer Balance vereint. Nancy Gustafsons Eva ist warm und feminin, während John Tomlinsons tiefer, dunkler Bass Hans Sachs eine starke Präsenz verleiht. Thomas Allen interpretiert den Beckmesser klar und präzise. Haitink dirigiert das Orchester mit Geduld und Integrität.

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